Deutsche Telekom : Es bleibt "sein Baby"

Der Exchef der Deutschen Telekom kritisiert seine Nachfolger: Die aktuellen Milliardenabschreibungen in den USA seien Folge ihres Zögerns.

Da habe ich meinen Job wohl nicht ordentlich gemacht«, scherzt Ron Sommer gleichbleibend entspannt nach der vierten Unterbrechung eines Telefonats während einer Autofahrt von Österreich nach München. Er weiß, dass er nicht verantwortlich für die holprige Netzversorgung in den Alpen ist. Aber die Neigung zur ironischen Pointe zeigt, wie bewusst er wahrnimmt, dass auch mehr als zehn Jahre nach seinem Ausscheiden als Telekom-Chef sein Name wiederauftaucht, wenn milliardenhohe Abschreibungen nach einer Erklärung verlangen. Er sagt, es störe ihn nicht.

Im Jahre 2001 hatte Sommer den Mobilfunkanbieter VoiceStream in den Vereinigten Staaten gekauft. Heute heißt die Firma T-Mobile USA, und im vergangenen Jahr hat die Deutsche Telekom wegen ihr rund sieben Milliarden Euro abschreiben müssen. Nachdem der Versuch gescheitert war, die Tochterfirma abzustoßen, soll sie jetzt mit einem Wettbewerber fusioniert werden.

Er ist auch heute noch überzeugt von der Notwendigkeit seiner damaligen Investition, auch wenn ihm das den Ruf des wachstumsgetriebenen Hasardeurs einbrachte. Und bis heute eine sichere Erwähnung bei jeder Bilanzpressekonferenz. Der Fehler sei nicht der Kauf von VoiceStream gewesen, sondern die Zögerlichkeit danach. Er hätte es anders gemacht, weiter in Technologien und Netze investiert, um eine herausragende Marktposition zu erreichen.

Wer Sommer persönlich trifft, erlebt einen Mann, dessen Enthusiasmus für die Branche auch zehn Jahre nach dem Rücktritt ungebrochen ist. Wenn er über aktuelle Herausforderungen philosophiert, mit internationalen Vergleichszahlen jongliert, gewinnt man den Eindruck, er sei noch immer Telekom-Chef. »Wann immer ich den Telekom-Jingle höre, dann denke ich, das Unternehmen ist doch mein Baby.«

»Ich habe vieles nicht verstanden, was damals passiert ist«

»Mein Baby«, sagt er oft, wenn er über seine »spannendste berufliche Aufgabe« sinniert. An keiner Stelle wirkt er bitter. Aber der Verlust, den er empfunden hat, bebt gelegentlich in seiner Stimme nach: »Mein Baby war plötzlich nicht mehr in meinem Arm.«

Einen Sommer zuvor sitzt Ron Sommer im Garten seines Hauses in Düsseldorf und erzählt seine Geschichte. Mehr als ein Dutzend Arbeiter wuseln herum, nach vierjähriger Bauzeit emsig mit der Vollendung des Baus beschäftigt. Dass er dafür länger brauchen könnte als für den Umbau der Deutschen Telekom, mag Sommer so nicht bestätigen. Er hoffe doch, dass sein Haus irgendwann fertig sein werde, scherzt er vergnügt. Im Verlauf des Nachmittags wird er ab und an unvermittelt aufspringen, um das handwerkende Orchester neu zu dirigieren, und er wirkt dabei so souverän, als folgten selbst die Abweichungen einem exakten Plan.

Als sich das Gespräch der unvollendeten Aufgabe zuwendet und den Umständen, die dazu führten, dass er bei der Deutschen Telekom zurücktrat, verliert der Mann, dem man eine unvergleichliche Gabe der Domestizierung seiner Gefühle und Gesichtsregungen nachsagt, für Sekunden seine Lässigkeit und bäumt sich in seinem Gartenstuhl auf. Er glaubt noch immer, dass er es hätte drehen können. Vielleicht sei sogar noch eine Mehrheit im damals zerstrittenen Aufsichtsrat drin gewesen. Auf die ersten Gerüchte, er werde zurücktreten, reagierte der Börsenkurs mit Freudensprüngen. Ansonsten ging es mit der T-Aktie zu dieser Zeit rasant bergab. Auch jene Politiker, die bei der Ausgabe der »Volksaktie« noch gemeinsam mit ihm aufs Foto gedrängt hatten, wandten sich nun von ihm ab. Sommer lächelt sanft, wenn er an die machtpolitischen Purzelbäume dieser Tage denkt.

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