Megacitys"Nur Wohnungen zu bauen reicht nicht"

Wuchernde Megacitys und ihre Slums sind kaum planbar. Ein Gespräch mit dem Architekten Albert Speer, der sich unermüdlich einmischt von 

Teil der Großstadt Kairo, aufgenommen 2012

Teil der Großstadt Kairo, aufgenommen 2012  |  © Khaled Desouki/AFP/Getty Images

DIE ZEIT: Herr Speer, würden Sie aus dem beschaulichen Frankfurt am Main in eine Megametropole umziehen?

Albert Speer: Sofort, wenn ich 30, 40 Jahre jünger wäre. Kairo zum Beispiel ist für mich eine ungeheuer faszinierende Stadt.

Anzeige

ZEIT: Und der Lärm, der Gestank, der Verkehr? Eine Megacity gilt ja gemeinhin als Moloch.

Speer: Das ist ein Klischee. Schauen Sie sich zum Beispiel Chongqing an, mit 32 Millionen Einwohnern eine der größten Stadtgemeinden der Welt. Wenn man dort hinkommt, geht es recht beschaulich zu, denn man hat verschiedene kleinere Städte zu einer Verwaltungseinheit zusammengelegt. Kein Moloch also, man kann dort gut leben. Ganz anders sieht es in Alexandria in Ägypten aus, wo wir gerade einen Masterplan erarbeiten. Die Stadt ist binnen weniger Jahre von 3,5 auf 5,5 Millionen Einwohner gewachsen, mit ungeheuren Problemen.

ZEIT: Warum wächst eine solche Stadt so stark?

Albert Speer
Albert Speer

geboren 1934, ist Architekt wie sein Vater, der Hitlers Generalbauinspektor war. Er betreibt in Frankfurt am Main ein großes Büro unter dem Namen AS&P, das in aller Welt Bürotürme ebenso wie Schulen oder Sportstadien plant. Bekannt wurde Speer vor allem mit seinen städtebaulichen Projekten. Ob in Peking, Kairo oder Köln – überall schätzt man seinen Rat, wenn es darum geht, in die oft verwirrenden Städte ein wenig Ordnung zu bringen.

Speer: Weil die Bevölkerung insgesamt wächst und zusätzlich viele Menschen vom Land in die Stadt ziehen. Die Chancen auf ein besseres Leben sind dort eben größer. Es gibt mehr Schulen, eine bessere Krankenversorgung, im Zweifel auch mehr Arbeit.

ZEIT: Aber sind die Folgen der Zuwanderung nicht verheerend?

Speer: Alle Versuche sind gescheitert, den ländlichen Raum so aufzuwerten, dass die Menschen bleiben. Die Entwicklung ist nicht aufzuhalten.

ZEIT: Und was tun dann Sie als Stadtplaner? Das Schlimmste verhindern?

Speer: Es gibt jedenfalls keine Patentrezepte, jede Stadt und jede Megastadt ist anders. Auch wenn sich die Architektur überall immer mehr ähnelt, sind die Charaktere der Metropolen sehr verschieden, bedingt durch das Klima, die Geschichte, die Landschaft. Wir Planer müssen diese Unterschiedlichkeit stärker wahrnehmen und herausarbeiten.

Megacitys

So werden Städte und Ballungsräume bezeichnet, die mehr als 10 Millionen Einwohner haben. Im Jahr 1970 traf das nur auf Tokio und New York zu. 2011 hatten bereits 23 Metropolen die Schwelle überschritten, bis 2025 dürften es 37 sein.

Urbanisierung

Die Landflucht hält an. Im Jahr 2050 werden zwei Drittel der Menschheit in Städten leben. Eine immense Herausforderung, denn auch Konsumansprüche und Ressourcenverbrauch wachsen dadurch. Städte bedecken drei Prozent der Erdoberfläche, doch sie verursachen 80 Prozent der CO₂-Emissionen.

ZEIT: Müssten Sie nicht vor allem die Grundbedürfnisse im Blick haben und Wohnungen bauen?

Speer: Das stimmt, aber nur Wohnungen zu bauen reicht auch nicht. Oft wird das Drumherum vergessen, wie Schulen, Kindergärten, Parks. In Saudi-Arabien wollte man in den achtziger Jahren sozialen Wohnungsbau in Hochhäuser verlagern. Diese Türme sind inzwischen alle wieder abgerissen, niemand wollte einziehen. Ein ähnlicher Fall beschäftigt mich gerade in Kairo. Dort basteln wir im riesigen Stadtviertel "6. Oktober" mühsam hinein, was schlicht vergessen wurde, als es vor 25 Jahren entstand: Es gibt keine vernünftige Busanbindung, keine U-Bahn. Und dann wundert sich die Regierung, dass keiner hinzieht und die Gebäude aus dem sozialen Wohnungsbau verrotten. Währenddessen wuchern ungenehmigte Wohnhäuser in die landwirtschaftlichen Flächen, die dringend nötig wären, um Kairo zu ernähren.

ZEIT: Wie kann so etwas passieren? Sind die Stadtplaner so abgehoben?

Speer: Manche glauben tatsächlich, man könne noch Idealstädte planen.

ZEIT: So wie Ihre Kollegen Gerkan, Marg und Partner mit ihren Entwürfen für China?

Speer: So etwas funktioniert halt nie. Städte müssen wachsen, sich in die Landschaft einpassen, Pläne mit den Menschen gemeinsam erarbeitet werden.

ZEIT: Wie machen Sie das konkret, etwa in Kairo?

Speer: Vieles ist nach 25 Jahren kaputt, die Laternen sind umgefahren, es ist trostlos. In der arabischen Welt sagt man ja gerne, Instandhaltung gehöre nicht unbedingt zur Landeskultur. Dennoch versuchen wir als Berater zusammen mit einem ägyptischen Planer einen neuen Stadtmittelpunkt zu entwerfen, mit öffentlicher Verwaltung, Universitätsgebäuden, Dienstleistungen. Sodass ein urbaner Organismus entsteht, wieder attraktiv für die Menschen, die dann nicht weiter Äcker wild besiedeln.

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Stadtplanung | Urbanität | Städtebau | Architektur | Stadt | Slum
Service