Mohammed-Comic : Ein bisschen Prophet darf sein

Der französische Comic "Das Leben Mohammeds" will muslimisch korrekt sein – aber die Hauptfigur zeigt er doch.

Wer kichert, wenn Geheiligtes verhohnepipelt wird, dürfte an dem französischen Comic Das Leben Mohammeds seine Freude haben. Der erste Band (Die Anfänge eines Propheten) erschien im Januar und wurde mehr als 50.000-mal verkauft, in ein paar Wochen soll der zweite folgen. Geschrieben wird die Geschichte von der französisch-marokkanischen Religionssoziologin Zineb El Rhazoui, gezeichnet wird sie von Stéphane Charbonnier und herausgegeben vom Pariser Satiremagazin Charlie Hebdo. Da kommt noch allerhand auf uns zu.

Charlie Hebdo ist nicht irgendein pennälerhaftes Witzblatt, sondern eine Institution. Sein Vorgänger war ein Monatsheft namens Hara-Kiri (Untertitel: Böse und gemeine Zeitung), gegründet 1960 und fortan mehrmals verboten, weil es mit anarchistischem Furor alles kaputtlachte, was Autorität beanspruchte. Neun Jahre später wurde daraus ein Wochenblatt, eben Hara-kiri Hebdo (hebdomadaire heißt Wochenzeitung), legendär durch seine Schlagzeile nach dem Tod Charles de Gaulles. Kurz zuvor waren bei einem Diskothekenbrand 146 Menschen gestorben, und nun, am 16. November 1970, war im Layout einer Todesanzeige zu lesen: "Tragischer Tanzabend in Colombey: 1 Toter." Sofort wurde das Blatt verboten – und seine Redaktion gründete Charlie Hebdo.

Heute ist der Zeichner Stéphane Charbonnier der Chefredakteur der Wochenzeitung. Er ist einschlägig bekannt. Er druckte im Jahr 2006 die dänischen Mohammed-Karikaturen nach, zeigte im Herbst 2012 nach dem Aufruhr um das islamfeindliche Video Unschuld der Muslime satirische Darstellungen des Propheten und provozierte beleidigungsbereite Muslime mit dem Argument: "Wir verspotten alles und jeden." Mit Hingabe nimmt sich das antiklerikale Brachialblatt auch andere Autoritäten vor, aber den größten Erfolg erzielt es stets mit Mohammed. Manche finden das mutig. In der Tat ist die Redaktion schon mehrfach Opfer gewaltsamer Attacken geworden.

Mit dem Leben des Mohammed ist Charlie Hebdo allerdings ein neuer Dreh eingefallen. "Hundertprozentig halal" sei der Comic, sagt Charbonnier, und El Rhazoui begründet das in ihrem Vorwort so: Nichts habe sie erdichtet, alles Dargestellte beruhe auf islamischen Originalquellen (sie werden pedantisch in einem Fußnotenapparat zitiert). Aber die Darstellung des Propheten selbst, ist die denn nicht unrein? Der, entgegnet El Rhazoui, werde ja gar nicht karikiert. Denn was soll das gelbe Männchen mit den Glupschaugen und der Knollennase schon mit dem historischen Mohammed zu tun haben, der als schön und stattlich beschrieben werde, mit weißer Haut, feiner Nase, ebenmäßigen Zähnen und gepflegtem Bart? Nein, der Gnom sei bloß Platzhalter, und jedenfalls ein besserer als etwa ein Fragezeichen, eine leere Sprechblase oder ein Turban. Dieser sachliche Ton trifft zielsicher den Lachnerv, und wer das Heft aufschlägt, wird vollends von der Komik erfasst, wie sie die Kombination des Erhabenen mit dem Lächerlichen erzeugt.

Der Koran verbietet Darstellungen, die zu Götzendienst führen können

Trotzdem, irgendetwas wirkt falsch. Es ist diese Pose. Dieses "Nun haben wir wirklich alles getan, was eure Religion vorschreibt, ihr seltsamen Muslime, jetzt dürft ihr euch nicht mehr beschweren, wenn wir euren Heiligen verspotten". Der Verdacht bleibt, es gehe den Autoren nur darum, die Angehörigen einer Glaubensgemeinschaft zu provozieren. Und zwar einer, die in Frankreich diskriminiert wird. Gewiss, auch das soll im Namen der Freiheit gestattet bleiben. Aber eine Rohheit bleibt es gleichwohl. Das ist übrigens der Grund, warum wir die Karikaturen Mohammeds auf dieser Seite geschwärzt haben. Es ist nicht anständig, Menschen zu beleidigen.

"Wer im Koran oder in der Sunna (der Überlieferung der Aussprüche und Handlungen des Propheten) den geringsten Text findet, der die Darstellung Mohammeds oder irgendjemandes anderen untersagt", heißt es im Vorwort, "der werfe auf uns den ersten Stein." Auch das ist mit Witz gesagt, aber die Sache ist komplexer. Im Islam existieren nämlich durchaus Abbildungsverbote, von denen Gelehrte wie Ungelehrte überzeugt sind.

Diese Regeln zu diskutieren, gab es in jüngster Zeit mehrfach Anlass, sogar einen unverfänglichen, nämlich den Zeichentrickfilm Persepolis der Iranerin Marjane Satrapi. Eine Szene ist der Traum eines kleinen Mädchens, in dem ein gütiger Opa auftritt: So stellt sich das Kind seinen Gott vor, und der wird gezeigt. Doch nachdem ein Fernsehsender in Tunesien den Film in arabisch synchronisierter Fassung ausgestrahlt hatte, wurde das fromme Land von einer Wutwelle erfasst.

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Kommentare

44 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

@ 3: Naja, da wird über alle Religionen munter pauschalisiert

Wenigstens wird nicht einseitig der Islam pauschalverurteilt. Daß es auch Christen *sind*, die in der Robotik so gut wie in der Genetik arbeiten, interessiert den Autor anscheinend ja nicht mal am Rande.

Ebensowenig wie, daß es längst sehr interessiert verhandelt wurde und wird, was das Bilderverbot denn gemeint hat? Daß Begriffe in *jeder* Sprache mit der Zeit die Gesamtheit ihrer Bedeutungen verändern und man darum auch die Zeit der Textentstehung mitbedenken muß, wenn man nicht zu grobem Unfug kommen will, das kann eigentlich jeder Interessierte heute wissen. Das daher "ein Bildnis machen" ein der damaligen Zeit angemessenes, weil damals ohnehin impliziertes "dingliches Bild" gemeint hat, sollte so schwer nicht zu denken sein. Immaterielle Bilder waren damals einfach noch nicht so das Thema.

MGv Oyamat