Der 11. Juni 2012 war ein heißer Sommerabend in Serow, einer verdösten Stadt von 100.000 Einwohnern am Ostrand des Urals. Auf dem kleinen Flugplatz stand ein einziges Flugzeug. Der Erste Pilot, Chatip Kaschapow, überwachte normalerweise die Taiga, um Waldbrände zu orten. Doch seit knapp zwei Wochen war das Flugzeug, eine AN-2, am Boden geblieben. Es hatte zuletzt viel geregnet. Langeweile herrschte. Der Zweite Pilot war in seine gut 1100 Kilometer entfernte Heimatstadt gefahren, um sein Auto zu holen. Kaschapow verdiente sich derweil mit illegalen Vergnügungsflügen etwas dazu. Aber an diesem Abend wollte er sich entspannen. Der Flughafenwächter tischte im Kontrollturm Bier und selbst gemachten Schnaps auf. Der Bordmechaniker heizte die Sauna an.

Da fuhren zwei Serower auf dem Weg zur Müllkippe am Flugplatz vorbei und hatten spontan Lust auf einen Flug. Sonst gab es nicht viel zu unternehmen in der Stadt: Ein paar Restaurants hat Serow, eine Bowlingbahn und einige ruppige Diskotheken, in denen die Reporter der Lokalzeitung Globus Serow eine Geschichte über das Nachtleben lieber unter Polizeischutz recherchieren. Die Männer im Auto riefen ihren Freund, den Chef der städtischen Verkehrspolizei, herbei; der war begeistert. Pilot Kaschapow stimmte zu – für gut hundert Euro. Der Polizeichef telefonierte seine Freunde ab, um alle zehn Sitze des Flugzeugs zu belegen. Umso billiger würde es für jeden.

Sergej Frolow, ein Freund des Polizeichefs, war an diesem Tag auf seiner Datscha. Eigentlich trennt er sich nie von seinem Telefon. "Diesmal hatte ich es ausnahmsweise auf den Kühlschrank gelegt, als ich in den Garten ging", erzählt der 38-Jährige später. Als er gegen halb zehn abends ins Haus kam, sah er auf der Anzeige des Telefons, dass ihn der Polizeichef angerufen hatte. Frolow rief zurück. "Er lud mich ein, mitzufliegen", erzählt Frolow. "Aber es war zu spät für mich." Der Polizeichef habe ihm noch gesagt: "Warte ab, wir fliegen gleich über dich hinweg in Richtung Kytlym." Sergej wartete lange im Garten und blickte in den Himmel. Kein Flugzeug kam.

Der Polizeichef hatte einige Absagen bekommen. Da willigte ein Ehepaar aus Serow ein, das eigentlich nur auf das Flugfeld gekommen war, um einen Drachen steigen zu lassen. Nun war noch ein Sitz frei. So sprang Juri, der Ehemann der Flugplatzdirektorin und Wächter des Kontrollturms, mit an Bord, ohne Hemd und T-Shirt, in Sporthose und Badeschlappen. Juri hatte 30 Jahre lang als Pilot und Feuerwehrmann im Dienst der Waldaufsicht Brände gelöscht. Unten auf dem Flugplatz fehlte ihm die Weite. Endlich ging es wieder mal nach oben. Im Gegensatz zu Kaschapow kannte er rund um Serow "jeden Erdhügel", wie es seine Frau Valentina ausdrückt. Wahrscheinlich hat sich Juri auf den leeren Sessel des Zweiten Piloten gesetzt.

Um kurz nach zehn hob das weiß-blaue Propellerflugzeug mit der Bordnummer RA-40312 in den dämmerigen Abendhimmel ab. Die Sommernächte sind hell im Nordural. Vielleicht wollte Kaschapow seine Passagiere zum Konschakowski-Felsen fliegen, einem der höchsten Berge hier zwischen Fichten, Bergtundra und Geröllfeldern. Oder er steuerte den Sonnenuntergang hinter dem Gebirgskamm Kwarkusch an, der wegen seiner wilden Himbeerfelder auch "Bärenparadies" heißt. Das Funkgerät schaltete Kaschapow aus, um nicht von der Flugaufsicht im 350 Kilometer entfernten Jekaterinburg entdeckt zu werden. Eine halbe Stunde sollte die Tour ja nur dauern.

Spät in der Nacht entzündete der Zweite Pilot, der mittlerweile mit seinem Auto eingetroffen war, am Flughafen Leuchtfeuer. Die Zurückgebliebenen hofften auf ein Wunder am Horizont: Das Flugzeug brummt heran, und alles lässt sich zurechtbiegen. Der Polizeichef war an Bord mit einem Untergebenen, der im Mai betrunken in den Straßengraben gefahren war. Die beiden Uniformierten hatten damals versucht, alles zu vertuschen: Die verletzten Mitfahrerinnen schleuste der Polizeichef an der Aufnahme vorbei ins Krankenhaus, der Unfallwagen wurde schnell verkauft. Aber die Geschichte flog auf. Um ein Haar wären beide Polizisten gefeuert worden. Nun noch ein illegaler Lustflug in den Sonnenuntergang – niemand durfte es erfahren.

Am nächsten Morgen kam Valentina, Juris Frau, zum Flugplatz. "Soll der nur mal zurückkommen, dieser Hund!", rief die Direktorin aus und schaute zum Himmel. Aber Juri blieb verschwunden. Die Luftaufsicht in Jekaterinburg erfuhr erst um 7.55 Uhr vom Verschwinden der AN-2. Eine Nacht war für die Suche verloren.

Der 12. Juni war ein Feiertag, der "Tag Russlands". Die staatlich organisierte Suche lief nur langsam an. Manche in Serow vermuteten zudem, die Gruppe sei nach einem Zechgelage in eine Sauna in der Wildnis oder zum Angeln geflogen. Die AN-2, die der Flugzeugkonstrukteur Oleg Antonow nach dem Zweiten Weltkrieg entworfen hatte, ist Luftautobus für die Provinz und fliegender Traktor für die Landwirtschaft. Sie heißt liebevoll "Maisling" wegen ihres Dauereinsatzes über den sowjetischen Feldern. Der Doppeldecker hat beste Segeleigenschaften und braucht nur kurze Strecken zum Landen und Starten – auf Wiesen oder Feldwegen. Bald, so dachten viele, würden die Passagiere auftauchen. Und man erinnerte sich an Geschichten des Überlebens in der Taiga: an die zwei Mädchen, die sich verirrt hatten und zehn Tage im Wald ausharrten. Beeren, Pinienkerne, Zweige und Moos, raten die Taigakenner, helfen gegen den Hunger. Nur vor den Bären muss man sich in Acht nehmen und besser auf den Bäumen schlafen.

Erst mit Verzögerung setzte eine der größten Suchaktionen der russischen Geschichte ein. Der Flugplatz von Serow, der einer ungemähten Sommerwiese glich, erlebte seine aviatorische Blütezeit. Ein Dutzend Hubschrauber und Flugzeuge flogen bei der Suche aus der Luft 20 mal 20 Kilometer große Quadrate ab. Ein Schwarm Generale des Innen- und Katastrophenschutzministeriums schwebte ein. Den Radius des Suchgebietes legte der Krisenstab auf 250 Kilometer fest. Wäre die AN-2 weiter geflogen, hätte das Benzin nicht mehr zurück nach Serow gereicht. Sogar per Satellit wurde nach dem Flugzeug geforscht. Als sich später ein Zeuge meldete, der beim Zelten am Flüsschen Lobwa vermutlich als Letzter die AN-2 am Himmel gesehen hatte und die Flugrichtung mit Südwest, etwas südlicher als nach Kytlym, angab, dachten viele: Na also, jetzt müssen sie den Maisling doch finden.

Aber die Taiga im Nordural ist "kein Park", wie es die Katastrophenschützer in Serow vor ungeduldigen Journalisten ausdrückten. Im Sommer sieht sie aus der Luft aus wie ein dichter grüner Teppich mit Kiefern, unter denen sich ganze Dörfer verstecken könnten. Die Sicht im Wald voller Gestrüpp und umgestürzter Bäume reicht oft nur zehn Meter weit. In der Sowjetunion gab es hier viele Straflager, aus denen kaum jemand davonlief. Die Taiga rundherum mit ihren Sümpfen, Bären, Zecken und Schluchten, in denen sogar im Sommer ein harsches Klima herrscht, war Abschreckung genug.

Die Suchmannschaften fuhren die Flüsse ab. Das Flugzeug würde hier herausragen, oder zumindest wären Trümmerteile aufgeschwemmt worden. Nichts war zu finden. Spezialisten mit Echolot untersuchten die tiefen Seen und Wasserlöcher des Kohletagebaus. Die Sümpfe sind flach, und die AN-2 ist viereinhalb Meter hoch. Verdächtige Objekte auf Satellitenbildern erwiesen sich als Altmetallhaufen oder verlassene Transformatorenhäuschen der Gasarbeiter.

Nach zwei Wochen stieß man auf die Trümmer einer AN-2: Das Flugzeug war indes schon vor sechs Jahren kurz nach dem Start in den Zweigen eines Tannenwaldes hängen geblieben. Auch die Reste eines MI-8-Hubschraubers fanden sich im Wald. Das Flugzeug von Serow blieb verschwunden. "Wenn man die gesamte Zone absuchen will", seufzte einer vom Krisenstab, "braucht man 78 Jahre."

 Wunderheiler und Wahrsager überboten sich mit Koordinaten der Absturzstelle

Staatsanwälte und Flugaufseher nahmen ihre Arbeit auf. Das Verfahren wegen "Verletzung der Regeln des Transportbetriebs" brachte Haarsträubendes zutage: Der Flugplatz in Serow war weder korrekt markiert, noch hatte er eine Flugsicherung. Wer hier ankam oder abhob, tat dies auf eigenes Risiko und ohne jede Kontrolle. Kaschapow flog ohne Flugkarten los. Ein Peilsender, der bei einem Aufprall automatisch Signale aussendet, war für die AN-2 nicht vorgeschrieben. Der Notfallsender, der an Bord war, muss nach einem Absturz von Hand eingeschaltet werden. Der Abflug ohne den Zweiten Piloten war vorschriftswidrig. Schon am Abend zuvor hatte Kaschapow mit zwei Pärchen für umgerechnet 40 Euro eine Spritztour zum nahe gelegenen Stausee gemacht und war mit dem Rumpf fast ins Wasser eingetaucht. Angler hatten diese letzten Bilder der AN-2 mit einem Mobiltelefon gefilmt.

Der Flugplatz von Serow liegt zwei Kilometer südlich vom Zentrum der Stadt, im hohen Gras ist er kaum zu erkennen. Alexander Nikolajew bewacht ihn. Der stämmige Mann mit dem Schnauzbart trägt die abgeschabte Arbeitskleidung seines früheren Arbeitgebers, der Russischen Eisenbahn. Der verschwundene Juri war sein Kollege.

Wer die Treppe im Hauptgebäude hochsteigt, an der durchgelegenen Koje vorbei, betritt den Kontrollraum, der jedes Technikmuseum zieren würde. Das Fluglotsenpult liegt seit Jahren still und dient Groschenromanen als Ablage. Brotscheiben verdörren auf dem Fensterbrett; man nimmt sie als Zwieback zum Tee. "Wann kommt hier schon mal ein Flugzeug?", fragt Nikolajew und antwortet selbst: "Ein oder zwei Mal im Monat." Jenseits der Fenster liegt das Flugfeld. Aber für die Buckelwiese ist Nikolajew nicht zuständig. Er bewacht den Turm, die Sauna und die leeren Zisternen, für die sich die Altmetalldiebe interessieren. Juri und er baten vergeblich um eine Luftpistole zur Selbstverteidigung. "Wir schlagen sie halt mit unseren Möglichkeiten zurück", sagt Nikolajew. Ihm zur Seite steht Muchtar, der zähnefletschende Wachhund mit einem Schuss deutschen Schäferhundblutes. Im Schrank des Kontrollturms hängt Juris Arbeitsjacke; die Stiefel weisen mit den Spitzen ins Zimmer. "Das ist so ein Aberglaube", sagt Nikolajew. "Damit Juri zurückkommt."

Bald nach dem Verschwinden der AN-2 kamen die ersten Gerüchte auf. Die einen glaubten an eine Entführung: Jemand habe mit dem Flugzeug Häftlinge aus einem der umliegenden Gefängnislager befreien wollen. Verwandte der Mitflieger äußerten den Verdacht, die AN-2 sei von der russischen Luftabwehr abgeschossen worden, als sie einem der geheimen Raketenstandorte im Nordural zu nahe kam. Die Militärs dementierten. Kenner der Region verwiesen auf die magnetischen Anomalien. Dicht unter der Erdoberfläche lagern Metalle und verdrehen die Kompassnadel um bis zu 40 Grad. Dann ist da noch die ewige Bewölkung am Konschakowski-Felsen wegen der artesischen Quellen in mehr als 1000 Meter Höhe. Und natürlich der Djatlow-Pass, der Inbegriff des Grauens.

Vielleicht, sagen manche, hätten die Passagiere Kaschapow überredet, viel weiter zu fliegen, bis zum Djatlow-Pass. Dort war im Februar 1959 eine Gruppe von neun Skitouristen "als Resultat einer nicht zu bestimmenden elementaren Kraft", wie es im damals streng geheimen Untersuchungsbericht hieß, ums Leben gekommen. Ein Suchtrupp fand neun Leichen im tiefen Schnee. Das Zelt der Skiwanderer war von innen aufgeschnitten worden. Die Touristen müssen in Todesangst, einige barfuß in Unterwäsche, vor einer unbekannten Gewalt geflohen sein. Einige der Leichen wiesen Verletzungen auf: zwei Schädelbrüche, gebrochene Rippen. Einem der Toten fehlte die Zunge.

Die Flugzeuge suchten im Sommer 2012 auch am verfluchten Pass und am nahe gelegenen Berg, der in der Sprache des einheimischen Volkes der Mansen "Berg der Toten" heißt. Sie fanden nichts.

Wunderheiler und Wahrsager überboten sich mit Koordinaten der Absturzstelle. Dann, im September, alarmierte ein Amateurfunker die Öffentlichkeit: Er habe einen Notruf mit den Wortfetzen "zwei Polizisten sind tot" und "die Bären fressen uns" aufgezeichnet. Am Ende falle der Name eines Ortes, irgendetwas mit "Revolution". Die Staatsanwälte ordneten eine phonoskopische Untersuchung an und ermittelten, dass im Garinsker Gebiet in den fünfziger Jahren eine Kolchose namens "Oktoberrevolution" existiert hatte. Auf der Tonaufnahme war indes nur ein Rauschen zu hören.

Derweil schlug die Stimmung in Serow um. Im Juni, nach dem Verschwinden der AN-2, hatte die Stadt unter Schock gestanden. Groß war die Solidarität: Hunderte brachen freiwillig zur Suche in die Taiga auf. Unternehmer charterten einen Hubschrauber für 2000 Euro in der Stunde. Die Mönche des Klosters Werchoturje verschickten eine SMS mit ihrem Gebet für die Verschwundenen. Doch je länger die Suche dauerte, desto mehr traten die täglichen Probleme wieder hervor.

Die Stadt liegt in einer Metallschmiederegion. In den Fabriken streikten erboste Arbeiter, die keinen Lohn mehr erhielten. Über die Metallurgische Fabrik in Serow, die noch immer am Mittag weit und breit hörbar die Schichtsirene heulen lässt, heißt es seit Langem, sie gehe bald bankrott. Nachts, erzählt man sich, ließen die Serower Fabriken heimlich Abgase ab, die sich auf dem Lack der Autos als Flecken niederschlügen. Das zentrale Heizungssystem der Stadt, das vom Ausfall bedroht ist, die abwandernden Ärzte und eine Einberufungskommission der Armee, die aus ihrem Budget nicht einmal Seife fürs Waschbecken kaufen kann, sind die Themen der Zeitung. Schon im Sommer sagten manche, es reiche jetzt mit der teuren Suche.

Zu Fuß haben die Suchtrupps ein Gebiet abgelaufen, das größer ist als Hamburg und das Saarland zusammen. 300.000 Quadratkilometer wurden aus der Luft kontrolliert. Mitte November, als dichter Schnee fiel, wurde die Suche eingestellt. Die Taiga verschwand unter einer weißen Decke.

Aber manche lässt das Schicksal der AN-2 nicht los. Im Winter erkundeten Freiwillige im hüfthohen Schnee Sümpfe, die im Sommer unzugänglich sind. Ende März trafen sich einige Bürger in der Redaktion von Globus Serow. Sie wollen eine Organisation gründen und Spenden sammeln, um die Suche in der zweiten Maihälfte wiederaufzunehmen. Frolow, der fast an Bord gewesen wäre, macht mit.

Wenn die Suchflugzeuge zurückkehren, werden viele Serower wieder zum Flugplatz fahren – wie im vergangenen Sommer. Damals kamen täglich Einwohner der Stadt zu den Piloten. Sie wünschten ihnen Erfolg bei der Suche und fragten, ob sie nicht mal mitfliegen könnten.