Kunstmarkt-StudiumKlassenreise zur Auktion

In neuen Studiengängen wird gelehrt, wie der Kunstmarkt funktioniert. Doch garantiert ein Abschluss auch die Karriere? von 

Studenten des Sotheby’s Institute of Art lernen im Auktionssaal.

Studenten des Sotheby’s Institute of Art lernen im Auktionssaal.  |  © courtesy of Sotheby‹s Institute of Art

Als das Sotheby’s Institute of Art Anfang des Jahres bekannt gab, in Los Angeles einen weiteren Masterstudiengang "Art Business" anzubieten, Kostenpunkt 75.000 Dollar, folgten sogleich bissige Kommentare. Ein Kritiker überlegte, ob man für das gleiche Geld nicht lieber einen Flugkurs belegen sollte. Oder zwei Jahre lang von dem Geld leben und in Galerien und Auktionshäusern als Praktikant Erfahrung sammeln? Dabei erweitert nicht nur das Sotheby’s Institute of Art seine Ausbildungswege in die Kunstwelt. Kürzlich gab auch die "Education"-Abteilung von Christie’s bekannt, dass man ab September erstmals einen Masterstudiengang in "Art, Law and Business" anbieten werde. Zwölf Studenten werden aufgenommen, zu zahlen sind um die 32.000 Pfund. Auch an der Universität Zürich wird im Herbst ein "Executive Master in Art Market Studies" aufgelegt, und an der Freien Universität Berlin kann man bereits seit einigen Jahren einen Fortbildungskurs "Management im Kunstmarkt" besuchen. Reagiert wird damit auf die immer komplexer werdenden Anforderungen des Kunstmarktes. Denn die Realität ist: Wer heute Kunstgeschichte studiert und nebenher engagiert in einer Galerie arbeitet, hat noch lange keine Garantie auf eine Karriere. Ohne Netzwerk, ohne das Geld reicher Eltern endet der Marsch durch die Kunstinstitutionen oftmals im prekären Dasein einer Galerieassistentin.

Aber kann man den Kunstmarkt in Klassenzimmern lernen? Ist das die Alternative? Wie begreift man im Hörsaal die Psychologie von Preisschwankungen, das Fabrizieren von Rekorden und die Genese von Trends? Und muss das so viel Geld kosten? "Unsere Lehre ist eine Mischung aus Praxis und Theorie, wir versuchen beides an die Studenten zu vermitteln", sagt Jos Hackforth-Jones, Direktorin des Londoner Sotheby’s Institute of Art, das am Bedford Square gelegen ist, einer friedlichen Oase zwischen British Museum und Oxford Street. Die großen Auktionen können die Studenten hier bequem live im Klassenzimmer auf Flachbildschirmen verfolgen – oder sie gehen direkt nebenan in die echte Auktion, begleitet von einem erfahrenen Experten. Man fährt gemeinsam auf Klassenreise zu internationalen Kunstmessen und lernt in den Seminaren von Gastdozenten das Wichtigste aus den diversen Feldern des Kunstmarktes, vom Kunstrecht über Logistik und Versicherung bis hin zur Kunstgeschichte. "Wir regen unsere Studenten ständig an, sich zu vernetzen. Viele von ihnen kommen nach den Vorlesungen mit unseren Experten ins Gespräch und tauschen Karten aus." Der Weg der Studenten in das Netzwerk beginnt am Sotheby’s Institute of Art also am ersten Tag des Studiums – mit dem Drucken von eigenen Geschäftskarten.

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Auf einer dieser Visitenkarten steht der Name Michael Petrides, er hat vergangenen September sein Masterstudium in "Art Business" begonnen. Der junge Mann mit akkuratem Kurzhaarschnitt und dezent kariertem Hemd ist Jurist, zuvor hat er bei der EU-Kommission in Brüssel gearbeitet. Zeitgenössische Kunst kannte Petrides eigentlich nur von sporadischen Ausstellungsbesuchen. "Aber nach einem Sommerkurs bei Sotheby’s in New York habe ich den Kunstmarkt als ganz neues Betätigungsfeld meiner juristischen Expertise entdeckt." Mit 28 ist er einer der Ältesten in seinem Kurs – von den rund 65 Studenten sind die meisten Amerikaner, die Mehrheit ist um die zwanzig Jahre alt und weiblich. Und wahrscheinlich ist Petrides auch einer der wenigen, die den Kurs aus eigenen Ersparnissen bezahlen.

"Es gibt nicht viele Leute in der Kunstwelt, die beides haben, kunsthistorische Bildung und einen Business-Hintergrund", weiß Simon de Pury, derzeit Auktionator ohne Auktionshaus, der vor vielen Jahren den "Sotheby’s Works of Art Course" belegte. "Jeder, der Jura oder Betriebswirtschaft studiert hat und dann in die Kunstwelt geht, ist also ein seltener Experte und hat einen großen Vorteil gegenüber seinen Kollegen." Jurist Michael Petrides passt also bestens ins Erfolgsschema. Sein Stundenplan beim Sotheby’s Institute of Art ist prall gefüllt: Der Student muss sich wochenlang intensiv mit Statistik, Recht und Management beschäftigen, nebenbei Referate zur Geschichte der Op-Art halten.

"Die Ausbildung spielt in der Kunstwelt eine große Rolle. Die meisten Bewerber haben einen Masterstudiengang als bildende Künstler, Kunsthistoriker, Kuratoren oder im Bereich Kunstvermarktung absolviert", sagt die Soziologin, Kunsthistorikerin und Journalistin Sarah Thornton. "Die allgemeine Inflation der Studienabschlüsse ist aber auch hier zu beobachten. Ein BA-Abschluss reicht heute selten für eine Karriere." Wichtiger ist da schon die Vermittlung in den Arbeitsmarkt. "Wir garantieren unseren Studenten ein Praktikum bei uns im Haus als wesentlichen Teil ihrer Ausbildung", sagt Giovanni Gasparini, der Leiter des neuen Studiengangs bei Christie’s.

Auch das Sotheby’s Institute, wo unter anderen zahlreiche Kinder bekannter Künstler und Sammler studieren, lockt mit guten Karriereaussichten: Angeblich werden innerhalb der ersten Monate um die neunzig Prozent der Absolventen im Jobmarkt untergebracht. Die Erwartungen der Studenten an ihre Zeit nach der Ausbildung bündeln sich am Sotheby’s Institute in einer Person: Christina Bradstreet ist Director of Careers Services, eine Art Headhunter und Wunschforscherin für Arbeit in einer Person. "Ich konzentriere mich auf die Ambitionen und Interessen der Studenten. Gleichzeitig bin ich in Kontakt mit Unternehmen, die auf der Suche nach guten Leuten sind." Bradstreet verwaltet eine kostbare Datenbank mit über 1.600 potenziellen Arbeitgebern und ständig neu hereinkommenden Stellenangeboten. Das kann ein vakanter Posten als Junior-Spezialist für Nachkriegs- und Gegenwartskunst im Auktionshaus sein oder die Stelle als Assistenzkurator in einer großen Galerie. Gerade erst kam eine neue Anzeige: "Hervorragende Russisch- und Mandarinkenntnisse erforderlich...", liest Bradstreet vor.

Michael Petrides hat sich noch nicht entschieden, wo es nach seinem Master hingehen soll. Ihn interessiert vor allem die Logistik der reisenden Kunst. "Ich habe mich schon in Brüssel mit dem Thema Transport beschäftigt." Und wenn sich seine Kommilitonen beim Anblick einer Jeff-Koons-Skulptur fragen, was die wohl kostet, will Petrides noch lieber eins wissen: Wie hat es der empfindliche Koloss sicher von einem Land ins andere geschafft?

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