ResozialisierungDraußen neu starten

In einer Münchner Haftanstalt sollen Straftäter lernen, eine eigene Firma aufzubauen – und damit auch ihre Zukunft. von 

Die Hoffnung auf ein neues Leben balanciert Marcel Pollmann* auf beiden Knien. Aus kleinen, bunten Legosteinen hat er Bäume, Autos, Wege und eine Garage gebaut und auf eine Platte gesteckt. "Hier, das ist das Schweißer-Mobil." Er deutet auf einen blau-weißen Lego-Van. Wenn jemandem etwas an seinem Ofen kaputtgeht, kann er Pollmann anrufen. "Zack, bin ich da." Der Lego-Van ist seine Firma. Er möchte sich als Schweißer selbstständig machen. Wenn er dann draußen ist.

Seit September 2012 sitzt Pollmann in der Justizvollzugsanstalt (JVA) in München. Es ist das dritte Mal für ihn, "unerlaubter Drogenbesitz" steht in seinem Urteil. Im Herbst kommt er raus, dann möchte er neu anfangen, diesmal wirklich. Marcel Pollmann, braune Locken, jungenhaftes Gesicht, hat sich das in den 24 Jahren seines Lebens schon sehr häufig vorgenommen. Er ist vorsichtiger geworden. Heute sagt er nicht: "Ich mache alles anders", sondern: "Ich möchte alles besser machen." Es ist nur ein Vorsatz, aber nun könnte es vielleicht wirklich klappen. Dank des Legomodells. Das hat er in der letzten Woche abends in seiner Zelle gebaut. Tagsüber hat er versucht, seine Idee in Worte zu fassen, "nur ein Entwurf", sagt er, "noch nicht perfekt". Aber es wird, er ist zuversichtlich. Schließlich hat er noch ein halbes Jahr Zeit, an seiner Idee zu feilen. Das alles ist Teil eines Programms mit dem etwas pathetisch-sperrigen Namen "Leonhard – Unternehmertum für Gefangene". Pollmann ist dabei, zusammen mit zwölf anderen Insassen.

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Es ist nicht leicht für Menschen wie Pollmann, nach dem Gefängnisaufenthalt wieder in der Gesellschaft anzukommen, vor allem dauerhaft. In Deutschland liegt die Rückfallquote bei 33, im Jugendstrafrecht sogar bei rund 55 Prozent. Ein Teufelskreis, wie auch Pollmann ihn schon erlebt hat. Es gibt viele verschiedene Maßnahmen, die die Resozialisierung der Straftäter unterstützen und den Rückfall verhindern sollen, Therapien, Bildungsangebote, aber auch Anti-Gewalt-Training oder Schauspielunterricht. Hier in München geht man noch einen Schritt weiter: Die Strafgefangenen sollen während ihrer Haftzeit lernen, wie sie ihre eigene kleine Firma gründen können. Das soll ihnen helfen, sich nach der Entlassung in die Arbeitswelt außerhalb der Gefängnismauern einzufinden.

Es ist Ende Februar, in der Nacht hat es geschneit, auch am Morgen ist der Himmel noch wolkenverhangen. Pollmann kann ihn sehen vom Schulungsraum der JVA aus, auch wenn Gitterstäbe vor dem Fenster sind. Er sitzt etwas am Rand auf einer Bühne, mit seinem Modell auf den Knien. Er trägt die blaue Anstaltshose und einen grauen Sweater, auch an einem Tag wie diesem hat er keine große Auswahl vor dem Kleiderschrank. Er beobachtet, wie immer mehr Menschen durch die schwere Eisentür hereinkommen, ihre Mäntel ausziehen, fast andächtig den Raum durchschreiten, die hohen Decken und den Parkettboden bewundern. Viele sind das erste Mal hier. Gefängnis, das haben sie sich wohl anders vorgestellt.

Diese Menschen, die karierte Hemden und Tweedjacketts tragen, könnten Pollmann einmal helfen. Er möchte sie heute von seiner Idee überzeugen. Ob er es schaffen wird? Er ist aufgeregt. Eine erste Feuerprobe nennt auch Bernward Jopen, 70, das, was heute hier passieren soll. Jopen steht an der Tür, empfängt die Gäste. Er klopft Schultern, schüttelt Hände, nimmt Mäntel ab, kontrolliert, ob die Mohnschnecken und Brezeln auf dem richtigen Platz stehen, die Stühle in einer Reihe. Jopen strahlt die Entspanntheit eines Pferdezüchters aus, der seine Leidenschaft zum Beruf gemacht hat. Das Gesicht gebräunt, karierte Schirmmütze, weißes Hemd. Er freut sich auf den Tag.

Jopen ist heute so etwas wie der Gastgeber, auch wenn es natürlich nicht sein Gefängnis ist. 2011 startete er zusammen mit seiner Tochter ein erstes Pilotprojekt im Landsberger Gefängnis. "Leonhard" haben sie das Programm getauft. Leonhard, wie der heilige Leonhard, der Kämpfer für die Gefangenen. Der zweite Kurs fand schon in der Münchner JVA statt, Pollmanns ist der vierte, seit Januar läuft er. Bis zum Sommer wird Pollmann Seminare in "Unternehmensführung", "Wirtschaft und Steuern" oder auch "Rhetorik und Vertriebstraining" besuchen, Jopen ist dann auch sein Dozent. Am Ende bekommt er, wenn er alle Prüfungen schafft, ein staatlich anerkanntes Zertifikat. Möchte er dann zum Beispiel weiterstudieren, kann er sich seine Leonhard-Kurse anrechnen lassen. Pollmann hatte in der JVA ein Plakat gesehen: "Als (Ex-)Knacki keine Chance auf dem Arbeitsmarkt?" stand dort in Großbuchstaben. Er wollte endlich einen richtigen Job: "Ich hab keinen Bock mehr auf Ärger. Ich möchte etwas aus meinem Leben machen."

In Texas sanken die Rückfallquoten der Teilnehmer auf fünf Prozent

Die Idee, Straftätern beizubringen, wie sie ihre eigene Firma gründen, stammt nicht von Bernward Jopen direkt. Im amerikanischen Texas gibt es seit 2004 das Prison Entrepreneurship Program (PEP). An einem Sonntagvormittag vor drei Jahren las Jopen einen Artikel über PEP. Und das, was er las, klang ein bisschen verrückt, aber auch toll: Die Rückfallquoten der Kursteilnehmer konnten auf unter fünf Prozent gesenkt werden, im Gegensatz zu den durchschnittlichen knapp 30 Prozent in Texas. Jopen war damals noch Dozent an der Hochschule für Unternehmertum in München. Er brachte Studenten bei, wie sie ihr eigenes Unternehmen aufbauen können. Wie das bei Verbrechern funktionieren soll, konnte er sich nicht so richtig vorstellen. Unternehmensgründungen, Kreditaufnahmen, Kundenakquise, all das hat viel mit Vertrauen, Seriosität und Durchhaltevermögen zu tun, das weiß er aus seiner Erfahrung an der Hochschule und aus seiner Zeit als Unternehmer. Bevor er sein Wissen an Studenten weitergab, baute er verschiedene Firmen aus dem Bereich Telekommunikation und Maschinenbau auf. Neugierde, die Begeisterung, Ideen umzusetzen, mit ihnen etwas zu bewirken, vielleicht manchmal auch die Welt zu verbessern – das zeichnet Gründer aus. So einer ist Jopen. Das PEP faszinierte ihn, er wollte sich das mit eigenen Augen ansehen. Also flog er nach Texas.

Eine Woche lang ging er jeden Tag ins Gefängnis, beobachtete den Kurs. Es war sein erstes Mal im Knast, vor seiner Reise hatte er viel gelesen über Resozialisierung, Rückfallquoten und das Leben im Gefängnis. Gleich am ersten Tag mussten alle 80 Teilnehmer des Kurses zusammen den "Ententanz" vorführen – um die Stimmung aufzulockern. Auch Jopen hat mitgemacht. "Da stand ich neben muskelbepackten und tätowierten Verbrechern auf der Bühne und habe zu Popmusik mit dem Po gewackelt, das war der icebreaker", sagt er, auch für ihn. Er lacht. Am Ende wurde er von allen Teilnehmern umarmt, "80-mal". Seitdem hat ihn ein Gedanke nicht mehr losgelassen: Könnten wir das auch in Deutschland machen? Er möchte nicht falsch verstanden werden, wenn er sagt: "Wer zum Beispiel einen Einbruch plant, der muss kreativ sein, mutig und schnell, das sind grundsätzlich positive Eigenschaften, wenn sie in einem legalen Umfeld eingesetzt werden." Das sind alles auch Eigenschaften, die ein guter Gründer brauche, meint Jopen. Er glaubt an das, was in Pollmann steckt.

Der versetzt noch die letzten Legomännchen auf seiner Platte. Das ist eigentlich nicht notwendig, er hatte lange genug Zeit dafür in den vergangenen Wochen. Aber er möchte etwas mit seinen Händen machen, gegen die Aufregung. Vor fremden Menschen zu sprechen mochte er schon in der Schule nicht. Er hat sich auf diesen Tag gefreut, viel Aufmerksamkeit hat er in den letzten Monaten im Gefängnis nicht bekommen. Und diese Menschen sind für seine Zukunft wichtig, das weiß er. Da sind bayerische Unternehmer, die Pollmann in Sachen Selbstständigkeit beraten werden und sich gerade auf die Stühle fallen lassen. Oder auch Jurastudenten der Münchner Universität, die bei der Erstellung des Businessplans helfen und Internetrecherchen für ihn übernehmen. Viele dieser Menschen sind Freunde, Bekannte und ehemalige Kollegen von Jopen, der nun auf der Bühne steht und sagt: "Seien Sie kritisch, aber nicht zu streng."

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  • Schlagworte Gefängnis | Häftlinge | Strafvollzug | Beruf | Resozialisierung
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