Journalismus : Endstation Frankfurt?

Die London-Korrespondentin der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" will vor Gericht klären lassen, ob sie wegen ihrer Haltung versetzt wird.

Selten werden Grundsatzstreits in Redaktionen publik – so wie jetzt bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vor dem Arbeitsgericht Frankfurt. Verhandelt wird dort über den Fall von Bettina Schulz, die für die FAZ aus London berichtet. Nun, nach 20 Jahren, soll sie zurück nach Frankfurt. Weil sie dafür bestraft werden solle, dass sie die Berichterstattung über die Finanzkrise intern kritisiert habe, sagt sie. Weil die FAZ sparen müsse und es das gute Recht von Redaktionen sei, Korrespondenten zurückzubeordern, sagt ihr Arbeitgeber.

Bettina Schulz will, dass ein Gericht darüber urteilt, wer recht hat. Sie hat ihren Arbeitgeber verklagt. Sämtliche Herausgeber der FAZ sollten als Zeugen vor Gericht erscheinen, so hatte es die Kammer beschlossen. Kommen müssen sie vorerst zwar nicht, aber vom Tisch ist das Thema damit nicht, wenn der Prozess am Dienstag weitergeht.

Worum geht es? Der für Wirtschaft zuständige Herausgeber Holger Steltzner warnt in seinen Kommentaren zum Euro vor zu viel gemeinsamer Haftung und zu eiliger Rettung. Die Europäische Zentralbank riskiert in seinen Augen durch ihre freiherzige Politik eine Geldschwemme und betreibt über Anleihekäufe eine Staatsfinanzierung, die ihr eigentlich verboten ist. Manche Redakteure sehen die Rettungspolitik positiver.

Auch Bettina Schulz teilt die Meinung ihres Chefs nicht. Wenn sie Kommentare mit abweichender Meinung vorgeschlagen habe, sei sie regelmäßig »abgeblitzt«, sagte sie bei der ersten Verhandlung Mitte Februar.

Damit habe sie sich abgefunden. Doch zuletzt sei auch die nachrichtliche Berichterstattung zunehmend auf die Meinung des Herausgebers eingeschränkt worden, behauptete sie weiter.

Anfang September eskalierte der Konflikt. Angesichts hoher Unsicherheit auf den Finanzmärkten hatte Mario Draghi, der Präsident der EZB, verkündet, sein Institut werde unbeschränkt Staatsanleihen von Krisenstaaten kaufen, um den Euro zu stabilisieren. Schulz störte sich daran, dass in der FAZ vor allem über die Kritik an dieser Entscheidung berichtet wurde. Am Morgen des 7. September bot sie per E-Mail an, die weitgehend positiven Reaktionen der Londoner Finanzwelt zu ergänzen.

Als keine Antwort kam, schrieb sie um 13.43 Uhr an Steltzner und an zwei leitende Wirtschaftsredakteure, dass sie es »bedenklich« finde, »wenn die sachliche Berichterstattung über die Reaktion der Marktteilnehmer außen vor bleiben muss«, wie vor Gericht aus ihrer E-Mail zitiert wurde.

48 Minuten später reagierte der Herausgeber. »Angesichts fortgesetzter, ungerechtfertigter Vorwürfe frage ich mich, ob Du ein grundsätzliches Problem mit Deinen Kollegen in Frankfurt hast«, schrieb er an Schulz, wie in der Gerichtsverhandlung auszugsweise zitiert wurde.

Am 10. September wehrte sich Schulz dagegen und trug allen Herausgebern in einer langen E-Mail ihre Kritik vor. »Sollte inhaltliche Blattkritik nicht erlaubt sein, ist dies nicht der richtige Arbeitgeber für mich«, heißt es darin. Mit Datum 13. September unterschrieben Vertreter der FAZ dann Schulz’ Versetzung nach Frankfurt zum 1. Januar.

War es eine Strafversetzung? Schulz meint ja. Als Indiz führt sie ins Feld, dass die Herausgeber ihren Entsendungsvertrag nach London im April 2012 um fünf Jahre verlängert hatten. Auch die zeitliche Nähe zwischen ihrer Kritik und der Versetzung legt ihre Interpretation nahe.

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Kommentare

6 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Man darf gespannt sein.

In einem Kammertermin vor dem Arbeitsgericht geht es nicht um die Qualität von Artikeln oder Kommentaren oder interne Gepflogenheiten der Redaktion. Frau Schulz wehrt sich in einem arbeitsgerichtlichen Verfahren gegen ihre Versetzung. Das Gericht hat nun zu entscheiden, ob die Versetzung wirksam ist oder nicht.
In der Tat wirft das Verhalten der Herausgeber einige Fragen auf. Man scheint sich auf Arbeitgeberseite nicht sonderlich sicher zu sein, ob man vor Gericht obsiegen kann (so sprechen Juristen gerne). Normale Menschen würden sagen: ob die damit durchkommen. Deshalb hat der Arbeitgeber nachgelegt und die Versetzung vorsorglich noch einmal neu ausgesprochen zum 1. Juli des Jahres.
Das Gericht entscheidet allerdings nur über die erste Versetzung zum 1. Januar, die in der Kosequenz jedoch keine Rolle mehr spielen wird. Frau Schulz sollte das Verfahren allerdings zu Ende bringen. Sollte sie Recht bekommen und festgestellt werden, dass die Versetzung unwirksam ist, werden zumindest fragwürdige Methoden des Umgangs im Hause FAZ mit unliebsamer - interner!!! - Kritik öffentlich. Frau Schulz ist dem Vernehmen nach ja nicht mit ihrer Meinung hausieren gegangen.
Interessant wäre auch, wie sich der Betriebsrat der FAZ in der Sache verhalten hat. Dieser musste ja vor der Versetzung angehört werden. Hat er zugestimmt oder die Zustimmung zur Versetzung verweigert? Und wenn ja wraum??? . . . Auch das könnte im Verfahren öffentlich werden. Man darf gespannt sein.