GenerikaTriumph der Nachahmer

Der Pharmakonzern Novartis bekommt in Indien kein Patent für sein Blutkrebsmedikament. von 

In Indien hört man zu Themen des öffentlichen Interesses normalerweise alle erdenklichen Meinungen. Umso mehr erstaunte es, wie einheitlich am Ostermontag das Echo auf ein lange erwartetes Urteil des Obersten Gerichtshofs in Delhi ausfiel. Die gesamte Öffentlichkeit des Landes feierte, als ginge es um viel mehr als ein Krebsmedikament und das in Indien kaum bekannte Schweizer Pharma-Unternehmen Novartis.

"Dies ist ein historisches Urteil", verkündete der indische Handels- und Industrieminister Anand Sharma, und Regierungsfreunde wie -feinde pflichteten dem Minister salbungsvoll bei. Ein neues, bahnbrechendes Recht sei geschaffen worden: eines, das allen Menschen in der Welt eine bezahlbare Krebs- und Aidsbehandlung ermöglichen würde. Vor allem aber ein Recht, das Machtverhältnisse neu ordnet. Die Konsumenten der Schwellenländer haben etwas gewonnen, die Großkonzerne der Industrieländer sind unterlegen, so die Botschaft.

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Doch die Inder denken oft schneller, als sie handeln. Erst einmal ging es in Delhi nur um ein einziges Medikament: das Blutkrebspräparat Glivec von Novartis. In über 40 Ländern hält Novartis dafür ein Patent, auch in China und Russland, nicht aber in Indien.

Dort hatte man sich schon zu sozialistischen Zeiten, als sich das Land noch von der Welt abkapselte, in allen möglichen Wirtschaftsbereichen gegen die Patentansprüche der internationalen Konzerne gewehrt. Stattdessen förderte man billige heimische Nachahmerindustrien. Als sich Indien dann in den neunziger Jahren wirtschaftlich öffnete, gingen viele davon schnell bankrott, zum Beispiel in der Automobilbranche.

Doch die indischen Tablettennachahmer hielten durch. Ihre Ware – die Generika – wurde sogar zum Exportschlager in Afrika, Südamerika und Südostasien. Das geschah zum Ärger der betroffenen westlichen Konzerne. Sie bestanden deshalb auf einer Änderung des indischen Patentrechtes, als das Land 2005 dem Abkommen über den Schutz geistigen Eigentums der Welthandelsorganisation beitreten wollte. Und der Westen setzte sich zunächst auch durch. Scheinbar. Denn Delhi verabschiedete damals tatsächlich ein neues Patentgesetz im Einklang mit den globalen Regeln. Nur wusste bislang niemand, was das neue Gesetz wert war.

Der erste Konzern, der es wirklich genau wissen wollte, war Novartis. Das Unternehmen zog mit seinem Anspruch auf ein Glivec-Patent bis vor Indiens Obersten Gerichtshof, und das, obwohl sich die Glivec-Kundschaft für Novartis in Indien in Grenzen hielt. Sieben Jahre währten die Verhandlungen vor verschiedenen indischen Gerichten. An der Klarheit des Urteils aber bestand an diesem Ostermontag kein Zweifel: Das Patent von Novartis sei verjährt, beschieden die Richter. Die leichten Veränderungen des Medikaments, die Novartis vorgenommen hatte und die in anderen Ländern immerhin für eine erneute Patentierung akzeptiert wurden, seien für das indische Gesetz nicht ausreichend.

Betroffen sind zunächst 300.000 indische Krebspatienten, die regelmäßig Glivec-Generika einnehmen. Sie zahlen für die Behandlung monatlich umgerechnet 120 Euro – statt die etwa zehnfache Summe, die sie für das Novartis-Originalpräparat aufwenden müssten. Die Versorgung dieser Patienten sei nun gerettet, sagten Sprecher der indischen Krebshilfe.

Auch die indischen Pharmamanager glauben durch das Urteil Oberwasser zu gewinnen. "Indien – die Apotheke der Welt – kann nun weiterhin bezahlbare Qualitätspräparate produzieren. Davon werden Patienten in aller Welt profitieren", freute sich Y. K. Hamied, Vorstandschef des indischen Pharmaherstellers Cipla. Es klang so, als seien die Ciplas dieser Welt schon dabei, Novartis und Co. aus dem Geschäft zu verdrängen.

Leserkommentare
  1. Ein erster und richtiger schritt in die richtige Richtung.Weiter so Indien wir brauchen mehr solcher
    unabhängigen Gerichte auf der Welt.

    3 Leserempfehlungen
  2. Ich bin unbedingt dafür, dass teuere Forschung MIT Nutzen finanziert werden muss und auch Anreize braucht, dazu gehören zu forderst auch finanzielle Anreize.

    Aber der springende Punkt ist der Nutzen!

    Man darf bei all dem nicht vergessen: Auch unser Gesundheitssystem krankt (sic!) daran, dass immer wieder vermeintlich neue Verfahren auf den Markt kommen, die gar keinen Mehrnutzen bieten! Anstatt den Nutzen in den Vordergrund zu stellen, geht es bei "neuen" Produkten nur darum, vorhandene gerade soweit zu verändern, dass sie als neues Medikament durchgehen. Teuer bezahlt von ... uns allen!

    Auf der Streck bleiben nicht nur die Kranken und Beitragszahler in den Krankenversicherungen. Auf der Strecke bleibt auch, dass die Ressourcen der Pharmaindustrie nicht bzw. weniger in ECHTE Forschung geht, da wo wirklich noch ein Nutzen oder Mehrnutzen gefragt ist.

    Der Schaden ist also gleich doppelt.

    Man kann gegen die Patentpolitik Indiens was andere Bereich angeht wettern wie man mag, zum Teil wohl auch zu Recht. Aber hier im Bereich Medikamente geht es um Gesundheit und Menschenleben!

    Wenn es um die Frage geht, ob das Wischen auf einer Bildschirmoberfläche schützenswert ist oder nicht, dann geht es nur ums Geld auf der einen Seite und ein Nice-to-have auf der anderen.

    Was Pharmaunternehmen hier aber machen, ist nicht nur mit der Gesundheit Geld zu verdienen (das ist legitim), sondern sich auf Kosten Kranker zu bereichern!

    3 Leserempfehlungen
    • vyras
    • 11. April 2013 14:28 Uhr

    "Die Preise von 348 der wichtigsten Medikamente in Indien werden bis heute staatlich festgelegt. Das freilich hilft weder den westlichen noch den indischen Unternehmen."

    Vielleicht hilft es ja ... den Kranken? Dass Unternehmen für ihre Forschungsleistung einen Patentschutz erhalten, finde ich richtig. Doch der Praxis, durch minimale Pseudoinnovationen diesen Schutz immer wieder zu verlängern, sollte ein Riegel vorgeschoben werden, wie jetzt in Indien.

    Das Gewinnerzielungsinteresse sollte meiner Ansicht nach im Gesundheitsbereich in den Hintergrund treten.

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