Es ist der 13. Mai 1981: Ich bin seit etwa vier Monaten Chefredakteur des sterns – einer von dreien –, als ich meinem Sekretariat den Auftrag gebe, Gerd Heidemann, Redakteur im Ressort Zeitgeschichte, innerhalb einer Stunde herbeizuschaffen. Heidemann, ein Mann, der selten in der Redaktion anzutreffen ist, wochenlang ohne Angabe von Reiseziel und Adresse verschwindet, kann aber wieder einmal nicht gefunden werden.

Heidemann soll eine Recherche im Ausland übernehmen, die im Zusammenhang mit dem Attentat auf Papst Johannes Paul II. steht. Schließlich hat Heidemann den Ruf, einer der findigsten, zähesten Rechercheure des sterns zu sein. Henri Nannen hat ihn einmal "den besten Spürhund des sterns" genannt.

Ich bitte auch Heidemanns Ressortleiter Dr. Thomas Walde, nach dem Kollegen zu fahnden. Statt Heidemann kommt ein Anruf von Jan Hensmann, dem stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden des Verlagshauses Gruner + Jahr, in dem der stern erscheint. Hensmann, ein stiller Friese, der den Zeitschriftenbereich des Verlages leitet, ruft aber nicht mich, sondern meinen Chefredakteurs-Kollegen Peter Koch an und bittet ihn in sein Büro in den neunten Stock des Verlagshauses. Wenig später werden auch die anderen beiden Chefredakteure, Rolf Gillhausen und ich, zu Hensmann beordert.

In Hensmanns Büro sitzen der stellvertretende stern-Verlagsleiter Wilfried Sorge, Koch und Hensmann; vor ihnen auf dem Couchtisch liegen eine Reihe von schwarzen DIN-A4-Heften, etwa sechs bis neun. In einer ungewöhnlich feierlichen Tonlage erklärt Koch: Herr Hensmann habe ihm soeben mitgeteilt, daß Gruner + Jahr in den Besitz von "Tagebüchern Adolf Hitlers" gekommen sei. Koch: "Da auf dem Tisch liegen sie." Gillhausen und ich blättern in einigen Kladden, begutachten die Handschrift, fragen nach der Echtheit der Dokumente, da das, was wir in Händen halten, Fotokopien sind. "An der Echtheit besteht kein Zweifel", lautet die Antwort Hensmanns sinngemäß, "aber dennoch werden wir natürlich nach und nach Gutachten einholen." Die Chefredaktion bittet bereits bei diesem Gespräch, eine genaue und umfangreiche Überprüfung des Materials in die Wege zu leiten. Hensmann, Sorge und Walde wollen dies in die Hand nehmen.

Für mich steht außer Frage, daß der gesuchte Reporter Heidemann, der seit Jahren in der Nazizeit herumschnüffelt und gut Freund mit ehemaligen SS-Offizieren ist, mit denen er sich regelmäßig auf der von ihm erworbenen Göring-Jacht Carin II trifft, der Beschaffer der Hitler-Tagebücher ist.

Hensmann und Sorge bestätigen den Sachverhalt und bitten um Verständnis, daß Heidemann für die Chefredaktion nicht zur Verfügung stehe, weil er die "Hitler-Kladden" sicherstellen müsse. "Wo denn?" will ich wissen. Darüber könne nichts gesagt werden. Nur soviel: Die Spur führe in die DDR.

Mit Sicherheit wären die drei Chefredakteure zu diesem Zeitpunkt noch nicht in die "geheime Führersache" eingeweiht worden, wenn ich dem Ressortleiter Walde nicht gedroht hätte, ihn wegen der permanenten Abwesenheit Heidemanns abzumahnen.

Walde, seit vielen Jahren in wechselnden Positionen beim stern und als Fachmann für Geheimdienste ausgewiesen, hatte daraufhin seinen Freund Sorge alarmiert und der wiederum Hensmann. So kommt es – gezwungenermaßen – zur Bekenntnisstunde in Hensmanns Büro.

Zurück vom neunten Stock, gibt es in Kochs Zimmer zwischen uns drei Chefredakteuren eine teilweise heftige Diskussion. Ich vertrete den Standpunkt, es sei doch ein ganz und gar unmögliches Verfahren, daß Redakteure an der Chefredaktion vorbei, direkt mit dem Vorstand des Verlags über Stoffe verhandeln. Gillhausen bekräftigt meine Meinung, während Koch lapidar erklärt: "Wenn die Sache für den stern ein Erfolg wird, dann ist es doch gleichgültig, wie wir dazu gekommen sind." Im übrigen könnten wir unsere Bedenken in dieser Hinsicht dem Vorstandsvorsitzenden Dr. Manfred Fischer vorbringen, mit dem ein Gespräch für die nächsten Tage angekündigt ist. Ich fühle mich in die kollegiale Pflicht genommen und will mich außerdem nicht dem Argument verschließen, der Vorstandsvorsitzende und sein Stellvertreter hätten sich sicher nicht fahrlässig zum Ankauf der Tagebücher entschlossen. Koch: "Wenn die bereit sind, viel Geld für etwas Derartiges auszugeben, dann werden sie sich ja die Sache reiflich überlegt haben."