Hätte nie gedacht, dass ich ihn mal vermissen würde. Jetzt ist es so weit: Mir fehlt der Dreck! Auf dem Bürgersteig vor mir liegt kein Hundehaufen, kein Laub, kein platt getretenes Papier. Abgesehen von ein wenig Schneematsch, ist das Wegstück vor mir sauber. Was kann ich tun? Frau Oechsle drückt mir einen Sack mit Granulat in den Arm und zeigt, wo ich streuen soll, damit auch niemand ausrutscht: exakt bis zur Grundstücksgrenze des Mehrfamilienhauses, vor dem ich stehe.

Ich bin in Stuttgart unterwegs und habe Kehrwoche gebucht – einen kleinen Arbeitseinsatz. Gewöhnlich teilen die Mieter eines Gebäudes nach vertraglich festgesetztem Schema die wöchentliche Haus- und Hofreinigung untereinander auf: Immer samstags wird geputzt, jeder kommt dran. Die Kehrwoche hat Kennern zufolge viel mit dem regionalen Naturell zu tun, sie ist gewissermaßen Teil des schwäbischen Kulturguts. In Stuttgart darf man neuerdings sogar als Auswärtiger mithelfen.

"We will kehr for you" heißt die Aktion, die mich mit Frau Oechsle und ihrem Granulatsack bekannt gemacht hat. Der Kehrwochen-Treff gehört zu einem Programm verschiedener "Arttours" – Stadtführungs-untypischer Ausflüge ins Stuttgarter Leben, ausgedacht oder in Auftrag gegeben vom Künstlerpaar Kaspar Wimberley und Susanne Kudielka. Wer als Freiwilliger zur Kehrwoche stößt, der wird nach dem Putzen vom diensthabenden Mieter mit einer Einladung zu Kaffee und Kuchen belohnt.

Der Arbeitseinsatz wird mit einem Stück "Träubleskuchen" belohnt

Obwohl ich nicht gekehrt, sondern nur ein bisschen gestreut habe, darf ich mit Elisabeth Oechsle nach oben kommen in ihre Wohnung im Stuttgarter Westen. Jugendstilhaus, vierter Stock. Wir schauen aus dem Wohnzimmerfenster hinüber zu den Hügeln der baden-württembergischen Landeshauptstadt, dann setzen wir uns in die Küche und essen "Träubleskuchen", wie der Schwabe den Johannisbeerkuchen nennt. Elisabeth Oechsle ist Ende 40, trägt ein modisch gemustertes Kleid und betreibt einen Kostümverleih. Wir kommen schnell ins Ratschen, als seien wir alte Bekannte, dabei kennen wir uns kaum eine halbe Stunde. Am Ende unseres kleinen Kaffeeklatsches zeigt meine Gastgeberin mir noch einen "Schatz", vor Kurzem erst gehoben: einen alten, hölzernen Glücksspielautomaten. Er hat wohl Jahrzehnte im hintersten Winkel ihres Dachspeichers zugebracht. Elisabeth Oechsle fand ihn erst neulich – beim Großreinemachen.

Kaspar Wimberley muss lachen, als ich ihm von der Begegnung erzähle, einer Begegnung ganz ohne Kehrschaufel, Kittelschürze oder sonst ein furchterregendes Klischee. "Es ist, wie es ist", sagt der 32-Jährige, der vom Theater kommt und Überraschungen aller Art mag. Auch die lokalen "Gastgeber" der Kehrbesuche findet Wimberley jeweils nach dem Zufallsprinzip übers Telefonbuch oder beim ziellosen Gang durch die Straßen. Konventionelle Stadtführungen sind ihm "zu linear, zu passiv, zu erklärerisch", sagt er. "Wir erzeugen ungewohnte Bilder unserer Stadt, indem wir aus alltäglichen Dingen etwas Spannendes entstehen lassen." Mit verschiedenen ansässigen und internationalen Performance-Künstlern haben Wimberley und Kudielka mehr als ein Dutzend Arttours entwickelt. Eine Zeit lang konnte man mit Ferdinand, dem langsamsten Porsche der Welt, durch die Straßen zuckeln; unter der originalgetreu nachgebauten Karosserie eines 911er GT3 RS steckte ein Tandemfahrrad. Die jüngste Arttour heißt "Stammheim-Schleife" und ist ein Spaziergang mit Live-Hörspiel aus den Erinnerungen eines Mädchens an jenes Stuttgarter Viertel, das durch die RAF-Häftlinge berüchtigt wurde. Bei "Aus der Region" geht man im Stadtraum auf die Suche nach wild wachsenden Saisonprodukten.

Wimberley möchte gewöhnliche Touristen zu neugierigen Entdeckern machen. Auf seinen Touren wird die Straße nicht selten zu einer Art experimenteller Bühne und die Erwartung der Teilnehmer zum heimlichen Thema. Stuttgart sei eine gemütliche, mitunter allzu gemütliche Stadt; womöglich reize sie gerade deshalb zu subversiven Ideen. Klassische Sehenswürdigkeiten wie die historische Markthalle oder die Weißenhofsiedlung, das Alte und das Neue Schloss, das Mercedes-Benz-Museum oder die Staatsgalerie kommen bei den Arttours in der Regel nicht vor – sie tauchen allenfalls zufällig auf.