ArbeitslosigkeitSo kommt die Jugend aus der Falle
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Italien

Italiens Absichten

Die Stellenausschreibung klingt eher pathetisch als präzise, nicht einmal das Gehalt ist angegeben: »Wir brauchen Personen, die sauber, ehrlich, kompetent und willig sind.« Die 163 Parlamentarier der »Fünf-Sterne-Bewegung« von Beppe Grillo suchen Büroassistenten – 18.000 Bewerbungen gingen bisher ein. Eine ganze Kleinstadt auf Arbeitssuche bei den »Grillini«.

Die Verzweiflung ist groß. 35 Prozent der jungen Italiener sind arbeitslos, bei den Akademikern ist es jeder Fünfte. In Süditalien ist jeder Zweite unter 30 ohne Arbeit. Der Erfolg der Fünf-Sterne-Bewegung, die bei den Parlamentswahlen fast ein Viertel der Stimmen holte, ist auch auf die hohe Arbeitslosigkeit zurückzuführen. Dabei hat Grillo kein Rezept, er verspricht nur ein »Bürgereinkommen« von 1.000 Euro monatlich. Viele haben ihn deshalb gewählt. Italiens Generationskonflikt hat die Politik erreicht.

Jahrzehntelang hatten Italiens Politiker tatenlos zugesehen, wie Zehntausende junge Leute auf der Suche nach Arbeit ihr Land verließen. Das Problem wurde einfach exportiert, nach Deutschland, Frankreich oder in die Niederlande. Es gingen die gut Ausgebildeten und die Akademiker. Die anderen blieben frustriert zu Hause, ohne Lobby. Italien hat die älteste Bevölkerung Europas, also vertraten die Parteien lieber Rentnerinteressen. Das brachte mehr Wählerstimmen und weniger Ärger: Im Unterschied zu arbeitslosen Jugendlichen sind Italiens Rentner straff organisiert. Sie haben sogar eigene Gewerkschaften.

Eine Rentenreform wurde ebenso verschleppt wie Maßnahmen zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit. »Heiraten Sie doch meinen Sohn«, empfahl Silvio Berlusconi einmal einer jungen Frau, die ihn fragte, wie sie denn endlich einen Job finden könnte. Erst der parteilose Ökonom Mario Monti setzte die Heraufsetzung des Renteneinstiegsalters durch. Aber er sparte auch eisern an Schulen und Hochschulen. Noch nie investierte Italien so wenig Geld in Bildung und Ausbildung wie heute.

Der Schuldenberg ist erdrückend, es fehlt das Geld, aber es mangelt auch an Ideen. Und am Konsens – nicht für alle hat die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit höchste Priorität. Die Politik vertritt ebenso Partikularinteressen wie Gewerkschaften und Unternehmerverbände. Wer die notwendigen Reformen zur Neuordnung des Arbeitsmarktes durchsetzen soll, ist angesichts des Patts im Parlament völlig ungewiss.

Dabei drängt die Zeit. Jeden Monat schließen rund 1.000 Firmen, die Konsequenz aus fünf Jahren Rezession. Wer noch Lehrlinge ausbilden oder junge Arbeitnehmer einstellen möchte, wird überdies durch veraltete Arbeitsgesetze ausgebremst. In Betrieben mit mehr als 15 Arbeitnehmern sind feste Arbeitsverträge so gut wie unkündbar. Der private Arbeitsmarkt ist zweigeteilt in 5,8 Millionen Festangestellte und 2,5 Millionen Beschäftigte mit Zeitverträgen, Letztere fast ausnahmslos unter 30. Italiens Arbeitsmarkt braucht mehr Flexibilität und niedrigere Lohnnebenkosten. Wer heute einen Lehrling einstellt, kann ihm praktisch nicht kündigen, muss aber 80 Prozent des Angestelltenlohns zahlen.

Viele Betriebe nutzen deshalb Lehrlinge nur als billigere Arbeitskräfte. Umgekehrt haben junge Italiener sich jahrzehntelang weniger um Lehrstellen gekümmert als um eine Festanstellung in der Verwaltung. Der posto alle poste, der Platz bei der Post oder in der aufgeblasenen staatlichen Bürokratie, galt als beste Zukunftsversicherung.

Dem Handwerk fehlt dagegen der Nachwuchs. Italienische Friseure, Tischler und Maler arbeiten in Ermangelung jüngerer Kollegen oftmals noch, wenn sie über 70 sind. Staatliche Lehrlingsförderprogramme waren bislang Fehlanzeige. Also müssen die Großeltern für ihre arbeitslosen Enkel mitarbeiten, absurder geht es nicht.

Erst im vergangenen Herbst beschlossen die deutsche Arbeitsministerin Ursula von der Leyen und ihre italienische Amtskollegin Lehrlings-Pilotprojekte nach dem deutschen Vorbild der dualen Ausbildung. Aber bislang gibt es nur Absichtserklärungen, für konkrete Programme fehlt wieder einmal das Geld. Birgit Schönau

Leser-Kommentare
  1. an der Zahl sind es mittlerweile 200.000 ohne Arbeit, die Talente emigrieren und sind dabei sehr erfolgreich. So geht Italien (nicht allein) in der Krise viel Know-how verloren.

    Was für ein schönes Europa mit dem Euro...zurück ins Mittelalter dank Goldman Sachs und nichts ändert sich...doch etwas bewegt sich, immer mehr Europa heisst die Devise und das bedeutet zugleich eine immer schwerer werdende Krise...

    Vor 2 tage hat Marine Le Pen Beppe Grillo angerufen, sie will die nationale Währung wieder, der Euro kann dennoch als Gemeinschaftswährung bestehen bleiben..warum nicht? Das ist der einzige Ausweg aus der Krise...

    Für alle die etwas italienisch können, hier das Interview von Marine Le Pen:

    http://www.serviziopubbli...

    Grüße an alle Europäer

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    und eine Rückkehr zu Nationalwährungen, inklusive national zersplitterter Geldpolitik wäre keine Lösung.
    Ganz offensichtlich ist die Jugendarbeitslosigkeit durch andere Mißstände verursacht:
    In Spanien z.B. durch eine geplatzte Immobilienblase, die zu Hochzeiten schnelles Geld verhieß und dazu führte, daß viele Jugendliche auf eine Ausbildung verzichteten.
    In Frankreich durch einen irrwitzigen Teppich aus Einzelfallsubventionen und die Vernachlässigung mittelständischer Unternehmen und Handwerksbetriebe.
    In Italien herrscht paradoxerweise Jugendarbeitslosigkeit bei gleichzeitigem Nachwuchsmangel im Handwerk, also ein fehlgesteuerter Arbeitsmarkt.

    Das hat alles nichts mit dem Euro und der EU zu tun.

    Die EU eröffnet viel mehr die Möglichkeit, daß ausgebildete Arbeitnehmer sich auch in anderen Ländern um Arbeit bewerben können, die Freizügigkeit ist ein wesentliches Recht eines jeden EU-Bürgers.
    Und die EU ermöglicht es, von Arbeitsmärkten zu lernen, die günstigere Kennzahlen aufweisen.

    Ebenfalls Grüße an alle Europäer

    und eine Rückkehr zu Nationalwährungen, inklusive national zersplitterter Geldpolitik wäre keine Lösung.
    Ganz offensichtlich ist die Jugendarbeitslosigkeit durch andere Mißstände verursacht:
    In Spanien z.B. durch eine geplatzte Immobilienblase, die zu Hochzeiten schnelles Geld verhieß und dazu führte, daß viele Jugendliche auf eine Ausbildung verzichteten.
    In Frankreich durch einen irrwitzigen Teppich aus Einzelfallsubventionen und die Vernachlässigung mittelständischer Unternehmen und Handwerksbetriebe.
    In Italien herrscht paradoxerweise Jugendarbeitslosigkeit bei gleichzeitigem Nachwuchsmangel im Handwerk, also ein fehlgesteuerter Arbeitsmarkt.

    Das hat alles nichts mit dem Euro und der EU zu tun.

    Die EU eröffnet viel mehr die Möglichkeit, daß ausgebildete Arbeitnehmer sich auch in anderen Ländern um Arbeit bewerben können, die Freizügigkeit ist ein wesentliches Recht eines jeden EU-Bürgers.
    Und die EU ermöglicht es, von Arbeitsmärkten zu lernen, die günstigere Kennzahlen aufweisen.

    Ebenfalls Grüße an alle Europäer

  2. und eine Rückkehr zu Nationalwährungen, inklusive national zersplitterter Geldpolitik wäre keine Lösung.
    Ganz offensichtlich ist die Jugendarbeitslosigkeit durch andere Mißstände verursacht:
    In Spanien z.B. durch eine geplatzte Immobilienblase, die zu Hochzeiten schnelles Geld verhieß und dazu führte, daß viele Jugendliche auf eine Ausbildung verzichteten.
    In Frankreich durch einen irrwitzigen Teppich aus Einzelfallsubventionen und die Vernachlässigung mittelständischer Unternehmen und Handwerksbetriebe.
    In Italien herrscht paradoxerweise Jugendarbeitslosigkeit bei gleichzeitigem Nachwuchsmangel im Handwerk, also ein fehlgesteuerter Arbeitsmarkt.

    Das hat alles nichts mit dem Euro und der EU zu tun.

    Die EU eröffnet viel mehr die Möglichkeit, daß ausgebildete Arbeitnehmer sich auch in anderen Ländern um Arbeit bewerben können, die Freizügigkeit ist ein wesentliches Recht eines jeden EU-Bürgers.
    Und die EU ermöglicht es, von Arbeitsmärkten zu lernen, die günstigere Kennzahlen aufweisen.

    Ebenfalls Grüße an alle Europäer

    Antwort auf "Italiens Akademiker "
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    Sie schreiben:
    "Die EU eröffnet viel mehr die Möglichkeit, daß ausgebildete Arbeitnehmer sich auch in anderen Ländern um Arbeit bewerben können, die Freizügigkeit ist ein wesentliches Recht eines jeden EU-Bürgers.
    Und die EU ermöglicht es, von Arbeitsmärkten zu lernen, die günstigere Kennzahlen aufweisen."

    das geht sehr gut ohne Euro.

    Sie schreiben:
    "Die EU eröffnet viel mehr die Möglichkeit, daß ausgebildete Arbeitnehmer sich auch in anderen Ländern um Arbeit bewerben können, die Freizügigkeit ist ein wesentliches Recht eines jeden EU-Bürgers.
    Und die EU ermöglicht es, von Arbeitsmärkten zu lernen, die günstigere Kennzahlen aufweisen."

    das geht sehr gut ohne Euro.

  3. Sie schreiben:
    "Die EU eröffnet viel mehr die Möglichkeit, daß ausgebildete Arbeitnehmer sich auch in anderen Ländern um Arbeit bewerben können, die Freizügigkeit ist ein wesentliches Recht eines jeden EU-Bürgers.
    Und die EU ermöglicht es, von Arbeitsmärkten zu lernen, die günstigere Kennzahlen aufweisen."

    das geht sehr gut ohne Euro.

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    Man muss sich nur die Frage stellen, was mit einer kleinen Lira oder Drachme passiert, wenn die Wirtschaft des Landes schwächelt. Die Abwertung führt nur auf den ersten Blick zu einem Vorteil des Exports. Denn der Großteil der Exporte geht in die EU selbst und Transaktionskosten werden wieder fällig. 2. ist die Wirtschaft zu eng mit Europa vernetzt, als das sich daraus langfristig ein Vorteil entwickeln könnte. 3. Würden die Importpreise eben wegen dieser Vernetzung sehr schnell ansteigen und in Griechenland beipielsweise gäbe es sehr schnell ein Ernährungsproblem. 4. Währungsspekulation im großen Stil, auch gegen den Euro, dann in die andere Richtung nach oben! Das würde dann auch in Deutschland und nicht nur bei den faulen anderen Europäern - auf die wir immer so verächtlich hinabschauen - zu Jobverlusten in Millionenhöhe führen. Eurokritiker möchte ich auch noch gerne auf die jetzige Inflationsrate von 1,7% hinweisen, Schreckensszenario ist für mich nur eins: Das jemand mal auf die hört, die nicht mal fähig sind das Werk des Wirtschaftsnobelpreisträgers Mundell und die Erweiterungen seiner Nachfolger(unter anderem De Growe der als erster riet, die EZB solle nur ankündigen sich zu engagieren, was ja wie man gesehen hat hervorragend klappt) richtig zu lesen. Pragmatismus bitte....

    Man muss sich nur die Frage stellen, was mit einer kleinen Lira oder Drachme passiert, wenn die Wirtschaft des Landes schwächelt. Die Abwertung führt nur auf den ersten Blick zu einem Vorteil des Exports. Denn der Großteil der Exporte geht in die EU selbst und Transaktionskosten werden wieder fällig. 2. ist die Wirtschaft zu eng mit Europa vernetzt, als das sich daraus langfristig ein Vorteil entwickeln könnte. 3. Würden die Importpreise eben wegen dieser Vernetzung sehr schnell ansteigen und in Griechenland beipielsweise gäbe es sehr schnell ein Ernährungsproblem. 4. Währungsspekulation im großen Stil, auch gegen den Euro, dann in die andere Richtung nach oben! Das würde dann auch in Deutschland und nicht nur bei den faulen anderen Europäern - auf die wir immer so verächtlich hinabschauen - zu Jobverlusten in Millionenhöhe führen. Eurokritiker möchte ich auch noch gerne auf die jetzige Inflationsrate von 1,7% hinweisen, Schreckensszenario ist für mich nur eins: Das jemand mal auf die hört, die nicht mal fähig sind das Werk des Wirtschaftsnobelpreisträgers Mundell und die Erweiterungen seiner Nachfolger(unter anderem De Growe der als erster riet, die EZB solle nur ankündigen sich zu engagieren, was ja wie man gesehen hat hervorragend klappt) richtig zu lesen. Pragmatismus bitte....

  4. Man muss sich nur die Frage stellen, was mit einer kleinen Lira oder Drachme passiert, wenn die Wirtschaft des Landes schwächelt. Die Abwertung führt nur auf den ersten Blick zu einem Vorteil des Exports. Denn der Großteil der Exporte geht in die EU selbst und Transaktionskosten werden wieder fällig. 2. ist die Wirtschaft zu eng mit Europa vernetzt, als das sich daraus langfristig ein Vorteil entwickeln könnte. 3. Würden die Importpreise eben wegen dieser Vernetzung sehr schnell ansteigen und in Griechenland beipielsweise gäbe es sehr schnell ein Ernährungsproblem. 4. Währungsspekulation im großen Stil, auch gegen den Euro, dann in die andere Richtung nach oben! Das würde dann auch in Deutschland und nicht nur bei den faulen anderen Europäern - auf die wir immer so verächtlich hinabschauen - zu Jobverlusten in Millionenhöhe führen. Eurokritiker möchte ich auch noch gerne auf die jetzige Inflationsrate von 1,7% hinweisen, Schreckensszenario ist für mich nur eins: Das jemand mal auf die hört, die nicht mal fähig sind das Werk des Wirtschaftsnobelpreisträgers Mundell und die Erweiterungen seiner Nachfolger(unter anderem De Growe der als erster riet, die EZB solle nur ankündigen sich zu engagieren, was ja wie man gesehen hat hervorragend klappt) richtig zu lesen. Pragmatismus bitte....

  5. Die Folge des Preisanstiegs im Inland, muss zwangsläufig eine Lohnerhöhung und damit steigende Exportpreise sein. Es fehlt an Faktormobilität und an verschiedenen Branchen.....

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