Gegenüber dem Rathaus von Breslau – in einem der Häuser am Markt, die nachts aussehen wie der perfekte Scherenschnitt – liegt ein Stück Sachsen: rund 200 Quadratmeter, vier Räume im ersten Stock. Draußen, an der Fassade, ragt eine weiße Fahnenstange hervor, die Spitze glänzt gülden, die sächsische Flagge flattert daran. Seit Mai vergangenen Jahres leistet sich Sachsen ein "Verbindungsbüro" in Breslau (Wrocław). Von hier aus soll ein Mitarbeiter für den Freistaat netzwerken, soll erklären, wie Sachsen tickt. An diesem kalten Tag Ende März reist gar eine kleine Delegation aus Dresden an. Ihr Ziel: die Polen auf das Thema Demografie "aufmerksam zu machen". Von Sachsen lernen heißt offenbar altern lernen.

In Polen habe sich das Thema Demografie noch nicht herumgesprochen, sagt Heinz Eggert (CDU), der von 1991 bis 1995 sächsischer Innenminister war. Er ist gekommen, um daran etwas zu ändern. Eggert sitzt an diesem Nachmittag in Breslau auf einem Podium. Außerdem, zwei Plätze neben ihm: Staatsminister Johannes Beermann (CDU). Dieser hat die Überalterung der Gesellschaft zu seinem politischen Thema erklärt. Damit tingelt er seit Jahren schon durch Orte wie Rochlitz, Markneukirchen oder Thammenhain.

Demografie ist für Beermann mehr Chance denn Problem. Er vermarktet sie als ein Avantgarde-Projekt seiner Regierung. Sachsen: Das ist für ihn das Land des stabilen Haushalts – und das Land der Demografie-Chance.

Deutschlandweit sei der Freistaat "ein Vorreiter der politischen Gestaltung des demografischen Wandels", so steht es in einer Broschüre von Beermanns Staatskanzlei. Beermann hat sich eines der schwierigsten politischen Themen herausgesucht. Und eines der langweiligsten. Beermann sagt: "Veränderungsprozesse lassen sich nicht von oben verordnen." Die Botschaft ist klar: Auf jeden einzelnen Bürger komme es an, auf Nachbarschaftshilfe. Und es soll wohl auch ein Akt der Nachbarschaftshilfe sein, dass er an diesem Tag nach Breslau gefahren ist.

Drinnen, im Raum direkt hinter der Sachsen-Fahne, fläzt sich Heinz Eggert auf dem Stuhl mit der Lässigkeit eines Ministers a. D., der nichts mehr muss, aber vieles noch kann. Der 66-Jährige hat einmal eine Enquetekommission des Sächsischen Landtages zur demografischen Entwicklung geleitet. Der Abschlussbericht war fast 400 Seiten lang. So lang, scherzt Eggert, dass ihn wohl niemand je vollständig gelesen habe. Er sagt: "Am wichtigsten aber ist, dass der Ministerpräsident das für sich zum Thema gemacht hat." Hat er denn? Aber ja! Stanislaw Tillich spreche ihn immer wieder darauf an.

Kurz zuvor hatte Eggert jenen Besucher im Breslauer Verbindungsbüro begrüßt, den er grinsend als "wichtigsten Mann aus Sachsen" vorstellte. Tillich war es nicht.

Der wichtigste Mann aus Sachsen also baut sich wenige Minuten später hinter einem Rednerpult auf und blickt so entschlossen ins Publikum, als könne er das demografische Problem noch an diesem Nachmittag ein für alle Mal lösen. Es ist Johannes Beermann, 52; der "CdS", wie seine Dresdner Mitarbeiter in aller Kürze sagen. Das steht für: Chef der Staatskanzlei.