"Fahren Sie, wohin Sie wollen, schreiben Sie auf, wenn Sie etwas Lustiges sehen, und schicken Sie es mit der Spesenrechnung." Mit dieser Blankovollmacht begann 1958 Manfred Schmidts Karriere als Reisereporter. Damals war der Erfinder von Nick Knatterton längst ein Star. Seine Comics erschienen in Quick, der ersten bundesdeutschen Illustrierten. Schmidt, damals 45 Jahre alt, hatte nach acht Jahren Knatterton allmählich die Lust an der Routine verloren. Mit dem großzügigen Angebot wollte ihn der Chefredakteur bei Laune halten.

Die erste Reise führte Schmidt nach Cannes – "weil es da am teuersten war". Aber beim Jetset fand der Sohn einer bürgerlichen Bremer Familie nicht, was er suchte. Lieber heftete er sich dem neumodischen Typus des Pauschaltouristen an die Fersen. Von Rüdesheim bis Tunis, von London bis Athen trug ihn in den folgenden Jahren der aufblühende Fremdenverkehr. Darüber verfasste er launige Berichte, die er mit eigenen Karikaturen illustrierte. So wurde Manfred Schmidt zum beliebtesten Reisereporter der Nachkriegszeit. Am 15. April wäre er hundert Jahre alt geworden.

Der Grundton von Schmidts Reportagen war immer satirisch. Mit Vorliebe stellte er seine Landsleute als eifrig staunende Wohlstandsbürger dar, die sich in Richtung Süden schoben, einander in albernen Posen fotografierten und, wenn der Frohsinn überbordete, das Marschlied O du schöner Westerwald anstimmten. Menschen also, die sich gründlich danebenbenahmen, es in ihrem Überschwang aber nicht bemerkten. Damit traf er die gerade aufkommende Angst der gebildeten Stände in Deutschland: dass man sich auch in Friedenszeiten auf der ganzen Welt unmöglich macht.

Schmidt schilderte seine Erlebnisse im Ton heiterer Naivität. Spitzen platzierte er zwischen den Zeilen scheinbar harmloser Überlegungen. Hin und wieder blitzten auch politische Pointen auf. Etwa aus Anlass einer Polonaise in einem Weinlokal. "Auch hier konnte ich wieder das Phänomen beobachten, dass beim Unfugtreiben gegenseitiges Anfassen das Gewissen beruhigt, denn was alle mitmachen, muss richtig sein", schreibt er. "Auf dieser Basis wurde schon oft Geschichte gemacht."

Die leichthändige Präzision, die Schmidt als Schreiber hatte, war an der Karikatur geschult. Sein Handwerk hatte er im Berliner Feuilleton der Weimarer Republik gelernt. Nachdem er 1933 nach Berlin gegangen war, wurde Manfred Schmidt vom Ullstein Verlag als Zeichner unter Vertrag genommen. Bald bekam er auch Schreibaufträge. Im Journalistentross begleitete er sogar Max Schmeling nach Amerika. Im Zweiten Weltkrieg marschierte Schmidt als Kartograf mit der Wehrmacht nach Russland. Aus dieser Zeit stammte seine Abneigung gegen alles Militärische. Als Journalist war er Mitglied der "Propagandakompanie", die der Waffen-SS unterstand. Nach 1942 zeichnete er auch für die Deutsche Zeichenfilm GmbH, die Goebbels gegründet hatte, um Walt Disney Konkurrenz zu machen. Aus alldem machte Schmidt später keinen Hehl.

Nach dem Krieg wollte er sein Talent nutzen, um die Demokratie zu festigen. Das war der Anspruch von Erich Kästners Jugendzeitschrift Pinguin, für die er damals regelmäßig zeichnete. Doch die Frontenbildung des Kalten Krieges zerrieb die aufklärerischen Absichten. 1949 ging Schmidt desillusioniert zu Quick und machte bald darauf Karriere mit Nick Knatterton. Die als Ulk angelegte Detektivfigur wurde zum Selbstläufer, und Schmidt ließ sich aufs Seichte festlegen.

Er fügte sich auch, als der Chefredakteur ihm Jahre später antrug, er solle nur recht viele "Popos" in seinen Reiseberichten unterbringen. Darum wohl die Touren ins Moulin Rouge oder an den FKK-Strand von Sylt. Sein erster Eindruck: "Hinter der Dünenkuppe entfaltete sich vor mir eine Szenerie, wie ich sie bisher nur aus Angstträumen oder künstlerischen Darstellungen des Jüngsten Gerichts kannte."