Papst FranziskusMisstrauische Gesellschaft

Was die Kritik am Papst über die Kritiker verrät von 

Misstrauen ist manchmal ein Zeichen von Klugheit, aber meistens ein Zeichen von Schwäche. Vielleicht kommt das Wort deshalb in der Bibel nicht vor, weil gegen das Gift des unbegründeten Argwohns sogar der Papst machtlos ist. Schon am ersten Abend des Pontifikats, als der Neue sich weigerte, ein protziges Kreuz umzuhängen, gifteten die Kommentatoren, nun beginne das große Bescheidenheitstheater. Und als er am Gründonnerstag den Kriminellen die Füße wusch, da schimpften sie über die kniefällige Heuchelei eines emporgekommenen Dorfpfarrers. So viel Demut sei Hochmut! Und außerdem gespielt! – Was werden die Misstrauischen erst sagen, wenn herauskommt, dass Franziskus (der die nächsten Monate im vatikanischen Gästehaus Santa Marta bleibt, statt in den Apostolischen Palast zu ziehen) am liebsten bei seinen Ordensbrüdern, den Jesuiten, wohnen würde? Dann ginge der Heilige Vater künftig in die Vatikanstadt zur Arbeit wie andere Leute ins Büro.

Falls der Papst auf die Meinung der Welt etwas gibt, sollte er das lassen. Denn je bescheidener er auftritt, desto weniger wird man ihm glauben. Das ist die Schizophrenie unserer Zeit. Mit der Unnachgiebigkeit des Moralapostels blickt einer auf den anderen, aber weiß von vornherein schon, dass der andere den moralischen Ansprüchen nicht genügen wird. Wir sind eine misstrauische Gesellschaft, und das Misstrauen ausgerechnet gegen den neuen Papst wirft kein gutes Licht auf uns. Als die roten Schuhe und die pathetischen Gesten noch Mode waren, da wurde der Vatikan weniger der Schauspielerei und der Verlogenheit verdächtigt als jetzt. Man regte sich vielleicht ein wenig über römischen Pomp auf, aber fand die katholische Oper letztlich okay.

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Und jetzt? Das Misstrauen gegen den neuen Papststil ist auch Missgunst. Man könnte sagen, das geschieht der Kirche recht, denn sie hat sich oft genug unglaubwürdig gemacht. Doch dass aus der Liste der Päpste nun der seit Langem glaubwürdigste besonders beargwöhnt wird, enthüllt einen destruktiven Charakterzug unserer Gesellschaft: Offenbar misstrauen wir uns selbst. Wir sehnen uns nach Aufrichtigkeit, aber können nicht daran glauben, wenn sie uns leibhaftig begegnet.

Unser Problem ist ja nicht der Papst. Unser Problem ist eine Kultur des Verdachts, die dem Zwang zur Verstellung entspringt. Dauernd wird in der schönen glatten Mediendemokratie, zu der auch die Papstkommentatoren gehören, von "Performance" geschwärmt. Mehr denn je soll der Einzelne "etwas darstellen" und "sich präsentieren". Was zählt, ist der Auftritt – und nicht, ob einer das Richtige tut. Das Ende der Aufrichtigkeit hieß ein Buch des Amerikaners Lionel Trilling, der zeigte, dass Aufrichtigkeit unzeitgemäß ist, weil wir uns schon so an das Agieren in gesellschaftlichen Rollen gewöhnt haben, dass uns "Echtheit" und "Direktheit" komisch vorkommen – zumal sie die Anstrengung der Treue erfordern.

Nur wo wir uns selber treu sind, nur wo Gefühl und Äußerung übereinstimmen, sind wir auch aufrichtig. Aber wo wir aufrichtig sind, sind wir angreifbar. Deshalb ziehen viele Leute es vor, sich zu "präsentieren". Das ist die salonfähige Feigheit unserer Zeit. Nun aber kommt ein Papst und zeigt uns, dass man nicht feige sein muss, sondern mal etwas Aufrichtigkeit riskieren kann. Er erinnert uns daran, dass der Preis der perfekten Performance der Mensch selbst ist. Und dass Macht, Einfluss oder eine Wohnung im Apostolischen Palast vielleicht doch nicht das Nonplusultra sind.

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Leserkommentare
    • yurina
    • 13. April 2013 19:17 Uhr
    1. danke.

    Lassen Sie mich raten... für diesen Artikel werden sie noch eine Menge Prügel einstecken müssen. Aber wer weiß?

    6 Leserempfehlungen
  1. 2. [...]

    Doppelposting. Die Redaktion/mak

  2. Ich bin sprachlos. Wieso denkt nicht der Rest der Gesellschaft wie Sie? Sie würde angenehm besser und herzlicher. Da ich Argentinierin bin, gebe ich gerne zu, dass Aufrichtigkeit dort hochgeschrieben wird. Jeder der etwas auf sich hält - hier: vornehm und gebildet sein- verhält sich gerade gegenüber Schwachen, Kranken und Armen besonders höflich und hilfsbereit. Ansonsten könnten sie ganz schnell des Hochmuts verdächtigt werden. Und das ist mehr oder weniger das schlimmste Schimpfwort, dass einem Argentinier zuteil werden kann.

    7 Leserempfehlungen
  3. Ich bin ebenfalls platt von der Treffsicherheit der Beobachtungen in diesem Artikel - und in der Tat, er wird Prügel beziehen... Der Verdacht, einem "Jubelpapismus" verfallen zu sein, lauert schon um die Ecke.

    In der Tat: Wir sehnen uns alle nach Authentizität... Dieser abstrakte Wert ist - auch wenn er nicht oft als Stichwort aufgegriffen wird - das, wonach alle heutzutage vergeblich suchen. Und wenn er tatsächlich einmal irgendwo erscheint, wird er nicht anerkannt, da wir alle meinen, schon zu ahnen, daß da bald "etwas auffliegt", decouvriert wird, und man danach als leichtgläubig dasteht.

    Aber zum Glauben (oder vielleicht noch etwas allgemeiner, zur Fähigkeit zum Bewundern) gehört ohnehin immer das Risiko dazu, als leichtgläubig und naiv verhöhnt zu werden. Das ist schon seit Jesus selbst bekannt.

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  4. Es gibt Menschen um mich, die sagen mir nach, mein Zynismus sei für meine Umwelt manchmal schon fast unerträglich. Dabei sind mir einfach die unzähligen Löcher im "Schweizer Käse" unserer gesellschaftlichen Entwicklung (diese Tage: Atommüllendlager, Pferd im Rind, "Die Rente ist sicher", Menschenrechte in Syrien etc. pp. et alt.), die mir unerträglich sind, die den in einer menschtypischen Hirnschale platzfindenden bescheidenen Synapsen nicht mehr fassbar erscheinen können, wenn man nicht mit Dummheit oder Ignoranz gesegnet ist.

    Daher: Danke, liebe Frau Finger! Ihr Artikel gibt mir wieder die Hoffnung, dass einfach nur die Leute schlecht sind und dass einzelne Menschen trotzdem einfach gut sein und auch bleiben können - entgegen der Apfelkistentheorie.

    Dem Franziskus wünsche ich, dass er diesen, seinen Weg weiter ausarbeiten und begehen kann und nicht nach einem Ende wahlweise wie ein Lumumba, ein Kennedy oder einer Johannes Paul I. durch eine "konformere" Person ersetzt wird.

    2 Leserempfehlungen
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    ... ist der geglückte Versuch, die Welt zu sehen, wie sie ist.

  5. "weil wir uns schon so an das Agieren in gesellschaftlichen Rollen gewöhnt haben, dass uns "Echtheit" und "Direktheit" komisch vorkommen – zumal sie die Anstrengung der Treue erfordern."

    Danke, Frau Finger !

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  6. 7. Wow!!!

    "Nur wo wir uns selber treu sind, nur wo Gefühl und Äußerung übereinstimmen, sind wir auch aufrichtig. Aber wo wir aufrichtig sind, sind wir angreifbar. Deshalb ziehen viele Leute es vor, sich zu "präsentieren". Das ist die salonfähige Feigheit unserer Zeit."

    Vielen Dank für eine so kurze und treffende BEschreibung eines unheilvollen Wirkzusammenhanges dieser Tage.

    3 Leserempfehlungen
    • Thuja
    • 14. April 2013 13:36 Uhr

    " Was werden die Misstrauischen erst sagen, wenn herauskommt, dass Franziskus (der die nächsten Monate im vatikanischen Gästehaus Santa Marta bleibt, statt in den Apostolischen Palast zu ziehen) am liebsten bei seinen Ordensbrüdern, den Jesuiten, wohnen würde?"

    Im Apostolischen Palast zu wohnen ist keine Freude, da ist es schlichter eingerichtet als im neuen und modernen Gästehaus, das erst unter JPII errichtet wurde.
    Im Apostolischen Palast hat der Papst seine Dienstwohnung. Dort sind die Büros der wichtigen Mitarbeiter. Im Apostolischen Palast ist alles auf das Amt konzentriert. Das berühmte Fenster, aus dem der Papst beim Angelus spricht, ist das Fenster seines Arbeitszimmers. Das heißt, nur kurz vom Schreibtisch aufstehen und vor das Volk treten, danach einige wenige Schritte zum Schreibtisch. Nun aber geht eine Wanderung los....

    Wo arbeitet der Bischof von Rom, wo arbeiten seine Sekretäre? Alles nur ein einziges Provisorium. Benedikt trat zurück, weil er Platz machen wollte für mehr Kraft und Energie im Papstamt. Aber Franziskus möchte eigentlich nur Bischof von Rom sein, Papst mag er scheinbar nicht sein und zeigt das klar durch die Missachtung der Traditionen. Ja, der Zeitgeist applaudiert ihm.
    A b e r : Er stellt sich nicht demütig in eine lange Reihe von Vorgängern, nein, er macht was er will in allen Dingen. Andere haben viel mehr Arbeit und Mühe, das stört ihn jedoch wenig.

    Nein, ich sehe all das mit großer Sorge und Trauer. Ich bin Katholik.

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    Eigentlich ist das fast nicht notwendig. Ich habe nämlich den Eindruck, es sind vor allem Nichtkatholiken, die jetzt jubeln, weil da ein Papst endlich dem Zeitgeist zu folgen scheint. Die jetzt hoffen, dass jetzt alles, alles anders wird und alles alles erlaubt wird, weil der Papst (oops!, "Bischof von Rom" natürlich) keine roten Schuhe trägt, sondern schwarze.
    Zum Thema "Andere haben viel mehr Arbeit und Mühe, das stört ihn jedoch wenig.": Es geht nicht nur um das, was Sie geschrieben haben.
    Beispiel "Santa Marta": Es müssen dort verstärkte Sicherheitsmaßnahmen getroffen werden, was den Mitbewohnern ziemliche Unannehmlichkeiten bereitet.
    Beispiel: "Der Papst bricht das Protokoll und geht auf die Menschen zu": eine Zumutung für die Sicherheitsbeamten, von denen viele wahrscheinlich schon ziemliche Nervenbündel sind.
    Beispiel "Schlichte Messgewänder": Die schlichten Messgewänder müssen neu angefertigt werden, die "prunkvollen" (Uralt-)Messgewänder, die B16 verwendet hat, stammen aus dem vatikanischen Fundus, sind also schon da. Wer ist da also bescheidener, der mit den alten oder der mit den neugemachten Messgewändern?
    Übrigens: Ist Ihnen aufgefallen, dass alle diese "Bescheidenheitsgesten" von Anfang an lückenlos filmisch oder fotografisch dokumentiert sind?

    Da muss ich Sie leider wiedersprechen. Zwar ist Franziskus kein konventioneller Papst, weil er keine rote Schuhen, kein vergoldetes Kreuz und auch keinen Fischerring aus Edelmetall trägt. Doch er beweist damit, dass er nicht des Amtes wegen Papst geworden ist. Papst Franziskus ist in erster Linie Jesuit und dann Erzbischof von Rom. Denn er definiert sich nicht durch das Papstamt, im Gegenteil. Er bedient sich des Amtes, um den Menschen seine Botschaft zu verkünden. Er ist sich in dieser Hinsicht treu, deswegen hat er auf Pomp und Prunk verzichtet. Man kann sich kaum einen Jesuiten oder einen Franziskaner in Arminmantel oder purpurroten Schuhe vorstellen. Seine Bescheidenheit und Demut sind nicht gespielt, sie sind tief in seinen Überzeugungen verwurzelt. Dies mag für Europäer, insbesondere von postmodernen Zyniker, unglaublich wirken. Doch für Papst Franziskus ist das Amt nur ein Mittel zum Zweck und nicht umgekehrt. Sein Interesse gilt nicht des Papsamtes sondern den Menschen.

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  • Schlagworte Bibel | Oper | Papst | Schizophrenie
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