Sachbuch "Gelassenheit"Ruhig Blut

Thomas Strässles subtiler Weg zur Gelassenheit. von 

Sie ist der Begriff der Stunde: Nachdem Magazine, Zeitungen und Fernsehsender seit Jahren über das Zeitgeistphänomen Burn-out und seine gesellschaftlichen Folgen berichten, ist Gelassenheit die angemessene Reaktion auf das ubiquitäre Übel – und auf die Berichterstattung darüber. Diese innere Befindlichkeit, nur von wenigen beherrscht, glauben wir zwar zu kennen. Beginnen wir jedoch darüber nachzudenken, was Gelassenheit ist und wie wir diesen seelischen Aggregatzustand erreichen, wird es schwierig. Die Vielschichtigkeit des Begriffs zeigt sich schon darin, dass kein fremdsprachiges Wort existiert, das der deutschen Gelassenheit entspricht. Das Englische kennt zwar calmness oder coolness, das Französische placidité oder flegme, das Spanische tranquilidad. Wie schön ist es da, dass es jetzt ein kleines, unaufgeregtes Buch zu diesem Thema gibt, aus der Werkstatt des Schweizer Literaturwissenschaftlers Thomas Strässle.

Ein Ratgeber auf dem Weg zu innerer Ruhe ist dieses Buch keineswegs, zumindest vordergründig nicht. Die "andere Haltung zur Welt", die im Untertitel versprochen wird, schenkt uns der Autor nicht im Frontalunterricht. Der Lernprozess ist subtiler. Der Leser geht mit auf eine intellektuelle Suche nach Hintergründen dieses Begriffs. Sie beginnt mit der linguistischen Dekonstruktion, dem Aufspalten in die Morpheme. Und allein das Nachdenken über die flektierte Verbform "gelassen" und das Suffix "heit" erzielt erstaunliche Wirkungen.

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Gelassen liest man weiter, tunnelt zu den Anfängen des Begriffs, hinein in die Deutsche Mystik. Meister Eckhart, geboren 1260, hat als Erster über gelâzenheit geschrieben. Und als unmittelbaren Schritt zum gelâzen sin das gelâzen han ausgemacht. Man muss erst lassen können, "absichtslos, unterschiedslos und rückhaltlos", um gelassen zu sein. Heute würde man von "Loslassen" sprechen. Heinrich Seuse, ein Schüler Eckharts, schwärmte vom gelassenen Menschen, den kein Vorher und kein Nachher zerstreut. Er lebt in einem Augenblick, schreibt Strässle, "der aus dem Kontinuum der Zeit hervorsticht". Dieser gewöhnliche Augenblick ist "frei von Ekstase, aber voller Intensität".

Es sind wunderbare Ausflüge in Philosophie und Literaturgeschichte, die das kleine Buch unternimmt. Zu Gottfried Kellers drei gerechten Kammmachern, von denen am Ende nicht einer der Streitenden, sondern der Gelassene die Gunst der vermögenden Jungfer Züs Bünzlin (inklusive Kammmachergeschäft) gewinnt. Zu Goethes Gretchen im Faust, einem "Musterbeispiel der wahren Gelassenheit". Zu Schopenhauer und Nietzsche. Und vor allem zu dem listigen Quäker in Johann Peter Hebels gleichnamiger Kalendergeschichte. Der Quäker wird beraubt, und der Dieb tauscht mit ihm auch noch den Untersatz, Klepper gegen edles Pferd. Seelenruhig setzt sich daraufhin der ausgeraubte Quäker auf den Gaul des Diebs, lässt die Zügel locker, und das Tier trottet geradewegs – heimwärts, zum Haus des Verbrechers. Auch dort behält der Quäker seine Ruhe, lässt sich vom überraschten Dieb das Geld zurückgeben, tauscht den Klepper wieder gegen sein Pferd, verabschiedet sich "ganz gelassen" vom Räuber und zieht von dannen.

Die von Strässle gewählte Form der Auseinandersetzung mit der Gelassenheit macht dem Begriff alle Ehre. Sie ist unangestrengt, besonnen. Ohne sich eine einzige Anleitung zum Gelassensein einverleibt zu haben, spürt der Lesende plötzlich eine Art feinstofflichen Effekt. So etwas passiert selten: dass allein das kluge Nachdenken dazu führt, dass sich die Essenz eines Begriffs so wirkungsvoll im eigenen Geist anreichert.

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Leserkommentare
  1. Nun, vielleicht nicht zu 100%, aber ich denke die Begriffe "equanimity" (engl.)/equanimité (frz.) bzw. serenity (engl.)/serenidad (span.) kommen dem schon recht nahe.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • pitzdo
    • 18. April 2013 22:28 Uhr

    Ich kann Capitolium nur zustimmen. Serenity trifft es ganz gut und wird auch in dem Sinn gebraucht.

    • pitzdo
    • 18. April 2013 22:28 Uhr

    Ich kann Capitolium nur zustimmen. Serenity trifft es ganz gut und wird auch in dem Sinn gebraucht.

  2. Und dann haben wir mit Apatheia noch die Mutter aller Gelassenheiten: Auch ein Fremdwort.

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