Die sächsische NPD-Fraktion ist auf einem dunklen Nebenflur im zweiten Stock des Dresdner Landtags untergebracht. Von hier aus geht sie – sieben Männer und eine Frau, meist schwarz gekleidet – geschlossen in die Kantine. Trifft die Gruppe auf dem Weg dorthin jemanden von den Grünen, geht man grußlos aneinander vorbei. Sieht sie im Aufzug eine SPD-Abgeordnete, nimmt sie den nächsten. Die NPD isst in der Gruppe, niemals mit anderen.

Das Büro von Holger Apfel, dem Dresdner Fraktionschef und Bundesvorsitzenden der NPD, ist fast völlig kahl. Er will es sich hier nicht gemütlich machen. Auf die Frage, wie das so ist, im Landtag täglich mit Demokraten Umgang zu haben, grinst er spöttisch. Man könne sich keine Cola aus dem Automaten ziehen, sagt er, ohne dass es heiße: "Guck mal, der Nazi trinkt Besatzerbrause!"

"Antifaschistische Beißreflexe", so nennt er die Reaktionen der anderen Parteien, die jedes Thema, das die NPD einbringe – von der Zwangskastration für Kinderschänder bis zum Kampf gegen Crystal Meth in den Grenzregionen –, auf das "Dritte Reich" zu beziehen versuchten. Eine echte Debatte finde "in dieser Schwatzbude" nicht statt. "Ich hasse nicht, ich verachte", sagt Apfel.

Aber einmal im Monat, wenn das Plenum tagt, kann man sich nicht mehr aus dem Weg gehen. Dann müssen die demokratischen Parteien in den Landesparlamenten von Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern mit der NPD zusammenkommen. Jede Landtagssitzung wird zur Bühne. Freunde und Feinde der Demokratie sitzen dann kaum eine Armlänge voneinander entfernt.

Was dann passiert, hat die NPD stolz in Videos auf ihren Websites gepostet. Wie ein NPD-Redner 2005 die alliierten Luftangriffe auf Dresden als "Bombenholocaust" bezeichnete und wie SPD, Linke, Grüne, CDU und FDP teilweise fluchtartig den Saal verließen. "So schnell leert man ein Parlament", spottete ein NPD-Mann damals.

Wie die NPD-Fraktion ihrerseits geschlossen den Saal verließ bei der Schweriner Gedenkstunde für die Opfer des NSU. Oder wie im vergangenen Juni ihre Abgeordneten die Jacketts auszogen und darunter Thor-Steinar-T-Shirts zum Vorschein kamen; wie der CDU-Landtagspräsident Matthias Rößler dann vergeblich versuchte, den NPD-Abgeordneten Andreas Schorr am Rednerpult zu unterbrechen, wie die Fraktion sitzen blieb, obwohl Rößler sie des Saales verwies. Erst als die Polizei kam, gingen die acht, grinsend.

Im Bundestag, wo derzeit über ein Verbot der NPD beraten wird, weiß kaum jemand, was das bedeutet: mit Nazis im Parlament sitzen, Bank an Bank, Tür an Tür. "Am Anfang waren wir völlig hilflos", erinnert sich Rico Gebhardt von der Linksfraktion in Dresden, der zweitgrößten Fraktion nach der CDU. "Wir sind aufgestanden und rausgegangen, wenn einer von denen geredet hat." Die Grünen forderten damals, nach dem Einzug der NPD 2004, man solle während deren Wortbeiträgen die Stühle um 180 Grad drehen und raus auf die Elbe gucken. Ein Vierteljahr ging das so. Kopflose Demokraten, höhnische NPD-Abgeordnete. "Die haben uns vorgeführt", meint Gebhardt. Bis sich die demokratischen Parteien zusammenrauften.

Die Maxime des Dresdner Konsenses, der damals entstanden ist, fasst der CDU-Fraktionschef Steffen Flath so zusammen: "Ich nehme die Wähler der NPD ernst, ohne die Partei aufzuwerten." Drei Dinge beachten seither alle demokratischen Fraktionen: Auf jeden Antrag der NPD antworten ein Mitglied der Regierung und ein Mitglied der Opposition. Jeder NPD-Antrag wird geschlossen abgelehnt. Kein Abgeordneter der demokratischen Parteien nimmt an außerparlamentarischen Veranstaltungen teil, zu denen auch ein NPD-Vertreter eingeladen ist. "Ich kann mich an keinen einzigen Fall erinnern", so Flath, "wo das schiefgegangen ist."

Die Annäherung von Konservativen und Linken verlief nicht ohne Mühen. "Jeder musste ein bisschen was hergeben", sagt der Linke Rico Gebhardt. Die Linken mussten lernen, "dass es nicht nur unseren Antifaschismus gibt, sondern auch den christlichen, den konservativen".

Die CDU wiederum musste einsehen, den Rechtsextremismus in der Vergangenheit unterschätzt zu haben. Wie hatte Kurt Biedenkopf gesagt? "Die Sachsen sind immun gegen Rechtsextremismus." Berührungsängste mit den Linken existieren immer noch. Demonstrationen, "zu denen Antifa-Chaoten aus Berlin anreisen", sind für Steffen Flath weiterhin ein Problem. "Aber inzwischen gibt es ein breites, auch von den Kirchen mitorganisiertes Bündnis in der Stadt. Da sind wir auch dabei."