Innenhof des Hotels Chateau Marmont, Hollywood. Kühle Winde streichen durch die warme Luft: Himmel, ist das angenehm hier. Der Regisseur und Autor Werner Herzog, 70, wird am 28. April mit dem "Ehrenpreis für hervorragende Verdienste um den deutschen Film" ausgezeichnet, weshalb er zu diesem einen Gespräch in Los Angeles empfängt, wo er seit 18 Jahren lebt. Der berühmteste deutsche Regisseur und vielleicht bekannteste lebende deutsche Künstler im Ausland – 2009 wurde Herzog vom "Time Magazine" unter die "100 einflussreichsten Menschen der Welt" gewählt – sieht aus wie ein Sozialkundelehrer: brauner Woolrich-Reißverschlusspullover, Wuschelhaare. Im Ausland war dieser Regisseur, der vor Urzeiten zusammen mit Schlöndorff, Wenders und Kluge als junger deutscher Filmer antrat, mit seinem wahrlich mystischen Werk – "Aguirre, der Zorn Gottes" (1972), "Fitzcarraldo" (1982), "Cobra Verde" (1987) – immer größer als in Deutschland. Seine letzten Filme ("Grizzly Man", "Bad Lieutenant – Cop ohne Gewissen", "Die Höhle der vergessenen Träume", "Death Row") haben in Deutschland irrerweise kaum Wirkung gehabt. Gleichzeitig hat Herzog, kongruent zu seinem Verschwinden in Deutschland, besonders in den USA und besonders in den letzten zehn Jahren eine sagenhafte Karriere hingelegt. Als Regisseur, so hört man, kann er sich seine Schauspieler, gleich einem Quentin Tarantino, mittlerweile aussuchen: Alle wollen mit ihm drehen. Als Filmemacher wird er von hippen und klugen Leuten auf fast schon nervtötende Art verehrt: Werner Herzog? Come on, der Größte! Für seine Installation im Whitney Museum in New York standen die Menschen um mehrere Häuserblocks Schlange. Als Herzog im Oktober letzten Jahres in der Berliner Volksbühne aus seinen Aufzeichnungen "Eroberung des Nutzlosen" vorlas, war der Saal gefüllt mit französischen Filmstudenten, dänischen Architekten und New Yorker Künstlern, die kein Wort verstanden und trotzdem gebannt zuhörten. Zuletzt hat Herzog noch eine Karriere als Hollywood-Schauspieler begonnen – in "Jack Reacher" ist er als Psychopath mit weißen Kontaktlinsen und Gegenspieler von Tom Cruise zu sehen. Der Gesprächspartner Werner Herzog: Er gilt als streng, missmutig, nicht einfach. Am Telefon hat er darum gebeten, das Gespräch um eine Stunde nach vorne zu legen, auf zehn Uhr. Er sei erst gestern wieder in Amerika gelandet, war in Italien und Marokko, müsse noch so viel wegarbeiten. Gestern sei es auf der Premiere von "Spring Breakers", dem neuen Film von Harmony Korine, später geworden. Richtig, Herzog möchte keine Fragen zum jüngst aufgedeckten Inzest seines Schauspielers Klaus Kinski beantworten

1 Wie war’s gestern auf der Filmpremiere von Harmony Korines "Spring Breakers"?

Den Film kannte ich schon aus dem Schneideraum. Ich hatte das Gefühl: Das ist ein außergewöhnlicher Film mit unglaublich düsterer und subversiver Kraft. Obwohl da permanent Disney-Mädchen in Bikinis vor untergehender Sonne in Florida zu sehen sind. Den Harmony Korine unterstütze ich, seitdem ich den ersten Film von ihm gesehen habe. Ich habe in zwei seiner Filme mitgespielt. Für ihn bin ich ja so eine Art Mentor oder Vaterfigur. Der Film aller Filme ist für den Harmony mein Auch Zwerge haben klein angefangen.

2 Wie geht’s Ihrer legendären Arbeitswut am heutigen 15. März 2013?

Ich versuche die Scherben aufzulesen, die wegen Daten- und Zeitverschiebung am Boden liegen – ich bin erst vor 36 Stunden aus Nordafrika gelandet. Davor war ich in Rom, wo ich eine Oper inszeniert habe. Es sind ungeheure Kulturschocks: eine Verdi-Oper in Rom, eine Woche Sahara, zurück nach L.A. Während ich im Flugzeug saß, gab es einen neuen Papst.

3 Ist die Kultur für Sie ein scheußlicher Begriff?

Absolut nicht scheußlich. Scheußlich wird’s immer dann, wenn Sie sich mit den Bettnässern des Feuilletons in Deutschland auseinanderzusetzen haben. Kultur ist für mich ein kollektiver geistiger Erregungszustand, den ich immer erwünscht habe und immer herbeizuführen versuche. Ganz praktisch: An meinen Sets herrscht dieser stille, tiefe Erregungszustand.

4 Können Sie in wenigen Worten noch einmal die Installation erklären, mit der Sie im letzten Jahr im Whitney Museum in New York an der Biennale teilgenommen haben?

Man hat mich zu dieser Biennale eingeladen, und ich habe sofort gesagt: Nein. Zur Gegenwartskunst habe ich keinen Bezug. Die kamen dann mit "Aber Sie, als Künstler...". Und ich habe durchs Telefon geblafft: "Ich bin kein Künstler, ich bin Soldat!" Meine Frau, die hörte, dass ich da mit irgendeinem Museum sprach, sagte: Überleg doch mal. Dich beschäftigen so viele Dinge, die weder in der Literatur noch im Kino ausdrückbar sind. Meine Installation waren dann Projektionen auf drei Wänden – Drucke des für mich sehr wichtigen Künstlers Hercules Seghers, der in der Früh-Rembrandt-Zeit gearbeitet hat. Der war seiner Zeit einfach drei-, vierhundert Jahre voraus. Nur der junge Rembrandt hat ihn ernst genommen. Für mich ist Seghers der Vater aller Modernität. Witzig war natürlich, dass keiner der Kuratoren vom Whitney den Namen Hercules Seghers je gehört hatte.

5 Was lernt man als 70-jähriger Filmregisseur, wenn man für die Hipsterband The Killers bei einem Konzertmitschnitt Regie führt?

Das war ein Live-Streaming. Es war nicht meine Idee, die Killers wollten unbedingt, dass ich das mache. Es ist merkwürdig, welchen bedingungslosen Anhang ich zum Beispiel unter Rockmusikern habe. Das für mich vollkommen neue Medium des Live-Streamings hat mich beeindruckt: Das haben zehn Millionen live gesehen.