Tunesien : "Der Islam braucht Demokratie"

Der Politiker und Islamist Rachid Ghannouchi will Tunesien zum Vorbild für die muslimische Welt machen. Dafür hält er die Scharia für notwendig.
Rachid Ghannouchi © FETHI BELAID/AFP/Getty Images

DIE ZEIT: Herr Ghannouchi, Sie sind Islamist, also ein Vertreter des politischen Islams. Gibt es Theoretiker, die Ihr Denken inspiriert haben?

Rachid Ghannouchi: Sehr wichtig ist mir al-Shatibi, ein Gelehrter, der im 13. Jahrhundert Ihrer Zeitrechnung in Spanien gelebt hat. Er lehrte, dass der Islam auf die Erde kam, um fünf Ziele zu verwirklichen: das Leben zu bewahren; die Menschheit zu schützen; die Vernunft, die Familie und den Wohlstand gedeihen zu lassen. Das sind die Ziele des Islams. Aber die Mittel, sie zu erreichen, muss man nicht ausschließlich im Koran suchen. Alles, was dazu dient, eines dieser Ziele zu verfolgen, wird Teil des Islams. Mit dieser Theorie öffnete al-Shatibi den Islam für das gesamte zivilisatorische Erbe der Menschheit und für ihre universellen Werte. Ich wende den Gedanken auf die Demokratie an: Man muss gar nicht erst beweisen, ob sie in den Quellen des Islams irgendwo erwähnt wird oder nicht. Es genügt, festzustellen, dass die Demokratie uns hilft, nach diesen Zielen zu streben. Und das lässt sich sehr leicht feststellen.

ZEIT: Das sehen nicht alle Islamisten so.

Ghannouchi: Im Islam gibt es Pluralität. Niemand kann von sich sagen, er sei der Sprecher Gottes oder des Korans. Und der Koran ist ein Text. Also lässt er sich auf vielerlei Weise interpretieren.

ZEIT: Heißt das, dass die viel zitierte "Tür zum Idschtihad" immer noch offen steht, dass also die legitime Fortbildung des islamischen Rechts eben nicht im 10. Jahrhundert beendet wurde, wie es salafistische Gelehrte vertreten?

Ghannouchi: Die Tür ist nicht geschlossen. Der Islam bleibt offen für Idschtihad. Was bedeutet Idschtihad? Das Recht jedes Muslims, den Koran zu interpretieren. Und wenn es auf dem Gebiet des islamischen Rechts mehrere Interpretationen gibt und wir eine Entscheidung brauchen? Dann hilft die Demokratie. Man diskutiert, man wählt, es gibt eine Mehrheit. Die Demokratie als eine Prozedur der Entscheidung ist daher nicht bloß kompatibel mit dem Islam, nein, der Islam braucht sie regelrecht.

ZEIT: Damit setzen Sie sich in Widerspruch zu einem Mitkämpfer, Theoretiker und Märtyrer der Muslimbrüder, aus denen Ihre Partei Ennahda hervorgegangen ist: Sajjid Kutb, dem zufolge Demokratie mit dem Islam unvereinbar ist.

Ghannouchi: Ich habe Sajjid Kutb dafür kritisiert. Auch heute lehnt eine Reihe Gelehrter die Demokratie ab. Da wir im Islam keine Kirche haben, haben sie natürlich das Recht, sich so zu äußern. Jeder soll versuchen dürfen, den anderen zu überzeugen.

ZEIT: Warum wurde dann Ihrem Kritiker, dem greisen Mohammed Talbi, einem relativ modern und unkonventionell denkenden muslimischen Gelehrten aus Tunis, vor wenigen Tagen die Gründung einer internationalen Vereinigung zum Studium des Korans untersagt?

Ghannouchi: Ich habe nur davon gehört, es war nicht meine Entscheidung. Ich akzeptiere sie auch nicht. Solange Talbi nicht zur Gewalt aufruft, verteidige ich selbstverständlich sein Recht, so eine Vereinigung zu gründen. Ich sage das, obwohl er behauptet, ich sei ein fundamentalistischer Terrorist.

ZEIT: Sie sagen, die Demokratie sei eine Prozedur der Entscheidungsfindung. Allerdings wird Ihrer Partei vorgeworfen, sie wolle die Gesellschaft irreversibel verändern, sodass der Spielraum für Entscheidungen eng und enger wird.

Ghannouchi: Zu den Prinzipien der Demokratie gehören Regierungswechsel, Wahl und Abwahl, Alternanz. Wir akzeptieren das gesamte Spiel der Demokratie, ohne Ausnahme. Die Vorstellung, man könne eine Gesellschaft in eine Einbahnstraße treiben, ist außerdem naiv.

ZEIT: Davon müssen Sie etliche Ihrer Parteimitglieder erst einmal überzeugen.

Ghannouchi: Ennahda ist eine große Partei. Jedes Mitglied darf diskutieren, es herrscht die Pluralität der Meinungen. Jeder hat das Recht, Ghannouchi zu kritisieren, und von dem Recht wird viel Gebrauch gemacht. Aber das demokratische Prinzip kritisiert niemand. Im Übrigen gelten die Parteibeschlüsse. Sie sehen das am Abstimmungsverhalten unserer Fraktion im Parlament. Es ist einheitlich.

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Kommentare

30 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Ich denke auch, wenn Frau Merkel von den jüdisch-christlichen

Wurzeln spricht, meint sie im Grunde Menschen, die an den Gott glauben, der mit dem alten Testament eingeführt wurde.

Es wird immer Menschen geben, die sich an der Glaubensvariante ihres Nachbarn stören. Mancher fremdelt sein Leben lang. Es wird auch immer Menschen geben, die sich an der Vorgartenbepflanzung ihres Nachbarn stören. Je besser es allen Menschen geht, umso weniger werden diese Leute Lust verspüren, ihren eigenen Wohlstand zu gefährden, indem sie Händel mit ihrem Nachbarn anfangen.

Ein paar immer Streitbereite, denen der Spaltpilz in die Gene gepflanzt ist, wird es geben, solange die Welt sich dreht. Die Gesellschaft hat aber immer die Wahl, ob sie diesen Leuten das Ruder überlässt oder doch lieber selber lenkt.

Begriff der Scharia

So wie ich das herauslese, versteht Ghannouchi etwas anderes unter der Scharia als das, was wir kennen. Für mich zeigt sich hier wieder einmal, dass der Islam nicht die Einheitlichkeit hat, die wir annehmen. Es gibt wie im Christentum sehr konservative und sehr moderne Auslegungen.

Ghannouchi scheint den Begriff der Scharia modern auszulegen als ein (nicht näher definiertes) Gesetzwerk, das demokratisch verändert werden kann. Was letztlich bedeutet, dass Frauenrechte, Toleranz gegenüber anderer Glaubensrichtungen etc. letztlich Teil der Scharia werden können.

Unser Begriff der "Scharia" stammt von denjenigen Hinterwäldlern, die glauben, dass die islamische Gesetzgebung des 10. Jahrhunderts gelten muss und nicht reformiert werden darf.

Mich stimmt es etwas optimistisch, dass man das Scharia-"Problem" durch quasi Neudefinition des Begriffs lösen könnte. Dennoch: Bei all den konservativen Kräften in Nordafrika ist eine gewisse Skepsis sicher angebracht.

Wir sollten aber nicht vergessen, dass hier der gleiche Name für zwei verschiedene Konzepte gebraucht wird.