Pornografie : Der andere Darkroom

Gibt es gute Pornografie, die auch Frauen gefällt? Eine Suche
Nicht zuletzt das Buch "50 Shades of Grey" zeigte, dass die weibliche Fantasie nach Erotik dürstet.

Moral ist leicht korrumpierbar, manchmal reicht dazu so etwas Banales wie eine Papiersammlung. Es geschah, als wir Schulkinder das Altpapier im Dorf zusammensuchten. Aber bevor wir die Stapel in den Container auf dem Schulhausparkplatz warfen, durchsuchten wir sie nach Sexheftli. Die Buben steckten sie ein, und ich hätte auch gerne welche nach Hause genommen, um mir die Frauen anzuschauen, aber Mädchen tun so was nicht. Später wäre ich am liebsten zum Kiosk gegangen und hätte lässig ein paar dieser Heftli auf den Tresen geworfen, aber Mädchen tun so was nicht. Und wenn sie es doch tun, dann geben sie es sicher nicht zu.

Aber junge Männer tun das gerne, oft und ausgiebig. Vor allem seit das, was damals noch Sexheftli genannt wurde, Pornografie heißt und den Darkroom unserer Gesellschaft tapeziert – auch bekannt als Internet. Heute muss niemand mehr die Erniedrigung in Kauf nehmen und sich vor der Kioskfrau als sexuell verdrehter Masturbator outen. Eine schnelle Internetverbindung reicht. Leider aber ist das Internet nicht nur eine faszinierende Informationstechnologie, sondern auch ein Projektionsraum für alle denkbaren sexuellen Fantasien unserer Spezies, die mit ein paar Mausklicks als Close-up und in hochauflösender Qualität zu sehen sind.

Es ist kein schönes Bild, das sich einem da bietet. Es gibt dafür sogar einen Namen, man nennt es die Regel 34, die besagt, dass zu jedem erdenklichen Thema Pornografie existiert. Oder wie es der Komiker Richard Jeni in einem Sketch ausdrückte: "Das Internet bringt die Leute zusammen – egal, was für ein sexueller Mutant du bist, du hast da draußen Millionen Kollegen. Wenn man im Internet nach ›Sex mit brennenden Ziegen‹ sucht, antwortet der Computer: Welche Ziegenrasse?"

Erotika gehören zur Geschichte der Kunst wie der Krieg zur Geschichte der Zivilisation, und sie wurden keineswegs nur von Männern konsumiert. Aber noch nie in der Geschichte der Menschheit wurden sie industriell produziert und so massenhaft verbreitet wie heute. Das hat dazu geführt, dass sich ein bestimmtes Standard-Narrativ unserer Sexualität durchgesetzt hat, das vor allem männliche Fantasien abbildet und für Frauen oft genug erniedrigend und abstoßend ist. Was nicht heißt, dass es keinen weiblichen Appetit auf Erotika gibt. Das zeigte nicht zuletzt das Buch 50 Shades of Grey, das in neun Monaten 70 Millionen Mal verkauft wurde und die Industrie auf die Idee brachte, dass da draußen ein schlummernder Markt nur darauf wartet, wachgeküsst zu werden. Im Januar ließen die zwei amerikanischen Produktionsfirmen New Sensations und Pink Visuals verlauten, künftig für eine weibliche Zielgruppe zu produzieren. Und bereits im Dezember hatte der französische Unterhaltungsunternehmer Marcel Dorcel verkündet, die erste Pornoseite für Frauen lanciert zu haben. Aber wenn es nichts gibt, was das Internet nicht bietet – warum braucht es dann noch ein Extra-Angebot für Frauen? Und was muss man sich darunter vorstellen? Behaarte Männerbrüste? Blümchensex? George Clooney im Jacuzzi?

Die Pornoindustrie ist zur großen Sexualerzieherin geworden

Vielleicht ist das aber auch die falsche Frage. Vielleicht geht es Frauen bei der Suche nach Erotika weniger darum, was sie nicht finden, als was sie lieber nicht finden möchten. Zwei junge Frauen, die es wissen müssen, heißen Dominique und Tanja. So stellen sie sich mir zumindest vor. Die beiden betreiben zusammen mit zwei weiteren Kommilitoninnen ein eigenes Pornoblog mit dem neckischen Namen Klicktoris, das sich, zumindest von der Idee her, ausdrücklich an Frauen richtet.

Ich treffe die beiden Studentinnen in einem Zürcher Café und lasse mir erzählen, was hinter dem Blog steckt. Das Ganze sei aus einem persönlichen Bedürfnis entstanden, sagt Tanja. "Ich habe mit 16 Jahren zum ersten Mal einen Porno gesehen, das war ein ganz klassischer, und ich war enttäuscht. Ich merkte, dass das nicht für mich gemacht ist." Später kamen Erfahrungen mit dem ersten Freund dazu, der Pornos konsumierte, aber Diskussionen darüber seien schnell an Grenzen gestoßen: "Ich hätte mich einfach anpassen können, aber dann wäre mir wohl recht schnell die Lust vergangen." Tanja beschloss, der Sache nachzugehen. Sie erkundigte sich bei Freundinnen, wie es bei ihnen diesbezüglich geht, und stellte fest, dass andere Frauen ähnliche Erfahrungen gemacht hatten.

Man muss als junge Frau selber keine Pornos konsumieren, um mit den Folgen ihrer industriellen Produktion konfrontiert zu werden. Denn die meisten jungen Männer mutieren mit den ersten Vorboten der Pubertät zu emsigen Erforschern der Regel 34. Mit dem Resultat, dass die Pornoindustrie zur großen Sexualerzieherin wird und die Vorstellungen von Sexualität prägt – auch der weiblichen. Was in etwa so ist, als zöge man aufgrund von Micky-Maus-Comics Rückschlüsse auf das Verhalten real existierender Mäuse. Dazu kommt die These der zweiten Frauenbewegung, Pornografie sei im Kern frauenverachtend, eine Position, die in den achtziger Jahren an Einfluss gewann (aber auch Widerspruch fand) und bis heute wirksam ist. Sie deckt sich mit den klassischen gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen, von denen sexuelle Zurückhaltung erwartet wird: Gute Mädchen konsumieren keine Pornografie.

Kommentare

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Ghettoisierung

Das Problem ist, daß sexuell explizite Darstellungen durch entsprechende Gesetze zwangsweise ghettoisiert werden und sich in der Konsequenz von allen anderen Lebensbereichen entfernen.

Sobald ein Werk explizite Erotik aufweist -- faktisch ungeachtet seines Menschenbildes oder seiner Qualität --, fällt der Bannfluch "Pornographie" und es wird per Gesetz in die Schmuddelecke gedrängt.

Wenn die Öffentlichmachung nahezu jeder Spielart von "Pornographie" auf gleiche Weise kriminalisiert ist, dann ist es doch naheliegend, daß die "Pornographie" in den entsprechenden Werken auch im Extrem ausgereizt wird. Und dadurch entsteht erst die bizarre Wirklichkeitsferne und Zusammenhanglosigkeit, die nachher (zu recht) beklagt wird.

Wenn es Nahrung nur noch unter dem Ladentisch und in speziellen Läden gäbe, und für die besonders hungrige Jugend eigentlich gar nicht, würde man wohl auch eher auf hohen Kaloriengehalt achten als auf hohe Kochkunst.

Ich meine, "Pornographie" müßte wesentlich enger definiert werden, so daß zumindest alle freundlichen Varianten oder erst recht einfache Posings (ohne Handlungen Dritter) frei würden.

Wenn der gewohnt hasenfüßige Gesetzgeber sich dazu nicht durchringen kann (womit leider auch langfristig zu rechnen ist), könnte wahlweise die Justiz das Kunstprivileg wesentlich großzügiger auslegen.