Roman "Bevor alles verschwindet"Zeitlos im Ziergärtchen

Wunderliche Dorfwelt: Annika Scheffel versucht sich an einem mythischen Gegenwartsroman. von Helmut Böttiger

Die Märchen beginnen vielleicht dann, wenn es nicht mehr anders geht. Annika Scheffels Roman spielt unverkennbar heute, er nimmt eine ganz spezifische Stimmung auf. Etwas, was immer selbstverständlich und greifbar war, beginnt sich hier langsam zu entziehen: die Natur, die Landschaft, die Menschen. Die Autorin denkt sich dafür eine Allegorie aus, ein Dorf, das einem großen Staudammprojekt weichen muss. Doch so konkret das erscheinen mag, so tagesaktuell in der Logik des Fortschritts, der Energie- und Profitmaximierung aufgehoben, so sehr entzieht sich dieser Roman einer oberflächlich politischen Lesart. Schon die ersten Szenen zeigen, dass es eher um Zeitlosigkeit geht, um Personen, die weniger Handelnde als vielmehr Spielfiguren sind – in einem fantastischen Raum, der eigenen Gesetzen gehorcht.

Man muss sich dieses Dorf als eine Art Modellbaukasten vorstellen. Da sind das Rathaus, die Bäckerei, der Friedhof, dazu noch ein, zwei Wohnhäuser, der Rest ist eine Hintergrundkulisse und im Übrigen verschwindend klein. Die Bewohner sind typisiert und werden mit wenigen prägnanten Merkmalen ausgestattet, dennoch entfalten sie ein merkwürdiges Eigenleben. Die Zwillinge Jula und Jules stehen vielleicht am ehesten im Vordergrund, sie sind die Kinder der Familie Salamander, die zunächst wie ein Musterbeispiel aus der Bausparkassenwerbung oder wie eine familientherapeutische Vorbildschablone wirkt. Völlig aufeinander bezogen, entwickeln sich die beiden im entscheidenden Alter von 17, 18 Jahren dennoch auseinander, zunächst unmerklich, und der drohende Untergang des Dorfes steht damit in einem atmosphärischen Zusammenhang. Bürgermeister Martin Wacholder und sein Sohn David sowie die Familie Schnee, die Witwe Greta und die altjüngferliche Mona gehören zur Menagerie, und man weiß manchmal nicht, ob man sich im 17. oder im 21. Jahrhundert befindet – dass übliche Zeitrechnungen und Raumvorstellungen außer Kraft gesetzt sind, das zumindest dämmert dem verdutzten Leser allmählich.

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Annika Scheffel möchte das Endzeitgefühl durch gegenläufige Momente konterkarieren. Das Dorf bildet eine eigene Welt, es ist abgeschirmt von außen, von der nächsten größeren Stadt, wie hinter den sieben Bergen – und dass Jula gelegentlich als »Schneewittchen« erscheint, ist genau kalkuliert. Motive einer nie da gewesenen Kindheit, der Reinheit einer von Geschichte nicht berührten Märchenwelt scheinen auf ein Gegenprinzip hinzuweisen. In den ersten Monaten und auf den ersten Seiten regnet es unablässig, aber der Fluss, der mit der Zeit bedrohlich anschwillt, setzt noch eins drauf und heißt »Traufe«. Und eine geradezu kokette Rolle spielt das Gasthaus, das den etwas befremdenden Namen »Tore« hat, man geht ins Tore. Erst wenn der Brunnen davor ins Blickfeld gerät, wird die Sache klarer. »Am Brunnen vor dem Tore«, wie in der volksliedhaften Weise, geschehen nämlich erstaunliche Dinge, er ist zum Beispiel die Bühne, der Auf- und Abtrittsort für einen blauen Fuchs, der eine wichtige Rolle spielt: Er symbolisiert die Schaltstelle zwischen einem einigermaßen realistisch vorstellbaren Alltag und einem imaginären Raum, doch das ist bald gar nicht mehr so richtig zu unterscheiden.

Die Verbindung von märchenhafter Zeitlosigkeit und konkreten lebensweltlichen Vorgängen ist der prekäre Punkt des Romans. Das Verschwinden des kleinen Dorfes, ein Tribut an den Fortschritt und die Effektivität, bildet nur den Hintergrund für traumhafte Séancen, in einer eigentümlichen Zwischenwelt, die durchaus differenziert ausgestaltet wird und der Ohnmacht Formen gibt. Die Mischung aus scheinbar naivem Zugriff und akkurater Feinzeichnung der Figuren, von realistischen Milieuschilderungen und dem Auftauchen wunderlicher Zwischenwesen – das wirkt erst einmal anspielungsreicher als eine bloße Märchenkulisse oder ein Fantasy-Arrangement.

Nur noch wenige Dorfbewohner harren aus und sind nicht in das bereitgestellte neue, großzügig angelegte Dorf oben auf dem Berg umgezogen. Der Bürgermeister, ein Alkoholiker und grob geschnitzter Gefühlsklotz, wartet darauf, dass seine Frau eines Tages zurückkehren wird – sie ist vor vielen Jahren von einem Tag auf den anderen verschwunden, die Sehnsucht nach etwas anderem, nach Ferne, war ihr längst ins Gesicht geschrieben gewesen. Sohn David, auf die Dreißig zugehend, ist eine Mischung aus Taugenichts und Seher: Er nimmt Kontakt auf zu dem geheimnisvollen Milo, der einer anderen Welt zuzugehören scheint, in der auch der blaue Fuchs zu Hause ist. Doch diese andere Welt ist keine Gegenwelt. Sie verspricht mehr, als sie einlöst. Sie lässt gelegentlich erkennen, dass sie da ist, und verweist auf nichts anderes als auf sich selbst. Aber mit einem heimtückischen Zauber wie etwa bei Brigitte Kronauer hat das viel zu wenig zu tun, dazu ist alles zu putzig, zu fein säuberlich.

Wie um allzu naheliegenden Missverständnissen vorzubeugen, lässt die Autorin die bezaubernde Zwillingsschwester Jula sich in einen der Gelbhelme verlieben, die die hohe Staumauer errichten. Er hat eine auffallende Vogelfedertätowierung und wird deshalb, wie ein Fabelwesen, immer wieder als »der Vogelmann« aufgerufen. Es kann hier gar nicht um eindeutige Fronten gehen, etwa zwischen Gut und Böse, zwischen den tapferen Alteingesessenen und den Bütteln des Kapitals, die für die Drecksarbeit der Dorfentsorgung zuständig sind. Annika Scheffel möchte den Leser in eine Sphäre entführen, in der solche Zuweisungen gar nicht erst existieren. Hier werden Kategorien wie Schicksal aufgerufen und Glück, hier werden archaische Vorstellungen evoziert, die Wirklichkeit ist eine bloße Konstruktion, und den unsicheren Halt gibt ein sorgsam ausstaffierter Traum. Vielleicht hat diese dreißigjährige Autorin, die vor drei Jahren mit ihrem verspielten Debüt Ben bereits größere Beachtung fand, damit ein charakteristisches Zeitgefühl getroffen. Aber dass Literatur mehr sein kann als ein kostbares Ziergärtchen, dass es hier auch Unkraut geben muss, Widerhaken, sprachliche Zeitgenossenschaft – darauf wird sie vermutlich erst noch zuschreiben.

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Leserkommentare
  1. Rasputins Roman "Abschied von Matjora" scheint mir zumindest Ideen gebend gewesen zu sein.

    Mehr als sehenswert, der Film.
    http://de.wikipedia.org/w...

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