Viviane Reding"Wir Luxemburger sind wie Obelix"

Als EU-Justizkommissarin Viviane Reding von der Schule bestraft wurde, lehrte ihr Vater sie Toleranz – und half ihr bei der Strafarbeit.

Viviane Reding

Viviane Reding

ZEITmagazin: Frau Reding, wie würden Sie Ihr Elternhaus und Ihre Erziehung beschreiben?

Viviane Reding: Mein Zuhause war bürgerlich-konservativ und zugleich sehr weltoffen. Meine Eltern sind mit mir durch ganz Europa gereist, wir haben überall Museen besichtigt, nichts war fremd, alles erst einmal interessant. Mein Vater war Studienrat und hatte eine große Bibliothek, ich durfte mir als Kind immer ein Buch nehmen. Mein Vater fragte mich dann: Was liest du denn da? Er schaute sich das Buch an, sagte: Das ist nix für dich, aber er gab mir das Buch wieder zurück. Ich konnte mit ihm über alles diskutieren. Er hat sogar oft die gegensätzliche Meinung nur vertreten, damit ich lernte, meine Argumentation zu stärken.

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ZEITmagazin: Sie stammen aus dem Kanton Esch, dem Stahlrevier Luxemburgs. Wie war es, dort aufzuwachsen?

VIVIANE REDING

61, wurde in Luxemburg geboren. Sie trat 1979 in die Christlich Soziale Volkspartei ein, von 1989 an war sie Mitglied des Europäischen Parlaments. Romano Prodi holte Reding 1999 in die EU-Kommission. Seit 2010 ist sie Vizepräsidentin der Kommission und Kommissarin für Justiz, Grundrechte und Bürgerschaft

Reding: Ich konnte dort Erfahrungen machen, die mich geprägt haben. Das Stahlrevier war hart. Es gab richtige Straßenkämpfe, Konflikte zwischen jungen Luxemburgern, Italienern und Portugiesen. Aber am Ende hat man sich immer zusammengerauft. Diese Konfrontation der Kulturen habe ich wirklich auf der Straße gelernt: Man muss sich auseinandersetzen; wenn es sein muss, auch hart. Es darf aber nicht bis zum Ende hart bleiben. Wie bei der Mama meiner jungen italienischen Kontrahenten: Basta! La pasta! Am Ende saßen wir Kinder zusammen an ihrem Küchentisch und aßen Spaghetti. Der Streit war zu Ende. Diese Erfahrung hat mich nachhaltig geprägt. Es muss nach einer Auseinandersetzung eine Lösung geben, und es gibt ja auch immer eine, wenn man nur will.

ZEITmagazin:Wie sind Sie Politikerin geworden?

Reding: Nach meinem Anthropologiestudium in Paris war ich eine junge, ehrgeizige Journalistin, ich machte Beiträge für Radioprogramme in der Dritten Welt, in denen ich zum Beispiel erklärte, dass Stillen für Mutter und Kind besser ist, als verschmutztes Wasser in eine Flasche zu füllen. Leider änderte das gar nichts. Mein Nachbar war in der Politik. Also klingelte ich bei ihm und sagte: Ich gehe in die Politik. Er fragte: Weshalb? – Weil ich die Welt verändern möchte, antwortete ich. Er bekam erst mal einen Hustenanfall, aber dann ermutigte er mich, es tatsächlich mal in der Politik zu versuchen.

Das war meine Rettung
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ZEITmagazin: Haben Sie als Frau Nachteile in der Politik erlebt?

Reding: Im Gegenteil. Es gab nie genügend durchsetzungsfähige Frauen, sodass diejenigen gefördert wurden, die sich durchsetzen konnten. Männer und Frauen zusammen, das ist das richtige Rezept. Nicht die einen gegen die anderen.

ZEITmagazin: Sie haben neben Ihrer politischen Karriere drei Söhne großgezogen. Gab es Momente, wo Ihnen alles zu viel wurde?

Reding: Ohne den Vater meiner Kinder und ohne meine Eltern hätte ich das sicher nicht geschafft. Wenn gar nichts mehr geht, ist mein Rezept: einfach schlafen. Am nächsten Morgen beim Aufwachen habe ich immer die Lösung. In meiner Familie habe ich gelernt: Man gibt nicht auf.

ZEITmagazin: Das klingt vernünftig. Haben Sie nie rebelliert?

Reding: Im zweiten Schuljahr hatte ich ein Problem mit meiner Religionslehrerin. Ich war nicht damit einverstanden, was sie uns erzählt hat. Durch meinen Vater war ich es gewohnt, Dinge zu diskutieren. In der Schule durfte ich es plötzlich nicht. Ich streikte.

ZEITmagazin:Sie waren sieben Jahre alt. Was haben Sie gemacht?

Reding: Ich bin statt zur Schule in die Kirche gegangen, bis meine Eltern einbestellt wurden. Mein Vater erklärte mir, dass man auch mit Lehrern zurechtkommen muss, mit denen man nicht einer Meinung ist. Zur Strafe sollte ich alles, was ich verpasst hatte, nachschreiben. Das hätte Monate gedauert. Aber mein Vater hat mir geholfen: Er hat meine Kinderschrift imitiert und mitgeschrieben. Mit meinem Verhalten in der Schule war er zwar nicht einverstanden, er sagte aber auch nicht, dass ich unrecht gehabt hätte.

ZEITmagazin: Wie hat Sie dieses Erlebnis verändert?

Reding: Ich musste lernen, mich mit meiner Lehrerin zu arrangieren. Aber zugleich spürte ich, dass meine Eltern mich in meinem selbstständigen Denken und Handeln nicht bremsten. Die Offenheit meiner Eltern gab mir die große Chance, meinen eigenen Willen weiterzuentwickeln. Er wurde nicht eingeengt, sondern gefördert.

Louis Lewitan

gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Lara Fritzsche und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe. Der Psychologe und Coach lebt und arbeitet in München

ZEITmagazin: Offenheit und starker Wille: Ist das auch die Art, wie Luxemburg in Europa agiert?

Reding: Wir Luxemburger sind wie Obelix: Wir sind in den europäischen Zaubertrank gefallen. Wie kann man als Luxemburger seine Eigenständigkeit, seine Kultur verteidigen, wenn man sich zwischen zwei großen Kulturen – der französischen und der deutschen – befindet? Indem man sich öffnet und lernt, die anderen besser zu verstehen, als sie sich selbst verstehen – um dann zwischen den beiden zu manövrieren. Das können wir Luxemburger hervorragend. Deshalb sind wir die eigentlichen Europäer.

 
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