David BowieAfter Show

Die Bühnenkostüme von David Bowie im Londoner Victoria and Albert Museum von 

Wenn Rock- und Popgötter ihre abgelegten Bühnenklamotten in Glasvitrinen präsentieren, dann ist das eigentlich immer ein untrügliches Zeichen dafür, dass der jeweilige Gott ganz und gar tot ist. Man denke an Elvis Presleys Kitschmausoleum Graceland oder an die weltweite Memorabilien-Kette Hard Rock Café. Doch David Bowie lebt, sogar musikalisch, wie er gerade mit seinem Überraschungsalbum The Next Day gezeigt hat, das in aller Welt aus dem Nichts auf Platz eins der Charts landete.

Trotzdem: Bowie im Museum – das passt einfach. Wenn seine Weggefährten vom "privaten" Bowie erzählen, dann geht es neben seiner Begeisterung für Sex, Drugs, Rock ’n’ Roll (früher) und Teetrinken (heute) auffallend oft um eine Freizeitbeschäftigung, die noch nicht zum Rockstar-Klischee erstarrt ist: den guten alten Museumsbesuch.

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Museumsreif, im allerbesten Sinne, ist David Bowie, 66, aber natürlich vor allem wegen seines Lebenswerks. Das hat seit seinem ersten großen Hit im Jahr 1969 zwar auch mit Musik zu tun: Diese Stimme! Die Dutzenden weltbewegenden Songs, die er geschrieben hat: Changes, Heroes, Sound and Vision, Ashes to Ashes... Doch zu einer der berühmtesten Berühmtheiten unseres Planeten wurde Bowie eben nicht als singender Songschreiber, sondern durch seine spektakulären Selbstinszenierungen, Alter Egos, Verkleidungen, Kunstfiguren.

Sie alle sind nun, friedlich vereint, zu bewundern in einer großen Retrospektive im Londoner Victoria and Albert Museum, noch bis zum 11. August. Mehr als 300 Objekte werden dort gezeigt, Manuskripte, Zeichnungen, Videos, Musikinstrumente, ausgewählt aus 70.000 Erinnerungsstücken, die das David Bowie Archive – sprich: David Bowie selbst – im Laufe der Jahrzehnte angehäuft hat. 70.000 Dinge, die sich alle auf ihn beziehen. Schwingt da vielleicht eine gewisse Selbstverliebtheit mit? Oh ja! Was wiederum faszinierend ist, denn seit den siebziger Jahren wird Bowie unaufhörlich und etwas hilflos als "Chamäleon" gedeutet, als ungreifbarer, virtuoser Verwandlungskünstler, der alle Versuche, den "wahren" David Bowie zu erkennen, souverän scheitern lässt.

Ist da überhaupt jemand, hinter all den Fassaden? In grellen Farben entwarf sich Bowie Anfang der siebziger für ein Konzeptalbum plus Tour als Popstar vom anderen Stern und nannte sich "Ziggy Stardust". Als "Aladdin Sane" malte er sich einen knallroten Blitz ins Gesicht, dann trat er als "Thin White Duke" in Erscheinung: Blass, dünn, im weißen Hemd, trug er eine seiner Filmrollen ( The Man Who Fell to Earth) etwas zu weit in seinen (drogenreichen) Alltag hinein, bis er im Mai 1976 an Londons Victoria Station im offenen Mercedes Cabrio vorfuhr und perplexen Passanten einen Hitlergruß darbrachte. Später sagte Bowie über diese Zeit, er habe, auch wegen der vielen Drogen, vorübergehend seine Zurechnungsfähigkeit verloren, seinen Verstand, seine Identität.

Das mag nur eine Phase gewesen sein, aber seither wird Bowie auch von der Rockgeschichtsschreibung immer wieder mit seinen Kunstfiguren verwechselt, also der Künstler mit seinen Kunstwerken. Es ist ja auch eine schöne Vorstellung: dieses Genie, das in seinen Ideen aufgeht, sich ganz in Kunst auflöst, getrieben von unkontrollierbaren Visionen. Wie romantisch!

Das Ehemaligentreffen seiner wechselnden Identitäten im Museum ist eine schöne Gelegenheit, den Space-Messias Bowie auf unsere Erde zurückzuholen – was die Bewunderung für ihn keineswegs schmälern muss, ganz im Gegenteil. Beim Durchblättern des herrlichen Ausstellungskatalogs lassen sich Bowies Wandlungen im Schnelldurchlauf betrachten und so die Konstanten ausmachen, die das alles zusammenhalten. 

Da ist ein Foto des sechsjährigen David, das schon das ganze Charisma späterer Jahre ausstrahlt; der Heranwachsende, der von seinen Eltern hört, wie sie in den dreißiger Jahren im Londoner Showbusiness gescheitert waren; da ist der junge Mann, der in den Sechzigern mit mehreren Bluesrockbands versucht, der neue Mick Jagger zu werden, frustriert ins Fach Pantomime wechselt, dort seinen wichtigsten Mentor findet, den Performancekünstler Lindsay Kemp – das einzige Wesen im Katalog, das noch extravaganter aussieht als Bowie. Nach dieser Ausbildung versucht er es noch mal als Sänger, schafft mit seinen entfesselten Bühnenfantasien den Durchbruch, verfällt dem Kokain, zieht nach Berlin, nimmt dort drei seiner besten Alben auf – und immer so weiter von einer Verwandlung zur nächsten, bis zum heutigen Doppeltriumph aus Internet-befeuertem Hitalbum und den rasantesten Ticketverkäufen in der Geschichte des altehrwürdigen Victoria and Albert Museums.

Hinter diesen Wandlungen steht ganz bestimmt ein ehrgeiziger Künstler mit grenzenlosem Gestaltungswillen, riesigem Ego – und anhaltendem Geltungsbedürfnis: Es hat etwas Rührendes, wie Bowie heute auf seiner Homepage davidbowie.com fein säuberlich jeden internationalen Magazin-Titel zum Thema "Bowie" zur Schau stellt – und von denen gab es in letzter Zeit sehr viele. So entsteht immer noch weiterer Stoff für das David Bowie Archive. Und für die nächste Retrospektive in, sagen wir, 20 Jahren?

Und wenn alle Vitrinen und Kostüme genauestens betrachtet sind, in ihrer ganzen Vielfalt und Farbenpracht, dann sollte man Bowie unbedingt noch mal zuhören. Es gab tatsächlich immer wieder Zeiten, da klang er noch viel besser, als er aussah.

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    • Quelle ZEITmagazin, 4.4.2013 Nr. 15
    • Schlagworte David Bowie | Mick Jagger | Retrospektive | Berlin
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