Als ich mit dem Schiff im Hafen von Amaurotum ankomme, bin ich beeindruckt: eine schöne Stadt, die sich an einen Berg schmiegt. So hat es schon Raphael Hythlodeus beschrieben, ein Philosoph und Seefahrer, der fünf Jahre in dieser Stadt lebte und von der »heilsamen und weisen Staatsverfassung« schwärmte, die er dort kennengelernt haben will. Jedenfalls berichtete er das in der 1516 erschienenen Schrift Utopia von Thomas Morus.

Amaurotum ist die Hauptstadt eines Inselreichs, das 54 Städte zählt, die alle gleich aussehen sollen. Ich möchte herausfinden, was wir heute, im 21. Jahrhundert, noch von der Welt lernen können, die Hythlodeus respektive Morus beschrieben hat. Was ich gehört habe, klingt vielversprechend: Es soll hier keine Armut geben, keine Arbeitslosigkeit, keine Inflation, keine Überschuldung, ja nicht einmal Immobilienspekulanten.

Nach meiner Ankunft begrüßt mich ein Gesandter des Senats, er bittet mich zum Mittagessen. Von fern höre ich eine Posaune. Das Signal für die Mahlzeiten, erklärt mein Begleiter. Wir gehen zu einer Halle, aus den umliegenden Häusern strömen die Bewohner herbei. Sie schauen mich neugierig an. Wohl wegen meiner Kleidung. Außer mir haben hier alle das Gleiche an: Gewänder aus Leinen, Wolle und Leder, ausschließlich naturfarbene.

»Hier bekommen wir unsere Mahlzeiten serviert«, sagt mein Begleiter und zeigt auf die Halle. »Wie viel kostet es?«, frage ich. »Nichts«, antwortet er. »In Utopia gibt es keinen Privatbesitz und auch kein Geld, alle Güter werden aufgeteilt.« Selbst seine Wohnung besitze man nicht. Man tausche sie sogar regelmäßig gegen eine andere. Alle zehn Jahre würden die Wohnungen neu vergeben, per Los.

Beim Essen erfahre ich mehr: Für alle Erwachsenen besteht Arbeitszwang. Sie dürfen sich einen handwerklichen Beruf aussuchen, etwa Schmied, Maurer oder Tuchmacher. Daneben müssen sie in einem festen Turnus in der Landwirtschaft helfen. Die vorgeschriebene Arbeitszeit für alle liegt bei sechs Stunden am Tag. »Reicht das denn?«, frage ich. »Aber natürlich«, erklärt der Senats-Gesandte. »Ich weiß, dass es Gesellschaften gibt, in denen die Frauen wenig arbeiten oder die Adligen oder die Grundeigentümer oder faule Diener und Bettler. Das ist bei uns anders. Weil wirklich jeder arbeiten muss, genügen sechs Stunden.« Außerdem produziere man nur, was nötig sei. Er deutet auf seine Kleidung. »Grobes Leinen ohne Färbung, und man bekommt nur einen einzigen Anzug, das genügt.«

Mir erscheint das wie eine verschärfte DDR – Wohnraumzuweisung, Planwirtschaft, kein Privatbesitz. »Sind die Leute damit zufrieden«, frage ich, »oder gibt es welche, die eine andere Politik wollen?« Der Gesandte flüstert: »Wir sind eine Demokratie, der Senat wird gewählt. Aber damit keine Unruhe und kein Aufruhr entsteht, darf man außerhalb des Senats oder der Volksversammlungen nicht über öffentliche Angelegenheiten debattieren. Das ist ein schweres Verbrechen! Darauf steht die Todesstrafe.« Wir beenden unser Essen schweigend.

Am Abend liege ich in der mir zugewiesenen Gästewohnung und denke nach. Was bezweckte Thomas Morus, ein hochrangiger Londoner Beamter, als er seinen Zeitgenossen im 16. Jahrhundert dieses Leben in Utopia schilderte – so, wie ich es jetzt hier beschreibe? Sicher kritisierte er die Zustände im England seiner Zeit. Aber war Utopia für ihn der ideale Gegenentwurf? Wäre dieses Land für uns heute lebenswert? Oder schrieb Morus, was manche heute glauben, bloß eine Satire?