Alle schwärmen von der Provinz, sie ist zum gelobten Land geworden. Aber wer will, wer kann denn wirklich dort leben? Das ist die Frage, die am Anfang steht, in der großen Demografie-Debatte. Das gelobte Land, das sind Wälder und Wiesen. Das sind Bruchstein-Häuser und Fachwerk-Kirchen. Große Weite, kleine Weiler. Die frohe Botschaft unserer Zeit: Wer zum Felde zieht, wird glücklich. Landluft macht frei. Die neue Landlust macht high. Ist die Provinz des modernen Menschen Himmelreich?

Unterm Himmel in Dessau sitzt Philipp Oswalt, 48, und bezweifelt das. Herrlich blau gestrichen ist in seinem Büro die Decke, aber er hat dafür keinen Blick: Der Mann denkt nach. Er residiert im berühmtesten Haus der Stadt, im Bauhaus-Gebäude – als Direktor der Stiftung Bauhaus soll er dessen Erbe wahren. Oswalt, ein großer Mann mit leiser Stimme, interessiert sich sehr für schrumpfende Orte, er erforscht die deutsche Provinz. "Die Frage ist doch", sagt Oswalt gleich, "ob der Staat es sich ewig leisten kann, jeden Ort auf Krampf am Leben zu erhalten. Oder ob wir nicht ganz neue Lösungen brauchen." Moment mal, denkt man da sofort: Wir sollen Dörfer aufgeben?

In Wahrheit geschieht diese Entvölkerung schon, das Aussterben ganzer Regionen. Das Problem heißt Demografie, und im Osten ist es besonders akut. Die Frauen gebären kaum noch Kinder, die wenigen Jüngeren ziehen fort vom Land, es bleiben die Älteren zurück. Das ist der Status quo. Was tun also mit überalterten Gemeinden, mit Kommunen ohne echte Perspektive?

Infrastruktur, die nur wenige nutzen

Oswalt, ein Architekturprofessor, hat da ein paar Ideen. Sie stehen in einem Buch, das in diesen Tagen erscheint. Etwas spröde ist dessen Titel: Raumpioniere in ländlichen Regionen. Aber der Inhalt hat es in sich. "Er gefällt gewiss nicht jedem", sagt Oswalt, "aber wir brauchen die Debatte darüber, wie viel der Staat noch leisten kann in dünn besiedelten Regionen." Oswalt weiß: Was der Osten jetzt erlebt, blüht in zehn, fünfzehn Jahren auch dem Westen.

Die Fragen, die das Bauhaus aufwirft, lauten zum Beispiel: Sollte man Landbewohner "in die Eigenverantwortung entlassen", ihnen also die Wahl lassen: Bleibt, und seid auf euch alleingestellt – oder geht? "Wenn jemand in die Einöde ziehen will, dann ist das sein gutes Recht", sagt Oswalt. "Dass man ihm das aber subventioniert, ist ja eigentlich nicht einzusehen! Dass jemand sich ein billiges Grundstück kauft und wir ihm noch Bus und Strom bezahlen, Wasser, Abwasser, Straßen." Denn Infrastruktur, die nur wenige nutzen, sei wesentlich teurer. "Notfalls muss man auch mal eine Straße stilllegen", sagt Oswalt.

Demografie, das war bisher ein Thema der Sonderausschüsse und Enquetekommissionen. Ein Thema, das diffuse Angst erzeugt. Die Kanzlerin richtet Mitte Mai ihren zweiten "Demografie-Gipfel" aus. Es gibt Initiativen namens "Demografie konkret" und "ddn – Das Demografie-Netzwerk".

"Nicht an jedem Kaff hängen"

Oswalts Thesen provozieren da mehr. Schon deshalb hagelt es gleich Protest. Es meldete sich etwa der Sachse Michael Kretschmer, Vizechef der Unionsfraktion im Bundestag. "Es gibt überhaupt keinen Grund, einzelne Regionen als perspektivlos zu bezeichnen!", sagte Kretschmer. Denn man dürfe nicht vergessen, dass selbst Sachsen, auch auf dem Höhepunkt der demografischen Entwicklung in ein paar Jahren, ein vergleichsweise dicht besiedeltes Gebiet bleiben werde – jedenfalls im europäischen Maßstab.

Heftigst empörten sich auch Leser der Mitteldeutschen Zeitung, die einige der Oswalt-Thesen vorgestellt hatte: "Eine Schande für die Bauhausstiftung, dieser Mann. Feuern." – Oswalt "quatscht nur unausgegorenen Mist und bekommt noch ’nen Haufen Kohle dafür. In einem freien Land wohne ich dort, wo’s mir gefällt". Oswalt zuckt mit den Schultern. "Ist halt ein unbequemer Stoff", sagt er.

Die Bewältigung des Demografie-Problems ist auch ein Wettstreit der Weltanschauungen. Und es ist eines jener wenigen Politikfelder, die noch vor Ort beeinflusst werden: Nicht nur in Brüssel, nicht nur in Berlin, sondern auch in Ottendorf-Okrilla oder Niederlungwitz. 2050 werden in Deutschland wohl bis zu zwölf Millionen Menschen weniger leben als heute. Das geht vor allem zulasten der Provinz, denn die Menschen ziehen in die Stadt. Seit Landwirtschaft ein globales Geschäft ist, ein paar große Konzerne mit wenigen Leuten riesige Felder beackern, gibt es auf dem Land nichts mehr zu tun. Wer noch im Dorf wohnt, fährt zum Arbeiten in die Zentren. Oder zieht weg. Es bleiben die Älteren. 64 Prozent der ostdeutschen Gemeinden, das hat das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung errechnet, haben zwischen 2003 und 2008 mehr als fünf Prozent ihrer Einwohner verloren. Binnen fünf Jahren also. Die Einnahmen aus Steuern und Abgaben brechen ein. Landimmobilien verlieren rapide an Wert, in vielen Orten werden Häuser unverkäuflich – während in Städten die Preise explodieren.

Leben wir mit einer großen Demografie-Lüge?

"Manchmal frage ich mich", sagt Kerstin Faber, Co-Herausgeberin des Buchs der Bauhaus-Stiftung, Mitstreiterin von Philipp Oswalt, "manchmal frage ich mich, ob wir mit unserer Einschätzung eigentlich eine Prognose treffen. Oder nicht einfach nur einen Zustand beschreiben, der längst schon eingetreten ist. Der Staat ist längst auf dem Rückzug, aber es wird gar nicht darüber gesprochen. Dabei können wir nur Lösungen finden, wenn wir endlich offen diskutieren." Überall seien die Folgen der demografischen Entwicklung sichtbar: Abriss, Schließung, Leerstand.

Leben wir mit einer großen Demografie-Lüge? Und mit einem großen Selbstbetrug?

Ja, sagt Reiner Klingholz, Chef des Berlin-Instituts, er springt den Bauhaus-Leuten zur Seite: "Man muss sich abgewöhnen, an jedem Kaff zu hängen." Was auf dem Land passiere, sei Enteignung. "Die Leute besitzen und kaufen dort Immobilien, aber diese Häuser sind bald überhaupt nichts mehr wert. Wir müssen den Menschen rechtzeitig anbieten, in die nächste Stadt zu ziehen! Unterm Strich wäre das für alle billiger." Aber klingt das nicht nach Zwang, nach Willkür? "Wir sind doch nicht im Stalinismus!", entgegnet Klingholz da. "Ich will nun wirklich keine Deportation! Wir müssen einfach Angebote machen. Und zwar rechtzeitig. Wir müssen den Leuten sagen: Wenn euer Leben leichter sein soll, zieht lieber weg, denn die Versorgung wird immer schwieriger. Die Menschen sind verraten und verkauft da draußen."

"Dorfleben wird zum Luxus"

Man kann auch Meinhard Miegel fragen, den großen Denker, der seit Jahrzehnten forscht zu Fragen der Bevölkerungsentwicklung. Miegel ist aufgewachsen in Thüringen, er floh in den Fünfzigern nach Westen. Er war dann enger Mitarbeiter des damaligen CDU-Generalsekretärs Kurt Biedenkopf – jenes Mannes, der später Sachsens Ministerpräsident wurde. Ein Anruf bei Miegel: Sofort ist er in Rage. "Den entlegensten Weiler aufrechtzuerhalten, das geht nicht!", sagt er. "Gerade im Osten ist es problematisch, so zu tun, als könnten überall Feuerwehren rollen." Wird Dorfleben bald zum Luxus, Herr Miegel? Ja, sagt er da: Man solle die Mittel, die jetzt in manche Dörfer fließen, anders nutzen. "Und wissen Sie, wozu? Um eine Umsiedlung zu organisieren. Um den Leuten zu sagen: Wir helfen euch beim Umzug."

Auch Miegel sagt: So etwas müsse zwanglos geschehen. "Man sollte denen, die in ihren Gehöften nicht mehr leben wollen, Geld anbieten. Ihnen den Umzug bezahlen, eine Wohnung in der Stadt finanzieren. Ich will die Großmutter nicht in der Zwangsjacke rausführen! Ich will ihr Brücken bauen. Der Oma, die sagt, sie könne hier nicht mehr leben, muss man erklären: ›Ja, das ist bedauerlich, deine Lebensbedingungen haben sich verändert, aber es gibt solche Zäsuren!‹"

"Noch", sagt Miegel, "sagen die Politiker so etwas nicht öffentlich. Noch scheuen sie sich vor dieser Wahrheit. Doch es ist mit Händen zu greifen. In den neuen Bundesländern, aber nicht nur dort. Dass in den nächsten Jahrzehnten Millionen Menschen fehlen, bleibt nicht ohne Folgen." Miegel erzählt von Friedrich dem Großen, schon der sei in der Kutsche umhergefahren und habe erkannt: Hier fehlen die Menschen. Dabei hatten die Bauern damals noch viele, viele Kinder. Heute sterben die kleinen Orte.

1000 Jahre alte Dörfer

Auch Michael Kretschmer, 37, sitzt in seiner Kutsche, er rauscht im Dienstwagen durch den eigenen Wahlkreis: nahe Görlitz, in der Lausitz, wo die Demografie-Probleme pressieren. Man möchte jetzt mit Kretschmer, Generalsekretär der sächsischen Union und direkt gewählter Bundestagsabgeordneter, über seine Reaktion auf jene sprechen, die vorschlagen, man möge Dörfer aufgeben. Aber die Demografie verhindert ein Gespräch: Von Kretschmer ist nur jedes zweite Wort zu verstehen. Die Netzabdeckung...

Dann hört man ihn doch. "Ich sehe in meinem Wahlkreis kein Dorf, das verschwinden wird", sagt Kretschmer. "Unter Akademikern mag man über alles sprechen können. Aber man darf den Menschen vor Ort nicht so eine Angst machen!" Die Politik habe sehr wohl verstanden, dass die Probleme groß seien. "Im Gegensatz zu manchen Regierungen in den alten Ländern, die sich wohl kaum vorstellen können, mal so viele Schulen zu schließen, wie wir es in Sachsen getan haben", sagt er. Entsiedlung, das "wäre ein Verbrechen an der Kultur! Wir reden über Dörfer, die 800, 1000 Jahre alt sind. Wir reden über Häuser, die 100, 200 Jahre stehen. Da soll man die Leute mal eben verpflanzen?" Stattdessen, findet Kretschmer, müsse man die Infrastruktur preiswerter gestalten. Nicht jedes Haus gehöre ans Kanalnetz. Man könne Leute animieren, im kleinen Blockkraftwerk ihren Strom zu erzeugen. "Man kann den Menschen vielleicht auch mal sagen: Leider fährt kein Bus mehr, aber du kriegst ein paar Taxigutscheine! Das sind Sachen, über die man reden sollte. Nicht darüber, hier alles plattzumachen."

Eine neue Bürgergesellschaft in der Provinz

In Sachsen-Anhalt, in Stendal, dem "Tor zur Altmark", sitzt Oberbürgermeister Klaus Schmotz (parteilos). Er macht sich Sorgen. Sein Ort hat trotz vieler Eingemeindungen nur noch 40.000 Bürger, um 10.000 weniger als zur Wendezeit. "Der demografische Wandel durchdringt bei uns alles", sagt Schmotz. "Wir haben uns schweren Herzens schon von Schulen, Kindergärten, 6000 Wohnungen getrennt." Es ist jetzt drei Jahre her, dass Schmotz mit einem Vorschlag Furore machte: Er wollte jene, die weit auswärts wohnen, auch die Rechnung dafür tragen lassen. Indem man ihnen, beispielsweise, die Wasserversorgung teurer in Rechnung stellt. "Die Idee war, Wasser und Abwasser wie den Nahverkehr abzurechnen, nach Entfernung also. Drei Zonen einzurichten – im äußersten Ring zahlt man am meisten. Das gab vielleicht Protest!", sagt Schmotz. Er habe von Beginn an gewusst, dass der Vorschlag so schnell nicht in die Tat umgesetzt werde. "Aber ich wollte, dass man mal diskutiert. Wenn in einem Ortsteil, der jetzt 100 Einwohner hat, bald nur noch 50 leben – sollen die dann jeweils das Doppelte zahlen für Wasser und Abwasser? Oder sollen die Städter für deren Landleben aufkommen? Das muss man doch besprechen", sagt Schmotz. Lange Wasserleitungen kosteten sehr viel Geld. Immerzu müsse man die spülen, denn das Wasser dürfe nicht stillstehen. "Das ist ein hygienisches Problem. Ständig muss ich den Druck überprüfen, weil irgendwo dort draußen zehn Leute leben." Wäre es nicht besser, die versorgten sich über ihre Brunnen?

Für Philipp Oswalt, den Bauhaus-Chef, liegt die Lösung denn auch nicht darin, nur abzubauen und aufzugeben, nur zu entvölkern und zu schließen – da darf man ihn nicht falsch verstehen. Er hat sich wirklich Gedanken gemacht.

Oswalt fordert nicht weniger als eine neue Form der Staatlichkeit. Ein anderes Verständnis von Institution auf dem Land. "Vielleicht", sagt Oswalt, "brauchen wir für die Provinz nicht den klassischen Leistungsstaat, der dort nur überfordert sein kann. Wir brauchen einen Staat, der das Engagement seiner Bürger einfordert: einen Gewährleistungsstaat, der den Rahmen schafft; die Bürger darin wirken lässt." Was sich so neoliberal anhört, soll das Dorf, etwas Althergebrachtes, retten.

Die Freiwillige Feuerwehr als Vorbild

Und etwas Althergebrachtes soll Vorbild dafür sein: das Modell der freiwilligen Feuerwehr; so absurd das klingen mag. Dort stellt die Gemeinde Ausrüstung und Räume, der Bürger rollt den Schlauch aus. Ist dieses Prinzip, fragt Oswalt, nicht übertragbar auf viele Bereiche? Dort, wo Bürger und Kommunen das schon tun, spricht Oswalt von "Raumpionieren". Im Buch hat sein Team dafür Beispiele versammelt: Da sind die Dörfler, die eine Bürgerbus-Linie gründen, um den weggefallenen ÖPNV zu kompensieren. Da ist der Verein, der eine Kläranlage betreibt. Da wird ein Arbeitskräfte-Sharing-Modell beschrieben: Firmen auf dem Land, die keine vollen Stellen vergeben, teilen sich Mitarbeiter. "Es ist auch nicht so, dass die alte Omi nur zuwendungsbedürftig wäre", sagt Oswalt: "Sie kann beitragen! Warum geben wir sie auf? Was ist das für ein Menschenbild? Warum kann der Seniorentreff keine kleine Bibliothek organisieren?"

Nur das sei die Alternative zum Wegzug: Selbermachen. Der Staat, der sich zurückziehe, müsse zugleich auch zulassen können: zulassen, dass die Bürger Aufgaben selbst übernehmen. "Der Staat muss Vorschriften fallen lassen. Die Kleinkläranlage muss dann vielleicht nicht mehr jener Norm genügen, die nur in Berlin-Mitte Sinn ergibt. In der Seniorentreff-Bibliothek muss es okay sein, wenn auch mal ein Buch verschwindet – natürlich kann es dort kein professionelles Mahnwesen geben. Und es darf dem Bäcker, der ohnehin von A nach B fährt, nicht verboten sein, ein paar Leute mitzunehmen – nur weil das gegen irgendein Personenbeförderungsgesetz zum Schutz des Taxigewerbes verstößt. Wenn Sie da draußen in einem Nest sitzen, sind solche Regeln nur noch absurd!"

Das ist die Hoffnung: eine neue Bürgergesellschaft der Provinz. Mit Menschen, die ihre Dörfer selbst betreiben. Dies ist die Chance der Landflucht. Aber es wird anstrengend.