Ich bin ein Siedler. Es führt kein befestigter Pfad zu meinem Grundstück mit dem kleinen Jägerhaus. Keine Straßenlaterne leuchtet nachts den Weg. Keine Wasserleitung versorgt die Hähne. Weder Bahn noch Bus bringen einen auch nur in die Nähe der Haustür. Die Müllabfuhr kommt nicht – und auch keine Post. Na ja, zumindest nicht für normale Briefe oder Zeitungen. Denn als ich in das 1868 erbaute Haus im Wald gezogen bin, hat die für mich zuständige Stadt Niesky im ostsächsischen Landkreis Görlitz zu dem Anlass einen amtlichen Brief per Fahrradkurier als Einschreiben bringen lassen. Ordnung muss sein.

Seitdem ist nie wieder ein Postbote hier gewesen. Meine Post hole ich mir zu den Ladenöffnungszeiten im Nieskyer Schließfach ab. Wenn man so will, lebe ich schon so, wie die Forscher der Bauhaus-Stiftung sich den idealen Dorfbewohner vorstellen: eigenverantwortlich. Wir belasten die Gemeinschaft nicht, weil wir alles selber erledigen.

Ich habe mir mit dem Waldhaus einen Traum erfüllt. Die Einsamkeit in der Natur hat mich gereizt, seit ich die Abenteuerromane von Opa und Paps lesen konnte. Fast wäre ich nach dem Studium dem romantischen Drang gefolgt, nach Kanada auszuwandern. Aber ein spannender Job und die demografische Lage im ländlichen Raum haben mir dann das Außenseiterleben in Sachsen ermöglicht. Nötig dafür sind ein Bankkredit für den Grundstückserwerb und eine Frau, die das Einsiedlerleben mitmacht. Und so wohnen wir mit unserer kleinen Tochter, drei Hunden und vier Katzen seit drei Jahren mitten im Wald. Gut fünf Kilometer sind es bis zur Zivilisation.

Wir mögen dieses Landleben. Autofahrer mögen es nicht. Selbst gute Bekannte besuchen uns nur selten, wegen der huckeligen Waldwege. Der Geländewagen ist hier also kein Statussymbol, sondern elementar wichtig. Baumaterialien etwa muss ich selber heranschaffen, weil die meisten Lieferanten sich zieren, in den Wald zu fahren. Zudem brauchen wir regelmäßig Holznachschub für die Wintermonate. Nicht gekauft, sondern selbst gefällt, gesägt, gehackt und transportiert. Ohne Anhänger, Motorsäge, Axt und eben einen Geländewagen geht das nicht. Und im Winter ist ohne Allrad sowieso kein Rauskommen aus dem Wald – Winterdienst gibt’s hier nicht.

Das Leben im Wald lässt allerdings ungeahnte Fähigkeiten sprießen. Bei mir etwa handwerkliche Fertigkeiten – trotz bürgerlicher Sozialisation. Maurern, Holzbearbeitung, Trockenbau, sogar kleinere Klempner- oder Elektrikertätigkeiten hat mir das Leben hier abgefordert. Nur wenn es gar nicht anders geht, hole ich mit dem Geländewagen einen Fachmann in den Wald. Zumindest lotse ich die Handwerker. Selbst wenn die sich mit ihren Firmenautos über die miesen Wege trauen, würden sie das Haus nicht finden. Zwar habe ich eine polizeiliche Anschrift mit Straße und Hausnummer, doch es gibt weder eine Straße noch ein Hinweisschild – Navigationssysteme zeigen nur ein weißgraues, unbekanntes Gebiet an.

Für mich überwiegen die Vorteile im Forst. In frostfreien Monaten wecken mich frühmorgens ganze Vogeldivisionen, ohne dass ich ihnen je ein Vogelhäuschen gebaut oder ein Futterkorn dargeboten habe. Bei meinen schlaftrunkenen Hundespaziergängen am frühen Morgen ist die Chance, irgendeinen Menschen zu treffen, äußerst gering. Da mein Job in einer Zeitungsredaktion genau das Gegenteil für mich bereithält, werte ich die Morgenstunden als reine Urlaubszeit. Das sorgt für ein sonniges Gemüt. Denn die Natur in all ihren Facetten über die Jahreszeiten hinweg zu beobachten ist faszinierend: Wie schön der Regen sein kann, wie spannend Tierspuren sind, wie Bäume, Sträucher und Gräser zu einzigartigen Stillleben werden. Das zu erleben ist unbezahlbar.

Selbst der Kaffee schmeckt im Wald anders. Das liegt am Wasser, welches mit einer Pumpe aus einem Zwölfmeterschacht auf dem Grundstück gefördert wird. Es schmeckt unbeschreiblich weich und rein. Es hat auch etwas sehr Befriedigendes, selbst Gemüse anzubauen, die Pflanzen zu hegen und zu pflegen. Es ist etwas Besonderes, eigenhändig gesägtes und gespaltenes Holz bei Eiseskälte zu verfeuern. Weniger reizvoll ist es mit dem, was übrig bleibt. Ich habe pflichtgemäß eine Restmülltonne, zahle auch eine Gebühr dafür. Aber ich muss meine Mülltonne selbst zum Entsorger schaffen.

Umsonst ist die Rückkehr zum Selbst sowieso nicht zu haben. Grundsteuer will die Kommune haben, obwohl ich kaum von Straßenbau, Kanalisation oder Rettungswegen profitiere. Ich betrachte das als eine Duldungspauschale fürs exklusive Wohnen in einem Naherholungsgebiet. Auffällig ist aber, dass solche Inselgrundstücke zunehmend verschwinden. Lieber hat man da Feld oder Wald – das ist leichter zu verwalten. Denn loslassen wird einen die Verwaltung nicht: Fürs Brunnenwasser wird ein Qualitätstest verlangt. Der Schornsteinfeger kommt regelmäßig zur Visite. Stromablesen muss ebenfalls sein – mit langfristiger Ankündigung.

Gefordert ist auch eine gewisse körperliche Leistungsfähigkeit: Hausausbau, Holz hacken, Wocheneinkäufe ranholen oder die neue Waschmaschine – dafür sind Zeit, Organisationstalent und Muskelkraft gefragt. Zudem muss der Bewohner einer Insellage Prioritäten setzen: viel Zeit für Familie, Haus, Hof, Garten, Tiere, Aus- und Umbauprojekte. Wenig Zeit für Ausflüge in Kneipen, Ausstellungen, Kinos oder Konzerte.

Durch ein ungewöhnliches Leben, wie ich es führe, werden aber auch Freundschaften initiiert und gestärkt. Als das jüngst erstandene Klavier vom Hänger ins Musikzimmer getragen werden musste, musste ich exakt drei Handyanrufe tätigen. Ich erreichte Nachbar eins in vier Kilometer Entfernung irgendwo im Wald; Nachbar zwei in drei Kilometern östlicher Richtung; und einen Freund, der weitab vom nächsten größeren Dorf gerade baut. Und alle sind innerhalb von 30 Minuten zur Stelle gewesen. Vier Mann, ein Klavier und am Ende eine sehr glückliche Frau. Nach der Plackerei gab’s noch ein Bierchen, Reden über Wetter, Wald, Politik und Energiekosten irgendwo im sächsischen Nirgendwo.