Das Chanson hat es auch nicht leicht. Seit Europa größer geworden ist, überschwemmen Billiganbieter aus dem Osten mit quietschig buntem Balkanpop den Markt, und die Imbissbuden der Großstädte sind an türkische Arabeskmusik gefallen. Frankreichs Spezialität hingegen ist vom Exportschlager zum Regionalprodukt herabgesunken, etwa so mehrheitsfähig wie Ziegenschimmelkäse aus der hinteren Auvergne. Es sei denn... ja, es sei denn, Carla Bruni macht mal wieder was.

Gesteigerte Aufmerksamkeit ist kein Ausdruck für das, was sich abspielt, wenn die Bruni ein neues Album herausbringt. Man muss schon von einem medialen Orkan sprechen, der sich von Paris her ausbreitet. Inzwischen hat er rechtsrheinische Gebiete erreicht, wo er zuverlässig Schneisen von Gala bis Spiegel schlägt. Für Frankreichs Selbstbewusstsein im Allgemeinen und den französischen Pop im Besonderen ist das ein erfreulicher Erfolg. Sieht man einmal von dem Umstand ab, dass das Chanson selbst dabei auf der Strecke geblieben ist.

Es haucht, es schnurrt, es gurrt, doch ansonsten sind Brunis Little French Songs genau jene Petitessen, auf die sie im Titel so unnachahmlich kokett anspielt. Belassen wir es bei der Feststellung, dass die Gattin des Ex-Präsidenten dem französischen Lied seinen Glamour zurückgegeben hat, denn natürlich ist das Musikalische hier nur Vehikel für Fragen der politisch-erotischen Hermeneutik. Der »Pinguin«, der durch einen der Texte watschelt, ist das nicht François Hollande, der neue Mann im Élysée? Und wenn Carla von »ihrem Raymond« singt, der über sie zu kommen pflegt »wie eine Atombombe«, wer kann da anderes gemeint sein als – na, Sie wissen schon?


Was für ein Traumpaar! Nicolas Sarkozy wird nachgesagt, während seiner Amtszeit ein Politikdarsteller gewesen zu sein, die Bruni geht den umgekehrten Weg und betreibt die Fortsetzung der Politik mit theatralischen Mitteln. Beim Schlüssellochblick auf seine Elite fühlt Frankreich sich noch einmal so richtig schön französisch. Neu im Boulevardstück Carla und Sarko tun es ist eine gewisse Umkehr der Rollen. Früher war sie der Vamp an seiner Seite, jetzt greift sie ihm unter die Arme, indem sie die Freuden des ehelichen Lebens besingt: Ein Abend mit Mann und Kind, das kann doch auch sehr erfüllend sein.

Bleibt die Frage, wie wörtlich dieses Happy End zu nehmen ist, schließlich hat sie noch immer die Rollen gewechselt wie ein Kleid. Es ist eine Frage von höchster Brisanz, die unsere Nachbarn mehr beschäftigt als Euro-Krise und Bankenskandal zusammen – zumindest diese Woche. Wann werden die Hollandes zurückschlagen? Warum schweigt Sarko? Wird Carla es schaffen, ihm auf Dauer treu zu bleiben? Restez en ligne.