Vermisstes FlugzeugAbflug ins Nichts

Seit dem Sommer sucht man in Russland nach einem Doppeldecker: Wo ist die AN-2? von 

Die Silhouette einer Antonov AN-2 aus dem Jahr 1973

Die Silhouette einer Antonov AN-2 aus dem Jahr 1973  |  © Daniel Bockwoldt dpa/lno

Der 11. Juni 2012 war ein heißer Sommerabend in Serow, einer verdösten Stadt von 100.000 Einwohnern am Ostrand des Urals. Auf dem kleinen Flugplatz stand ein einziges Flugzeug. Der Erste Pilot, Chatip Kaschapow, überwachte normalerweise die Taiga, um Waldbrände zu orten. Doch seit knapp zwei Wochen war das Flugzeug, eine AN-2, am Boden geblieben. Es hatte zuletzt viel geregnet. Langeweile herrschte. Der Zweite Pilot war in seine gut 1100 Kilometer entfernte Heimatstadt gefahren, um sein Auto zu holen. Kaschapow verdiente sich derweil mit illegalen Vergnügungsflügen etwas dazu. Aber an diesem Abend wollte er sich entspannen. Der Flughafenwächter tischte im Kontrollturm Bier und selbst gemachten Schnaps auf. Der Bordmechaniker heizte die Sauna an.

Da fuhren zwei Serower auf dem Weg zur Müllkippe am Flugplatz vorbei und hatten spontan Lust auf einen Flug. Sonst gab es nicht viel zu unternehmen in der Stadt: Ein paar Restaurants hat Serow, eine Bowlingbahn und einige ruppige Diskotheken, in denen die Reporter der Lokalzeitung Globus Serow eine Geschichte über das Nachtleben lieber unter Polizeischutz recherchieren. Die Männer im Auto riefen ihren Freund, den Chef der städtischen Verkehrspolizei, herbei; der war begeistert. Pilot Kaschapow stimmte zu – für gut hundert Euro. Der Polizeichef telefonierte seine Freunde ab, um alle zehn Sitze des Flugzeugs zu belegen. Umso billiger würde es für jeden.

Anzeige

Sergej Frolow, ein Freund des Polizeichefs, war an diesem Tag auf seiner Datscha. Eigentlich trennt er sich nie von seinem Telefon. "Diesmal hatte ich es ausnahmsweise auf den Kühlschrank gelegt, als ich in den Garten ging", erzählt der 38-Jährige später. Als er gegen halb zehn abends ins Haus kam, sah er auf der Anzeige des Telefons, dass ihn der Polizeichef angerufen hatte. Frolow rief zurück. "Er lud mich ein, mitzufliegen", erzählt Frolow. "Aber es war zu spät für mich." Der Polizeichef habe ihm noch gesagt: "Warte ab, wir fliegen gleich über dich hinweg in Richtung Kytlym." Sergej wartete lange im Garten und blickte in den Himmel. Kein Flugzeug kam.

Der Polizeichef hatte einige Absagen bekommen. Da willigte ein Ehepaar aus Serow ein, das eigentlich nur auf das Flugfeld gekommen war, um einen Drachen steigen zu lassen. Nun war noch ein Sitz frei. So sprang Juri, der Ehemann der Flugplatzdirektorin und Wächter des Kontrollturms, mit an Bord, ohne Hemd und T-Shirt, in Sporthose und Badeschlappen. Juri hatte 30 Jahre lang als Pilot und Feuerwehrmann im Dienst der Waldaufsicht Brände gelöscht. Unten auf dem Flugplatz fehlte ihm die Weite. Endlich ging es wieder mal nach oben. Im Gegensatz zu Kaschapow kannte er rund um Serow "jeden Erdhügel", wie es seine Frau Valentina ausdrückt. Wahrscheinlich hat sich Juri auf den leeren Sessel des Zweiten Piloten gesetzt.

Um kurz nach zehn hob das weiß-blaue Propellerflugzeug mit der Bordnummer RA-40312 in den dämmerigen Abendhimmel ab. Die Sommernächte sind hell im Nordural. Vielleicht wollte Kaschapow seine Passagiere zum Konschakowski-Felsen fliegen, einem der höchsten Berge hier zwischen Fichten, Bergtundra und Geröllfeldern. Oder er steuerte den Sonnenuntergang hinter dem Gebirgskamm Kwarkusch an, der wegen seiner wilden Himbeerfelder auch "Bärenparadies" heißt. Das Funkgerät schaltete Kaschapow aus, um nicht von der Flugaufsicht im 350 Kilometer entfernten Jekaterinburg entdeckt zu werden. Eine halbe Stunde sollte die Tour ja nur dauern.

Spät in der Nacht entzündete der Zweite Pilot, der mittlerweile mit seinem Auto eingetroffen war, am Flughafen Leuchtfeuer. Die Zurückgebliebenen hofften auf ein Wunder am Horizont: Das Flugzeug brummt heran, und alles lässt sich zurechtbiegen. Der Polizeichef war an Bord mit einem Untergebenen, der im Mai betrunken in den Straßengraben gefahren war. Die beiden Uniformierten hatten damals versucht, alles zu vertuschen: Die verletzten Mitfahrerinnen schleuste der Polizeichef an der Aufnahme vorbei ins Krankenhaus, der Unfallwagen wurde schnell verkauft. Aber die Geschichte flog auf. Um ein Haar wären beide Polizisten gefeuert worden. Nun noch ein illegaler Lustflug in den Sonnenuntergang – niemand durfte es erfahren.

Am nächsten Morgen kam Valentina, Juris Frau, zum Flugplatz. "Soll der nur mal zurückkommen, dieser Hund!", rief die Direktorin aus und schaute zum Himmel. Aber Juri blieb verschwunden. Die Luftaufsicht in Jekaterinburg erfuhr erst um 7.55 Uhr vom Verschwinden der AN-2. Eine Nacht war für die Suche verloren.

Der 12. Juni war ein Feiertag, der "Tag Russlands". Die staatlich organisierte Suche lief nur langsam an. Manche in Serow vermuteten zudem, die Gruppe sei nach einem Zechgelage in eine Sauna in der Wildnis oder zum Angeln geflogen. Die AN-2, die der Flugzeugkonstrukteur Oleg Antonow nach dem Zweiten Weltkrieg entworfen hatte, ist Luftautobus für die Provinz und fliegender Traktor für die Landwirtschaft. Sie heißt liebevoll "Maisling" wegen ihres Dauereinsatzes über den sowjetischen Feldern. Der Doppeldecker hat beste Segeleigenschaften und braucht nur kurze Strecken zum Landen und Starten – auf Wiesen oder Feldwegen. Bald, so dachten viele, würden die Passagiere auftauchen. Und man erinnerte sich an Geschichten des Überlebens in der Taiga: an die zwei Mädchen, die sich verirrt hatten und zehn Tage im Wald ausharrten. Beeren, Pinienkerne, Zweige und Moos, raten die Taigakenner, helfen gegen den Hunger. Nur vor den Bären muss man sich in Acht nehmen und besser auf den Bäumen schlafen.

Erst mit Verzögerung setzte eine der größten Suchaktionen der russischen Geschichte ein. Der Flugplatz von Serow, der einer ungemähten Sommerwiese glich, erlebte seine aviatorische Blütezeit. Ein Dutzend Hubschrauber und Flugzeuge flogen bei der Suche aus der Luft 20 mal 20 Kilometer große Quadrate ab. Ein Schwarm Generale des Innen- und Katastrophenschutzministeriums schwebte ein. Den Radius des Suchgebietes legte der Krisenstab auf 250 Kilometer fest. Wäre die AN-2 weiter geflogen, hätte das Benzin nicht mehr zurück nach Serow gereicht. Sogar per Satellit wurde nach dem Flugzeug geforscht. Als sich später ein Zeuge meldete, der beim Zelten am Flüsschen Lobwa vermutlich als Letzter die AN-2 am Himmel gesehen hatte und die Flugrichtung mit Südwest, etwas südlicher als nach Kytlym, angab, dachten viele: Na also, jetzt müssen sie den Maisling doch finden.

Aber die Taiga im Nordural ist "kein Park", wie es die Katastrophenschützer in Serow vor ungeduldigen Journalisten ausdrückten. Im Sommer sieht sie aus der Luft aus wie ein dichter grüner Teppich mit Kiefern, unter denen sich ganze Dörfer verstecken könnten. Die Sicht im Wald voller Gestrüpp und umgestürzter Bäume reicht oft nur zehn Meter weit. In der Sowjetunion gab es hier viele Straflager, aus denen kaum jemand davonlief. Die Taiga rundherum mit ihren Sümpfen, Bären, Zecken und Schluchten, in denen sogar im Sommer ein harsches Klima herrscht, war Abschreckung genug.

Die Suchmannschaften fuhren die Flüsse ab. Das Flugzeug würde hier herausragen, oder zumindest wären Trümmerteile aufgeschwemmt worden. Nichts war zu finden. Spezialisten mit Echolot untersuchten die tiefen Seen und Wasserlöcher des Kohletagebaus. Die Sümpfe sind flach, und die AN-2 ist viereinhalb Meter hoch. Verdächtige Objekte auf Satellitenbildern erwiesen sich als Altmetallhaufen oder verlassene Transformatorenhäuschen der Gasarbeiter.

Nach zwei Wochen stieß man auf die Trümmer einer AN-2: Das Flugzeug war indes schon vor sechs Jahren kurz nach dem Start in den Zweigen eines Tannenwaldes hängen geblieben. Auch die Reste eines MI-8-Hubschraubers fanden sich im Wald. Das Flugzeug von Serow blieb verschwunden. "Wenn man die gesamte Zone absuchen will", seufzte einer vom Krisenstab, "braucht man 78 Jahre."

Leserkommentare
    • ahaaa
    • 13. April 2013 21:35 Uhr

    finde ich immer spannend zu lesen. So tragisch das für alle Beteiligten sein muss.

    ..und jetzt gehe ich mich über diese Geschichte mit den toten Skifahrern informieren, das wird hier ja leider nur angedeutet, klingt aber nicht minder spannend.

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    kann dir nur zustimmen :D aber bevor ich mich über den kuriosen Fall der Ski-Fahrer informiere google ich zuerst einmal " geheime Raketenstandorte im Nordural"

  1. kann dir nur zustimmen :D aber bevor ich mich über den kuriosen Fall der Ski-Fahrer informiere google ich zuerst einmal " geheime Raketenstandorte im Nordural"

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "So etwas"
  2. Es gibt bei Flickr ein Foto der Antonov AN-2 RA-40312.

    http://www.flickr.com/photos/keith_burton/5011462263/

  3. Прочитали Вашу статью! Спасибо! Единственное замечание, Вы имейте ввиду, что Россия страна огромная и поэтому очень трудна в управлении, однако здесь всегда присутствовала демократия, как и во времена СССР, так и в настоящее время. И говорить неправду о том, что в России нет демократии или ее не было, это преувеличение. Наоборот вседозволенность! Русские очень вольные духом, самоуверенные, смелые. Чувство свободы не отнять! Поэтому и позволяют себе лишнее. Сравните количество жителей Германии и России. Если бы у Вас было такое количество населения, смогли бы Вы все контролировать законы?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service