DIE ZEIT: Herr Speer, würden Sie aus dem beschaulichen Frankfurt am Main in eine Megametropole umziehen?

Albert Speer: Sofort, wenn ich 30, 40 Jahre jünger wäre. Kairo zum Beispiel ist für mich eine ungeheuer faszinierende Stadt.

ZEIT: Und der Lärm, der Gestank, der Verkehr? Eine Megacity gilt ja gemeinhin als Moloch.

Speer: Das ist ein Klischee. Schauen Sie sich zum Beispiel Chongqing an, mit 32 Millionen Einwohnern eine der größten Stadtgemeinden der Welt. Wenn man dort hinkommt, geht es recht beschaulich zu, denn man hat verschiedene kleinere Städte zu einer Verwaltungseinheit zusammengelegt. Kein Moloch also, man kann dort gut leben. Ganz anders sieht es in Alexandria in Ägypten aus, wo wir gerade einen Masterplan erarbeiten. Die Stadt ist binnen weniger Jahre von 3,5 auf 5,5 Millionen Einwohner gewachsen, mit ungeheuren Problemen.

ZEIT: Warum wächst eine solche Stadt so stark?

Speer: Weil die Bevölkerung insgesamt wächst und zusätzlich viele Menschen vom Land in die Stadt ziehen. Die Chancen auf ein besseres Leben sind dort eben größer. Es gibt mehr Schulen, eine bessere Krankenversorgung, im Zweifel auch mehr Arbeit.

ZEIT: Aber sind die Folgen der Zuwanderung nicht verheerend?

Speer: Alle Versuche sind gescheitert, den ländlichen Raum so aufzuwerten, dass die Menschen bleiben. Die Entwicklung ist nicht aufzuhalten.

ZEIT: Und was tun dann Sie als Stadtplaner? Das Schlimmste verhindern?

Speer: Es gibt jedenfalls keine Patentrezepte, jede Stadt und jede Megastadt ist anders. Auch wenn sich die Architektur überall immer mehr ähnelt, sind die Charaktere der Metropolen sehr verschieden, bedingt durch das Klima, die Geschichte, die Landschaft. Wir Planer müssen diese Unterschiedlichkeit stärker wahrnehmen und herausarbeiten.

ZEIT: Müssten Sie nicht vor allem die Grundbedürfnisse im Blick haben und Wohnungen bauen?

Speer: Das stimmt, aber nur Wohnungen zu bauen reicht auch nicht. Oft wird das Drumherum vergessen, wie Schulen, Kindergärten, Parks. In Saudi-Arabien wollte man in den achtziger Jahren sozialen Wohnungsbau in Hochhäuser verlagern. Diese Türme sind inzwischen alle wieder abgerissen, niemand wollte einziehen. Ein ähnlicher Fall beschäftigt mich gerade in Kairo. Dort basteln wir im riesigen Stadtviertel "6. Oktober" mühsam hinein, was schlicht vergessen wurde, als es vor 25 Jahren entstand: Es gibt keine vernünftige Busanbindung, keine U-Bahn. Und dann wundert sich die Regierung, dass keiner hinzieht und die Gebäude aus dem sozialen Wohnungsbau verrotten. Währenddessen wuchern ungenehmigte Wohnhäuser in die landwirtschaftlichen Flächen, die dringend nötig wären, um Kairo zu ernähren.

ZEIT: Wie kann so etwas passieren? Sind die Stadtplaner so abgehoben?

Speer: Manche glauben tatsächlich, man könne noch Idealstädte planen.

ZEIT: So wie Ihre Kollegen Gerkan, Marg und Partner mit ihren Entwürfen für China?

Speer: So etwas funktioniert halt nie. Städte müssen wachsen, sich in die Landschaft einpassen, Pläne mit den Menschen gemeinsam erarbeitet werden.

ZEIT: Wie machen Sie das konkret, etwa in Kairo?

Speer: Vieles ist nach 25 Jahren kaputt, die Laternen sind umgefahren, es ist trostlos. In der arabischen Welt sagt man ja gerne, Instandhaltung gehöre nicht unbedingt zur Landeskultur. Dennoch versuchen wir als Berater zusammen mit einem ägyptischen Planer einen neuen Stadtmittelpunkt zu entwerfen, mit öffentlicher Verwaltung, Universitätsgebäuden, Dienstleistungen. Sodass ein urbaner Organismus entsteht, wieder attraktiv für die Menschen, die dann nicht weiter Äcker wild besiedeln.