Vor einiger Zeit fragten Fernsehjournalisten eine Reihe von Bundestagsabgeordneten, ob sie die konkreten Summen nennen könnten, um die es bei der anstehenden Abstimmung über die Aufstockung des Euro-Rettungsschirms gehen sollte. Es zeigte sich, dass viele Parlamentarier keine Ahnung von der Höhe der Bürgschaften hatten. Journalistisch war es eine pfiffige Idee, die Frage nach den Summen zu stellen – es war aber auch ein wenig Effekthascherei dabei, solange die konkrete Summe für die Abstimmung am Ende kaum eine Rolle spielt. Wie also sieht es mit dem wirklich entscheidenden Wissen unserer Abgeordneten aus, etwa darüber, was die Stabilisierung des Euro für die deutsche Volkswirtschaft bedeutet?

Unter Soziologen kursiert das Bonmot, Universitäten seien dumme Institutionen mit intelligenten Mitgliedern, bei Parlamenten sei es umgekehrt. Darin steckt keine billige Abgeordnetenschelte, sondern die Tatsache, dass die meisten Volksvertreter nicht aufgrund eines Spezialwissens ins Parlament gewählt werden. Umso mehr müssen dort Organisation und Verfahren "intelligent" gestaltet sein, damit unabhängig vom individuellen Sachwissen alle Abgeordneten an der Problemlösung und am Gesetzgebungsverfahren teilnehmen können.

Die Wissensökologie des Deutschen Bundestages, die dies sicherstellen soll, ist bereits jetzt komplex. Es gibt die wissenschaftlichen Mitarbeiter der Abgeordneten, die der Fraktionen und den Wissenschaftlichen Dienst des Parlaments selbst. All diese Personen und Gremien sind öffentlich nicht sichtbar, haben aber einen großen informellen Einfluss. Auch Sachverständigenanhörungen und Expertengespräche gehören zu den Instrumenten, über die das Parlament verfügt. Eine weitere Möglichkeit, Wissensdefizite zu beseitigen, sind sogenannte Enquetekommissionen zu Spezialfragen. Es gab solche Kommissionen bereits zu Chancen und Risiken der Gentechnologie, zu Ethik und Recht der modernen Medizin und zum Thema Internet und Gesellschaft. In diesen Kommissionen arbeiten Wissenschaftler und Abgeordnete zusammen, um ein Problem zu lösen.

Es gibt also bereits eine Palette von Möglichkeiten, um das Wissen unserer Abgeordneten zu erhöhen. Doch sie reicht bei Weitem nicht aus, besonders nicht in solchen hochkomplexen und sich ständig ändernden Bereichen wie dem Finanzmarkt oder der Informations- und Biotechnik. Nicht wenige Abgeordnete des Deutschen Bundestages durchforsten mittlerweile ihren Bekanntenkreis nach Ökonomen, um sich das nötige Wissen über die Euro-Krise einzuholen. Das ist ehrenwert, kann aber keine systematische Lösung ersetzen.

Welches sind die Schwächen der bisherigen Instrumente? Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages hat zwar über 70 Experten, aber wenn man die Bandbreite ihrer Anforderungen betrachtet – von den Richtlinien zu gentechnisch veränderten Tomaten über die technischen Gestaltungsoptionen der Satellitensteuerung bis hin zu verfassungs- und europarechtlichen Grundsatzfragen –, erkennt man, dass eigentlich nur eine Volluniversität diese Aufgaben adäquat erfüllen könnte.

Das Instrument der Anhörung verliert derweil durch parlamentarische Machtrituale an Bedeutung. In der Regel beeilt sich jede Fraktion, die Sachverständigen zu benennen, von denen sie annimmt, dass sie die bestehende eigene Position stützen. Die Fragen werden nach Proporz abgestimmt und die Frage- und Antwortzeiten entsprechend zugeteilt. Gespräche zwischen den angehörten Experten sind nach den parlamentarischen Gepflogenheiten unerwünscht. Dieses Ritual, das Sachverständige weniger als Partner zum Lernen nutzt als zum Markieren der eigenen Standpunkte, führt nicht zuletzt dazu, dass der Eindruck entsteht, diese Experten wüssten es auch nicht besser. Statt das Wissen der Fachleute zusammenzuführen, werden sie in Polarisierungen getrieben. Diese Praxis ist doppelt fatal, da sie zum einen über die Wissensdefizite der Parlamentarier hinwegtäuscht und zum anderen gemeinsamen Erkenntnisgewinn verhindert.