Arbeitslosigkeit : Helft ihnen, jetzt!

Die Jugendarbeitslosigkeit in Europa steigt dramatisch. Gerade Deutschland ist gefordert.
Studenten und Uniabsolventen bei einer Jobmesse in Athen © Louisa Gouliamaki/AFP/Getty Images

Schon die bekannten Folgen der Jugendarbeitslosigkeit sind schlimm genug: der Verlust sozialer Fähigkeiten und Bindungen, die Depression, die Armut. Nicht minder fürchterlich könnten auch ihre unbekannten sein. Fast jeder vierte junge Europäer im erwerbsfähigen Alter ist inzwischen arbeitslos, ein Acht-Millionen-Heer junger Bürger ohne Arbeit ist entstanden. Es könnte sich in Richtungen bewegen, die zu nichts Gutem führen. In Italien hat die Jugendarbeitslosigkeit schon wesentlich zum Erfolg der Grillo-Bewegung beigetragen.

Heute ein Aushilfsjob im Supermarkt, morgen Nachtdienst im Büro. Oder ein Erste-Hilfe-Kurs, das Schulterzucken auf dem Arbeitsamt, schließlich stapelweise Versand von Bewerbungen. Nicht selten geht das viele Jahre so und zermürbt auch jene, denen Sicherheit nicht alles ist. Eigentlich ist die Jugend das Alter der Pläne, Projekte und Fantasien. Aber für Millionen junger Europäer verliert die Zukunft gerade ihre Gestalt, wird etwas Graues, Hoffnungsloses.

Neu ist das nicht; neu ist das Ausmaß der Jugendarbeitslosigkeit, die sich noch dazu auf einige Länder konzentriert. In ihnen ist der Arbeitsmarkt verbaut, liegt die Wirtschaft am Boden, machen sich Politiker, Arbeitgeber, Gewerkschaften andere Sorgen. Milliarden werden verschleudert, weil die Jungen nicht arbeiten, aber versorgt werden müssen. Und die Besten und Mutigsten kehren ihrer Heimat den Rücken.

Neu ist noch etwas: Die jungen, arbeitslosen Europäer wissen voneinander. Sie sind im Internet unterwegs, und dort können sie ihren Zorn artikulieren, sich verabreden. Zu was? Wenn sie sich zusammenfänden, um den Regierenden ihre Wut ins Gesicht zu schreien: Das könnte helfen, den gesellschaftlich Mächtigen die Dringlichkeit des Problems klarzumachen. Aber was, wenn die Enttäuschten, die Empörten nach rechts marschierten? Blieben die politischen Systeme in Europa auch dann noch krisenfest?

Vielleicht geschieht da gar nichts. Was allerdings kein Grund zur Beruhigung wäre. Für einen jungen Maghrebiner in den nördlichen Stadtteilen Marseilles lautet die Alternative heute so: »les barbus ou les voyous«, sprich Extremismus (»die Bärtigen«) oder Verbrechen (»die Schurken«). Und dass die Familien die jungen Leute auffangen, ist nicht in jeder europäischen Kultur selbstverständlich und vor allem nicht immer möglich.

Natürlich lebt die Mehrheit der jungen Arbeitslosen nicht in Ghettos, sie lebt mitten in der Gesellschaft – aber eben in einer Gesellschaft, die sie nicht zu brauchen scheint. Glaubt jemand, diese Erfahrung, millionenfach gemacht, werde ohne Weiteres weggesteckt?

Umso erschütternder ist es, dass für die Regierungen selbst jener Länder, die wir auf diesen Seiten beschreiben, die Arbeitslosigkeit ihrer jungen Bürger nur ein Thema unter vielen ist. Eines, das sich zur Inszenierung eines Ministerbesuchs in einer Firma eignet, in der dann ein paar junge Gesichter mit aufs Foto dürfen. Ansonsten werden die jungen Leute auf Staatskosten irgendwo geparkt, im Vereinsleben, in Jugendzentren, in Kursen für dieses und jenes.

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Kommentare

211 Kommentare Seite 1 von 23 Kommentieren

Also bitte

Natuerlich, wie sich Armut manifestiert ist unterschiedlich, aber das es keine bittere Armut in China gaebe bezweifelt ja nicht einmal die dortige Regierung. Die Armen leben eben notgedrungen auf dem Land, weil China die Bildung von Slums im Zweifel mit Gewalt verhindert. Nach chinesischen Angaben sind ca 128 Millionen Chinesen arm und in China gilt man als arm, wenn man in weniger als $ 363 pa verdient, also weniger als $1 pro Tag. Klar Indien ist noch aermer, das BIP pro Kopf ist ja auch nicht mal halb so hoch wie in China.

Eine gute Satire ist die auf den Punkt gebrachte Wahrheit

ich finde es auch nicht gut auf Wohlstand zu verzichten, aber Handel ist der Austausch von Waren, und für jedes IPhone das in China produziert und in Spanien verkauft wird muss es etwas geben was in Spanien produziert wird und in China gekauft wird. Ansonsten bleiben Schulden ohne Werte von Intresse (Pleite).
Entweder werden Produkte angeboten die so Innovativ sind das die Chinesen bereit sind einen hohen Preis dafür zu zahlen oder so billig das die Nachfrage über den Preis entsteht. (die Länder Spanien und China sind nur ein Beispiel für alle Länder).

Deutsche Bewerbungsmappen

Es gibt wenige andere Länder, in denen so ein Zauber bei jeder Bewerbung erwartet wird. Die Norm in den meisten EU-Ländern ist: Lebenslauf, Kopie des höchsten Zeugnisses und Referenzen. Der Begleitbrief, die Freude und Geldquelle vieler "Bewerbungsberater" entfällt meistens. Deswegen entweder schalten deutsche Personalabteilung auf den internationalen Modus oder ist eine Voraberklärung vonnöten. Diese könnte natürlich in den Herkunftsländern noch vor dem Abschicken der ersten Bewerbung erfolgen, wenn in vielen Ländern (I, SP, F...) nicht der Vorurteil (?) herrschte, dass die Deutschen spinnen und endlich lernen sollten, dass man nicht mehr in Schubladen denken darf.

Nicht genügend Arbeit

Ich bin kein Volkswirt, aber die von Ihnen hervorgebrachte Argumentationskette macht in meinen Augen schon Sinn. Dann helfen nur ein striktes Verbot von Überstunden und eine Reduzierung der Wochenarbeitszeit. Dies sollte aber zumindest EU-weit durchgesetzt werden, wenn man nicht neue Pleitekandidaten züchten will.
Ich habe auch an andere Lösungen, die allerdings eine unternehmerische, aber nicht monopolistische Rolle für den Staat vorsehen, gedacht, aber da würde die Diskussion in ganz andere Bahnen verlaufen.

Erst Menschenwürde und Auskommen, dann Arbeit + Einkommen

zum # 54.
Wir haben ein mentales Haltungsproblem. Anders gesagt: Einstellungen prägen das Denken:

Ich teile die Ansicht, daß "Vollbeschäftigung" eine politische Schimäre und der veralteter, illusionärer Ansatz ist. Ich teile auch, daß Einkommen notwendig ist, es ermöglichst eine würdige Teilhabe. Allerdings teile ich
n i c h t, daß Menschen keine Arbeit brauchen.

Arbeit gehört sehr wohl zu den wesentlichen Bestandteilen eines jeden würdigen Lebens. Arbeit ermöglicht Verwirklichung und persönliche Entwicklung. Niemand möchte nur für sich alleine da sein, sondern in welcher Form auch immer sich beweisen und etwas Nützliches leisten - für Andere.

Die Fixierung auf Arbeit wegen Einkommen ist ein Mangelargument, geboren aus der Angst vor Verlust von Auskommen, - nicht Einkommen.

Warum ist Einkommen stärker an Arbeit gekoppelt als an Auskommen? Eine reiche hoch technisierte Gesellschaft, deren Mitglieder um ihre Würde und ihr Auskommen bangen müssen, die errodiert - und bewegt sich hin zu riots (siehe London)

Alternativer Weg:
Man sollte von dem Prinzip ausgehen, daß jede/r arbeiten möchte - und daß jede/r und daß allen eine würdige Grundsicherung zusteht. Auch ohne Arbeit. Wer mehr möchte, soll / muß arbeiten.

Die Mittel dafür werden nicht über Abgaben auf Arbeit (wie absurd: das politische Thema der teuren Arbeit), sondern solche Auf Verbrauch erwirtschaftet. Wer verbraucht, zahlt. Arbeit wird billig und niedrigschwelliger gemacht.

Ich bin auch kein Volkswirt

Da wir quasi in einer neuen Ära leben in der es mehr Arbeitskraft als Arbeit gibt, d.h. systembedingt/fortschrittsbedingt gibt es einfach Menschen die ihren Lebensunterhalt nicht durch eigenständige Arbeit erwirtschaften können. (Da hilft auch nicht mehr Bildung oder geringere Arbeitskosten), müssen wir ein neues Arbeitsteilungs-System erschaffen.

Heute wird durch ein bürokratisches Ungetüm aus Sozialhilfe und Arbeitslosengeld allen ein Lebensunterhalt ermöglicht. Bringt solch ein System Stigmatisierung mit sich, spornt zu noch mehr Produktivität (denn niemand will ja aufgrund schlechter Arbeitsleistung gefeuert werden) an. Quasi eine Spirale nach oben. Immer mehr Arbeitskraft bei gleichbleibender verfügbarer Arbeitsmenge.
Ein weiteres Werkzeug ist (wir auch heute gemacht) ist die Arbeitsmenge durch (ABM-Jobs), also Jobs die einfach nur Arbeit erzeugen ohne jegliche Konsumgüter/dienstleistungen usw. bereitzustellen, zu erhöhen. (->Anwachsen der Verwaltungen, Berater, Aufsichtsräte, Ramsch-Produkte, usw.) Das ist natürlich kein gerichteter/geregelter Prozess, sondern einfach nur die Reaktion des Systems.

Eine sinnvollere Möglichkeit wäre dagen die Begrenzung der Arbeitsstunden eines jeden einzelnen, so dass künstliche die volkswirtschaftliche Gesamtarbeitskraft reduziert wird, so dass wir wieder im Gleichgewicht sind. Dies sehe ich aber als Zwang an und Zwang ist m.E. nie gut.

Bezahlte Untätigkeit oder Zwang?

Mir ist etwas Zwang lieber als eine behördlich bezahlte Untätigkeit (BGE). Der Mensch ist nicht per se faul und auch nicht selbst so organisiert, dass er sich spontan in aktiven Gruppen zu kreativen Tätigkeiten zusammenfinden würde. Außerdem ist unsere Zivilisation zeitlich auf die Erwerbsarbeit fokussiert, sonst wären die Dörfer und Kleinstädte auf dem Land tagsüber keine Wüsten aus Rentnern und Lieferanten. Deswegen etwas Zwang darf m.E, ruhig sein, hat auch immer gegeben und die Menschheit ist daran nicht zugrunde gegangen.

Anderes Thema: Meinen Sie wirklich, dass heute die eigene Produktivität für das Behalten des Arbeitsplatzes entscheidend ist? Ich habe sehr oft erlebt, dass im Zeitalter von "Flexibilität" und Mobbing eher "Kadavertreue" (Ja-sager) und Stallgeruch als echte Kreativität und Einsatz eine Rolle spielen. Und wenn die Aktien einen Schub brauchen, dann hilft alles nichts und Betriebe werden dicht gemacht.

Menschen brauchen keine Arbeit, sondern lediglich ein Einkommen

Alle Menschen weltweit?Nur Deutsche? nur Europäer?mein Gott,wer soll das bezahlen;).Mir kommt die sogenannte Idee des bedingungslosen Grundeinkommens derartig wahnsinnig vor,und eigentlich nur eines Multimillionarrs wie dem DM-Chef Götz Werner würdig.
Die Aristokratie des Ancient Regime lebte auch faul in der sozialen Hängematte
irgendwie hätte auf die Idee eines BGE auch Marie Antoinette in ihrer 18.Jhdt Schäfer-Idylle in Versailles kommen können.Jeder soll Kuchen essen ;) und die Straßen sollten mit Teppichen ausgelegt werden.