MartensteinÜber Medienirrtümer und alberne Bezeichnungen

Harald Martenstein macht inhaltliche Fehler und landet deshalb bei bildblog.de. Jetzt hofft er inständig: Bitte lass meinen Spitznamen nicht "Franz Josef" sein! von 

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen  |  © Nicole Sturz

Die Redaktion möchte, dass ich einen Fehler korrigiere. Ich mag das nicht, aber gut. Pro Jahr schreibe ich rund 150 Texte, das geht zack, zack, wumm, wumm, und ich bin nicht mehr der Jüngste. Wenn ich morgens zum Schreiben aufstehe, hört man noch drei Häuser weiter das Knacken der Knochen. Das Positivste, was ich über meine Gesundheit sagen kann: Ich hatte heute noch kein Fieber. Klar, ich könnte weniger schreiben. Ich schreibe aus dem gleichen Grund weiter, aus dem Clint Eastwood weiter Filme macht. Wenn wir aufhören, sterben wir sowieso, da können wir genauso gut weitermachen.

In drei bis vier Kolumnen pro Jahr sind sachliche Fehler enthalten. Das ist eine verdammt gute Quote. Was Fakten angeht, bin ich immer noch besser als die Encyclopædia Britannica, die in der Druckausgabe den Geburtsnamen von Bill Clinton falsch geschrieben hat. Vor ein paar Wochen habe ich angedeutet, Klaus Wowereit und Guido Westerwelle seien in der Schule sitzen geblieben. Das hatte ich in ungefähr einem Dutzend Quellen gelesen, es stimmt trotzdem nicht. Manchmal spare ich mir halt den letzten Waschgang und lese stattdessen in den Invektiven von Catull.

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Der neue Papst heißt übrigens nicht Franziskus I., nein, er heißt einfach "Franziskus". Der Neue könnte so lange, bis ein Franziskus II. auftaucht, höchstens "Franziskus der Einzige" heißen. Franziskus ist Südamerikaner. Im Zusammenhang mit der Papstwahl wurde gemeldet, dass alle bisherigen Päpste Europäer gewesen seien. Hier eine unvollständige Liste der Medien, die behauptet haben, Franziskus sei der erste nichteuropäische Papst: Welt, Hamburger Abendblatt, Stuttgarter Nachrichten, Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Rundschau, n-tv, AFP, Evangelischer Pressedienst. Dabei liegt das Pontifikat des Syrers Gregor III. gerade mal 1272 Jahre zurück. Insgesamt hat es acht asiatische und zwei afrikanische Päpste gegeben. Sogar Jesus, der Chef persönlich, ist, als in Palästina geborener Jude, kein Europäer gewesen.

Solche Informationen über Medienirrtümer findet man auf bildblog.de, einer meiner Lieblingsseiten im Netz. Sehr informativ ist das Bild-Wörterbuch auf bildblog.de. Dort wird aufgelistet, unter welchen Invektiven bekannte Menschen, Menschengruppen oder Körperteile in der Bild-Zeitung geführt werden. Mir war bekannt, dass Griechen in Bild immer als "die Pleite-Griechen" auftauchen, außer sie spielen Fußball, dann sind sie "Gyros-Bomber". Dass der Sportchef der Reifenfirma Michelin, wegen eines Irrtums während eines Autorennens, in Bild konsequent unter "der Reifen-Depp" geführt wird, war mir ebenso neu wie die Schreibweise "Pete Drogerty" für den Musiker Pete Doherty. Am kreativsten scheint Bild bei der Findung von Bezeichnungen für die weibliche Brust zu sein, da wechseln sich "Bojen", "Hupen" und "Zuckertüten" offenbar in schöner Regelmäßigkeit ab, während für das männliche Glied bei Bild nur zwei Spitznamen aktenkundig sind, nämlich "Kurti" (im Falle des Schauspielers Kurt Russell) und "Schniedel-Woods" (gemünzt auf den Golf-Titanen Tiger Woods).

Mit meinem Westerwelle-Irrtum bin ich nun, nicht ganz zu Unrecht, selber Gegenstand der Bildblog-Berichterstattung geworden. Und sie haben mir tatsächlich, ganz im Stil von Bild, einen Spitznamen gegeben. Ich bin "der Franz Josef Wagner der ZEIT". Wagner ist Kolumnist von Bild. Und Jesus ist der Berthold Beitz der Kirche, oder? Falls im Bildblog jemals Benennungen meiner Körperteile notwendig sein sollten, nehmt wenigstens nicht "Franz Josef".

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

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Leserkommentare
  1. und weniger selbstgerechte Richtigstellung hätte eigentlich gereicht.

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    Eigenlob stinkt und dann noch Werbung für die eigenen Satire"seminare". Sehr wissenschaftlich können die nicht sein bei der gezeigten Kritikunfähigkeit und Unbeherrschtheit.

  2. Die Hälfte vom BildBLOG ist berechtigte Kritik an schlampiger, fahrlässiger oder gar bösartiger journalistischer Arbeit.
    Die andere Hälfte allerdings drückt in erster Linie die Einstellungen "Wir müssen mal wieder was posten", "Wir sind schlauer als die anderen" und "Warum haben die mich nicht gefragt? Ich hätte das gewusst."
    Vor allem letzteres ist dermaßen Ausdruck von Web 2.0, dass man sich darüber nicht ernsthaft aufregen kann.
    Aber ein wenig Bloß-stellen ist, schon der Netzhygiene halber, sicherlich erlaubt und erwünscht.
    Jedenfalls von mir.

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    dass es nicht wirklich um eine unmissverständliche Richtigstellung ging.

    Auch wenn der Autor selbst "Sitzen bleiben" gut findet und sich dafür einsetzt, es beizubehalten, sind andere vielleicht weniger begeistert, wenn sie mit solchen Details aus ihrem Privatleben für scherzhafte Kolumnen herhalten müssen, zumal wenn sie dann nicht stimmen.
    Auch wenn viele gerade das gerne lesen: ein bisschen weniger Ichbezogenheit ab und zu würde mir besser gefallen.

    • Twipsy
    • 04. April 2013 13:33 Uhr

    wenns so sehr knackt, dann nehmen Sie sich doch ein Beispiel an Heinrich Heine und bleiben beim Schreiben im Bett.

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  3. Ja, ich gestehe, auch ich bin ein Schweinchen aus der Herde der ZEIT-Online-Kritikaster - und es macht mir eine diebische Freude (so ungefähr 8 Sekunden lang), einen klitzekleinen Fehler aufzuspüren und gnadenlos zu brandmarken (auch wenn ich Ihnen, lieber Autor, diesen Lapsus in der Regel nicht mitteile). Jetzt haben Sie mich aber provoziert - drum sei's. Wie immer geht es bei alten Römern und Päpsten besonders akribisch zu - es muß also heißen: "DER Pontifikat des Syrers" - schließlich kommt es von "pontificatus" (m.), dem Amt des (leider ausschließlich männlichen) Brückenbauers (die Päpstin Johanna war leider keine papissa, sondern eine kirchenhistorische Chimäre). Und das hängt mit der u-Deklination zusammen: Der (nicht: das) Senat, der (nicht: das) Primat usw.usf. Gräßlich, ich weiß - aber die Philologen sind nun mal so. Selbst dem Halbgott Bastian Sick mußte ich mal "das" Genius maskulinieren - er hat wohl an das Genus gedacht. Denn auch der Geist ist bei den Catull-Genossen (bitte, den haben Sie erwähnt!) vorderhand männlich.
    Überhaupt nicht verständlich ist aber, weswegen Sie einen (meinetwegen markanten) Körperteil nicht "Franz Josef" bezeichnet sehen wollen. Der alte Kaiser Franz Joseph (jaja, der Blutsäufer mit der Sisi) hat jedesmal, wenn er diesem membrum eine Mizzi gönnte, anschließend gesagt, und zwar stereotyp: "Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut". Und was könnte man Schöneres über eine Kolumne und ihren Kolumnisten sagen?!

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    Ich liebe Sprachfanatiker wie Sie!

    Wenn ich meine äußerst rudimentären Kenntnisse der lateinischen Sprache richtig rekapituliere, enthält die u-Deklination auch feminine Wörter (wie manus oder domus). Vielleicht heißt es also eigentlich die Pontifikat und es liegt bloß an einem Übersetzungsfehler, daß es keine Päpstin gibt?

  4. Dann kann das BildBlog ja gleich weitermachen.

    Jesus war nie Papst. Der Papst sitzt schließlich auf dem Stuhle Petri und ist in offizieller Schreibung Nachfolger des Apostels Petrus.

    ;-)

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    Hey, Mitforist, genauer lesen - das, was Sie herausfiltern, hat Martenstein gar nicht geschrieben!

    • Daran
    • 04. April 2013 13:42 Uhr

    Ich kann Herrn Martenstein nur gratulieren. Selbst in seinem methusalemischen Alter stellt er Optimierungspotential an seiner Arbeit fest. Welchen, wenn nicht das Streben nach Perfektion, ist das beste Argument, immer weiter zu machen?

    Ich möchte meinen Teil dazu beitragen, dass auch dieser altgediente Journalist nicht auf der Stelle stehen bleibt. Auf dieser spziellen Seite hier kann man sämtliche Päpste einsehen. Übrigens, mit Herkunft!
    http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_P%C3%A4pste

  5. Als jemand, der in der Schule kein Latein hatte, erschließen sich die "Invektiven von Catull" erst nach Hinzuziehung des weltweiten Mitmachlexikons. Oder halt! Das ist doch journalistische Selbstkritik! Catull ist eben nicht nur römischer Dichter, sondern auch seit 1999 die Schriftart des Google-Logos! Und was lässt sich mit Google denn trefflicheres finden als Schmähungen? "In den Invektiven von Catull lesen" bekommt dann eine ganz neue Bedeutung, nämlich "Mea culpa. Ich war zu faul und hab mich auf die ersten drei Ergebnisse bei Google verlassen...". So muss Medienselbstkritik heute aussehen. Chapeau!

    6 Leserempfehlungen
  6. Ach der Niggemeier und seine Lakaien führen doch vor allem nur noch Privatfehden und sind mit Dschungelcamp gucken beschäftigt. Irgendwas muss Martenstein mal richtig getroffen haben, sosnt wären die da nicht so vernarrt darauf einen Fehler bei ihm zu finden.
    Fängt meistens damit an, dass Niggemeier jemanden persönlich nicht mag, ihn dann sehr persönlich in seinem Blog angreift und kurz danach gibts zufällig auf BILDblog Beiträge über angebliche Fehler dieser Person.

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