Hotel in LondonSpieglein, Spieglein an der Bar

Kalter Glanz am Piccadilly Circus: David Chipperfield hat aus dem legendären Café Royal in London ein Luxusquartier gemacht. von 

Marmorlandschaft im Bad

Marmorlandschaft im Bad  |  ©Amit Geron

Der Weg von der Rezeption zum Zimmer gleicht einem Verwirrspiel. Erst ungeduldig, dann amüsiert durchschreitet man einen endlos wirkenden Gang. Ein anderer Gang zweigt plötzlich ab. Er scheint nicht kürzer zu sein. Und so geht es weiter, immer in unvorhersehbaren Kehren. Als man schließlich vor der richtigen Nummer steht, hat man vier Abbiegungen hinter sich und komplett die Orientierung verloren. Das Zimmer liegt an einer Art Gabelung, an der zwei Flure in einem dermaßen spitzen Winkel aufeinander zulaufen, dass es aussieht, als sei der eine nur eine Spiegelung des anderen. Anstelle des Zimmerschlüssels kramt man die Kamera aus der Tasche.

Auf genau diesen Effekt wird David Chipperfield es angelegt haben, als er den Parcours zu den 159 Zimmern des Hotels Café Royal entworfen hat. Der Londoner Architekt gilt spätestens seit seiner Restaurierung des Berliner Neuen Museums als Meister im sensiblen Umgang mit historischer Struktur. Nun engagagierte man ihn, um einen geschichtsträchtigen Ort am Piccadilly Circus zum Luxushotel umzuwidmen.

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Anfänglich war es wirklich nur ein Café mit Bar und Küche, eröffnet 1865 vom eingewanderten französischen Weinhändler Daniel Thévenon. Er wollte seinen Landsleuten im britischen Exil ein wenig Heimatgefühl bieten. Doch die elegante Atmosphäre und der gute Wein zogen bald auch die britische Gesellschaft an. Das Café Royal wuchs um einige Räume – und mit ihm sein Ruf. Berühmte Gäste von George Bernard Shaw über Virginia Woolf bis Mick Jagger aßen, tranken und feierten hier. Sie alle saßen im Grill Room, wie das Kernstück des Hauses heißt. Der rustikale Name täuscht: Es handelt sich um einen verspiegelten Prachtsaal im Louis-XVI-Stil.

Das Gebäude in der Regent Street 68 bildet seinerseits nur einen kleinen Teil des Hotels. Die Schlafräume und Suiten brachte Chipperfield in zwei angrenzenden früheren Bürohäusern unter. Zum Verwirrspiel des Architekten gehört, dass man nur ahnen kann, wo in dieser verwinkelten Anlage der alte Teil aufhört und wo der neue beginnt. Nicht einmal die Angestellten können es einem erklären.

Erst beim Öffnen der Zimmertür weiß man sich definitiv in der Gegenwart. Man lässt sich auf dem Ledersessel nieder und versucht zu verstehen, was die minimalistisch kühle Raumgestaltung hier soll. Beim Blick aus dem Fenster wird es klar. Chipperfield hat die Fassadenmuster der Regent Street auf die Zimmerwände übertragen. Kein Wunder, dass es hier kaum heimeliger ist als auf der Straße.

Die nächste Überraschung erwartet einen im Bad: eine weiße Landschaft mit Waschbecken, Sitzelementen, Badewanne, Boden und Wänden aus ein und demselben Marmor. Über tausend Tonnen Carrara-Marmor wurden angeblich in den Bädern verarbeitet – ein merkwürdiger Kontrast zu den nüchternen Schlafräumen. Man plätschert in der sarkophagartigen Riesenwanne wie eine Pharaonin, nur ohne Eselsmilch. Wieso hängen Tophotels heute noch einer derartig antiquierten Idee von Luxus nach?

Der Eigentümer, das junge Hotelunternehmen The Set, sucht bewusst nach Häusern mit Geschichte. Sein erstes Projekt war ein ehemaliges Konservatorium in Amsterdam. Als sie das Café Royal übernahmen, lagen seine besten Tage schon lang hinter ihm. Es diente vor allem als Ort für schlechte Mottopartys. Vor dem vernachlässigten Dekor standen Billigmöbel. Drei Jahre dauerte die Verwandlung von der Trashbude in einen Palast, in dem man ein Einzelzimmer kaum unter 350 Euro bekommt.

Leserkommentare
    • cmim
    • 17. April 2013 16:08 Uhr

    ... zu unterschätzen. Sie tanzen ganz plötzlich nakt auf Tischen und schwingen Bein und Brust ...

    via ZEIT ONLINE plus App

  1. Das die Architektur eine tragende Rolle im Hotel spielt ist unbestritten. Die grössere Herausforderung liegt allerdings darin die Architektur und den Stil des Hauses, der letzlich das was der Gast als Servicephilosophie erfährt zu einen.

    Daran schetern die meisten Hotels, bei denen das sogeannte Design oder die Architektur im Vodergrund der Positionierung stehen. Es ist sehr schwer die Mitarbeiter zu finden und auf einen " conduct " einzuschwören der es dann ermöglicht dass das Ganze als Harmonie zwischen Atmosphäre und Service zu geniessen.

    Die weichen Faktoren, die letzlich den Genuss eines Aufenthalt in einem Luxushotel ausmachen werden von Menschen geschaffen und nicht vom Architekten.

    Wenn das schiefgeht, was leider oft geschieht hat man eine beeindruckende aber leere Hülle geschaffen.

    Der Artikel hat es leider versäumt diiesen Aspekt zu beleuchten da der Focus alleine auf den harten Faktoren liegt.

  2. 3. Tja...

    "Der Museumsgestalter und Star-Architekt David Chipperfield hat aus dem legendären Café Royal in London ein Luxusquartier gemacht."
    Ich gehe mal davon aus, daß dieses Cafe schon früher keine Absteige war und nur für "Richi Rich" gepimpt worden ist ! Dass die russischen Girlies dafür keine Augen haben und lieber ihre Apps checken sollte nicht verwundern, da russische Nobelherbergen ebenfalls den leicht barocken und goldenen Stil bevorzugen !

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