PornografieDer andere Darkroom

Gibt es gute Pornografie, die auch Frauen gefällt? Eine Suche von Michèle Binswanger

Nicht zuletzt das Buch "50 Shades of Grey" zeigte, dass die weibliche Fantasie nach Erotik dürstet.

Nicht zuletzt das Buch "50 Shades of Grey" zeigte, dass die weibliche Fantasie nach Erotik dürstet.   |  © prokop/photocase.com

Moral ist leicht korrumpierbar, manchmal reicht dazu so etwas Banales wie eine Papiersammlung. Es geschah, als wir Schulkinder das Altpapier im Dorf zusammensuchten. Aber bevor wir die Stapel in den Container auf dem Schulhausparkplatz warfen, durchsuchten wir sie nach Sexheftli. Die Buben steckten sie ein, und ich hätte auch gerne welche nach Hause genommen, um mir die Frauen anzuschauen, aber Mädchen tun so was nicht. Später wäre ich am liebsten zum Kiosk gegangen und hätte lässig ein paar dieser Heftli auf den Tresen geworfen, aber Mädchen tun so was nicht. Und wenn sie es doch tun, dann geben sie es sicher nicht zu.

Aber junge Männer tun das gerne, oft und ausgiebig. Vor allem seit das, was damals noch Sexheftli genannt wurde, Pornografie heißt und den Darkroom unserer Gesellschaft tapeziert – auch bekannt als Internet. Heute muss niemand mehr die Erniedrigung in Kauf nehmen und sich vor der Kioskfrau als sexuell verdrehter Masturbator outen. Eine schnelle Internetverbindung reicht. Leider aber ist das Internet nicht nur eine faszinierende Informationstechnologie, sondern auch ein Projektionsraum für alle denkbaren sexuellen Fantasien unserer Spezies, die mit ein paar Mausklicks als Close-up und in hochauflösender Qualität zu sehen sind.

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Es ist kein schönes Bild, das sich einem da bietet. Es gibt dafür sogar einen Namen, man nennt es die Regel 34, die besagt, dass zu jedem erdenklichen Thema Pornografie existiert. Oder wie es der Komiker Richard Jeni in einem Sketch ausdrückte: "Das Internet bringt die Leute zusammen – egal, was für ein sexueller Mutant du bist, du hast da draußen Millionen Kollegen. Wenn man im Internet nach ›Sex mit brennenden Ziegen‹ sucht, antwortet der Computer: Welche Ziegenrasse?"

Erotika gehören zur Geschichte der Kunst wie der Krieg zur Geschichte der Zivilisation, und sie wurden keineswegs nur von Männern konsumiert. Aber noch nie in der Geschichte der Menschheit wurden sie industriell produziert und so massenhaft verbreitet wie heute. Das hat dazu geführt, dass sich ein bestimmtes Standard-Narrativ unserer Sexualität durchgesetzt hat, das vor allem männliche Fantasien abbildet und für Frauen oft genug erniedrigend und abstoßend ist. Was nicht heißt, dass es keinen weiblichen Appetit auf Erotika gibt. Das zeigte nicht zuletzt das Buch 50 Shades of Grey, das in neun Monaten 70 Millionen Mal verkauft wurde und die Industrie auf die Idee brachte, dass da draußen ein schlummernder Markt nur darauf wartet, wachgeküsst zu werden. Im Januar ließen die zwei amerikanischen Produktionsfirmen New Sensations und Pink Visuals verlauten, künftig für eine weibliche Zielgruppe zu produzieren. Und bereits im Dezember hatte der französische Unterhaltungsunternehmer Marcel Dorcel verkündet, die erste Pornoseite für Frauen lanciert zu haben. Aber wenn es nichts gibt, was das Internet nicht bietet – warum braucht es dann noch ein Extra-Angebot für Frauen? Und was muss man sich darunter vorstellen? Behaarte Männerbrüste? Blümchensex? George Clooney im Jacuzzi?

Die Pornoindustrie ist zur großen Sexualerzieherin geworden

Vielleicht ist das aber auch die falsche Frage. Vielleicht geht es Frauen bei der Suche nach Erotika weniger darum, was sie nicht finden, als was sie lieber nicht finden möchten. Zwei junge Frauen, die es wissen müssen, heißen Dominique und Tanja. So stellen sie sich mir zumindest vor. Die beiden betreiben zusammen mit zwei weiteren Kommilitoninnen ein eigenes Pornoblog mit dem neckischen Namen Klicktoris, das sich, zumindest von der Idee her, ausdrücklich an Frauen richtet.

Ich treffe die beiden Studentinnen in einem Zürcher Café und lasse mir erzählen, was hinter dem Blog steckt. Das Ganze sei aus einem persönlichen Bedürfnis entstanden, sagt Tanja. "Ich habe mit 16 Jahren zum ersten Mal einen Porno gesehen, das war ein ganz klassischer, und ich war enttäuscht. Ich merkte, dass das nicht für mich gemacht ist." Später kamen Erfahrungen mit dem ersten Freund dazu, der Pornos konsumierte, aber Diskussionen darüber seien schnell an Grenzen gestoßen: "Ich hätte mich einfach anpassen können, aber dann wäre mir wohl recht schnell die Lust vergangen." Tanja beschloss, der Sache nachzugehen. Sie erkundigte sich bei Freundinnen, wie es bei ihnen diesbezüglich geht, und stellte fest, dass andere Frauen ähnliche Erfahrungen gemacht hatten.

Man muss als junge Frau selber keine Pornos konsumieren, um mit den Folgen ihrer industriellen Produktion konfrontiert zu werden. Denn die meisten jungen Männer mutieren mit den ersten Vorboten der Pubertät zu emsigen Erforschern der Regel 34. Mit dem Resultat, dass die Pornoindustrie zur großen Sexualerzieherin wird und die Vorstellungen von Sexualität prägt – auch der weiblichen. Was in etwa so ist, als zöge man aufgrund von Micky-Maus-Comics Rückschlüsse auf das Verhalten real existierender Mäuse. Dazu kommt die These der zweiten Frauenbewegung, Pornografie sei im Kern frauenverachtend, eine Position, die in den achtziger Jahren an Einfluss gewann (aber auch Widerspruch fand) und bis heute wirksam ist. Sie deckt sich mit den klassischen gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen, von denen sexuelle Zurückhaltung erwartet wird: Gute Mädchen konsumieren keine Pornografie.

Leserkommentare
  1. Ein wirklich gelungener und intelligenter Artikel! Einer der besten, die ich zu diesem Thema in den letzten Jahren gelesen habe. Gut gemacht, Frau Binswanger!

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  2. Ihr Artikel hat mir gut gefallen, v.a. der Satz über die Ableitung vom Verhalten der Mäuse aus Micky Maus-Filmen. Es ist gut, wenn wir uns bewusst machen, was das Bild von Sexualität prägt. Und auch wie die angedeutete Gewalt, die die Frauen in den Pornos ja oft " garnicht schlimm, sondern super finden", das Bild der Männer verändert, wie mit Frauen umgegangen werden darf.

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    Das Problem ist, daß sexuell explizite Darstellungen durch entsprechende Gesetze zwangsweise ghettoisiert werden und sich in der Konsequenz von allen anderen Lebensbereichen entfernen.

    Sobald ein Werk explizite Erotik aufweist -- faktisch ungeachtet seines Menschenbildes oder seiner Qualität --, fällt der Bannfluch "Pornographie" und es wird per Gesetz in die Schmuddelecke gedrängt.

    Wenn die Öffentlichmachung nahezu jeder Spielart von "Pornographie" auf gleiche Weise kriminalisiert ist, dann ist es doch naheliegend, daß die "Pornographie" in den entsprechenden Werken auch im Extrem ausgereizt wird. Und dadurch entsteht erst die bizarre Wirklichkeitsferne und Zusammenhanglosigkeit, die nachher (zu recht) beklagt wird.

    Wenn es Nahrung nur noch unter dem Ladentisch und in speziellen Läden gäbe, und für die besonders hungrige Jugend eigentlich gar nicht, würde man wohl auch eher auf hohen Kaloriengehalt achten als auf hohe Kochkunst.

    Ich meine, "Pornographie" müßte wesentlich enger definiert werden, so daß zumindest alle freundlichen Varianten oder erst recht einfache Posings (ohne Handlungen Dritter) frei würden.

    Wenn der gewohnt hasenfüßige Gesetzgeber sich dazu nicht durchringen kann (womit leider auch langfristig zu rechnen ist), könnte wahlweise die Justiz das Kunstprivileg wesentlich großzügiger auslegen.

  3. In Zeiten von Dildo Partys verwundert mich diese Frage schon etwas.

    Aber es reicht auch schon, wenn man sich die Ratgeber einiger Zeitschriften durchsieht, das man erkennen kann, dass das Thema Porno schon lange kein Tabu mehr für die Frauen ist.

    Im übrigen hieß es ja schon zu meiner Zeit:
    Gute Mädchen kommen in den Himmel und Böse Mädchen kommen überall hin!

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    • Rend
    • 08. April 2013 17:06 Uhr
    4. Seufz

    Hat etwas gedauert, bis ich sie gefunden habe, aber 3 Reviews seit 2011, ich bin begeistert... also wenn man gelegentlich mal die Bilder, die man per Googlesuche "Fem Porn" gefunden hat, auf seinem Blog postet, dann ist das so revolutionär, dass man bei der Zeit erwähnt wird, mhm ok.
    Naja, immerhin schöne Bilder.

    Und, oh weh, hier wird doch nicht wirklich grade Rule 34 herangezogen oder? Vielleicht sollte man wissen, wo das herkommt, und wie der Rest der Schwachsinnsregeln lautet.
    Was kommt als nächstes, kann man sich dann bei Zeit auf die Sonderregel für Frauen in Foren/Threads berufen? Inklusive Timestamp *lach*

    Eine Leserempfehlung
  4. >> ... dass die weibliche Fantasie nach Erotik dürstet. <<

    Was für ein bescheuerter Zusammenhang! Eine Fantasie, die nach etwas dürstet.

    Ein Mensch kann nach etwas dürsten und es dann vielleicht in seiner Fantasie ausleben. Aber wenn die Fantasie schon selbst anfängt zu dürsten, kommt wohl jede Rettung zu spät, denn dann ist es mit der Fantasie der Person nicht weit her.

    9 Leserempfehlungen
    • TDU
    • 08. April 2013 17:09 Uhr

    Auch den weit besseren ästhetischen Möglichkeiten zum Trotz: Pornographie bleibt Pornographie. "Und Erotik nach Ziegler wollen die meisten Konsumenten nicht". So ein Produzent.

    Wer deren Praktiken in Realität ablehnt, ist nicht automatisch unfrei oder verklemmt. Und auch Automatismen a la Ziegler sind Automatismen. Wer es aber goutiert, wer wauf Ideen kommt, wer doch ein wenig freier oder ungehemmter wird, weil er/sie es will, dem erweisen die Frauen einen Dienst. Auch ganz ohne theoretischen Überbau.

  5. Die turnen halt an. Indes zeigen die meisten Pornos Männer, die von Frauen bedient und belutscht werden oder noch Übleres. Die meisten Pornos wenden sich an männliche Bedürfnisse und spulen Kopulationen am laufenden Bande ab. Das turnt frau nicht an. 50 Shades of Grey war darum so erfolgreich, weil das Grundprinzip des erotischen Spannungsaufbaus mit einem unendlich reizvollen Objekt der Begierde befolgt wurde. Das tat die Autorin vermutlich instinktiv, weil sich das für eine Frau gut anfühlt.

    3 Leserempfehlungen
  6. Irgendwie hatte ich gehofft, durch den Artikel ein paar konkrete Details zu erfahren, wie Pornographie sein muss damit sie Frauen gefällt.

    Der Artikels hat bei mir aber eher den Eindruck erweckt: Nix Genaues weiss man nicht, anders als bei Männerpornos gibt es keine Standardrezepte, Dinge, die fast jeder Frau gefallen - sondern bestenfalls Dinge, die fast jeder Frau missfallen. Anders als die kommerziell ausgerichtete "Männer-Pornographie" zeigt "Frauen-Pornographie" weniger das, was sehr vielen/den meisten "Frauen" gefällt, als vielmehr das, was den jeweiligen Produzentinnen konkret gefällt.

    Vor einigen Jahren habe ich im Forum einer Frauenzeitschrift übrigens mal einen interessanten Thread gelesen. Dort hatte eine in einem Porno-Vertrieb tätige Userin mal eine grössere Umfrage gestartet, was den anderen Userinnen an den typischen Pornos misfällt, bzw. welche Eigenschaften ein (frauengerechter) Porno haben müsste, den sie selbst kaufen würden.
    Die mit Abstand häufigste Antwort war erstaunlich simpel:
    Die weiblichen Darstellerinnen sollen bitte weniger schlank und attraktiv sein, dafür die männlichen Darsteller bitte hübscher und durchtrainierter.

    6 Leserempfehlungen
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    "anders als bei Männerpornos gibt es keine Standardrezepte, Dinge, die fast jeder Frau gefallen - sondern bestenfalls Dinge, die fast jeder Frau missfallen."
    -------------------------
    Dieses von Ihne beschriebene Phänomen ist indes nicht auf Pornos zu begrenzen.

    1. Bitte keine erniedrigende/ gewaltandeutende/Macht- bzw. Hierarchie herstellende oder schlicht unangenehme Szenen:

    Z.B. Blowjobs, bei denen der Kopf der Frau ohne Rücksicht runtergedrückt wird, so dass die Frau schon anfängt zu würgen. Das ist vielleicht für Männer attraktiv (die sich dann vorstellen, wie tief sie in der Frau sind.) Für Frauen nicht!!! Wenn der Würgereflex ausgelöst wird, ist das für keine Frau angenehm. Es hat auch etwas unterschwellig Erniedrigendes, etwas von "ich zwinge Dich". Männer würden es auch nicht genießen, wenn eine Frau "wild auf seinem Gesicht/Zunge rumreiten würde, ohne Rücksicht darauf, dass das Schambein der Frau seine Nase rammt." Gibt noch viel mehr & schlimmere Beispiele...

    2. Kameraführung/Bildausschnitte auf den Mann zentrieren:

    Frauen wollen (attraktive) Männer beim Sex sehen (seine Gesichtsausdrücke, sein Körper, seine Bewegungen). Bildszenen, wo die Frau im Mittelpunkt steht (wie sie sich auf dem Bett räkelt, Nahaufnahmen von wackelnden Brüsten etc.) sind für Frauen langweilig.

    3. nicht weniger explizit, aber dafür mehr Zärtlichkeit & eine tatsächliche Geschichte, die die Sexszenen (z.B. wie in einem Liebesfilm/Erotikthriller o.ä.) einbettet:
    Keine offensichtlich gestellten Szenen à la "Besuch beim Gynakologen" oder "Sexualkundeunterricht in der Schule"

    4. natürliche Darstellerinnen! Nicht blond, blauer Liedschatten & Doppel-D-Oberweite ohne Charakter!

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