Luxus-LädenDer Wilde fürs Milde

Er trägt nur Schwarz, dabei ist er der Meister des sanften Beige: Peter Marino gestaltet die Läden der Luxusmarken.

Würden Sie diesem Herrn die Gestaltung eines Ladens anvertrauen? Zuerst baute Peter Marino für Andy Warhol, dann erfand er die "Shopping Experience": Einkaufen als Erlebnis

Würden Sie diesem Herrn die Gestaltung eines Ladens anvertrauen? Zuerst baute Peter Marino für Andy Warhol, dann erfand er die "Shopping Experience": Einkaufen als Erlebnis

Wenn sich Peter Marino in einem überfüllten Raum befindet, hört man ihn dennoch sofort. Das Marino-Lachen kann man aus hundert Lachern heraushören. Ein Klang, der die Luft zerreißt. Es ist nicht nur eine Äußerung von Freude und Überraschung, es ist eine Ansage. Dazu muss man ihn nicht zum Lachen animieren, er kann sich selbst zum Lachen bringen. Er erinnert sich einfach an etwas sehr Lustiges. Zum Beispiel an die Frage, mit der vor Kurzem eine Journalistin ihr Interview eröffnete: »Starren die Leute Sie an, wenn Sie auf die Straße gehen?« Es dauert etwas, bis Marino den Kaffeetisch in der Lobby des Pariser Hotels Le Bristol wieder loslassen kann.

Dazu muss man wissen, dass man sich auf jeder Straße der Welt nach Marino nur umdrehen kann: Sein Körper ist in schwarzes Leder gehüllt, Lederriemen umspannen seine tätowierten Bizepse, die so voluminös sind wie bei anderen Menschen die Unterschenkel. Ein Schnauzer thront über der Oberlippe, und die schwarzen Haare sind zum Irokesenschnitt frisiert. Marino pflegt seine Marke. Das nämlich ist seine Spezialität.

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Marino sieht zwar aus, als könnte er einen Rockerkrieg gewaltsam schlichten, seine Profession aber sind die feinen Dinge. Er richtet Flagship-Stores ein, jene sich über mehrere Stockwerke ausbreitenden Einkaufstempel, in denen Luxusmarken ihre Produkte feiern. Marino ist in dieser Welt der König. Das, was man heute gerne Einkaufserlebnis nennt, ist sein Werk: Er schafft Räume, die in Cremeweiß und Beige gehalten sind, in denen drei Zentimeter dicke Teppiche den Schall schlucken und es nach feinem Kalbsleder duftet. Er ist der Erfinder der beigefarbenen Shoppingerfahrung. »Beige ist schön und eignet sich gut, als Hintergrund, um andere Farben umso besser hervorzuheben«, sagt er. Den richtigen Hintergrund zu bieten, ist ein großer Teil seines Jobs.

Das Luxuskaufhaus Barney’s war sein Durchbruch

In wenigen Wochen, am 25. April, wird in München eine neue von Marinos Kathedralen eröffnet: In der alten Residenzpost am Max-Joseph-Platz eröffnet Louis Vuitton einen neuen Laden. In dem Gebäude wurde 1849 die Briefmarke »Schwarzer Einser« herausgegeben. Marino hat auf 1300 Quadratmetern ein Universum eingerichtet, in dem man den Sammlerwert einer dieser Marken, etwa 3000 Euro, schnell loswerden kann. Ist es nicht kompliziert, in einem bedeutenden historischen Gebäude einen solchen Umbau zu wagen? »Es macht viel mehr Spaß, als ein unbedeutendes historisches Gebäude umzubauen.« Da lacht Marino wieder.

Peter Marinos Karriere begann in den siebziger Jahren. Der Spross einer italienischen Familie aus Queens in New York hätte Künstler werden wollen, aber seine Eltern waren dagegen. Das Architekturstudium war ein Kompromiss für ihn. Sein erster wichtiger Auftrag bestand darin, das Apartment von Andy Warhol einzurichten und dessen dritte Factory zu gestalten. Anfang der neunziger Jahre gestaltete er das Luxuskaufhaus Barney’s an der Madison Avenue in New York – sein Durchbruch. Marino entwarf einen Prunkbau mit Blattgold an den Decken und Marmormosaiken auf den Böden. Damit hatte er seinen Ruf als Palastmeister weg. Seitdem baut er mit seinen 150 Mitarbeitern nicht nur Privatresidenzen in allen Luxuslagen, sondern sorgt vor allem für Shoppingerlebnisse. »Es ist mir egal, ob ein Kunde etwas kauft, aber nicht, ob er, wenn er den Laden verlässt, beeindruckt ist von den Werten, die die Marke darstellt, von der Handwerkskunst und der Verarbeitung«, sagt er. Läden, die für den schnellen Umsatz gebaut sind, findet Marino »banal und trivial«. »Letztens war ich in einem department store, da hat mich einer der doormen im Gedränge an der Tür geschubst, und ich habe ihm gesagt, wenn du das noch mal machst, schlag ich dich So ist Marino: Feinsinn und Brutalität liegen nah beieinander.

Marino sagt, sein Rezept sei seit Jahrzehnten dasselbe: viel Raum, viel Licht und ein schneller Überblick für den Kunden über das Sortiment. »Ich kenne Läden, da muss man durch einen Tunnel gehen, um in den Verkaufsraum zu kommen, das ist vielleicht beeindruckend, aber nicht hilfreich, wenn Sie nur 20 Minuten haben, um sich eine Tasche zu kaufen.«

Das Marino-Prinzip ist offenbar so erfolgreich, dass er es sich als einer der wenigen Architekten leisten kann, für konkurrierende Marken zu arbeiten. Marino hat Läden für Chanel, Ermenegildo Zegna, Fendi, Christian Dior, Valentino und Armani gestaltet. Wie kann er da Ähnlichkeiten vermeiden? »Als ich noch Privatwohnungen eingerichtet haben, habe die auch alle unterschiedlich ausgesehen.« Marino behauptet, er gelte als das schwarze Schaf unter den Stararchitekten. Weil er kommerzielle Räume baue und keine Museen. Aber immerhin kann er Luxusläden etwas Museales hinzufügen. So werden in dem neuen Louis Vuitton Maison in München unter anderem Werke der zeitgenössischen Künstler Anselm Reyle und Thomas Struth ausgestellt.

Die Kunst, sagt Marino sei ja ohnehin das Motiv, für das er das alles mache, es gehe immer nur um Kunst, er sei ein manischer Sammler: »Es gibt nichts, was ich nicht sammle, Skulpturen, Bücher, Bilder, Porzellan – es ist wie ein schwarzes Loch: Wenn man so viel Geld für Kunst ausgibt wie ich, wird schnell klar, warum ich so viel Geld verdienen muss, das motiviert ungemein.«

Seine Mitarbeitern sagt er immer wieder: »Du darfst ganz oben oder ganz unten sein, aber nie in der Mitte, die Mitte ist tödlich für die Kreativität.« Was ist sein Rezept, um ganz oben zu bleiben? »Bäuerliche Kraft. Wenn man eine Schlacht gewinnen will, schickt man da Bauern als Krieger ins Feld oder Adelige? Ich sage Ihnen, setzen Sie auf die Bauern, die haben auch Zeiten erlebt, die nicht so schön waren, die wissen, um was sie kämpfen!« Diese nicht so schönen Zeiten deutet Peter Marino nur an, über seine Kindheit möchte er nicht sprechen. Doch im Gespräch bekommt man schnell den Eindruck, dass sein Leder-Outfit eine sensible Seele schützen soll. Kämpft er denn immerzu? »Es ist immer ein Kampf, Erfolg ist fünf Prozent Talent und 95 Prozent harte Arbeit, all diese begabten Leute, die es doch zu nichts bringen, sind einfach nur faul.«

Nun redet er wie eine Dampfwalze, und das Beben in seiner Stimme lässt ahnen, dass er um mehr kämpft als um Geld, das er in Kunst investieren will. Was würden Sie zu sich selbst sagen, wenn Sie heute dem Peter Marino von 1970 begegnen würden? – »Ich würde ...« Marino atmet tief ein. »Ich würde ihm sagen, mein Junge, du kannst dir nicht vorstellen, wie weit du noch kommen wirst. Mach dich bereit dafür.« Tränen schießen ihm in die Augen, er wischt sie weg. Dann lacht Marino, so laut, als wollte er einen Bären vertreiben.

 
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