Hitler-Tagebücher"Der Führer wird immer mitteilsamer"

Vor 30 Jahren druckte der "stern" Hitlers vermeintliche Tagebücher. Zu den Verantwortlichen zählte Felix Schmidt, einer der drei Chefredakteure. Kurz nachdem die Fälschung aufflog, schrieb er auf, wie es zum größten deutschen Medienskandal kam. Wir veröffentlichen sein "Tagebuch der Tagebücher" von Felix Schmidt

Hitler-Tagebücher Stern Pressekonferenz

Pressekonferenz am 25. April 1983: In Hamburg präsentiert Stern-Reporter Gerd Heidemann die vermeintlichen Hitler-Tagebücher.  |  © Cornelia Gus/dpa

Es ist der 13. Mai 1981: Ich bin seit etwa vier Monaten Chefredakteur des sterns – einer von dreien –, als ich meinem Sekretariat den Auftrag gebe, Gerd Heidemann, Redakteur im Ressort Zeitgeschichte, innerhalb einer Stunde herbeizuschaffen. Heidemann, ein Mann, der selten in der Redaktion anzutreffen ist, wochenlang ohne Angabe von Reiseziel und Adresse verschwindet, kann aber wieder einmal nicht gefunden werden.

Heidemann soll eine Recherche im Ausland übernehmen, die im Zusammenhang mit dem Attentat auf Papst Johannes Paul II. steht. Schließlich hat Heidemann den Ruf, einer der findigsten, zähesten Rechercheure des sterns zu sein. Henri Nannen hat ihn einmal "den besten Spürhund des sterns" genannt.

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Ich bitte auch Heidemanns Ressortleiter Dr. Thomas Walde, nach dem Kollegen zu fahnden. Statt Heidemann kommt ein Anruf von Jan Hensmann, dem stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden des Verlagshauses Gruner + Jahr, in dem der stern erscheint. Hensmann, ein stiller Friese, der den Zeitschriftenbereich des Verlages leitet, ruft aber nicht mich, sondern meinen Chefredakteurs-Kollegen Peter Koch an und bittet ihn in sein Büro in den neunten Stock des Verlagshauses. Wenig später werden auch die anderen beiden Chefredakteure, Rolf Gillhausen und ich, zu Hensmann beordert.

In Hensmanns Büro sitzen der stellvertretende stern-Verlagsleiter Wilfried Sorge, Koch und Hensmann; vor ihnen auf dem Couchtisch liegen eine Reihe von schwarzen DIN-A4-Heften, etwa sechs bis neun. In einer ungewöhnlich feierlichen Tonlage erklärt Koch: Herr Hensmann habe ihm soeben mitgeteilt, daß Gruner + Jahr in den Besitz von "Tagebüchern Adolf Hitlers" gekommen sei. Koch: "Da auf dem Tisch liegen sie." Gillhausen und ich blättern in einigen Kladden, begutachten die Handschrift, fragen nach der Echtheit der Dokumente, da das, was wir in Händen halten, Fotokopien sind. "An der Echtheit besteht kein Zweifel", lautet die Antwort Hensmanns sinngemäß, "aber dennoch werden wir natürlich nach und nach Gutachten einholen." Die Chefredaktion bittet bereits bei diesem Gespräch, eine genaue und umfangreiche Überprüfung des Materials in die Wege zu leiten. Hensmann, Sorge und Walde wollen dies in die Hand nehmen.

Für mich steht außer Frage, daß der gesuchte Reporter Heidemann, der seit Jahren in der Nazizeit herumschnüffelt und gut Freund mit ehemaligen SS-Offizieren ist, mit denen er sich regelmäßig auf der von ihm erworbenen Göring-Jacht Carin II trifft, der Beschaffer der Hitler-Tagebücher ist.

Hensmann und Sorge bestätigen den Sachverhalt und bitten um Verständnis, daß Heidemann für die Chefredaktion nicht zur Verfügung stehe, weil er die "Hitler-Kladden" sicherstellen müsse. "Wo denn?" will ich wissen. Darüber könne nichts gesagt werden. Nur soviel: Die Spur führe in die DDR.

Mit Sicherheit wären die drei Chefredakteure zu diesem Zeitpunkt noch nicht in die "geheime Führersache" eingeweiht worden, wenn ich dem Ressortleiter Walde nicht gedroht hätte, ihn wegen der permanenten Abwesenheit Heidemanns abzumahnen.

Walde, seit vielen Jahren in wechselnden Positionen beim stern und als Fachmann für Geheimdienste ausgewiesen, hatte daraufhin seinen Freund Sorge alarmiert und der wiederum Hensmann. So kommt es – gezwungenermaßen – zur Bekenntnisstunde in Hensmanns Büro.

Der Autor

Felix Schmidt war von 1980 bis 1983 einer von drei stern-Chefredakteuren. Nach dem Tagebuch-Skandal trat er zurück. Wochen später schrieb er auf Anregung des damaligen ZEIT-Chefredakteurs Theo Sommer eine Chronik der Ereignisse. 30 Jahre lang ließ Schmidt sein Manuskript, das wir hier gekürzt dokumentieren, unberührt. Als er es nun wieder las, war er erschüttert, wie »Geheimhaltungswahn und unzulässige Mystifikation« die Vernunft außer Kraft gesetzt hätten – »man hätte am Verlagshaus ein Schild mit der Aufschrift ›Hochexplosiv – Betreten verboten‹ anbringen müssen.« Sich selbst bezichtigt er der »unverzeihlichen Mutlosigkeit gegenüber dem mächtigen Vorstandsvorsitzenden«.

Die Fälschung

Mit Qual erinnert sich Schmidt an eine Konferenz, Stunden bevor die Fälschung offenbar wurde. Da verkündete er: »Ich war nie sicherer als jetzt, dass die Tagebücher echt sind.« Heute sagt er: »Ich werde ein Leben lang den Kopf einziehen, wenn ich an meine Worte denke.« In Wahrheit hatte er kein gutes Gefühl. Kurz vor Druck vertraute er sich seinem Freund Thomas Schröder vom FAZ-Magazin an, der seine aufkommenden Zweifel verstärkte. »Wenn wir einer Fälschung aufgesessen sind«, sagte Schmidt zu Schröder, »ist die tiefste Stelle der Alster nicht tief genug, um uns aufzunehmen.«

Schmidt wurde später Autor für das FAZ-Magazin, die Welt am Sonntag und Arte. Er war Geschäftsführer mehrerer TV-Firmen des Holtzbrinck-Konzerns, in dem auch die ZEIT erscheint. Heute lebt Schmidt, 78, in Hamburg und Südfrankreich.

Zurück vom neunten Stock, gibt es in Kochs Zimmer zwischen uns drei Chefredakteuren eine teilweise heftige Diskussion. Ich vertrete den Standpunkt, es sei doch ein ganz und gar unmögliches Verfahren, daß Redakteure an der Chefredaktion vorbei, direkt mit dem Vorstand des Verlags über Stoffe verhandeln. Gillhausen bekräftigt meine Meinung, während Koch lapidar erklärt: "Wenn die Sache für den stern ein Erfolg wird, dann ist es doch gleichgültig, wie wir dazu gekommen sind." Im übrigen könnten wir unsere Bedenken in dieser Hinsicht dem Vorstandsvorsitzenden Dr. Manfred Fischer vorbringen, mit dem ein Gespräch für die nächsten Tage angekündigt ist. Ich fühle mich in die kollegiale Pflicht genommen und will mich außerdem nicht dem Argument verschließen, der Vorstandsvorsitzende und sein Stellvertreter hätten sich sicher nicht fahrlässig zum Ankauf der Tagebücher entschlossen. Koch: "Wenn die bereit sind, viel Geld für etwas Derartiges auszugeben, dann werden sie sich ja die Sache reiflich überlegt haben."

Leserkommentare
    • ascola
    • 12. April 2013 12:29 Uhr

    Aus heutiger Sicht frappiert am meisten, dass sich die damalige Stern-Männer-Clique dazu verstieg, angeblichen Tagebucheinträgen, wonach Hitler von der Judenvernichtung nichts gewusst haben soll, Glauben zu schenken. Das ganze Stern-Projekt ist nebenher ein geschichtsrevisionistischer Großversuch gewesen.

    Das Übergehen erst intern der (Chef-)Redaktion, dann ausgewiesener Historiker passt dazu. Der Dilettantismus ist haarsträubend, mit dem stattdessen drittklassige Leute jahrelang im Auftrag des Hauses auf eigene Faust letztlich überprüften, ob die angeblichen Tagebücher tatsächlich das gleiche enthielten wie besagte Publikation von Max Domarus, was diese Leute dann anscheinend als Echtheitsbeweis werteten. Somit hätte der Führer seine eigenen Reden etc. in seine Tagebücher übertragen. Das verschwiegen aber Ressortleiter Walde und sein Kollege (wie war Walde je Ressortleiter Zeitgeschichte geworden, wie - ist ja ein Thema heutzutage - zu seinem Doktortitel gekommen?). Andernfalls, so muss die Logik gewesen sein, wäre aufgefallen, dass die Tagebücher nicht komplett den Neuigkeitswert hätten, mit dem sie verkauft werden sollten. Glaubten die denn, das würde auch nach der Publikation geheim bleiben?

    Die Beauftragung zweier ausländischer Historiker ist von gleicher Machart gewesen: ihnen gab man zum Vergleich Material aus der selben Quelle, deren Identität mit den fraglichen Tagebuch-Handschriften sie dann, welch Überraschung, wunschgemäß fest stellten.

  1. Wie schön, wenn der „größte deutsche Medienskandal“ der „letzte Sieg“ Hitlers wäre! Folgt man Harald Welzer, könnte der ZEIT-Titel fast stimmen: „Ich bin mir sicher, dass Hitler immer unwichtiger werden wird für die Erinnerungskultur. Da haben wir das Schlimmste hinter uns.“ Folgt man Volker Ullrich, war das Stern-Debakel keineswegs „Hitlers letzter Sieg“. Allerdings nicht nur wegen Kujaus „Nähkästchen-Weisheit“: „…, wenn nur der Name Hitler fällt,…“ ist das „wie Rauschgift für einen Süchtigen“. Nicht Hitler oder gar sein Name nur macht uns zu Süchtigen. Die Sucht steckt in uns. Und wir entscheiden mit, welch Rauschgift sie befriedigen soll. Deshalb „müssen wir auf weitere Überraschungen gefasst sein“ (Volker Ullrich). Die aber werden weder nur Hitlers noch seine ‚letzten Siege‘ sein.

    Denn was ist jener lächerliche „Sieg Hitlers“ über menschliche Verführbarkeit unter Ausschaltung aller vernünftigen Hemmschwellen (aus dem übrigens alle „Besiegten“ letztlich recht erfolgreich hervorgegangen sind) gegen jene „Siege“, die Hitler bis heute erringt – nahezu bruchlos mit seinen ehemaligen Gefolgsleuten zunächst im Dienst der Besatzungsmächte (z.B. über die „Organisation Gehlen“, Vorläufer und Vorbild für unsere Geheimdienste seit 1946), dann in Staat und Gesellschaft einer Republik (deren autoritäre „Demokratie“ ein wunderbar geeignetes Deckmäntelchen war) und schließlich mit all seinen Nachfolgern im Geist – gewiss nicht nur in der NSU?

    Eckhard Heumann, Göttingen

  2. nur so wenige Leser findet. Erstens ist die Geschichte ohnehin ein Krimi, zweitens markierten die Hitlertagebücher das Ende der Illusion meiner Elterngeneration (im 3. Reich Kinder), nämlich sowieso und mit etwas Nachhilfe der 68er den Faschismus besiegt zu haben und drittens ging's ab da bergab.

    Es war schon '82 im Strauß-Wahlkampf das Boot voll gewesen, man fing an, Schlußstrichdebatten zu führen, das Ende der Nachkriegsordnung für fällig zu halten und Mittelstreckenraketen zu installieren, Dregger rubelte die Wehrmacht zum Verteidiger gegen den Kommunismus um, Reagan und Kohl standen in Bitburg an US- und Waffen-SS-Gräbern, man verweigerte sich hartnäckig der Realität, Einwanderungsland zu sein, mit der Wende wurden die Töne schriller national und dann brannten auch schon Asylbewerberheime.

    Beifällig nicken mußte ich beim Kommentar von Georg Fühlbert http://de.wikipedia.org/w... 'Posse mit Untergrund' https://www.freitag.de/au...

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    Immerhin - die ganze Geschichte stand auch als Dossier in der Print-ZEIT, wo sie sicher eine größere Leserschaft gefunden hat.

  3. Die Antwort ist einfach. Gier frisst Hirn gepaart mit nationalsozialistischen Grundeinstellungen eines Teils der Beteiligten.

  4. Schon lustig wie der Schmidt Felix sich immer wieder ins rechte Licht zu setzten sucht, weil ja die Sache vom Vorstand an ihm vorbei inszeniert wurde und er ja eigentlich fast voellig unschuldig ist und gar nix dafuer kann aber als guter Kammerad dann doch mit dem anderen Chefredakteur zurueckgetreten ist, weil das gehoert sich einfach so. Geschichtsklitterung nennt man sowas.

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    Ja, dies war auch mein erster Gedanke.

    • Zohram
    • 25. April 2013 12:58 Uhr

    So spannend und interessant das ganze Projekt nach wie vor ist, so schade ist es, dass die wichtigsten Fragen nach wie vor unbeantwortet bleiben. Nach wie vor alles auf den angeblichen Nazisympathisanten Heidemann abzuwälzen, ist viel zu einfach. Dass der ehemalige Vorzeige-Reporter des Stern gerade in dieser Rolle nur benutzt worden ist, sollte doch wenigstens in Betracht gezogen werden. Das spricht ihn natürlich nicht von der Verantwortung frei, wirft jedoch weitere Fragen auf.
    »Geheimhaltungswahn und unzulässige Mystifikation« sind eine hübsche Beschreibung für die Prozesse, die da im Inneren abgelaufen sein mögen, aber keine gute Entschuldigung.
    Zur Verantwortung gezogen wurden nur ein schlechter Fälscher, der innerhalb kürzester Zeit aus eigenem Antrieb unzählige Tagebücher gefälscht haben soll und ein enthusiastischer Reporter, der sich vom Wahn hat anstecken lassen.
    Immer weiter so!

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  5. Am 28. April 1983 begann im Stern eine Serie mit dem Titel „Hitlers Tagebücher entdeckt.“ Am selben Tag begann dann auch ein heftiger Streit in meiner Familie, denn nach der Lektüre des Artikels sagte ich zu meiner Frau: „Ich bin der Überzeugung, dass keine Tagebücher des „Führers“ existieren.“ Viele Argumente und Gegenargumente „belebten“ unsere Diskussionen, bis ich dann schließlich entnervt aufgab, aber immer noch mit der Überzeugung: „Es gibt keine Tagebücher…“

    Genugtuung blieb mir dann später, aber eine Anerkennung meiner streitbaren Diskutanten erfuhr ich nicht. (Schade, aber auch nicht so wichtig.)

    Für den „Stern“ war es ein rasanter Anstieg der Auflage um ca. 400.000 Exemplare verbunden mit einer Preiserhöhung von fünfzig Pfennige je Exemplar bei einer Auflage von damals 2, 2 Millionen! Das Magazin „Stern“ kostete 3,50DM

    Für alle Historiker war die Verirrung des Stern sicherlich auch eine Erleichterung, denn die vollmundige Erklärung des damaligen Chefredakteurs Peter Koch, Zitat: „Die Geschichte des Dritten Reiches muss teilweise umgeschrieben werden.“ wurde nicht Realität.

    Einerseits,anschließend ein tiefer Sturz für den „Stern“, andererseits hoffentlich ein Lehrstück für die schreibende Zunft, verantwortungsvoll und
    gründlich zu recherchieren.

    B.B.

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    • mick08
    • 25. April 2013 18:51 Uhr

    hat der Stern nicht gelernt, wenn es um Hitler geht. Mein Beispiel war das von Dalai Lama Artikel in Ausgabe Nr. 32, 30.07.2009.

    Kostproben:

    »Der tibetische Hofstaat pflegte einst enge Verbindungen zum NS-Regime. SS-Expeditionen wurden in Lhasa mit allen Ehrenbezeigungen empfangen.«

    Tatsache ist jedoch, dass nur EINE einzige deutsche wissenschaftliche Expedition bestehend aus fünf Mitgliedern nach Tibet reiste (Ernst Schäfer Tibetexpedition).

    Zu der Zeit war der Dalai Lama 3 Jahre alt und noch gar nicht in Lhasa angekommen. Trotzdem erwartete der STERN eine Distanzierung vom Dalai Lama und tischt als nächste Nazi Verbindung Heinrich Harrer auf (was auch erst 1997 rauskam).

    Dem STERN geht es eben wohl doch eher um Auflage und nicht um seriöse Arbeit. Und wenn sich die Auflage mit nicht seriöser Arbeit steigern lässt, dann bleibt die Qualität halt liegen.

  6. Immerhin - die ganze Geschichte stand auch als Dossier in der Print-ZEIT, wo sie sicher eine größere Leserschaft gefunden hat.

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