Nichts geht mehr. Auf der Mirpur Road steht unser Motorradtaxi eingeklemmt von kreuz und quer eingefädelten Autos, rostigen Lastwagen und überladenen Bussen. Selbst der Rikschafahrer mit seiner Ladung Bananen vor uns ist resigniert vom Rad gestiegen. Fußgänger klettern vorsichtig über Stoßstangen zur anderen Straßenseite.

Verkehrschaos gibt es in jeder Metropole, aber keine nervt damit so wie Dhaka, die Hauptstadt Bangladeschs. Es ist heiß und staubig, Gehupe und Geklingel mischen sich mit Hämmern, Klopfen und Kreischen auf Baugerüsten, die beidseits der Straße in den Himmel wachsen. Zum Glück gibt es Handys: "Sorry, Mr. Islam..." Der Stadtplaner, den wir besuchen wollen, antwortet gelassen.

Der totale Stau zeigt augenfällig die Spannung aus pulsierender Lebendigkeit und Stillstand, die alle Lebensbereiche in Dhaka beherrscht und Besucher überwältigt. In dieser am schnellsten wachsenden Metropole der Welt gesteht selbst die Regierung ein, Zustrom und mangelnde Planung hätten die "soziale und physische Infrastruktur an den Rand des Kollapses" getrieben. Vom Direktor des Center for Urban Studies, Nazrul Islam, wollen wir wissen: Kann man so eine chaotische Megacity mit 15 Millionen Einwohnern überhaupt steuern?

Die Brisanz der Frage reicht weit über das dicht besiedelte Bangladesch hinaus. Denn die Verstädterung beschleunigt sich überall. Besonders anschaulich zeigen das nächtliche Satellitenfotos der wuchernden Ballungsräume, als Konzentration von Lichtpunkten im planetarischen Schwarzblau. London, Shenyang, Lagos, Bogotá: Megastädte flimmern wie hochaktive Knoten im Nervennetz.

Und dehnen sich aus. 1980 lebten in Dhaka rund drei Millionen Bürger, inzwischen sind es fünfmal so viele. 40 Prozent von ihnen drängen sich in den Elendsvierteln auf einem Zwanzigstel der Fläche. Im nächsten Jahrzehnt könnte die Einwohnerzahl Dhakas auf 25 Millionen steigen. Täglich strömen etwa 1.400 neue Siedler herein.

Menschen wie Rajia und Amil Ali, die wir am Buriganga-Fluss treffen. Das Paar ist aus dem Norden in das Industriegebiet nahe am Flusshafen Sadarghat gezogen. Mit über fünfzig verlässt man sein Dorf nicht mehr so leicht. Doch der Klimawandel, der dem Norden Dürren bringt, hat diesen Tagelöhnern den letzten Anstoß zum Aufbruch gegeben. Nun hocken die Alis jeden Tag im beißenden Gestank brennender Müllhalden neben einem Berg alter Gummisandalen auf dem Boden. Aus jeder einzelnen entfernen sie den Riemen und geben die Sohlen zum Recycling in die schäbige Fabrik hinter ihnen. Tausende Male der gleiche Schnitt, zehn Stunden am Tag, in glühender Sonne, für umgerechnet 30 Euro im Monat. Acht Euro koste ihre Unterkunft, erzählt die Frau im rostroten Sari. In dem winzigen Verschlag wohnen noch zwei Töchter, beide arbeiten in einer Textilfabrik.

Dort am Ufer würden die Bretterbuden und Manufakturen, die Ketten von Lastenträgern und die Bettler in Lumpen, die offenen Latrinen und Schlote mit verpesteter Luft an London oder Łódź während der Frühindustrialisierung erinnern, verstopften nicht jaulende Lkw die schlammigen Gassen. Trotzdem sieht Amil Ali in Dhaka viele Möglichkeiten. "Zu Hause gab es überhaupt keine Arbeit", sagt er, ohne sein monotones Handwerk zu unterbrechen. "Wir sind ja erst seit sechs Monaten hier." Auch Rajia lächelt: "Das ist bloß unser erster Job. Wir werden einen besseren finden."

"Ankunftsstadt", so nennt der kanadisch-britische Autor Doug Saunders die Megacity, weil sie den Armen nicht nur Elend, sondern auch Perspektiven bietet. Aber für wie viele gehen die Hoffnungen in Erfüllung? Wie können Planer und Politiker jedem Einzelnen die Chance auf Nahrung, Wasser, Unterkunft, Bildung, Energie und Transport verschaffen? Das wollen wir von Nazrul Islam und später von einigen seiner Kollegen wissen. Und während wir im Tuk-Tuk Abgase inhalieren, drängt sich die Frage auf: Wie lässt sich verhindern, dass der Moloch mit seinen Ausdünstungen und Abfällen die Lebensgrundlagen zerstört?

Der Buriganga, dieser Altarm des Ganges, ist bereits halb tot durch giftige Abwässer aus Hunderten von Kunststoff- und Recyclingfabriken, Ziegeleien und Gerbereien. Kleine hölzerne Lastschiffe und überladene Dampfer durchpflügen eine schwarze Brühe, trügerisch schön überwuchert von Wasserhyazinthen. Viele Arbeiter trinken aus dem Fluss, waschen sich und ihre Kleider darin, Kinder planschen in ihm. Er vergiftet den Boden, auf dem Reis und Gemüse wachsen. Hautkrankheiten grassieren, Durchfall und Krebs. Hazaribag, das Epizentrum der Verschmutzung, liegt unweit der Altstadt. Auch dort beziehen viele Bewohner ihr Trinkwasser aus der heiligen Kloake.

In einem "schreienden Aufruf zum Handeln" beklagt der Umweltwissenschaftler Nurul Amin von der North South University den Notstand: Mehr als einem Viertel der Menschen in Dhaka fehlt jeder Zugang zu sauberem Trinkwasser. Nur ein Fünftel der Haushalte ist ständig versorgt, selbst in den pompösen Hochhäusern im Norden der Stadt kommt manchmal tagelang kein Tropfen aus den Hähnen. Zugleich sinke der Grundwasserspiegel rapide, heißt es in Amins Broschüre.