PsychologieSchön! Färberei!

Wir sind von Farben umgeben. Doch wir wissen nur wenig darüber, wie sie uns beeinflussen. Wenn man sich mit ihnen beschäftigt, können sie glücklich machen.

Sie fühlen sich gerade so glücklich? Kein Wunder: Orange sorgt für gute Stimmung.

Sie fühlen sich gerade so glücklich? Kein Wunder: Orange sorgt für gute Stimmung.

Welche Farben machen gute Laune? Für manche Situationen lässt sich das klar beantworten, etwa, wenn man sich zu einem Date trifft. Am besten zieht man etwas Rotes an. Egal, ob Mann oder Frau – wer Rot trägt, wird als attraktiv und erotisch eingeschätzt. Das jedenfalls meinen Probanden, wenn sie in einem Test entscheiden, ob sie sich mit einem Menschen, von dem ihnen ein Foto gezeigt wird, verabreden wollen. Trägt jemand einen roten Pullover, wollen sich doppelt so viele Probanden mit ihm verabreden, als wenn er sich in Blau kleidet.

Farben lösen bei Menschen Assoziationen aus – und entsprechend vielfältig sind die Bemühungen, sich das zunutze zu machen. Schon Goethe hielt seine Farbenlehre für die größere Errungenschaft als sein dichterisches Werk. Seit etlichen Jahren werden in Waldorfschulen die Klassenräume je nach Entwicklungsstufe der Kinder in unterschiedlichen Farben gestrichen. Und auch in der Wirtschaft blühen Farbkonzepte: Wenn wir im Supermarkt einkaufen, sehen wir auf Verpackungen von Diät- und Lightprodukten meist schwache Blautöne. "Weil Hellblau mit Leichtigkeit und Transparenz verknüpft wird", sagt die Schweizer Farbexpertin Daniela Späth. Wer würde schon einen Leichtkäse kaufen, der sich in knalligem Rot präsentiert? Während man sich für ein amouröses Abenteuer keinen Partner wünscht, der allzu kopfgesteuert an die Sache herangeht, will man bei der eigenen Diät möglichst pure Vernunft walten lassen.

Die Großbank Credit Suisse hat in Zürich einen kompletten Neubau mit einem Farbgestaltungskonzept versehen. Und der Versicherungskonzern Axa Winterthur setzt auf das Konzept "Emotion Colors Mobile". Die Mitarbeiter können je nach Stimmung einen Farbraum ihrer Wahl aufsuchen. Einen in Blau, wenn sie sich konzentrieren möchten, oder einen in Gelb zum Brainstorming.

Die intensivste Farbtherapie bekommen derzeit allerdings Schwerverbrecher. In mehreren deutschen Strafanstalten wurden Zellen, in denen kurzzeitig besonders aggressive Häftlinge untergebracht werden, im sogenannten Baker-Miller-Pink gestrichen. Dieses zarte Bonbonrosa hat offenbar eine beruhigende Wirkung. In Tests hat sich herausgestellt, dass die Wahrnehmung dieses Farbtons schon nach Minuten merklich den Blutdruck senkt. Baker-Miller-Pink – es ist nach zwei amerikanischen Gefängnisdirektoren benannt, die es erstmals verwendeten – hat auf aggressive Häftlinge eine beruhigende Wirkung. Die Erfahrungen damit sind so gut, dass es in immer mehr Haftanstalten eingesetzt wird.

Farbforscher kennen für jede Stimmung den ganz genauen Farbklang. So erklärt Axel Venn, Hochschulprofessor für Farbgestaltung in Hildesheim, "anregend" stelle sich farblich in einer Kombination aus Rot-Purpur, Gelb-Orange und Grasgrün dar. "Aufregend" bestehe zu 80 Prozent aus Rot-Nuancen und zu 20 Prozent aus Gelb-Gold und Blaugrün. "Wohltuend" sei überwiegend warmtonig koloriert, beinhalte Orangerot und Gelbgrün und immerhin rund 35 Prozent Teichgrün bis Himmelblau. Dagegen sei "depressiv" Schwarzbraun mit ein paar Rot- und Blau-Akzenten. Farbberaterin Späth kennt sogar den richtigen Ton des Glücks: Sensual Orange, ein warmer Orangeton, der für "Wohlgefühl, Sinnlichkeit und das Glück des Augenblicks" stehe. Der ganze Gefühlshaushalt des Menschen lässt sich so in Farbskalen fassen. Das Problem bei solchen Aussagen ist allerdings, dass sie stets nur den semantischen Gehalt der Farben erfassen, also die Begriffe, für die eine Farbe in unserer Vorstellung steht. Weil man Orange mit Glück verbindet, bedeutet das nicht, dass man in orangefarbener Kleidung glücklich wird. Sonst würden die zufriedensten Menschen bei der Stadtreinigung arbeiten.

Einfache Bedeutungszuordnungen von Farben stoßen schnell an Grenzen. "Es gibt wenige Zuordnungen, für die sich ein Konsens finden lässt", sagt der Wahrnehmungspsychologe Heiko Hecht von der Uni Mainz. Einig sei man sich darin, dass Rot als warm empfunden werde, Blau als kühl. Das lässt sich sogar messen. In einem blau gestrichenen Raum fröstelt man schon bei 15 Grad Raumtemperatur, ein orangerot gestrichener Raum wird auch dann noch nicht als kalt empfunden, wenn das Thermometer bereits auf Kühlschranktemperatur gefallen ist. Das könne daran liegen, dass Rot die Farbe des Blutes und des Feuers sei und das Meer als blau wahrgenommen werde, sagt Hecht. Davon abgesehen, findet man nur schwer einen Konsens, der über kulturelle Grenzen hinaus gültig ist. Die Farbe der Trauer ist im Westen Schwarz, in asiatischen Kulturkreisen Weiß. Grau wird in Europa als trist und traurig empfunden, in indianischen Kulturkreisen gilt es als Glücksfarbe, vermutlich, weil ein grau verhangener Himmel Regen verspricht.

Zudem bewertet jede Generation und jede Mode bestimmte Farben neu. In den siebziger Jahren schämten sich Heranwachsende, wenn sie von ihren Vätern in einem "kackbraunen" Audi 80 abgeholt wurden. Heute kaufen sie sich gerne als Zweitwagen einen Mini in der Farbe Hot Chocolate. Neongrün galt vor zehn Jahren noch als vulgär – jetzt sieht man teure Sneakers und Mützen in dem knalligen Grünton. Farbe hat die Wirkung, die wir ihr zusprechen.

Um diese Wirkung zu verstehen, muss man erst klären, wie wir Farben überhaupt sehen. Die Fähigkeit, Farben zu unterscheiden, ist beim Menschen recht ausgeprägt. Farben sind schließlich keine Eigenschaften irgendwelcher Gegenstände, sondern Interpretationen des Gehirns – je nachdem, ob langwelliges oder kurzwelliges Licht auf die Netzhaut fällt. Der Mensch hat drei verschiedene Sehzapfen in der Netzhaut, die meisten Säugetiere haben nur zwei. Das macht ihn zu einem sehr guten Farbenunterscheider. Menschen können im Gegensatz zu Rindern Rot und Grün unterscheiden. "Es gibt die Hypothese, dass es ein evolutionärer Vorteil war, reife, rote Früchte von den schwerer verdaulichen grünen Blättern unterscheiden zu können", sagt Karl Gegenfurtner, Professor für Psychologie an der Universität Gießen. Menschen zogen einen großen Vorteil aus dem Erkennen von Farbunterschieden: Sie konnten Feinde und Beute schneller ausmachen.

Farben wirken auf Menschen nicht einfach wie die Umgebungstemperatur. Unser Gehirn sucht ständig nach relevanten Unterschieden. Wir können mit Farben immer dann etwas anfangen, wenn sie sich konkreten Werten und Erfahrungen zuordnen lassen. "Wenn jemand eine rote Krawatte trägt", sagt Karl Gegenfurtner, "ist das etwas anderes, als wenn er einen roten Anzug trägt."

Eine noch bemerkenswertere Fähigkeit ist die Farbkonstanz. Das menschliche Auge erkennt Farbtöne, auch wenn die Lichtverhältnisse eigentlich die Farbe verfälschen müssten. Ein Apfel erscheint uns immer gleichermaßen rot, auch wenn die Werte des Lichts, das er reflektiert, bei bestimmten Beleuchtungen etwas anderes nahelegen sollten. Diese Leistung erbringt das Gehirn, indem es den betreffenden Gegenstand mit der Farbigkeit seiner Umgebung vergleicht. Dazu wird auch das Gedächtnis herangezogen. "Wir wissen, dass Bananen gelb sind, deswegen haben wir auch die Tendenz, sie gelb zu sehen", sagt Gegenfurtner. Zeigt man Testpersonen das Bild einer grau lackierten Banane, glauben sie, einen Gelbstich zu erkennen.

Diese Anpassungsleistung macht vielen einfachen Farbkonzepten den Garaus. "Wenn Sie sich eine rosa Brille aufsetzen, sehen Sie die Welt nach einiger Zeit nicht mehr rosa, weil das Gehirn diese Einfärbung wieder herausrechnet", sagt Wahrnehmungsforscher Hecht. Setzt man den Menschen einer eingefärbten Umgebung aus, nimmt er diese Farbe nach einer Weile nicht mehr wahr. Pink wirkt auf einen Häftling für kurze Zeit beruhigend, nachdem er in die Zelle verlegt wurde. Es würde aber diese Wirkung wohl wieder verlieren, wenn er dauerhaft darin bliebe. "Das meiste, was Farben an Wirkung zugeschrieben wird, ist Hokuspokus", sagt Hecht. "In unseren Experimenten hat sich nicht nachweisen lassen, dass jemand in einem grünen oder blauen Raum besser lernt, die Wandfarbe ist offenbar irrelevant." Das muss auch wissen, wer die eigene Küche grün streicht. Man selbst nimmt die Farbe bald nicht mehr wahr.

Gerade weil Farben in der menschlichen Wahrnehmung so zentral sind, erleben wir sie sehr individuell, jeder hat seine eigenen Assoziationen mit ihnen. Und es lohnt sich, die eigene Farbgeschichte zu erforschen. Deswegen setzen Gestaltungsberater mitunter darauf, das sehr persönliche Farbverständnis ihrer Auftraggeber zu erkunden. "Ich versuche, bestimmte Farbklänge mit meinen Kunden zu erarbeiten, die für sie funktionieren", sagt Raumgestalter Martin Benad. Er empfiehlt, in einer Wohnung mindestens drei verschiedene Farbstimmungen einzusetzen: "Sonst kommt keine Lebendigkeit hinein."

Interessant wird es, wenn die Farbzuordnung des Gehirns nicht funktioniert. In Experimenten konnte Hecht nachweisen, dass Probanden einen Wein süßer finden, wenn er in einem roten Raum getrunken wird. "Normalerweise müsste das Gehirn zwischen der Farbe des Weines und der Farbe der Umgebung trennen", sagt Hecht. Aber offenbar funktioniere das nicht immer. Auch Kaffee schmecke anders, je nachdem, welche Farbe die Tasse hat. Solche Effekte interessieren die Werbewirtschaft natürlich enorm. Auch Küchenhersteller versuchen dieses Prinzip für sich zu nutzen. Denn durch die LED-Technologie lassen sich praktisch alle Farben mischen, die es gibt. So bieten einige Hersteller schon Küchen an, die angeblich eine appetitanregende Lichtstimmung erzeugen: Wenn das Essen misslungen ist, kann mit dem ansprechenden Licht noch nachgesalzen werden.

Ein weiterer Effekt ist für das Wohnen interessant: zu welcher Tageszeit man welches Licht verwendet. Morgens ist der Körper an natürliches Licht mit großem Blau-Anteil gewöhnt, gegen Abend nehmen die Rot-Anteile des Sonnenlichts zu. Der Lichtdesigner Rudolf Schricker hat mit solchen Lichtfarben gute Erfahrungen bei Demenzpatienten gemacht, denen das natürliche Zeitempfinden verloren gegangen ist. "Dadurch, dass am Abend die Lichtstimmung anders wird, werden Patienten nun müde, die vorher bis zur körperlichen Erschöpfung rastlos waren." Auch Flugzeughersteller experimentieren mit diesem Effekt: Durch wechselnde Lichtstimmungen lässt sich der Jetlag bekämpfen.

Wahrnehmungspsychologe Hecht ist sicher, dass die LED-Technologie den Umgang mit Farben in der Wohnung revolutioniert. Es gibt Beleuchtungssysteme auf dem Markt, mit denen man, je nach Stimmung, die passende Lichtfarbe auswählen kann: kühles Licht zum Arbeiten, rötliches Licht zum gemütlichen Beisammensein. Auch die Autoindustrie werde diesen Trend aufgreifen. Hecht schätzt, dass bald Lacke in Gebrauch sein werden, die wie ein Chamäleon die Farbe wechseln können. Wir lernen immer schneller, mit Farben zu kommunizieren.

Manchmal geht es dabei um Profanes. So haben Stifthersteller Lehrern schon empfohlen, Klausuren nicht mehr in Rot zu kommentieren, sondern in Violett oder Lavendel. Dann nähmen die Kinder die eigenen Fehler bereitwilliger wahr. Auch eine Art, mit Farben glücklich zu machen.

 
Leser-Kommentare
  1. ... – wenn ich jetzt Matthias Dell wäre, würde ich schreiben: "große" Helmut Käutner hat einmal gesagt: "Es fällt immer auf, wenn jemand über Dinge redet, die er versteht." Im Zusammenhang mit dem obigen "Text" erlaube ich mir den Hinweis, daß auch der Umkehrschluß etwas für sich hat.

    2 Leser-Empfehlungen
  2. "Soll ich mal so ein frisches Steingrau empfehlen?"

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    ... nicht violett geblümt ... ;-))

    "ein bläulichgrünes Braunrotgrau mit einem Schuß Gelb" ...

    ... nicht violett geblümt ... ;-))

    "ein bläulichgrünes Braunrotgrau mit einem Schuß Gelb" ...

  3. ... nicht violett geblümt ... ;-))

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    "Lila ist die Farbe der unverstandenen Ehefrauen"

    • FranL.
    • 05.04.2013 um 19:53 Uhr

    Führt ein geblümtes Muster nicht zu Gattinenmord?

    "Lila ist die Farbe der unverstandenen Ehefrauen"

    • FranL.
    • 05.04.2013 um 19:53 Uhr

    Führt ein geblümtes Muster nicht zu Gattinenmord?

  4. "Menschen können im Gegensatz zu Rindern Rot und Grün unterscheiden." Ein nicht unbeträchtlicher Anteil der Menschheit leidet unter Rot-Grün-Sehschwäche. Die meisten davon Männer. Mh.

  5. "Lila ist die Farbe der unverstandenen Ehefrauen"

    Antwort auf "hauptsache..."
  6. "ein bläulichgrünes Braunrotgrau mit einem Schuß Gelb" ...

    3 Leser-Empfehlungen
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    • Zooey
    • 05.04.2013 um 16:45 Uhr

    schilf, eierschale und mauve. mauve - ein blasses lila

    • Zooey
    • 05.04.2013 um 16:45 Uhr

    schilf, eierschale und mauve. mauve - ein blasses lila

    • Zooey
    • 05.04.2013 um 16:45 Uhr

    schilf, eierschale und mauve. mauve - ein blasses lila

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    Antwort auf "Lieber nach Loriot"
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    war auch nach Loriot - und ist laut Artikel immerhin indianische Glücksfarbe!
    Ansonsten hätte Herr Winkelmann ja auch noch mausgrau, aschgrau, zementgrau...

    war auch nach Loriot - und ist laut Artikel immerhin indianische Glücksfarbe!
    Ansonsten hätte Herr Winkelmann ja auch noch mausgrau, aschgrau, zementgrau...

  7. war auch nach Loriot - und ist laut Artikel immerhin indianische Glücksfarbe!
    Ansonsten hätte Herr Winkelmann ja auch noch mausgrau, aschgrau, zementgrau...

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    Antwort auf "Russisch grün,"

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