BundeswehrRückzug vom Abzug

Die Bundeswehr traut dem Erfolg in Afghanistan nicht. Zu Recht von Ronja Wurmb-Seibel, von

Es sieht aus wie das Eingeständnis eines großen Irrtums: Nicht einmal sechs Monate nachdem die Bundeswehr ihr erstes Feldlager in Badachschan – einer der sichersten Provinzen Afghanistans – geschlossen hat, kehrten deutsche Soldaten vergangene Woche dorthin zurück. Weil die Gefechte zwischen Rebellen und Regierungskräften immer heftiger wurden, weil die Taliban an Stärke gewonnen haben, weil die Lage "sehr ernst" sei, wie die Bundeswehr sagt. Wie früher schicken die Deutschen nun wieder Drohnen zur Luftaufklärung und helfen den afghanischen Sicherheitskräften, ihre Operationen zu planen. Die hatten übrigens schon vor einem halben Jahr gesagt, der Abzug komme zu früh.

Ist die Rückkehr der Bundeswehr ein Rückschlag? Nein, sie ist ein Sieg des Realitätssinns. Die Bundesregierung gesteht mit ihr ein, was fast vergessen schien in den vergangenen Monaten: dass es beim Einsatz in Afghanistan irgendwie auch noch um die Afghanen geht – und nicht nur um die Frage, wie deutsche Soldaten möglichst schnell und sicher wieder zurück nach Hause kommen.

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Noch etwas könnte Verteidigungsminister Thomas de Maizière aus Badachschan lernen: Fehler einzugestehen ist weniger fatal, als stets die angeblich großen Erfolge zu propagieren. Ja, die Bundeswehr muss ein Feldlager nach dem anderen schließen, wenn sie das Land bis Ende 2014 verlassen soll. Was sie nicht muss: so tun, als mache sie das, weil Afghanistan inzwischen sicherer ist. Besser wäre Aufrichtigkeit. Die Niederlage zugeben, trotzdem abziehen und signalisieren: Wir lassen zumindest niemanden mutwillig im Stich.

Das könnte die Bundesregierung zum Beispiel in Kundus tun. Dort demonstrierten am Wochenende mehr als dreißig ehemalige Übersetzer der Bundeswehr vor dem deutschen Feldlager. Weil die Deutschen im Herbst aus Kundus abziehen, wurden die Arbeitsverhältnisse mit den Afghanen aufgelöst. Für Regierungsgegner sind die Übersetzer Verräter. Sie drohen, sie zu entführen oder zu ermorden. Deshalb fordern die Dolmetscher deutsche Visa oder genug Geld, um anderswohin auswandern zu können. Die Reaktion der Bundeswehr: Es sei jedem Mitarbeiter freigestellt, sich schriftlich zu beschweren.

Das Konzept für den Abzug aus Afghanistan nennt die Bundesregierung "Übergabe in Verantwortung": Einheimische Sicherheitskräfte sollen immer mehr, ausländische immer weniger leisten. Manche Verantwortung bleibt aber eine deutsche, über den Abzug hinaus. Die für die Helfer der Bundeswehr gehört dazu.

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