Resozialisierung"Die zweite Halbzeit ist entscheidend"

Der Kriminologe Bernd Maelicke über erfolgreiche Resozialisierung von 

DIE ZEIT: Herr Maelicke, Sie beraten Justizvollzugsanstalten und Justizministerien bei ihren Resozialisierungskonzepten. Das Leonhard-Programm bildet Straftäter zu Unternehmern aus. Wie realistisch ist dieses Vorhaben?

Bernd Maelicke: Natürlich ist man, nur weil man ein halbes Jahr einen Kurs in Existenzgründung besucht, danach kein neuer Mensch und erst recht kein Unternehmer. Aber die Weiterbildung der Strafgefangenen ist ein wichtiges Thema bei der Resozialisierung.

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ZEIT: Inwiefern beeinflussen solche Bildungsangebote die Resozialisierung?

Maelicke: Bildung ist der Schlüssel dafür, dass Strafentlassene später erfolgreich sind. Es gibt Untersuchungen, die eindeutig zeigen, dass ein Arbeitsplatz die Rückfallquoten sehr deutlich senken kann.

ZEIT: Es wird oft kritisiert, dass die Bildungsangebote in den Justizvollzugsanstalten sehr stark nach innen ausgerichtet sind, sie eher eine Art Beschäftigungstherapie als wirkliche Wegbereiter zu einer Stelle nach der Haft sind.

Maelicke: Das stimmt. Während der Zeit in Haft leben die Insassen in einer eigenen JVA-Welt, die wenig Berührungspunkte nach draußen bietet. Dies gilt leider auch für viele Bildungs- und Arbeitsmöglichkeiten. Es ist wichtig, dass sie einen Bezug nach draußen haben.

Bernd Maelicke

Der Kriminologe Bernd Maelicke ist Jurist und Sozialwissenschaftler und seit 2005 Direktor des Deutschen Instituts für Sozialwirtschaft.

ZEIT: Wie könnte der aussehen?

Maelicke: Zum Beispiel durch Lehrer, die nicht nur in der JVA unterrichten, sondern auch an normalen Schulen.

ZEIT: Was macht das für einen Unterschied für die Insassen?

Maelicke: Wenn sie zum Beispiel von einem externen Lehrer unterrichtet werden, fühlen sie sich mehr als normale Schüler – weniger als Strafgefangene. Gerade diese veränderte Selbstwahrnehmung ist wichtig, um draußen nach der Entlassung selbstbewusst auftreten zu können.

ZEIT: Und wenn die Vermittlung in einen regulären Job nicht gelingt, verpuffen die Anstrengungen während der Haftzeit einfach?

Maelicke: Ja, mit der Integration in die Gesellschaft nach der Entlassung steht und fällt der Erfolg der Resozialisierung. Besonders in den ersten Monaten ist die Gefahr für den Entlassenen groß, wieder straffällig zu werden. Das sogenannte Übergangsmanagement ist hier wichtig: Die Sozialarbeiter der Anstalten, Richter und Bewährungshelfer müssen kooperieren, um eine netzwerkartige Betreuung zu gewährleisten. Auch ein Programm wie Leonhard kann eine Resozialisierung nicht alleine schaffen. Leider konzentriert man sich in Deutschland immer noch zu sehr auf die Zeit im Gefängnis – dabei ist die Zeit nach der Entlassung mindestens genauso wichtig. Es ist wie im Fußball, die zweite Halbzeit ist entscheidend!

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