LouvreAuf dem Sonderweg

War die deutsche Kunst schon immer auf Katastrophe und Krieg programmiert? Eine Ausstellung im Louvre über die Jahre 1800 bis 1939 suggeriert das – und sorgt damit für einen kulturpolitischen Skandal. von 

Der französische Premier Jean-Marc Ayrault (Mitte), seine Frau Brigitte und der Präsident des Louvre, Henri Loyrette (rechts) nach dem Besuch der Ausstellung "De l'Allemagne, 1800-1939 - From Friedrich to Beckmann".

Der französische Premier Jean-Marc Ayrault (Mitte), seine Frau Brigitte und der Präsident des Louvre, Henri Loyrette (rechts) nach dem Besuch der Ausstellung "De l'Allemagne, 1800-1939 - From Friedrich to Beckmann".  |  © BERTRAND GUAY/AFP/Getty Images

Wer dieser Tage durchs Quartier Latin spaziert und die jungen und alten Parvenüs mit ihren schmalen Slippern, rosa Seidenschals und kleinen, lustigen Mischlingshunden erblickt, die Frauen, die mit herausgestellter Sorglosigkeit und baumelnden Einkaufstäschchen die Straße wie schwebend überqueren, als führen keine Autos, hält das Gerede von der französischen Wirtschaftskrise für die Erfindung windiger Journalisten. Aber man steht eben nicht vor den Wohnblocks der Banlieues, sondern im wohlhabenden Zentrum der Wohlstandsinsel Paris und wundert sich deshalb nur kurz, dass einem tatsächlich Dominique de Villepin, der ehemalige Ministerpräsident, in einer Seitenstraße des Boulevards Saint-Michel mit stolzester Lässigkeit entgegenkommt, sehr offenkundig die Sonne genießend, die in Berlin dieser Tage ihren Dienst komplett verweigert.

Der Weg führt über die Seine zum Louvre, rasch vorbei an den zu Verliebtheitsposen entschlossenen Paaren, man ist ja sozusagen beruflich angereist, um sich die große und gefeierte deutsch-französische Sonderausstellung über deutsche Kunst anzuschauen, die – so viel sei vorweggenommen, und so viel hatte man schon vor der Reise gerüchteweise gehört – zu einigem Streit zwischen den französischen und den deutschen Organisatoren geführt hat. Denn so, wie sie jetzt konzipiert ist, hätte sie aus deutscher Sicht nie konzipiert werden dürfen. Und dass sie so konzipiert ist, wie sie konzipiert ist, hängt zumindest auch mit der europäischen Krise zusammen, die zu "Verständigung", "Freundschaft" und "Versöhnung", der üblichen diplomatischen Feiertagsprosa, nicht unbedingt einlädt.

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Die Ausstellung wurde naturgemäß trotzdem vergangene Woche vom deutschen Kulturstaatsminister Bernd Neumann mit dem französischen Premierminister Jean-Marc Ayrault und der Kulturministerin Aurélie Filippetti sehr feierlich eröffnet. Sie nennt sich De l’Allemagne, 1800–1939. De Friedrich à Beckmann und wird anlässlich des 50. Jahrestags der Élysée-Verträge unter der Schirmherrschaft von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Staatspräsident François Hollande gezeigt. Konzipiert wurde sie "auf Initiative des vom Bund geförderten Deutschen Forums für Kunstgeschichte in Paris in Zusammenarbeit mit dem Louvre". So jedenfalls steht es in der offiziellen Pressemitteilung der Bundesregierung.

Deutsche Malerei in einer Überblicksschau ist ein Novum

Die Ausstellung ist im Untergeschoss des Louvre untergebracht, in der Hall Napoléon, in etwas schmalen Gängen, der unbedarfte Museumsbesucher muss sich ein wenig durchfragen, bis er im ersten Raum vor Tischbeins bekanntem Goethe-Gemälde steht. Aber dass hier überhaupt so etwas ganz und gar Exotisches wie deutsche Malerei in einer Überblicksschau (etwa 200 Werke, meist Leihgaben) gezeigt wird, ist ein Novum und offenbar schon per se ein Umstand, der Applaus herausfordert. Man war sich sogleich einig, dass die Ausstellung "den Franzosen lieb gewonnene Klischees über das Nachbarland austreiben" möchte (Süddeutsche Zeitung), dass die "Vielfalt der Strömungen und Möglichkeiten" veranschaulicht wird (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung) und eine "Kunst von großer Vielfalt" gezeigt wird, die zuvor in Frankreich "mit Vorurteilen behaftet" war (Die Welt).

All dies stimmt. Zumindest solange man sich ausschließlich auf die Auswahl der einander wunderbar widersprechenden Gemälde konzentriert und die Saaltexte, die nahezu alle ausschließlich auf Französisch abgefasst sind (wie auch sogar die Gemäldenamen), die Interpretationen, die der Audioguide offeriert, und das Begleit- oder Presseheft zur Ausstellung großherzig ignoriert. Kurzum, man muss das den Bildern unterlegte Ausstellungskonzept völlig ausklammern, um sich an den Werken zu erfreuen, die, von Goethes menschenfreundlichem Kosmopolitismus ausgehend, einen Bogen zum Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 spannen.

Dass Herausragendes ausgestellt würde, konnte bei einem derart staatstragenden Projekt ohnehin vermutet werden, darunter Gottlieb Schicks klassizistische Gemälde, religiös beseelte Werke der Nazarener wie Julius Schnorr von Carolsfeld, Caspar David Friedrichs Landschaften, mit Adolph Menzels Eisenwalzwerk das erste große Industriegemälde Deutschlands überhaupt, mit Max Beckmanns Hölle der Vögel (1938) eine Allegorie auf die Naziherrschaft, mit Lovis Corinths Spätwerk Ecce homo (1925) eine Versinnbildlichung der geschundenen Kreatur Mensch zwischen den Weltkriegen.

Das Konzept vereinfacht zu nennen wäre ein Euphemismus

Man könnte auf den ersten Blick meinen, dass es angesichts dieser so unterschiedlichen Werke und ihrer disparaten Kontexte unmöglich sein dürfte, die deutsche Kunst als Versinnbildlichung einer politischen Verfallsgeschichte zu instrumentalisieren. Doch genau dies ist offenkundig beabsichtigt – die Kunstwerke sollen für die Nationenbildung der Deutschen einstehen, diese repräsentieren. Die Ausstellung steht vom ersten Raum an unter den großen Leitbegriffen apollinisch und dionysisch, Extreme, mit denen Deutschland angeblich unablässig und unausgeglichen rang. Das Apollinische, die Form und Ordnung, wird Goethe und der Klassik zugeordnet, das Dionysische, das Rauschhafte und Wilde, mit den deutsch-französischen Kriegen in Verbindung gebracht.

Im heimlichen Zentrum der Ausstellung, in der Place à Dionysos, einer Art Giftsaal, wird ausgerechnet mit bisweilen ironischen Werken von Arnold Böcklin (Spiel der Nereiden), Anselm Feuerbach (Medea an der Urne) und Franz von Stuck (Der Kampf ums Weib) anhand einer großen Wandtafel der Besucher belehrt, wie die deutsche Kunst mit dem Aufstieg Preußens ins Dionysische entglitt. Die deutschen Künstler hätten im Einklang mit dem Bismarckschen Reich "primitive Regungen" (pulsions primitives) entdeckt, die Iphigenie sei der Medea gewichen, das Weib sei hysterisch geworden, das Deutsche habe sich gegen den Fortschritt Frankreichs gestellt, gegen "den Materialismus und den internationalen Charakter der französischen Avantgarden". Einmal mehr steht hier eine entgleiste, in sich verkapselte deutsche Moderne der französischen, weltoffenen Zivilisation gegenüber – eine Argumentation, die spätestens mit Werner Hofmanns Monografie Wie deutsch ist die deutsche Kunst? (1999) nur mit größten Einschränkungen geführt werden kann.

Das Konzept der Ausstellung im Louvre vereinfacht zu nennen wäre ein Euphemismus. Es wird suggeriert, in Deutschland habe es – wie in Frankreich – ein kulturelles Zentrum oder eine dominante Akademie gegeben, die ästhetische Vorgaben hätte machen können. Vollständig ausgeblendet wird die im internationalen Vergleich große Unabhängigkeit der deutschen Kunst im 19. Jahrhundert, die sich gerade keiner rigiden Norm fügte: Die Exzentriker wurden von Carl Spitzweg konterkariert, pickelhaubiger Nationalismus wurde durch deutsche Innerlichkeit und biedermeierliche Betulichkeit unterwandert. Böcklin, Feuerbach und von Stuck als Illustrationsmaterial für eine Unheilsverstrickung der Deutschen, also die These vom deutschen Sonderweg zu benutzen, der schnurstracks zur nationalsozialistischen Vernichtungspolitik führe, das kann man ohne Chuzpe kaum tun.

Leserkommentare
    • TDU
    • 04. April 2013 10:53 Uhr

    Wo ist denn Albrecht Dürer?. Der hat ja mehr gemalt als den Hasen.

    Solche Querelen vergrätzen den Kunstinteressierten nicht, denn die gabs schon immer. Aber Feudalherrschaft Kirchenfürsten und Geschäfstleute haben die große Kunst gefördert und nicht die Schreibtische und Amtsstuben.

    Das sei doch "in einer turbulenten Zeit wie unserer, die auch zu einer Renationalisierung der Kulturen zu führen droht", fatal, "diese Verkürzung auf eine rein politische Perspektive. Kunst und Politik gehen nicht problemlos ineinander."

    Da zeigt er es deutlich. Turbulente Zeiten waren immer. Der Interessierte kann selbst beurteilen und wenn Frankereich meint das und das? O.K. Die Franzosen assen sich eben nicht wie die Deutschen die Sicht Ihres und anderer Länder von anderen Ländern aufdrängen oder fördern eilfertig deren Sichtweise. [...]

    Gekürzt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

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    »… Ausstellung im Louvre über die Jahre 1800 bis 1939 …«
    Albrecht Dürer starb am 6. April 1528.

    Albrecht Dürer hat zwischen 1800 - 1939 wohl nicht einmal mehr einen toten Hasen gemalt :-).

    Ansonsten stimme ich Ihnen zu, dass man dies nicht überbewerten sollte. Ich habe hier in Paris sehr schöne Ausstellungen deutscher Kunst gesehen. Wie diese Ausstellung das deutsche Geistesleben 1800 - 1939 darstellt, hat darauf, wie die Franzosen das heutige Deutschland sehen, herzlich wenig Einfluss.

    • Atan
    • 04. April 2013 11:01 Uhr

    Jahrzehntelang hat doch auch das deutsche Feuilleton am schönen Lied "Wir sind alle Europäer, lalalala" mitgedichtet. Dass Europa in den verschiedenen nationalen Kontexten dabei stets unterschiedlich interpretiert wurde, hat man für zugunsten der Harmonie im Chor lieber unterschlagen. Für Frankreich und Großbritannien war die europäische Karte immer nur als eine Erweiterung der nationalen Legende und Optionen vertretbar, niemals eine Idee, der man sich eventuell unterzuordnen hätte. Deutschland hingegen redete sich ständig ein, irgendwann einmal als geachtete "Europäer" unter "Europäern" leben zu können, und so das Dasein als völkermörderische "boches" hinter sich lassen zu können.

    Tja, das harte ökonomische Sein blässt diesen illusionären Überbau gerade mal wieder davon, aber das ist eben kein Grund, wieder in das alte Gejammer nationaler Selbstbehauptung zurückzufallen.

    Wenn die Franzosen solche Legenden weiterhin benötigen, sollte man mit sanftem Humor und Verständnis hinter den Kulissen den Dialog darüber führen - solange man bei den ökonomischen "hard facts" die nationalen Interessen realistisch sieht und sich schützt, ist das nicht weiter schlimm.

    Es lebt sich gut als "boche", und "Pluton"- und "Hades"-Raketen der 70er und 90er Jahre haben die Franzosen immerhin abgeschafft. Vielleicht schaffen wir es ja, dass sich über die Jahrzehnte ein paar weitere allzu scharfe Kanten der nationalen Selbstbilder abzuschleifen und bis dahin lasst uns nicht wehleidig zu sein.

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  1. »… Ausstellung im Louvre über die Jahre 1800 bis 1939 …«
    Albrecht Dürer starb am 6. April 1528.

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    Warum muß sich Deutschland in der Welt immer negativ präsentieren?
    Da ist es kein Wunder das Rechts erstarkt wenn die Verantwortlichen grundsätzlich Deutschland negativ darstellen mit einer Kunst die ,wer kaufen würde?

  2. Ohne die Ausstellung bisher besucht haben zu können, scheint es mir an sich äusserst problematisch, wie hier offenbar Künstlerisches Gut für Politische Statements instrumentalisiert wird. Dass es darüberhinaus für eine demagogische Haltung gegen einen Kulturraum herhalten soll, ist schlicht Missbrauch der Kunst und markiert einen Rückfall in traurige Zeiten.
    Es gäbe zig Beispiele, welche im allgemeinen Diskurs noch wenig Beachtung fanden, die für direkte und indirekte Verknüpfungen, Impulsgebungen usw zwischen diesen beiden Ländern stünden. Nur ein Beispiel: Courbet: Seine Rezeption in Deutschland!
    Zur kultutellen Situation Deutschlands: vielmehr wäre zu zeigen, wie dieses Land seine eignen "Schätze" stets verkannt und demzufolge oft stiefmütterlich behandelt hat. Eine grosszügige Förderung und Wertschätzung in Zukunft, wäre das Wünschenswerte vielmehr.
    Schliesslich: Böcklin war ein Schweizer (der eine lange Phase seines Lebens in Italien zubrachte) und nicht Deutscher. Dass er automatisch als Deutscher eingesetzt wird, könnte aber zB als positives Beispiel kultureller Verknüpfungen (Verbrüderung) gelesen werden.

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  3. Albrecht Dürer hat zwischen 1800 - 1939 wohl nicht einmal mehr einen toten Hasen gemalt :-).

    Ansonsten stimme ich Ihnen zu, dass man dies nicht überbewerten sollte. Ich habe hier in Paris sehr schöne Ausstellungen deutscher Kunst gesehen. Wie diese Ausstellung das deutsche Geistesleben 1800 - 1939 darstellt, hat darauf, wie die Franzosen das heutige Deutschland sehen, herzlich wenig Einfluss.

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    • TDU
    • 04. April 2013 14:35 Uhr

    Ich weiss das doch auch wann Dürer war. Aber wenn ich unter anderem sehe, wie in Berlin alte Kunst zugunsten der Moderne in den Keller verbracht wird, reagiere ich immer ironisch, wenn jemand in diesem Bereich plötzlich stolz aufs eigene ist.

    Ist man auch einfach nicht mehr gewöhnt. Und dass dieser Zeitraum ja auch meines Wissens die "Blüte" der französischen Erbfeindschaft betrifft (gut natürlich dass die vorbei ist, sei vorsichtshalber hinzugefügt), wird natürlich nicht mal angespasselt (eigene Wortschöpfung).

    Toujours Les Boche hörte war ich Anfang der 70iger in Paris, Moffe in Rotterdam, aber verallgemeinern gilt nicht.

    Also sollen die Schöngeister ihre Wehwechhen pflegen, die Politik soll bestimmen was Kunst bedeutet, und wenn der Bürger auf dem Weg der Auster-ität für Etatkürzungen plädiert, stimmen die Verhältnisse wieder.

  4. … müssen die Maler des Symbolismus für die vielleicht etwas eingeengte Sicht und die mangelnde Kenntnis der Kuratoren in Bezug auf die Stilrichtung herhalten.
    Vielleicht sollte man eine Folgeausstellung planen, in der neben einem Bild von Böcklin ein Bild von Moreau hängt, neben einem Feuerbach hängt man einen Redon, neben einen v. Stuck einen de Chavannes.
    Einen wirklich schönen Kontrapunkt könnte man setzen, wenn man in ein Sammelsurium von Werken franz. Orientalisten (andere gab es wohl kaum) ein Bild von Spitzweg platziert. Und richtig gut wird es, wenn neben Ingres‘ Napoleon I. Werners Die Proklamation des Deutschen Kaiserreiches aufgehängt werden.
    Und niemand hat den franz. Kaiser Napoleon III. so schön portraitiert wie der Deutsche Franz Xaver Winterhalter – außer vielleicht Cabanel.

    Am besten ist es aber, man schaut sich die Bilder an, ohne sich von der Deutungshoheit von Menschen aus dem 21. Jh. all zu sehr in die Irre führen zu lassen.

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  5. Warum muß sich Deutschland in der Welt immer negativ präsentieren?
    Da ist es kein Wunder das Rechts erstarkt wenn die Verantwortlichen grundsätzlich Deutschland negativ darstellen mit einer Kunst die ,wer kaufen würde?

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    ... Caspar David Friedrich gehört? Der kommt in der Ausstellung vor und zeigt Deutschland ja fast schon kitschig schön.

    Sollte eigentlich ihren anscheinend ausgeprägten nationalen Minderwertigkeitsgefühlen entgegenkommen.

  6. ... Caspar David Friedrich gehört? Der kommt in der Ausstellung vor und zeigt Deutschland ja fast schon kitschig schön.

    Sollte eigentlich ihren anscheinend ausgeprägten nationalen Minderwertigkeitsgefühlen entgegenkommen.

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