MedikamenteDer hohe Preis des Überlebens

41.000 Euro pro Jahr und Patient ist zu teuer für Entwicklungsländer. Doch die Patent-Enteignung wäre nicht der einzige Ausweg gewesen. von 

Lange Zeit standen die Überlebenschancen für Patienten mit Blutkrebs sehr schlecht. Wenn sich wie bei der Chronisch myeloischen Leukämie (CML) im Knochenmark weiße Blutkörperchen extrem stark vermehrten, blieben den Betroffenen unbehandelt nur noch wenige Lebensjahre. Die einzige Option war früher die Knochenmarktransplantation. Doch sie brachte viele Patienten an den Rand des Todes.

Dann aber kam mit Imatinib (später in einer leichten Abwandlung als Glivec oder Gleevec vermarktet) ein Wirkstoff, der alles änderte. Diese scharfe Waffe im Kampf gegen die Leukämie wurde erstmals 1992 synthetisiert – damals noch zur Behandlung von Hirntumoren. Der amerikanische Onkologe Brian Duker sah 2001 bei 53 von 54 Patienten die Leukämie vollständig verschwinden. Nach nur wenigen Monaten erhielt das Medikament in den USA die Zulassung.

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In den vergangenen zwölf Jahren konnte es zeigen, ob es langfristig etwas taugt. Das tut es. Während früher die meisten Patienten im Mittel nur vier Jahre nach der Diagnose starben, leben heute nach acht Jahren Behandlung noch 88 Prozent der CML-Patienten. Aus der fatalen Diagnose ist inzwischen eine beherrschbare chronische Krankheit geworden. Doch das Überleben hat einen hohen Preis: Rund 41.000 Euro kostet Glivec pro Jahr und Patient, und die Erkrankten müssen es Jahr für Jahr schlucken. Die CML ist eine extrem seltene Erkrankung. Jedes Jahr sind in Deutschland nur 1.200 Menschen von dieser Leukämieform betroffen. Weil aber immer mehr ehemals Todgeweihte langfristig überleben, steigt die Zahl der Patienten, die das teure Medikament bekommen. Aus diesem Grund entfallen auf das Medikament in Deutschland 42 Prozent des Umsatzvolumens aller Krebsmittel. Es gibt Berechnungen, nach denen im Jahr 2050 in Europa 250.000 Patienten dauerhaft Glivec (oder ein Nachfolgepräparat) schlucken werden. Bei heutigen Preisen wären dann 10 Milliarden Euro nur für die Behandlung der CML in Europa zu bezahlen.

Das können Entwicklungs- und Schwellenländer nicht aufbringen. Gerade in diesen Ländern aber wird Krebs zum Problem. Die Lebenserwartung stieg dort erheblich, und auch das Krebsrisiko. Dass sich Indien oder gar Afrika ihren Lebensretter nicht leisten können, ist offensichtlich auch dem Hersteller Novartis bewusst. Im Patentstreit fand wenig Beachtung, dass die Pharmafirma über die amerikanische Max Foundation mit ihrem Programm Gipap rund 60.000 mittellose Patienten in 79 Ländern mit kostenlosem Glivec versorgt. In Indien erfasst das Programm angeblich 90 Prozent aller CML-Patienten. Der andere Ausweg aus der Preisfalle sind eben die Nachahmerpräparate. Manche Hersteller können oder wollen die Qualität ihrer Produkte allerdings nicht nachweisen.

Einige Patienten konnten das Medikament nach wenigen Jahren absetzen. Ob das allgemein empfohlen werden kann, will das Europäische Leukämie-Netzwerk prüfen. Für eine entsprechende Studie gaben Schweden und Frankreich grünes Licht – schon wegen der Sparmöglichkeiten –, aber Deutschland bisher nicht. In Forscherkreisen ist von ethischen Bedenken des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) die Rede. Das Institut selber konnte dazu bis Redaktionsschluss keine Auskunft geben.

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Leserkommentare
  1. Was wäre also dann die Alternative gewesen? Dass sich Krebskranke in Indien darauf verlassen sollen, dass deutsche Firmen stets pünktlich Gratismedikamente, also Almosen, liefern? Zynik ist noch das freundlichste, was man Ihnen vorwerfen kann. Diese Mittel haben oft Herstellungskosten von wenigen Pfennigen, werden aber tausendfach über dem Preis von Nachahmerprodukten verkauft. Ich kann das bestätigen, selbst erlebt in einem Schwellenland. Identischer Wirkstoff, minimale Unterschiede.
    Um weiterhin diese fretten Gewinne einstreichen zu können, gibt man dann 90% der betroffenen Inder das Zeugs gratis. Die verbliebenen 10% spielen das bei den exorbitanten Gewinnspannen locker wieder rein.
    Ich habe kein Mitleid mit Pharmakonzernen, nicht das geringste.

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    Ist ihnen überhaupt klar wie lange es dauert um ein solches Medikament zu entwickeln ?
    Die wie sie es nennen "fetten Gewinne" dienen zu nichts anderem als der Erforschung der nächsten Generation ihres Medikaments - nur mit besserer Wirkung und weniger Nebenwirkungen. Wenn jenes dann am Markt ist, werden sie natürlich wieder dagegen wettern.....

    Ihr Argument: "Diese Mittel haben oft Herstellungskosten von wenigen Pfennigen", ist einerseits richtig, andrerseits völlig hinfällig weil es nicht die Erforschung miteinbezieht.

    Das Grundproblem bleibt die Ungerechtigkeit des Menschseins an sich. Der eine wird Gesund geboren, der andere hat einen evolutionären Nachteil - so hart das klingt, so hart ist es eben auch. Es ist allerdings naiv dann die Schuld der Pharmaindustrie zu geben. Das ist eine unreflektierte Sündenbocksuche, allerdings zu tiefst menschlich und auch irgendwie verständlich ("Die verkaufen genau das teuer, was mich gesund macht!!!11"). Es muss allerdings auch ihnen klar sein, dass dies nicht zu einer Lösung führt.
    Irgendwann kommt die Zeit schon noch in welcher man auch mit einer "orphan disease", also einer seltenen Krankheit mehr oder minder problemlos leben können wird. Man muss sich nur mal an Penicillin oder noch simpler, dem Aspirin zurückerinnern..........
    In diesem Sinne - beste Gesundheit und möge der technische Fortschritt auch zu ihren Gunsten ausfallen !

  2. In ihr kommt Houses Ansprache über Voglers neues Medikament. Da geht es um exakt das gleiche wie in diesem Prozess. Ein Patent wird verlängert, indem man etwas damit macht was eigentlich irrelevant ist. Und dadurch bleibt das Monopol, diese Krankheit zu heilen, bei Voglers Konzern.

    Genau das ist hier auch geschehen, nur ersetzen wir House mit den Generikaherstellern und Vogler mit Novartis. Die Rede sollte sich jeder, der mir erzählen will dass normale Patentregeln für Medikamente nicht gelten sollen mal anhören, wenn man sich schon nicht mit echten Argumenten befassen will.

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  3. Bei dieser Diskussion wird leider übersehen, das Indien sich sehr wohl die Atombombe und vieles mehr leisten kann, anscheinend aber keine entsprechende Gesundheitsvorsorge. Ähnlich in vielen Ländern Afrikas, in denen die Oberschicht in Saus und Braus lebt. Man gönnt sich gern einen überblähten Militärapparat, aber keine soziale und medizinische Gerechtigkeit für sein Volk. Ähnliche Tendenzen gibt es mittlerweile in Europa und Amerika. Milliarden im dreistelligen Bereich für Bank und Finanzen sind schnell vergeben. Bei sozialen Fragen sieht es dann anders aus, siehe Mindestlohn und Kinderbetreuungsplätze für alle. Pharmazeutische Unternehmen sind keine Sozialvereine. Sie wollen Geld verdienen. Tun sie das nicht, werden sie kein Geld mehr in teure Forschung stecken. Somit stehe ich diesem Urteil mit Skepsis gegenüber, obwohl ich beileibe kein Freund von multinationalen Konzernen bin.

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    Genau. Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass Medikamentenprogramme für Arme, gesponsert von westlichen Staaten/Firmen, und Ähnliches die herrschenden Verhältnisse in solchen Ländern erst recht zementieren. Das Volk wird so mit Almosen abgespiesen, um zu verhindern, dass es endlich seine korrupte Regierung/Elite absetzt und für einen tiefgreifenden sozialen Ausgleich sorgt, der nachhaltig hilft (z.B. weil er auch Bildung für Alle umfasst).

    • lonny
    • 12. April 2013 23:00 Uhr

    Der Artikel weckt falsche Erwartungen bereits in der Überschrift:
    "Doch die Patent-Enteignung wäre nicht der einzige Ausweg gewesen."

    Mehr als das folgende findet sich aber nicht:
    "Der andere Ausweg aus der Preisfalle sind eben die Nachahmerpräparate" bekommt."

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  4. sondern nur ausbildungen im stuetzgewebe. das gehirn an sich, also die zellen, bilden meines erachtens keine tumore aus. im bericht wird ein wenig platt die steigende, oder anscheinend steigende krebsrate in indien zu eng mit einer angeblich gesteigerten lebenserwartung verknuepft.

    insidergeschichte wären spannend gewesen, wie sich novartis schon in indien platziert hat, oder platzieren wird. indien wird novartis nicht verarmen lassen

    Eine Leserempfehlung
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    http://de.wikipedia.org/wiki/Hirntumor

    Es gibt eine ganze Palette an verschiedenen Hirntumoren, die aus verschiedenem Gewebe entstehen können. Sowohl aus dem "Stützgewebe", wobei die Bezeichnung nicht ganz passend ist, als auch aus Hirneigenem Gewebe.

  5. Ist ihnen überhaupt klar wie lange es dauert um ein solches Medikament zu entwickeln ?
    Die wie sie es nennen "fetten Gewinne" dienen zu nichts anderem als der Erforschung der nächsten Generation ihres Medikaments - nur mit besserer Wirkung und weniger Nebenwirkungen. Wenn jenes dann am Markt ist, werden sie natürlich wieder dagegen wettern.....

    Ihr Argument: "Diese Mittel haben oft Herstellungskosten von wenigen Pfennigen", ist einerseits richtig, andrerseits völlig hinfällig weil es nicht die Erforschung miteinbezieht.

    Das Grundproblem bleibt die Ungerechtigkeit des Menschseins an sich. Der eine wird Gesund geboren, der andere hat einen evolutionären Nachteil - so hart das klingt, so hart ist es eben auch. Es ist allerdings naiv dann die Schuld der Pharmaindustrie zu geben. Das ist eine unreflektierte Sündenbocksuche, allerdings zu tiefst menschlich und auch irgendwie verständlich ("Die verkaufen genau das teuer, was mich gesund macht!!!11"). Es muss allerdings auch ihnen klar sein, dass dies nicht zu einer Lösung führt.
    Irgendwann kommt die Zeit schon noch in welcher man auch mit einer "orphan disease", also einer seltenen Krankheit mehr oder minder problemlos leben können wird. Man muss sich nur mal an Penicillin oder noch simpler, dem Aspirin zurückerinnern..........
    In diesem Sinne - beste Gesundheit und möge der technische Fortschritt auch zu ihren Gunsten ausfallen !

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    Patente soll dazu dienen eine Zeitlang die Erfindung zu schützen um das große Geld damit zumachen. Und eben das Zeitlang wird umgangen in dem man geringe Änderungen vornimmt um damit noch mehr Geld in die Kassen zu spülen. Im übrigen geben Pharmafirmen in Amerika mehr für Werbung aus (2008 57Mrd $) als für die Forschung (2008 31Mrd $)
    http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/pharmakonzerne-mehr-geld-fuer-...

    Geld scheint also da zu sein.

    2001 hat die USA wegen Antrax, das Patent von Bayer außer Kraft gesetzt um billiger den Impfstoff produzieren zu können. Die einen sehen eine Bedrohung die anderen hab schon ein Problem und sollen nicht das Recht haben etwas in ihrem finanziellen Rahmen dagegen zu tun?

  6. Patente soll dazu dienen eine Zeitlang die Erfindung zu schützen um das große Geld damit zumachen. Und eben das Zeitlang wird umgangen in dem man geringe Änderungen vornimmt um damit noch mehr Geld in die Kassen zu spülen. Im übrigen geben Pharmafirmen in Amerika mehr für Werbung aus (2008 57Mrd $) als für die Forschung (2008 31Mrd $)
    http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/pharmakonzerne-mehr-geld-fuer-...

    Geld scheint also da zu sein.

    2001 hat die USA wegen Antrax, das Patent von Bayer außer Kraft gesetzt um billiger den Impfstoff produzieren zu können. Die einen sehen eine Bedrohung die anderen hab schon ein Problem und sollen nicht das Recht haben etwas in ihrem finanziellen Rahmen dagegen zu tun?

    5 Leserempfehlungen
  7. Genau. Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass Medikamentenprogramme für Arme, gesponsert von westlichen Staaten/Firmen, und Ähnliches die herrschenden Verhältnisse in solchen Ländern erst recht zementieren. Das Volk wird so mit Almosen abgespiesen, um zu verhindern, dass es endlich seine korrupte Regierung/Elite absetzt und für einen tiefgreifenden sozialen Ausgleich sorgt, der nachhaltig hilft (z.B. weil er auch Bildung für Alle umfasst).

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