Die Krise in Zypern und davor die Wahl in Italien haben wieder einmal für den Eindruck gesorgt, dass Deutschland vor dem wirtschaftlichen Abgrund steht (herabgerissen von seinen Nachbarn, den Krisenländern), dass es im Schuldensumpf steckt und dass außerdem die Inflation wegen der verfehlten Politik der EZB und anderer westlicher Notenbanken bald zurückkehrt.

In diesen Bedrohungsszenarien gehen Meldungen unter, die ein ganz anderes Bild vermitteln:

  • Die Rücklagen der gesetzlichen Rentenversicherung sind 2012 um ungefähr fünf Milliarden Euro auf mehr als 29 Milliarden Euro gewachsen. Das ist das größte Finanzpolster aller Zeiten.
  • Der Überschuss der gesetzlichen Krankenversicherung erreicht rund 28 Milliarden Euro – ebenfalls ein neuer historischer Rekord.
  • Der deutsche Staat, also Bund, Länder, Kommunen und Sozialversicherungen zusammen, erzielten 2012 einen Überschuss von 2,2 Milliarden Euro, der erste Überschuss seit fünf Jahren.
  • Die Inflationsrate lag 2012 bei 2,0 Prozent, im Februar 2013 betrug sie 1,5 Prozent.
  • Die Lage am Arbeitsmarkt war 2012 die beste seit 1991.

Wie kommt es, dass diese positiven Entwicklungen in der medialen Öffentlichkeit nahezu untergehen? Noch vor wenigen Jahren, als dauernd Haushaltslöcher debattiert, Kürzungsrunden bei staatlichen Leistungen gefordert und hohe Arbeitslosenzahlen beklagt wurden, hätten diese Meldungen als sensationelle Erfolgsgeschichten gegolten. Es sind wohl drei Gründe, warum dies nicht geschieht.

Erstens: Die positive Entwicklung wird weitestgehend der guten Konjunktur zugeschrieben, für die – so zumindest die implizite Unterstellung – die Wirtschaftspolitik nicht verantwortlich gemacht werden kann. Zweitens schwebt die Euro-Krise wie ein Damoklesschwert über allem. Und die Dimensionen eines möglichen Scheiterns – egal in welcher Richtung, also Zerfall des Euro oder "stümperhafte Rettung" – scheinen zu groß zu sein, um den Aufschwung in Deutschland angemessen würdigen zu können. Drittens bleiben trotz Aufschwung viele strukturelle Probleme bestehen. Dazu gehört, dass der Aufschwung bei vielen Menschen nicht ankommt, also zu keiner spürbaren Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Situation führt.

Unerwähnt bleibt, dass eine schlechte konjunkturelle Entwicklung die strukturellen Probleme wohl weiter verschärfen würde. Ebenso wird ignoriert, dass es eine enge Verbindung zwischen deutscher Konjunkturentwicklung und Euro-Rettungspolitik gibt. Denn die Euro-Krise hat drei für die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland positive Implikationen: Da sind zunächst die extrem niedrigen Zinsen, die zum einen die EZB-Politik, zum anderen die Kapitalflucht aus der Euro-Peripherie in den "sicheren Hafen" Deutschland widerspiegeln. Für die kapitalintensive Produktion in Deutschland ist dieses Zinsniveau ein Segen, weil die Finanzierungskosten für die deutschen Unternehmen stark gesunken sind. Gleichzeitig stützen niedrige Zinsen den Konsum, stärken also jene Nachfragekomponente, die in der Vergangenheit stets vor sich hin dümpelte und damit einen selbsttragenden Aufschwung verhinderte.

Zweitens sorgt die Euro-Krise unfreiwillig dafür, dass der Wechselkurs nicht aus dem Ruder läuft. Dies ist für Deutschland von großem Vorteil, weil unsere Industrie stark exportorientiert ist. Der Gewinn an Wettbewerbsfähigkeit, den Deutschland durch Reformen erzielt hat, wird also nicht gleich wieder durch eine starke Aufwertung zunichtegemacht.

Drittens wird durch die Euro-Rettungspolitik verhindert, dass die positive Konjunkturentwicklung durch eine dramatische Aufwertung einer dann wieder einzuführenden D-Mark und den danach zu erwartenden Nachfrageeinbruch aus der abgehängten Euro-Peripherie mit einem Schlag zum Erliegen kommt. Denn unabhängig davon, ob man die Kritik an der Euro-Rettungspolitik teilt oder nicht: Es ist mehr als naiv, anzunehmen, dass ein Ende des Euros einem Knopfdruck gleichkommt, bei dem wir uns zum 31. Dezember 1998 zurückbeamen und alles andere, auch und gerade konjunkturell, beim Alten bleibt. Leider wird genau dieser Eindruck von vielen Euro-Kritikern erweckt: Sie suggerieren eine Alternative zur gegenwärtigen Politik, die nur Vorteile (keine Gemeinschaftshaftung, keine Inflationsrisiken), aber keine Nachteile zu kennen scheint.

Dies bedeutet nicht, dass alles in Ordnung ist. Zypern hat erneut gezeigt, dass die Euro-Krise das größte ökonomische Risiko darstellt. Und selbst wenn Ansteckungseffekte auf den Finanzmärkten ausbleiben, die Probleme in der Realwirtschaft sind groß. Konkret geht es um zwei Fragen: Erstens, wie lässt sich in den Peripheriestaaten wieder Wachstum erzeugen? Zweitens, wie lässt sich ein Anpassungsmechanismus gestalten, bei dem Gläubiger (zum Beispiel Deutschland) wie auch Schuldner (die Krisenstaaten) die Ungleichgewichte innerhalb Europas abbauen?

Diese Probleme innerhalb einer Währungsunion zu lösen ist bekanntermaßen schwierig und langwierig. Aber eines ist sicher: Jede positive Nachricht über die Konjunktur in Deutschland ist ein Beitrag zur Problemlösung. Denn es gilt auch in umgekehrter Richtung: Deutsche Konjunktur und Euro-Rettungspolitik gehören zusammen. Deshalb müssen alle Anstrengungen unternommen werden, die positive Konjunkturentwicklung zu erhalten. Wenn der Wirtschaftspolitik dies gelingt, werden auch Anfang 2014 die Zahlen den Einschätzungen widersprechen.