ArbeitsbedingungenMalochen war früher

Unser Wohlstand steigt kontinuierlich, und wir müssen für unser Geld immer weniger arbeiten. von 

Schauen S’ her", sagt Helene Binner, "da hinter den Scheinwerfern hab ich an den Schrauben gedreht. Das musste man ganz genau machen, sonst gab’s Ärger." Helene Binner, 71 Jahre alt, ist extra nach Ingolstadt ins Audi-Museum gekommen, um von ihrer Arbeit zu erzählen. Davon, wie sie sich Tag für Tag über zahllose Motorhauben gebeugt hat, um die Ausrichtung der Scheinwerfer einzustellen. Wie bei dem cremefarbenen Audi 60, vor dem sie jetzt steht. Das Modell wurde bis Anfang der siebziger Jahre gebaut. Heute arbeiten ihr Sohn und ihr Enkel bei Audi, Michael Binner senior und Michael Binner junior. Der eine kümmert sich um die Qualität von Blechteilen, der andere sorgt für die Instandhaltung von Maschinen. Ihre Arbeitsplätze liegen nur wenige Hundert Meter von dem Platz entfernt, an dem Helene Binner einst gearbeitet hat – und doch liegen Welten dazwischen.

Wie hat sich die Arbeitswelt seit den siebziger Jahren entwickelt? Heute, heißt es allenthalben, seien die Jobs unsicherer als früher, reiche eine Stelle nicht mehr zum Leben, müsse man häufiger den Arbeitgeber wechseln. Und immer mehr Menschen brächen mit einem Burn-out zusammen.

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Wie viel von dieser düsteren Sicht ist wirklich wahr? In der Familie Binner kann man über drei Generationen beobachten, wie sich Arbeit und Wohlstand verändert haben. Dreimal am selben Ort, dreimal in derselben Branche, dreimal beim selben Arbeitgeber. Wenn die schlechten Nachrichten stimmen würden, müsste es schlimm stehen um den Enkel. Aber der Vergleich zeigt: Ihm geht es am besten.

Am deutlichsten fällt der Unterschied auf, wenn man auf den materiellen Wohlstand schaut. Der Audi 60, den Helene Binner früher gebaut hat, wäre heute ein absolut unverkäufliches Auto. Keine Klimaanlage, kein Navi, nicht mal Kopfstützen, nur 55 PS (der kleinste Audi-Motor heute hat 86 PS), Höchstgeschwindigkeit 138 Stundenkilometer. Auch Helene Binner besaß früher einen Audi 60. Sie erzählt, wie sie mit ihm 1980 zu fünft in den Urlaub gefahren sind. Ihre Eltern reisten mit, weil das billiger war. Es ging nach Rimini. Und es war Helene Binners erster Urlaub, damals war sie 39.

Als ihr Sohn das erste Mal allein in den Urlaub fuhr, war er 19. Zusammen mit seiner Freundin sauste er im Audi 80 Coupé, einer Rennmaschine mit mehr als 100 PS, gen Jugoslawien. Sein Sohn wiederum verreiste das erste Mal eigenständig, als er 16 war. Nicht mit dem Auto, sondern gleich mit dem Flugzeug. Als Lehrling jettete er zum Ballermann nach Mallorca. Er fährt heute eine A6-Limousine.

Man kann verschiedene Berufe und verschiedene Lebenssituationen natürlich nicht direkt vergleichen. Helene Binner und ihr Mann arbeiteten beide voll, er hatte sogar Nebenjobs. Bei ihrem Sohn blieb die Frau zu Hause, der Enkel ist noch Single. Aber in ihren Autos und Reisen spiegelt sich, wie das allgemeine Wohlstandsniveau in Deutschland von Jahrzehnt zu Jahrzehnt immer höher wurde.

Das zeigen auch die Erhebungen des Statistischen Bundesamtes. Jahr für Jahr wird dort erfasst, wie sich der Lebensstandard ändert. Als Helene Binner arbeitete, verfügten 55 Prozent aller Haushalte in Westdeutschland über ein Auto, heute sind es in Gesamtdeutschland 77 Prozent. In den Siebzigern hatte nur jede zweite Familie ein Telefon (heute 99 Prozent), 7 Prozent besaßen eine Geschirrspülmaschine (heute 63 Prozent). Im Westen lebten die Menschen Mitte der achtziger Jahre auf 36 Quadratmeter pro Kopf, heute sind es 47 Quadratmeter. In Ostdeutschland stieg die Wohnfläche seit 1990 von 27 auf 41 Quadratmeter. Mehr und mehr Bundesbürger wohnen dabei in den eigenen vier Wänden: 1973 war jeder Dritte Immobilienbesitzer, heute ist es fast jeder Zweite.

Leserkommentare
  1. spiegelt vielleicht nur die Arbeitsbedingungen und deren Entwicklung bei Audi wieder ...

    Sonst nichts

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    • dacapo
    • 03. Mai 2013 19:13 Uhr

    Legen Sie einen Artikel vor, der andere Tatsachen an den Tag bringt. Aber es wurde im Artikel dennoch darauf hingewiesen, dass er sich nicht nur auf Audi beruft.

    • Karl63
    • 03. Mai 2013 19:55 Uhr

    man / Frau stelle sich einmal vor, der Autor hätte unerkannt 8 Wochen lang als Saisonkraft für das Weihnachtsgeschäft bei Amazon gearbeitet ...
    Die Arbeitsbedingungen bei Audi mögen ja vorbildlich sein, aber dies ist nicht zu verallgemeinern. Prekäre Arbeitsverhältnisse und lächerlich niedrige Stundenlöhne, dies gehört zur Arbeitswelt der Bundesrepublik im Jahr 2013 (leider) auch dazu.

    Natürlich ist es besser geworden - wir müssen nicht mehr in Bergwerken Arbeiten, die Arbeitszeit ist kürzer geworden (Opaschowski), Kinderarbeit ist bei uns undenkbar.
    Natürlich sind dies alles Erfolge, die auch dank der Gewerkschaften erreicht wurden.

  2. Meine eltern und Großeltern waren Arbeiter, die Generation davor noch in der Landwirtschaft. Und ja, die haben sich körperlich ganz schön kaputtgeschafft.
    Die Arbeitsplätze waren nicht ergonomisch, teilweise geradezu menschenfeindlich.
    Von ihrer Arbeit konnten Sie eine Familie einigermaßen ernähren, die Miete bezahlen und so weiter.
    Nun sind diese Arbeitsplätze entweder mitarbeiterfreundlicher geworden, oder es machen sich Menschen in anderen Erdteilen kaputt.
    Ein Arbeiter stirbt heute seltener an Staublunge, oder den Folgen von Vergiftungen im Rahmen des Arbeitsprozesses.
    Allerdings waren auch Mitarbeiter mit Sprach- Lern- oder sonstigen Defiziten in den Berufsalltag integriert, die werden heute in großem Stil schon frühzeitig aus dem Bildungssystem aussortiert.
    Angelernte Mitarbeiter fahren heute höchstens noch als Aufstocker Pakete aus, von Wohneigentum ist hier gar nicht zu reden.
    Geht es uns besser?
    Mein Vater hat von seinem 14ten bis zu seinem 63sten Lebensjahr gearbeitet, die fünf Tage Woche und die 40h Woche waren einschneidende Verbesserungen in seiner Erwerbstätigkeit.
    Ich arbeite 40,5h die Woche, habe eine viel bessere Bildung und Ausbildung als mein Vater und kann mir nicht einmal eine auch nur einigermaßen anständige Mietwohnung in einem Ballungsraum leisten.
    Körperlich arbeite ich viel weniger als er, auch zeitmäßig. Nur die Orte ohne Konsumzwang, die uns gesellschaftliche Teilhabe gewähren, die sind perdu.

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    Weder das Milieu mit dem entsprechenden Zusammengehörigkeitsgefühl oder typischen Attributen, noch die ganze Wirtschaftsstruktur dahinter. Es dominieren Dienstleistungen.

    In der Politik und dem öffentlichen Bewusstsein kam das nicht an. Wenn sich ein "Sozi"-Politiker volkstümlich geben will geht er nicht in ein Callcenter sondern in eine der verbliebenen Kohlegruben oder Stahlwerke, dabei sind das inzwischen Nischen. Ebenso herrscht gerade in bildungsfernen Milieus immer noch der Irrglaube vor, mit "ehrlicher Maloche" alleine sei es getan bzw. heute noch möglich einen guten Lebensstandard aufzubauen. Dementsprechend dann die stereotypen Forderungen an "die Politik" gefälligst "Arbeitsplätze" zu schaffen, obwohl auch diese Menschen wissen dass wir in keiner Planwirtschaft leben. Man sagt es aber halt irgendwie gerne.

    Die Sache mit dem Wohlstand ist relativ. Wer nostalgisch erzählt wie das in der Wirtschaftswunderzeit war der muss auch erwähnen dass eine Familie im Hartz 4 Bezug einen höheren meßbaren Lebensstandard hat als der fleißigste Facharbeiter zu dieser Zeit (objektiv an Dingen wie Wohnfläche, abwechslungsreicher Speiseplan, modische Kleidung, Zahl elektrischer Geräte, Energieverbrauch, etc.).

    Das Dilemma kapitalistischer Gesellschaft ist dass wir nie fragen "was brauche ich" sondern "was ist möglich?". Statt für das was wir brauchen dank technischen Fortschritts immer weniger arbeiten zu müssen konsumieren wir lieber mehr und müssen dafür wieder mehr arbeiten, etc

    • deDude
    • 03. Mai 2013 16:49 Uhr

    ... heute werden die Menschen nichtmehr in der Industrie sondern bei den Dienstleistern geknechtet, dem Fortschritt sei dank!

    Sie können ja mal beim Friseur um die Ecke oder beim Trucker an der nähsten Tankstelle mal fragen ob die auch alle einen A6 fahren und jedes Jahr nach Malle jetten um Urlaub zu machen. Vergessen Sie dabei dann aber nicht zu fragen wie der Rest des Jahres aussieht. Da werden Sie nämlich schnell feststellen das 1 Woche All-Inklusive-Malle im Jahr meist auch 51 Wochen All-Exclusive-Zuhause mit sich bringt.

    Ob es uns heute besser geht als unseren Vorgängern vor 50 Jahren? Bestimmt! Heute sind die Belastungen dann aber eben psychischer Natur und die Arbeit ist zum Selbstzweck verkommen. Arbeit als Statussymbol, immer mit dem Hintergedanken auch noch das Stückchen Kuchen des Kollegen zu bekommen, auch wenn das in der Konsequenz bedeutet das der überhaupt keinen Kuchen abbekommt.

    Wieviele von uns arbeiten heute in überflüssigen Jobs, ohne Sinn, ohne Perspektive immer mit der Gefahr vor Augen von einer "Mitarbeiterfreisetzung" betroffen zu sein.

    Klar, wir können natürlich diejenigen in den Fokus rücken denen es gut geht, die gut verdienen und denen jegliche Sorgen fern liegen, aber muss sich eine Gesellschaft nicht viel eher daran messen lassen wie sie mit ihren schwächsten Gliedern umgeht?

    Ich denke die Kultur des "Nicht-Gönnes" ggü. Anderen ist das größte Problem unserer Zeit. Wir haben ein durch Materialistismus verursachtes Mentalitätsproblem.

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    • deDude
    • 03. Mai 2013 17:01 Uhr

    Unsere Industrie ist ja nicht verschwunden, sie hat sich nur auf die andere Seite der Welt begeben. Früher haben die Kolonialmächte Menschen in Afrika entführt und unter unwürdigsten Bedingungen als Sklaven in den heimischen Werkstätten und auf den Feldern für sich schuften lassen, heute ist man schlauer und lässt die Menschen am anderen Ende der Welt unter ähnlich miesen Bedingungen in ihrer eigenen Heimat schuften.

    Der Vorteil der sich daraus ergibt: Die Menschen sind so weit weg und uns so fremd das uns ihr Schicksal größtenteils egal ist - außer natürlich die fehlenden Arbeitsschutzvorschriften etc. verursachen mal wieder einen Gebäudeeinsturz oder einen Brand in Bangladesch - dann ist natürlich die übliche Empörung angesagt.

    Gerne können wir mal bei den chinesischen Zulieferern unseres o.g. Autobauers Audi bzw. VW reinschauen und prüfen ob die Arbeitsbedingungen dort ähnlich fantastisch sind wie in Deutschland, oder ob der schöne in Deutschland erweckte Schein eben auch ein rein deutscher, bzw. europäisch-amerikanischer Schein ist.

    Bei Licht betrachtet haben wir unsere ungeliebte "handfeste" Arbeit doch bloss einem anderen auf's Auge gedrückt der sie inzwischen wieder einem weiteren Anderen auf's Auge drückt.

    Wenn sich die echten "Leistungsträger" der Gesellschaft grenzübergreifend zusammentun würden, das alles könnte ein Ende finden, aber das wird wohl noch sehr sehr lange dauern.

  3. 4. [...]

    [...]

    Seit 1990 ist der einstmalige, bescheidene Wohlstand der Deutschen abgeschaft worden - und zwar von unseren eigenen Politikern von der neoliberalen Blockpartei SPDCDUGRÜNEFDP.

    Hier die krassen Fakten:

    1.) Seit 1990 ist das "Wachstum" (BIP), also die reale Produktion der Deutschen, real um ca. 35% gestiegen.

    2.) Seit 1990 sind die durchschnittlichen Stundenlöhne (netto und real) der Deutschen aber um ca. 4% gedrückt worden! Die Deutschen verdienen heute also - netto und real - weniger als noch 1990!

    [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf polemische Unterstellungen. Danke, die Redaktion/sam

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    • sozio
    • 03. Mai 2013 16:58 Uhr

    Ich mag keine Polemik, auch keine linke. Aber Gabriels polemische Aufforderung an alle oberschlauen Doktoren da draußen, sie sollten mal eine Woche in der Altenpflege arbeiten, finde ich bezüglich solcher Artikel gar nicht mehr so schlimm.

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    • deDude
    • 03. Mai 2013 17:01 Uhr

    Unsere Industrie ist ja nicht verschwunden, sie hat sich nur auf die andere Seite der Welt begeben. Früher haben die Kolonialmächte Menschen in Afrika entführt und unter unwürdigsten Bedingungen als Sklaven in den heimischen Werkstätten und auf den Feldern für sich schuften lassen, heute ist man schlauer und lässt die Menschen am anderen Ende der Welt unter ähnlich miesen Bedingungen in ihrer eigenen Heimat schuften.

    Der Vorteil der sich daraus ergibt: Die Menschen sind so weit weg und uns so fremd das uns ihr Schicksal größtenteils egal ist - außer natürlich die fehlenden Arbeitsschutzvorschriften etc. verursachen mal wieder einen Gebäudeeinsturz oder einen Brand in Bangladesch - dann ist natürlich die übliche Empörung angesagt.

    Gerne können wir mal bei den chinesischen Zulieferern unseres o.g. Autobauers Audi bzw. VW reinschauen und prüfen ob die Arbeitsbedingungen dort ähnlich fantastisch sind wie in Deutschland, oder ob der schöne in Deutschland erweckte Schein eben auch ein rein deutscher, bzw. europäisch-amerikanischer Schein ist.

    Bei Licht betrachtet haben wir unsere ungeliebte "handfeste" Arbeit doch bloss einem anderen auf's Auge gedrückt der sie inzwischen wieder einem weiteren Anderen auf's Auge drückt.

    Wenn sich die echten "Leistungsträger" der Gesellschaft grenzübergreifend zusammentun würden, das alles könnte ein Ende finden, aber das wird wohl noch sehr sehr lange dauern.

    6 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Ui toll...."
    • shtok
    • 03. Mai 2013 17:43 Uhr

    einem größeren Landwirtschaftsbetrieb in D, die suchen händeringend Melker, da sollte der Autor sich einfach mal melden und 4 Wochen durcharbeiten (aufgeben ist nicht) und dann von dem Lohn ca 1300 Brutto leben und vorsorgen. Danach nochmal seinen eigenen Artikel lesen.
    Oder sich in einem der vielen Ing. Büros in D bewerben, wo man für Gehälter zwischen 1400 - 2400 Brutto 50-60 h Wochen hat, am Wochenende auch noch ran darf und tlw. sein eigenes Auto mitbringen muss. Natürlich muss er zu sehen das er auch noch Aufträge reinholt.
    Aber man muss dem Autor zu Gute halten, dass der Artikel viele Vorurteilen gegenüber Politkwissenschaftler und Volkswirte bestätigt.

    Hier ein netter Artikel zum Autor "Per Zufall zum Meinungsmacher"
    http://www.volksstimme.de... der den Kern des Artikels und auch das Selbstbild der ZEIT trifft.

    5 Leserempfehlungen
  4. - das mag bei Audi so sein. Aber fragen Sie mal eine Verkäuferin bei Aldi oder eine Friseurin, die für fünf Euro die Haare schneidet.

    "Heut’ fahren die Leut’ auf dem Fließband mit, wir mussten noch nebenherlaufen!"

    Das bringt das Ganze doch eigentlich auf den Punkt: Ausbeutung bleibt Ausbeutung.

    Aber Herr Rudzio wird wohl weiter gegen die Neoliberalisierung und den sozialen Kahlschlag im Land anschreiben.

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