Wasserwirbelkraft : Wirbel um den Wirbelstrom

Neuartige Wasserkraftwerke sollen Energie gewinnen und dabei die Natur schonen.

Am Anfang war die Flut. "Zweimal schon floss die Suhre durch unser Wohnzimmer", erzählt Heidi Zumstein. Nach dem letzten Hochwasser im kleinen Schweizer Ort Schöftland sagte ihr Partner Andreas Steinmann: "Wir müssen die Kraft des kleinen Flusses nutzen." Nur wie?

Im Internet stießen die beiden – er ist Tiefbauingenieur, sie Sozialarbeiterin – auf den Techniker Franz Zotlöterer aus Österreich, der eine alte Idee wiederentdeckt hatte: aus Wasserwirbeln Strom zu gewinnen. Das Prinzip ist einfach. Ein Fluss oder Bach wird in einen Betonbottich geleitet. Durch ein Loch im Boden fließt das Wasser in einem Wirbel ab – "wie in einer Badewanne", erklärt Heidi Zumstein. Die Drehung des Wassers treibt einen Rotor an, der über einen Generator elektrische Energie produziert. Zumstein und Steinmann waren begeistert. Sie sicherten sich für die Schweiz die Rechte an der Technik und gründeten eine Genossenschaft, denn alleine konnten sie die Investitionen von 340.000 Franken nicht bezahlen.

Und so entstand in Schöftland im Kanton Aargau das erste Wasserwirbelkraftwerk der Schweiz. Weltweit war es das dritte, nach zwei Werken in Österreich. Inzwischen wirbelwerkt es auch in Deutschland, Asien und Südamerika.

An diesem Morgen ist die Suhre zahm. Heidi Zumstein steht auf dem Gitterrost über dem Betonbottich mit 6,50 Meter Durchmesser. Sie erklärt die Anlage: Der Flusslauf wurde zweigeteilt. Rechts fließt Restwasser über eine Fischtreppe, links der Hauptstrom in den Wirbel. Die Fallhöhe beträgt nur 1,40 Meter, viel weniger als bei normalen Kleinkraftwerken. Sanft dreht sich der Rotor, zwanzigmal pro Minute – das Surren des Generators übertönt das Wasserrauschen. "Man sieht hier, wie Strom entsteht", sagt Zumstein.

Wo heute das Kraftwerk steht, war die Suhre früher in einen engen Kanal gepfercht. So wie auf den meisten ihrer 34 Kilometer vom Sempachersee in die Aare. Nun kann der Fluss zumindest auf 150 Metern frei mäandrieren, statt vier ist das Flussbett dreißig Meter breit. Fünf Flussschwellen, die Fische am Wandern hinderten, wurden beim Bau des Kraftwerks entfernt. Durch den langsam drehenden Wirbel können Barbe, Bachforelle und Wasserläufer problemlos absteigen. Weiden mit überhängenden Zweigen schützen die Böschungen vor Erosion, seltene Arten wie Geburtshelferkröten oder Steinkrebse leben wieder hier. "Sogar einen Eisvogel haben wir gesichtet", erzählt Heidi Zumstein, den ersten seit über zwanzig Jahren. Das Wirbelkraftwerk ist auch ein Biotop – eine sanfte Art der Energiegewinnung.

Das Paar hat sich ein Idyll geschaffen: Kater Jimmy streift dem Besucher ums Bein, hinter einem niedrigen Erdwall gurgelt die Suhre. Das zweihundert Jahre alte Haus haben die beiden mit Lehm, Holz und Stein renoviert. Hier wird Nachhaltigkeit vorgelebt. Entsprechend groß war das Medienecho auf das Wasserwirbelkraftwerk in Schöftland. Zur Einweihung im Herbst 2010 reiste der Abenteurer Bertrand Piccard an. Das Bundesamt für Energie verlieh dem Öko-Paar den Prix Watt d’Or, eine Auszeichnung für herausragende Innovationen im Energiesektor. Bis heute pilgern Experten aus Deutschland, Frankreich, Brasilien oder Marokko nach Schöftland, um sich die "Strom produzierende Fischtreppe" vorführen zu lassen.

Seit die Schweiz den Atomausstieg auf Raten anstrebt, suchen Politik und Energiewirtschaft nach neuen Stromquellen, auch an Flüssen und Bächen. Bis vor 40 Jahren gab es über 7.000 Flusskraftwerke, heute sind es nur noch 1.000. Anstelle der Werke baute man Flussschwellen ein, um die Gewässer zu zähmen. Doch die stören – wie gewöhnliche Kraftwerke – die Fischwanderungen.

Die Schweiz hat ein neues Gewässerschutzgesetz erlassen, das sich stark an den Wasserrahmenrichtlinien der Europäischen Union orientiert. Beide Regelwerke verlangen eine Renaturierung der verbauten Fließgewässer. Wie geschaffen für Wasserwirbelkraftwerke, denn sie vereinen das scheinbar Unvereinbare: "Wir zeigen, dass sich Renaturierung und Stromgewinnung nicht ausschließen", sagt Andreas Steinmann.

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Kommentare

34 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Gibts im Prinzip schon länger

2008 hab ich in kleinen Dörfern im Norden von Laos ganz ähnliche Anlagen gesehen, deutlich einfacher in der Konstruktion natürlich, aber das gleiche Prinzip.
Für abgelegene Ortschaften ohne Netzanschluss ist das sicher eine gute und praktische Lösung, wenngleich der wirkungsgrad natürlich schon eher enttäuschend ist.