Rebecca aus dem US-Bundesstaat North Carolina hat 39 Investoren, die helfen, ihre Kreditkartenschulden zu tilgen. Die Amerikanerin war mit 5.000 Dollar ins Minus gerutscht; in den USA liegt der durchschnittliche Überziehungskreditzins bei rund 15 Prozent. Also versuchte es Rebecca, die ihren Nachnamen lieber nicht veröffentlicht sehen möchte, auf der Online-Kreditplattform Lending Club. Mit Erfolg: Zuletzt blieb eine Summe von knapp zehn Prozent übrig.

Peer-to-Peer-Kredit heißt das Phänomen. Was für manche nach Start-up-Spielerei klingen mag, halten Experten längst für viel mehr: Internet-Kreditplattformen könnten das Bankengewerbe ähnlich aufrütteln wie Amazon das Büchergeschäft und Apple die Musik- und Filmindustrie. »Im Internetzeitalter wachsen P2P-Kredite explosionsartig«, sagt Robert Lamb, Finanzprofessor an der Stern School of Business der New York University.

Für Investoren können P2P-Kredite attraktiv sein, weil es ihnen angesichts niedriger Zinsen an Anlagemöglichkeiten mangelt. Mit Renditen von um die zehn Prozent schlagen die Kreditplattformen andere Anlageklassen. Allerdings muss man risikofreudig sein, ein Totalausfall ist nicht ausgeschlossen.

Inzwischen ist auch die Finanzbranche aufmerksam geworden. »P2P-Kredite sind im Begriff, eine völlig neue Anlageklasse zu werden«, erklärt der Marktexperte Lamb. Die Investmentbank Morgan Stanley bietet ihren Kunden seit Kurzem an, ihr Geld in Kreditplattformen anzulegen. Auch der Vermögensverwalter Colchis Capital hat bereits über 150 Millionen Dollar in sie investiert. Und in den kommenden Monaten sollen Hedgefonds im großen Stil ins Geschäft einsteigen. »Das wird den Trend in diesem Jahr noch einmal deutlich beschleunigen«, sagt Branchenkenner Peter Renton, der ein US-Online-Informationsportal zum Thema betreibt. Ob die Plattformen den Banken je ernsthaft Konkurrenz machen können, ist jedoch äußerst zweifelhaft: Die Gesamtkreditkartenschuld in den USA liegt bei 800 Milliarden Dollar.

Aber immerhin, der Zuspruch bei den P2P-Plattformen wächst rasant: Seit Beginn der Krise hat sich das Kreditvolumen jährlich jeweils mehr als verdoppelt, im vergangenen Jahr wuchs es laut Branchenbeobachter Renton um 162 Prozent, die Milliarden-Dollar-Marke wurde durchbrochen. In diesem Jahr könnte das Gesamtvolumen der amerikanischen P2P-Kredite demnach auf bis zu 1,8 Milliarden Dollar anschwellen. 115.000 laufende Kredite mit einem Gesamtvolumen von 1,04 Milliarden Dollar zählt allein Lending Club derzeit.

Onlineplattformen verbinden Kreditnehmer mit den Gläubigern direkt und ohne dabei wie herkömmliche Finanzinstitute eine komplexe Infrastruktur inklusive Filialnetz unterhalten und der zunehmend strengeren US-Bankenregulierung nachkommen zu müssen. Das spart Kosten. Und für die Schuldner bedeutet das niedrigere Zinsraten, für die Kreditgeber höhere Renditen. Bloß: Auch das Risiko ist für beide Seiten höher, denn im Notfall steht keine staatliche Absicherung bereit.

In den USA hat Lending Club die Wettbewerber weitgehend abgehängt. Das 2007 gegründete Unternehmen hat bis heute schon Kredite im Volumen von mehr als 1,4 Milliarden Dollar vermittelt. Die Geschäftsidee drängte sich Gründer und Chef Renaud Laplanche auf, als er sich diesen Widerspruch vor Augen führte: Während er 18 Prozent Zinsen für seine Kreditkartenschulden abdrücken musste, zahlte ihm die Bank auf seine Einlagen lediglich zwei Prozent. Derzeit liegt die durchschnittliche Zinsrate für Girokonten in den USA bei einem halben Prozent.

"Die Deutschen sind generell sehr konservativ in Finanzdingen"

Das Geschäft mit den Portalen lief nicht von Anfang an gut. Daher griff 2008 die US-Börsenaufsicht Securities und Exchange Commission (SEC) rigoros ein, als die P2P-Kreditbranche Ausfallraten von teilweise 20 Prozent aufwies. Seitdem müssen sich die Internetplattformen bei der SEC registrieren und regelmäßig Geschäftsberichte abliefern. Die Auflagen der Behörde sowie die Auswahl der Plattformen selbst sind streng. Die Kreditsuchenden, die woanders teurere oder mitunter gar keine Darlehen bekommen, müssen genaue Angaben machen. Vor allem aber muss ihr Credit Score überzeugen, die US-weite Kennzahl für die Kreditwürdigkeit von Einzelpersonen.

»Es ist ein fundiertes Geschäft«, sagt Professor Lamb. Die Vorhaben der Kreditnehmer würden genau geprüft, ob sie realistisch und angemessen seien. Das ist essenziell, denn die Internet-Kreditplattformen sind nicht vom US-Einlagensicherungsfonds FDIC abgesichert. Die Investoren sind also darauf angewiesen, dass die P2P-Portale nur äußerst kreditwürdige Bewerber auswählen. »Die Erfolgsbilanz spricht für sich«, meint Lamb. »Es ist ähnlich wie damals bei eBay: Weil jeder gute Erfahrungen macht, wächst das Geschäft.« Seit dem Geschäftsbeginn von Lending Club hat nach Unternehmensangaben kein Investor, der in mehr als 800 Schuldscheine – etwa 20.000 Dollar – investiert hat, Verlust gemacht. Die Ausfallrate insgesamt liegt demnach bei unter drei Prozent.

Lending Club nimmt nur etwa zehn Prozent aller Antragsteller auf. Drei von vier brauchen den Kredit, um wie Rebecca ihr Kreditkartendefizit abzuzahlen oder andere Schulden zu tilgen. Die übrigen leihen sich Geld für Hausrenovierungen, Hochzeiten, größere Anschaffungen und Geschäftsinvestitionen. Dem gegenüber stehen die Investoren: Sie kaufen Schuldscheine, deren jeweilige Risikoklasse die monatliche Ausschüttung bestimmt. Die durchschnittlichen Renditen liegen zwischen 5,8 und 14,1 Prozent. Lending Club stellt beiden Seiten prozentual Bearbeitungsgebühren in Rechnung.

Das US-Wirtschaftsmagazin Forbes kürte Lending Club zu einem der vielversprechendsten amerikanischen Unternehmen – im zweiten Jahr in Folge. In den vergangenen Monaten hat das Portal prominente Befürworter für sich gewinnen können. Ende 2012 stieß der ehemalige US-Finanzminister Larry Summer zum Aufsichtsrat. Dort hatten sich zuvor bereits der ehemalige Morgan-Stanley-Chef John Mack und die frühere Technologie-Analystin und Wagniskapitalgeberin Mary Meeker eingefunden. »Diese Unterstützung ist Teil der Strategie, die breite Masse zu erreichen«, erklärt Lamb. Zudem wird bereits spekuliert, dass die Internet-Kreditplattform in absehbarer Zukunft an die Börse gehen könnte. Ein erfolgreicher Börsengang im Jahr 2014 könnte weiteren Auftrieb geben: Er würde bedeuten, dass die Kapitalmärkte das Geschäftsmodell anerkennen, und könnte Experten zufolge weitere Nachahmer nach sich ziehen.

Davon sind die deutschen P2P-Anbieter Smava und Auxmoney weit entfernt. Nach mehr als fünf Jahren im Geschäft stagniert das Wachstum. Der Umfang der Darlehen geht mitunter sogar zurück: Zählte Smava vor drei Jahren noch ein Kreditvolumen von mehr als zwei Millionen Euro pro Monat, betrug dieses zum Ende des vergangenen Jahres weniger als die Hälfte.

»Außerdem ist die Mentalität eine andere«, sagt der deutsche P2P-Experte Claus Lehmann, der ein deutsch- und ein englischsprachiges Internetportal zum Thema betreibt. »Die Deutschen sind generell sehr konservativ in Finanzdingen.« Kreditnehmern widerstrebe, dass ihr Bedarf online stehe, fügt Dirk Elsner hinzu, der ein Finanz-Blog betreibt.

Dennoch halten die deutschen Experten P2P-Kredite generell für ein vielversprechendes Konzept. Sie können sich gut vorstellen, dass es sich früher oder später auch in Deutschland durchsetzen wird. »Es ist nur der breiten Masse noch nicht bekannt«, sagt Lehmann. Riskant ist die Anlage schon. Aber auch hier gilt eine altbekannte Regel: Investitionen lieber breit streuen. Und: Nicht die Altersvorsorge verspielen.