FrühförderungSie lernen viel zu viel

"Rettet die Neugier" heißt ein neues Buch von Salman Ansari – ein Plädoyer gegen den Frühförderwahn im Kindergarten. Ein Gespräch mit dem Pädagogen darüber, was schadet und was nützt von 

DIE ZEIT: Herr Ansari, wären Sie heute selbst gern noch mal Kind?

Salman Ansari: Ehrlich gesagt, ungern. Kinder wachsen heute in einer extremen Erwachsenenwelt auf. Wenn man durch Städte wie Berlin oder Hamburg läuft, aber auch durch kleinere wie Offenbach, wo ich oft in Kindergärten arbeite, entdeckt man im öffentlichen Raum kaum noch etwas, das darauf hinweist, dass hier Kinder leben. Hier und da mal ein Spielplatz, aber die sind meist trist und trostlos und alle TÜV-geprüft.

Anzeige

ZEIT: Was war bei Ihnen früher anders?

Ansari: Meine Kindheit spielte sich im Freien ab und war viel weniger belastet. Was Kinder heute alles wahrnehmen und aufnehmen müssen, ist ungeheuerlich. Uns ging das Weltgeschehen überhaupt nichts an, wir haben es auch gar nicht mitbekommen. Kindheit war ein Schonraum, das ist heute anders.

ZEIT: Dafür, sagt man, sind die Kinder heute schlauer. Stimmt das?

Ansari: Die Kinder lernen heute viel zu viel. Dass man sie bereits mit fünf Jahren als potenzielle Schüler betrachtet, die bestimmte Curricula erfüllen sollen, muss wirklich nicht sein.

ZEIT: Sie halten nicht viel von Frühförderung?

Ansari: Der Begriff wurde bis heute nicht richtig definiert. Jedenfalls können diejenigen, die ihn geprägt haben und vertreten, selbst nicht genau sagen, was sie darunter verstehen. Es herrscht sehr viel Durcheinander. Wenn man sich heute einen der vorschulischen Bildungspläne anschaut, die ja in jedem Bundesland unterschiedlich ausfallen, hat man oft den Eindruck, jedes Kindergartenkind könnte Leiter der Deutschen Bank werden, wenn es all die Anforderungen erfüllen würde, die darin enthalten sind.

ZEIT: Mit Ihrem aktuellen Buch Rettet die Neugier richten Sie sich vor allem gegen die Überfrachtung der Kindergärten mit akademischen Inhalten, gegen eine naturwissenschaftliche Frühförderung, die sich vor allem auf vorgegebene Experimente und Lerneinheiten stützt. Was läuft da falsch?

Salman Ansari
Salman Ansari

Der 71-Jährige wuchs in Indien und Pakistan auf und ging fürs Chemiestudium nach Deutschland. Nach der Promotion unterrichtete er an der Odenwaldschule. Wie kein anderer Lehrer kämpfte er für die Aufklärung der Missbrauchsfälle.

Bekannt geworden ist Salman Ansari durch seine Arbeit mit Vorschulkindern und durch seine ungewöhnlichen Lernkonzepte. Für die Telekom entwickelte er das Projekt "Kinder fragen Kinderfragen", er ist Mitglied im Praxisbeirat der Sinn-Stiftung.

Mit seinem aktuellen Buch "Rettet die Neugier" (Krüger-Verlag) streitet er für eine neue Form des Lernens im Kindergarten.

Ansari: In allen Stiftungen und Projekten, die sich auf die naturwissenschaftliche Frühförderung spezialisiert haben – egal ob das Haus der kleinen Forscher in Berlin oder das Science Lab in München –, wird versucht, die Welt aus akademischer Perspektive zu erklären. Mit dem kindlichen Denken hat das oft nichts zu tun.

ZEIT: Den Befürwortern der naturwissenschaftlichen Frühförderung kommt es ja bekanntlich vor allem darauf an, dem zukünftigen Fachkräftemangel vorzubeugen.

Ansari: Die Behauptung, dass wir durch intensive Frühförderung später qualifiziertere Fachkräfte gewinnen, entbehrt jeglicher Grundlage. Das ist reine Spekulation. Für mich bleibt rätselhaft, warum dieser Frühförderwahn so viel Zustimmung findet.

ZEIT: Sie selbst sind ein gefragter Experte in Kindergärten, auch sie arbeiten mit den Kindern an Themen aus der Natur. Und Sie sind als promovierter Chemiker ein Akademiker. Was machen Sie denn anders?

Ansari: Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich als Chemielehrer an die Odenwaldschule kam und vor einer fünften Klasse stand. Ich habe sofort gemerkt, dass ich meine Doktorurkunde getrost in den Mülleimer werfen kann. Im Unterricht hat mir der Doktortitel gar nicht geholfen. Dann habe ich begonnen, nachzudenken, wie Kinder eigentlich lernen. Ich versuche, die Kinder selbst kreativ werden zu lassen, sodass sie neue Ideen mit mir gemeinsam generieren können. Ihnen Raum und Zeit zu geben, an der Lösung einer Frage aktiv mitzuarbeiten. Aus den kognitiven Wissenschaften weiß man, dass das der emotionalen und geistigen Entwicklung der Kinder sehr guttut. Sie gewinnen dadurch mehr Selbstvertrauen und das Gefühl, ich schaff das – ich kann das.

Leserkommentare
  1. " Die Behauptung, dass wir durch intensive Frühförderung später qualifiziertere Fachkräfte gewinnen, entbehrt jeglicher Grundlage."

    Na dann könne wir ja alle Mädchen-Förderprogramme wie den Girls-Day sofort einstellen, solange es keine qualitative und quantitative Entsprechung für Jungs gibt.

    MfG
    FT

    11 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    der Girls' Day dagegen ist ein Programm fuer Schulkinder, soweit ich weiss. Da besteht ein kleiner Unterschied. Aber hauptsache erstmal gegen Frauenfoerderung gemeckert haben, egal, ob qualifiziert oder nicht...

    wie viele Leute immer noch nicht wissen:
    Am gleichen Tag, wo Mädchen zum Girls Day in Unternehmen geladen sind, wird ein paralleler Boys Day veranstaltet, und was meinen Sie, wofür der wohl ist?
    http://www.boys-day.de/

    FRÜH-Förderung ... – KINDERGARTEN!!!

  2. der Girls' Day dagegen ist ein Programm fuer Schulkinder, soweit ich weiss. Da besteht ein kleiner Unterschied. Aber hauptsache erstmal gegen Frauenfoerderung gemeckert haben, egal, ob qualifiziert oder nicht...

    35 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Zu viel"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "gegen Frauenfoerderung gemeckert "

    Nö, ich habe geschrieben, daß BEIDE auf den gleichen qualitativen und quantitativen Stand gebracht werden sollen.
    Und beißen Sie sich nicht so am GirlsDay fest, daß war nur ein Beispiel.

  3. ...aber das fürs tägliche Leben benötigte Wissen hat sich gefühlt mind. verdoppelt seit ich zum letzen mal in der Schule war (1987). Die Zeit die man hat um sich dieses Wissen anzueignen jedoch nicht.
    Es bedarf einer grundlegenden Reform des Schulunterrichts oder man muss eben früh genug anfangen um dieses Wissen zu vermitteln.
    Leider hat man die letztere Methode gewählt weil die erste vermutlich zu viel arbeit machen würde.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    geht es nicht um die Vermittlung von Wissen, sondern um die Vermittlung der Tatsache, dass man selbst in der Lage ist, nachzudenken, und dass man, wenn genug "Parameter" bekannt sind, sogar zum richtigen Ergebnis kommen kann.

    Ich seh das selbst bei Studenten immer wieder, dass es Leute gibt, die unglaubliche Wissensmengen angehäuft haben, und trotzdem das Wissen nicht so anwenden können, dass daraus Erkenntnis wird.

    Lediglich die Notwendigkeit, selbst Erklärungen suchen zu müssen, befördert das Denken, die Erkenntnis und die Fähigkeit, auch an sich unbekannte Dinge im Ansatz klären zu können. Deshalb sollte man Kinder möglichst oft auffordern, sich eine Erklärung auszudenken. Liegen sie dann weit daneben, muss man eben selbst mal kurz nachdenken,welcher beobachtbare Effekt gegen ihre Erklärung spricht.

    So kann man es schaffen, dass sie sich selbst Gedanken machen und nicht nur Wissen aufnehmen, um es später wieder zu vergessen

    [Zitat[...aber das fürs tägliche Leben benötigte Wissen hat sich gefühlt mind. verdoppelt seit ich zum letzen mal in der Schule war (1987). Die Zeit die man hat um sich dieses Wissen anzueignen jedoch nicht.[/Zitat]

    Es ist ein Irrglaube, dass sich das fürs tägliche Leben benötigte Wissen verdoppelt hätte. Natürlich muss man heute mit einem "Smartphone" umgehen können, 1987 war das meinethalben der VHS Videorecorder mit VPS Eingabe, heute das NAVI im Auto, damals der Straßenatlas. In der Steinzeit Feuermachen, Werkzeuge herstellen...
    In der Summe glaube ich das alles gleich geblieben ist. Natürlich ist der Wissensberg insgesammt größer geworden, aber für das tägliche Leben...

    [Zitat]Es bedarf einer grundlegenden Reform des Schulunterrichts oder man muss eben früh genug anfangen um dieses Wissen zu vermitteln.
    Leider hat man die letztere Methode gewählt weil die erste vermutlich zu viel arbeit machen würde.[/Zitat]

    Eine Schulreform hin zu dem was der Author sagt, mehr selbstentdecken, mehr lernen wie man lernt, seine kreativen Potentiale nutzen etc. halte ich für notwendig. Da liegt vieles im Argen, man denke nur das für das G8 Abitur einfach der Stoff von 9 Jahren in 8 gepackt wurde. Früher anfangen nützt gar nichts, ich bin sehr gespannt wie die PisaKinder im echten Leben sich bewähren.

    • conure
    • 12. April 2013 7:28 Uhr

    Menschen haben mehr Potential als das von "Fachkräften".

    Und Kinder haben das Recht darauf, ihre Persönlichkeit
    in all ihren Facetten zu entwicklen und darin unterstützt
    zu werden.

    Wie man gerade anhand der Umfrage zum "Glücklichsein"
    bei unseren Kinder gesehen hat, liegt da ja einiges im
    Argen.....

    24 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
  4. Ich habe schon lange den Verdacht, dass diese Programme von Leuten entwickelt wurden, die keinen reelen Kontakt zu Kindern haben. Kindern auf Augenhöhe zu begegnen - dies gilt allerdings für alle Menschen - ist das A und O um mit Ihnen in Kontakt zu treten, und Ihnen etwas Reelles beibringen zu können.

    Sonst nimmt der TÜV irgendwann nicht nur Autos und Spielplätze ab, sondern bewertet und stuft auch unsere Kinder ein.

    10 Leserempfehlungen
  5. Ich lade Herrn Ansari ganz herzlich in meine Kursstunden von Science Lab e.V. ein und er wird sehen, dass wir GENAU das schon 11 Jahre leben, was er fordert. Kinder spielerisch und kreativ offen und neugierig machen auf ihre Umwelt, faszinierende Alltags- und Naturphänomene. Herzlichst, Gaby Schürmann, Mutter von 3 Kindern (7-14Jahre) und seit 9 Jahren begeisterte Kursleiterin bei Science Lab e.V.

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich kenne die Kurse von ScienceLab nicht, und möglicherweise hat er Herr Ansari ja mit Ihnen die falschen auf dem Kiecker.

    Was er im Artikel beschreibt, spiegelt aber leider den Alltag in unserem Kindergarten sehr gut wider. Da sind die Kindergärtnerinnen in der "Lernwerkstatt" für die "Experimente" zuständig.

    Womit man sich dort gerade beschäftigt, merken wir zu Hause immer zuverlässig daran, wofür unsere Tochter gerade aufhört sich zu interessieren.

    Das Science-Lab ist doch nur ein Beispiel wie Erfahrungsräume verunmöglicht werden, weil die didaktische und methodische Zumüllung des kindlichen Alltags mit "verwertbarem" Wissen ein Problem darstellt. Darauf macht Ansari aufmerksam. Er macht in seiner Art und Weise auf die fehlende Möglichkeit Themen selbst zu generieren aufmerksam, da zu wenig Zeit (auch für emotionale Zuwendung bleibt). Wenn Sie professionell (pädagogisch) mit dem Science Lab arbeiten, dann darf der Inhalt auf keinen Fall Vorrang haben. Die Gefahr ist bei sochen Methoden (mehr ist es ja nicht), dass kindliche Bedürfnisse zugestellt werden.

    [9.] Die Institutionalisierung von Experten im kindlichen Denken hält übrigens nur davon ab, dass Kinder selbst verstehen wollen. Das lese ich auch aus Ansaris Worten. Wir "bilden" unsere Kids gerade zu einer "just google it-generation" aus ("Ausbildung") und enthalten Ihnen das vor, was gerade die 1970er-Generation (f.) erleben durfte.

    [zu 12.] Ansari analysiert die kindliche Entwicklung besser als das Gros der Pädagogen. Übrigens haben darin auch "Nerds" Platz, man muss nur genau lesen und verstehen, das behaupten doch "Nerds", dass Sie die Welt besser verstehen wollen als ein Großteil der anderen.

    [13.] Das Bildungsbürgertum ist längst in sich zusammengefallen. Dieses hätte einen solchen Wahn nämlich von sich gewiesen, da diese noch einen Bildungsbegriff hatten. Heute existiert in der öffentlichen Debatte und auch im Fachdiskurs kaum noch ein Bildungsbegriff.

  6. "gegen Frauenfoerderung gemeckert "

    Nö, ich habe geschrieben, daß BEIDE auf den gleichen qualitativen und quantitativen Stand gebracht werden sollen.
    Und beißen Sie sich nicht so am GirlsDay fest, daß war nur ein Beispiel.

    10 Leserempfehlungen
    • cirkus
    • 12. April 2013 7:41 Uhr

    nur leider werden sie gegen die Windmühlenräder der Lernenindustrie nicht ankommen, deren Marktvolumen pro Jahr laut ThinkEquity LLC weltweit bei Billionen US$ angekommen ist. Tendenz stark steigend. Und deren Produkt Schulnoten ("Grades" trifft es eigentlich besser) sind.

    7 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service