Innenhof des Hotels Chateau Marmont, Hollywood. Kühle Winde streichen durch die warme Luft: Himmel, ist das angenehm hier. Der Regisseur und Autor Werner Herzog, 70, wird am 28. April mit dem "Ehrenpreis für hervorragende Verdienste um den deutschen Film" ausgezeichnet, weshalb er zu diesem einen Gespräch in Los Angeles empfängt, wo er seit 18 Jahren lebt. Der berühmteste deutsche Regisseur und vielleicht bekannteste lebende deutsche Künstler im Ausland – 2009 wurde Herzog vom "Time Magazine" unter die "100 einflussreichsten Menschen der Welt" gewählt – sieht aus wie ein Sozialkundelehrer: brauner Woolrich-Reißverschlusspullover, Wuschelhaare. Im Ausland war dieser Regisseur, der vor Urzeiten zusammen mit Schlöndorff, Wenders und Kluge als junger deutscher Filmer antrat, mit seinem wahrlich mystischen Werk – "Aguirre, der Zorn Gottes" (1972), "Fitzcarraldo" (1982), "Cobra Verde" (1987) – immer größer als in Deutschland. Seine letzten Filme ("Grizzly Man", "Bad Lieutenant – Cop ohne Gewissen", "Die Höhle der vergessenen Träume", "Death Row") haben in Deutschland irrerweise kaum Wirkung gehabt. Gleichzeitig hat Herzog, kongruent zu seinem Verschwinden in Deutschland, besonders in den USA und besonders in den letzten zehn Jahren eine sagenhafte Karriere hingelegt. Als Regisseur, so hört man, kann er sich seine Schauspieler, gleich einem Quentin Tarantino, mittlerweile aussuchen: Alle wollen mit ihm drehen. Als Filmemacher wird er von hippen und klugen Leuten auf fast schon nervtötende Art verehrt: Werner Herzog? Come on, der Größte! Für seine Installation im Whitney Museum in New York standen die Menschen um mehrere Häuserblocks Schlange. Als Herzog im Oktober letzten Jahres in der Berliner Volksbühne aus seinen Aufzeichnungen "Eroberung des Nutzlosen" vorlas, war der Saal gefüllt mit französischen Filmstudenten, dänischen Architekten und New Yorker Künstlern, die kein Wort verstanden und trotzdem gebannt zuhörten. Zuletzt hat Herzog noch eine Karriere als Hollywood-Schauspieler begonnen – in "Jack Reacher" ist er als Psychopath mit weißen Kontaktlinsen und Gegenspieler von Tom Cruise zu sehen. Der Gesprächspartner Werner Herzog: Er gilt als streng, missmutig, nicht einfach. Am Telefon hat er darum gebeten, das Gespräch um eine Stunde nach vorne zu legen, auf zehn Uhr. Er sei erst gestern wieder in Amerika gelandet, war in Italien und Marokko, müsse noch so viel wegarbeiten. Gestern sei es auf der Premiere von "Spring Breakers", dem neuen Film von Harmony Korine, später geworden. Richtig, Herzog möchte keine Fragen zum jüngst aufgedeckten Inzest seines Schauspielers Klaus Kinski beantworten

1 Wie war’s gestern auf der Filmpremiere von Harmony Korines "Spring Breakers"?

Den Film kannte ich schon aus dem Schneideraum. Ich hatte das Gefühl: Das ist ein außergewöhnlicher Film mit unglaublich düsterer und subversiver Kraft. Obwohl da permanent Disney-Mädchen in Bikinis vor untergehender Sonne in Florida zu sehen sind. Den Harmony Korine unterstütze ich, seitdem ich den ersten Film von ihm gesehen habe. Ich habe in zwei seiner Filme mitgespielt. Für ihn bin ich ja so eine Art Mentor oder Vaterfigur. Der Film aller Filme ist für den Harmony mein Auch Zwerge haben klein angefangen.

2 Wie geht’s Ihrer legendären Arbeitswut am heutigen 15. März 2013?

Ich versuche die Scherben aufzulesen, die wegen Daten- und Zeitverschiebung am Boden liegen – ich bin erst vor 36 Stunden aus Nordafrika gelandet. Davor war ich in Rom, wo ich eine Oper inszeniert habe. Es sind ungeheure Kulturschocks: eine Verdi-Oper in Rom, eine Woche Sahara, zurück nach L.A. Während ich im Flugzeug saß, gab es einen neuen Papst.

3 Ist die Kultur für Sie ein scheußlicher Begriff?

Absolut nicht scheußlich. Scheußlich wird’s immer dann, wenn Sie sich mit den Bettnässern des Feuilletons in Deutschland auseinanderzusetzen haben. Kultur ist für mich ein kollektiver geistiger Erregungszustand, den ich immer erwünscht habe und immer herbeizuführen versuche. Ganz praktisch: An meinen Sets herrscht dieser stille, tiefe Erregungszustand.

4 Können Sie in wenigen Worten noch einmal die Installation erklären, mit der Sie im letzten Jahr im Whitney Museum in New York an der Biennale teilgenommen haben?

Man hat mich zu dieser Biennale eingeladen, und ich habe sofort gesagt: Nein. Zur Gegenwartskunst habe ich keinen Bezug. Die kamen dann mit "Aber Sie, als Künstler...". Und ich habe durchs Telefon geblafft: "Ich bin kein Künstler, ich bin Soldat!" Meine Frau, die hörte, dass ich da mit irgendeinem Museum sprach, sagte: Überleg doch mal. Dich beschäftigen so viele Dinge, die weder in der Literatur noch im Kino ausdrückbar sind. Meine Installation waren dann Projektionen auf drei Wänden – Drucke des für mich sehr wichtigen Künstlers Hercules Seghers, der in der Früh-Rembrandt-Zeit gearbeitet hat. Der war seiner Zeit einfach drei-, vierhundert Jahre voraus. Nur der junge Rembrandt hat ihn ernst genommen. Für mich ist Seghers der Vater aller Modernität. Witzig war natürlich, dass keiner der Kuratoren vom Whitney den Namen Hercules Seghers je gehört hatte.

5 Was lernt man als 70-jähriger Filmregisseur, wenn man für die Hipsterband The Killers bei einem Konzertmitschnitt Regie führt?

Das war ein Live-Streaming. Es war nicht meine Idee, die Killers wollten unbedingt, dass ich das mache. Es ist merkwürdig, welchen bedingungslosen Anhang ich zum Beispiel unter Rockmusikern habe. Das für mich vollkommen neue Medium des Live-Streamings hat mich beeindruckt: Das haben zehn Millionen live gesehen.

In den USA lieben Teenies Werner Herzog

Die Herzog-Stimme: Man kennt sie, zum Beispiel, aus dem Filmporträt "Mein liebster Feind" (1999), in dem er die manische Beziehung zu seinem Lieblingsschauspieler Klaus Kinski aufarbeitet. Der schleppende, raunende, eindringliche Ton: Es ist immer alles so wichtig, was er sagt! Der Gestus des Sprechers Werner Herzog lautet: "Ich sage Ihnen hier jetzt etwas, das ich noch nie jemandem so gesagt habe. Hören Sie genau zu." Weil es eben nicht unanstrengend ist, mit ihm zu sprechen, stellen wir ihm jetzt Plauderfragen: Niveausturz. Mal hören, wie er darauf reagiert.

6 Ist das ein Drei- oder ein Fünftagebart?

Ich weiß es gar nicht. Wie gesagt: Ich bin seit 48 Stunden fast ununterbrochen in Flugzeugen gewesen. Richtig ist: Ich rasiere mich ungern. Als noch lästiger, als mich zu rasieren, empfinde ich es, mir einen Bart wachsen zu lassen.

7 Ist das für Sie wichtig, sich morgens extra nicht die Haare zu kämmen?

Dazu kann ich jetzt nichts sagen.

8 Wie geht’s dem Herzen?

Dem Herzen geht es gut. Danke.

9 Wie geht’s den Augen?

Sie sind ein bisschen entzündet. Ich habe in der Sahara zu viel Staub und Sand hineinbekommen. Deshalb werde ich für Ihren Fotografen nachher auch wie der Schlagerstar Heino eine Sonnenbrille tragen.

10 Keine Lust, sich mal wieder einen Schnurrbart wachsen zu lassen?

Das kann ich im Moment nicht sagen. Der Bart war, wenn ich mich richtig erinnere, ein ganz guter Schutz, hinter dem ich mich sicher fühlte. Komischerweise.

Also: Dieser Herzog ist ein derart ernsthafter Sprecher, Plaudern geht mit ihm nicht so gut. Dass ein Frage unernst, ironisch, spielerisch gemeint sein könnte, das schließt er praktisch aus. Er antwortet in jedem Fall: ernst. Der Interviewer erklärt ihm nun, dass in den nächsten Fragen sein Ruhm in den USA thematisieren werden soll.

11 Selber überrascht darüber, wie berühmt Sie mittlerweile in den USA sind?

Ich habe ehrlich gesagt keinen wirklichen Bezug dazu. Ich empfinde das eher als bizarr.

12 Ihre Erklärung, warum Sie in den USA vor allem die 17- bis 23-Jährigen lieben?

Sie sind noch jünger: 15. Ich glaube, dass ich wirklich eine Alternative bin. Die sichtbar ist. Ich bin für viele ein Orientierungspunkt. Der Orientierungspunkt Werner Herzog hat sich seine Glaubwürdigkeit über Jahrzehnte in konsistenter Arbeit verdient. Wenn ich zu einer Session mit meiner Rogue Film School aufrufe – das sind sporadisch durchgeführte lange Wochenenden –, dann melden sich in den ersten 15 Minuten 3000 Leute.

13 Ist Ihnen das Wort "Kult" auch unangenehm?

Es ist mir völlig gleichgültig. In einer Betrachtungsweise auf mich hin ist es irrelevant.

14 Wann zuletzt von einem Wildfremden angesprochen oder gleich umarmt worden?

Das passiert schon, ja. Ich muss auch immer ein bisschen aufpassen. In Lokalen achte ich darauf, dass ich mit dem Rücken zur Wand sitze. Und jetzt habe ich zum Beispiel immer den Eingang im Blick. Es sind die klinisch Wahnsinnigen, die es auf mich abgesehen haben.

15 Was, um Himmels willen, ist da passiert, als Sie 2006 bei einem Fernsehinterview in Los Angeles angeschossen worden sind?

Das war ganz insignifikant, ganz unbedeutend. Jemand auf der anderen Seite der Straße brüllte: "Immer diese Filmstars! Immer diese Kameras!" Auf einmal hat’s gekracht, und ich war getroffen: unterhalb vom Gürtel. Es galt mir, weil ich derjenige war, der vor der Kamera stand. Es fühlte sich an, als hätte jemand mit einem schweren, nassen Tuch gegen mich geschlagen. Es war keine schwere Verletzung. Ich bin nicht mal ins Krankenhaus gefahren.

16 Ist der Tom Cruise von Nahem betrachtet auch wieder nur ein netter Mensch?

Ihn als nett zu bezeichnen ist nicht ausreichend. Sie müssen da schon genauer hinschauen. Und ich hatte die Gelegenheit, genau hinzuschauen. Er ist außergewöhnlich aufmerksam seiner Umgebung gegenüber. Er schüttelt zum Beispiel irgendeinem Kabelträger am Set die Hand oder bringt einer Garderobenfrau einen Espresso. Was sofort ins Auge springt, ist das tiefe Ausmaß von Professionalität. Jede seiner Handlungen scheint generalstabsmäßig vorbereitet. Es ist zum Fürchten manchmal. So habe ich festgestellt: Er isst nicht wirklich so, wie wir essen. Er beschäftigt einen Ernährungsberater. Er nimmt also alle zwei Stunden eine kleine, ausgerechnete Menge von irgendetwas zu sich – sagenhaft. Er muss sich aber auch so verhalten. Sich in diesem Beruf jahrzehntelang an der äußersten Spitze zu halten bedarf einer außerordentlichen Disziplin. Die Disziplin schätze ich an ihm. Weil ich im Grunde genommen, nur in der Seele anders gelagert – als Bayer –, auch sehr diszipliniert bin.

Wir sind von der Filmfirma, die das Gespräch vermittelt hat, aufgefordert, den Filmpreis anzusprechen, den er diesen Monat erhält. Also: fünf Fragen zu der natürlich heiklen und kaum beantwortbaren Frage, ob der Regisseur Herzog in Deutschland genug Anerkennung erfahren hat.

Intermezzo: Small Talk mit einer besonders gutaussehenden Dame

17 So einen Filmpreis für hervorragende Verdienste, wie steckt man den seelisch weg?

Ach, eigentlich ist das bedeutungslos. Ich sehe dem Ganzen mit gemischten Gefühlen entgegen. Und zwar deshalb, weil so ein Ehrenpreis ja immer missverstanden werden kann: als Ende einer Karriere, als vorweggenommenes Begräbnis. Schauen Sie: Im letzten Jahr habe ich sechs Filme gemacht. In diesen Wochen werde ich vier Filme fertigstellen. Ich muss die nur noch mischen. Möglicherweise bin ich bald auch wieder als Schauspieler zugange. Das heißt: Ich arbeite in der rohen Gegenwart, im Hier und Jetzt – viel intensiver als in früheren Jahrzehnten. Ein Fazit zu ziehen hieße, nach hinten zu schauen. Ich bin völlig gegenwartsorientiert.

18 Haben Sie genug Preise bekommen?

Das ist alles irrelevant. Einen Preis für einen Film zu bekommen macht den Film nicht besser und nicht schlechter.

19 "Verlorener Sohn des deutschen Kinos". Ist das ein guter Titel für Sie?

Ach ja.

20 "Bekanntester Unbekannter des deutschen Kinos". Ist das ein angenehmer Titel für Sie?

Ich kann nicht viel damit anfangen. Weil ich ja doch einem bestimmten Kreis von Leuten, die Kino mögen, bekannt bin. Ich bin ja auch nie wirklich weg gewesen. Ich habe ja ununterbrochen Filme gemacht. Nur, vieles davon ist in Deutschland nicht im Kino gelaufen.

21 Warum ist so ein Superfilm wie "Grizzly Man" in Deutschland nicht im Kino gelaufen?

Das weiß ich nicht.

Unterbrechung. Eine besonders gut aussehende blonde Dame, die wirkt, als wäre sie nicht nur auf dieser Terrasse, sondern in der ganzen Welt zu Hause, tritt an den Tisch. Der Gentleman Herzog erhebt sich, begrüßt sie mit einer angedeuteten Umarmung. Die beiden unterhalten sich drei Minuten lang: Small Talk. Das sieht lustig aus, wie der deutsche Regisseur mit dem Pulli und die blonde Kanone sich unterhalten. Blondine ab.

Rosamund Pike: Im Übrigen auch sehr, sehr professionell. Kennen Sie sie? Sie spielt die weibliche Hauptrolle in Jack Reacher. Ich nehme sie als Geisel, was Jack Reacher beziehungsweise Tom Cruise sehr unwirsch macht.

22 Es gibt von Ihnen die Äußerung: "In Deutschland bin ich missverstanden worden." Was genau haben wir missverstanden?

Falsch, das habe ich nie gesagt. Absolut nicht. Es ist undenkbar, dass so etwas von mir kommt. Eine Totalfälschung. Gleichzeitig muss ich sagen, dass ein paar Sachen von mir übersehen worden sind. Es lag wohl daran, dass ich nie einem großen Trend angehört habe. Mehr noch: Was Trend war, war immer weit von mir entfernt. Ich habe, zum Beispiel, dem Neuen Deutschen Film nicht angehört. Ende der sechziger Jahre und in den gesamten siebziger Jahren war das Postulat, die Weltrevolution durch Film zu bewirken, und ich habe gesagt: Ihr seid Kretins. Sowohl eure Analyse, dass Deutschland ein faschistoider Unterdrückungsstaat ist, ist falsch, wie das Heilmittel, Deutschland in kommunistische Kommunen aufzulösen. Es gab mich dann, wenn über mich geredet wurde, über mehr als ein Jahrzehnt hinweg nur mit einem schmückenden Beiwort, mit einem Epitheton ornans. Das besagte: Der faschistoide Regisseur Werner Herzog hat wieder einen Film gemacht. Natürlich! Ein Film wie Aguirre, der Zorn Gottes galt als faschistoider Film.

23 Was können Sie über Ihr derzeitiges Projekt, die Verfilmung des Lebens der Archäologin und Geheimagentin Gertrude Bell, sagen?

Darüber rede ich erst, wenn es abgefilmt ist.

Ihn angucken – so wie man ja oft erst nach zehn Minuten darauf kommt, sich denjenigen anzuschauen, mit dem man da spricht: Er ist groß. Eine imposante Gestalt. Der große, müde Kopf. Insgesamt: Seine Kultiviertheit, die in jeder Faser seines Körpers steckt, macht ihn zu einer angenehmen, vertrauenerweckenden Gestalt. Man kennt diesen Typus: So wie Herzog sehen die 68er aus, die heute um die 70 sind, unter Gerhard Schröder unser Land regiert haben und in München-Schwabing bei einem guten Italiener einen guten Rotwein bestellen. Biografie-Fragen.

24 Wie heißen Sie mit richtigem Namen?

Da halte ich mich bedeckt. Es gibt verschiedene Versionen. Die Namen sind wie viele Gerüchte über mich ein Kunstgebilde, das mich beschützt: In meinen Biografien taucht zum Beispiel immer wieder die Geschichte auf, dass ich in Pittsburgh für die Nasa gearbeitet habe. Sie können auch nachlesen, dass ich aus Liebe zu meinen Filmen eine Astronautenkarriere abgebrochen habe.

Herzog: als Religiöser, Schmuggler, Zu-Fuß-Geher

25 Ihr erstes Filmerlebnis?

Ich kann’s kaum Erlebnis nennen. In der Dorfschule in den Bergen in Oberbayern tauchte, ich war gerade elf, ein fahrender Projektionist auf und führte zwei Filme vor, die mich beide nicht beeindruckt haben. Ein Film war über Eskimos, die ein Iglu gebaut haben. Nachdem ich sehr viel im Schnee aufgewachsen bin, konnte ich sehen: Das sind schlecht bezahlte Statisten, die nicht wissen, wie man mit Schneeharsch und Eis umgeht.

26 Immer wieder ist von einem Schauer die Rede, der Sie als Kind überkam. Was war da?

Gut, das ist jetzt sehr blumig ausgedrückt. Richtig ist: Ich hatte mit 14 eine sehr intensive Phase, in der sich Perspektiven und Konstanten für mein Leben angelegt haben, die mich bis heute prägen. Erstens: zu Fuß unterwegs sein. Zweitens: Kino. Es war klar, das ist in gewisser Weise meine Bestimmung. Drittens: eine intensive religiöse Phase. Ich bin damals Katholik geworden. Obwohl ich heute nicht mehr religiös bin, habe ich ein tiefes Verständnis für die jüngsten Vorgänge im Vatikan, Rücktritt des alten Papstes, Wahl des neuen Papstes.

27 Wer war der Sturm-Sepp?

Ein Bauernknecht am Sturm-Hof. Wie er wirklich hieß, weiß ich nicht. Eine Mythenfigur, immer schweigsam. Nachdem wir ihn als Kinder geärgert haben, hat er mit der Sense nach uns ausgeholt: so einen magischen Kreis.

28 Echt wahr, dass Sie als junger Mann in Fiebertrance in einem Schuppen in Ägypten lagen, wo die Ratten an Ihnen genagt haben?

Ich war sehr krank, hatte starkes Fieber und mich in einen Geräteschuppen zurückgezogen. Da haben Ratten in die Ellbogenbeuge meines Pullovers ein Loch gefressen.

29 Echt wahr, dass Sie als Schmuggler gearbeitet haben?

Das ist alles ziemlich übertrieben. Ich war in Mexiko, wegen meines Visa-Status hatte ich die USA verlassen müssen. Damals, Anfang der sechziger Jahre, war die Grenze noch nicht so abgesichert wie heute. In der Zwillingsstadt Reynosa-McAllen in Texas am Rio Grande gab es einen Schwachpunkt an der Grenze. Da bin ich morgens immer mit den Tagesarbeitern rüber und habe für reiche Rancheros teure Elektroartikel aus den USA über die Grenze gefahren. In einem Fall habe ich, was mir den Namen Waffenschmuggler einbrachte, für einen reichen Mann in Mexiko einen Colt aus reinem Silber besorgt.

30 Wie erklärt der Zu-Fuß-Geher Werner Herzog die Schönheit eines Hausfriedensbruchs?

Sie verwenden den falschen Begriff. Sie müssten eher von Einbrüchen in leer stehende Ferienhäuser reden – das ist etwas anderes. Wenn Sie zu Fuß in einem Schneesturm unterwegs sind, dann haben Sie ein natürliches Recht auf Schutz. Und ich hatte, wenn ich zu Fuß unterwegs war, immer dieses stählerne Chirurgenbesteck dabei, mit dem man Türschlösser öffnen kann. Sie brauchen für normale Sicherheitsschlösser ja mindestens zwei Geräte: einen nadelartigen Stahlstift, ein zweites, feines federndes Stahlgerät, das den Zylinder auf Druck hält. Wo immer ich eingestiegen bin, habe ich das Haus in absoluter Ordnung hinterlassen. Oft auch mit einem kurzen Dankzettel auf dem Küchentisch. Manchmal habe ich auch das halb ausgefüllte Kreuzworträtsel zu Ende ausgefüllt.

31 Sind Sie genug zu Fuß gegangen?

Der Mensch ist niemals genug zu Fuß gegangen.

32 Echt wahr, dass Sie Ihre ersten Filme mit einer geklauten Kamera gedreht haben?

Es gab einen Vorläufer der Münchner Filmschule: Deutsches Institut für Film und Fernsehen. Die hatten Geräte, bizarrerweise haben die mir nie eine Kamera geliehen. Ich bin nie auf einer Liste gewesen derjenigen, die als zukunftsfähig angesehen wurden. Also haben wir die Kameras enteignet.

33 Rückblickend, war das ein Glück oder eine Strafe, dass Sie den Bundesfilmpreis gleich für Ihren ersten Spielfilm "Lebenszeichen" im Jahr 1967 – Sie waren 24 Jahre alt – erhalten haben?

Das hat mich positiv tangiert, weil der Preis mit Geld verbunden war. Das Geld wurde sofort in zwei weitere Projekte gesteckt. Bis heute ist es so: Wann immer ich Geld einspiele, wandert es sofort ins nächste Projekt.

34 Worin liegt der tiefere Grund Ihrer ein Leben lang anhaltenden USA-Begeisterung?

Ich habe ja doch ein ambivalentes Verhältnis. Die Gründe, warum ich hier in Los Angeles lebe, sind offensichtlich. Der einfachste aller Gründe: Ich bin hier sehr glücklich verheiratet. Vor 18 Jahren bin ich mit nichts gekommen, ich bin praktisch mit einer Zahnbürste hier angekommen. Seither, glaube ich, habe ich alles richtig gemacht: Ich bin einer von den wenigen Männern, die ich kenne, die wirklich glücklich verheiratet sind. Ich habe absolut Glück gehabt. Das Zweite: Meine Frau und ich haben uns in der Bay Area kennengelernt, sind da ein paar Jahre gewesen, wollten weg. Wir haben gesagt, wir müssen in den Ort gehen, an dem die meiste Substanz in den USA ist. Da war es ganz schnell klar: Los Angeles.

35 Noch mal: warum Los Angeles?

Sie dürfen in Los Angeles nicht nur den Glanz und Glamour von Hollywood sehen. Dahinter verbirgt sich eine ungeheure Dichte an kreativer Intelligenz: Schriftsteller, Musiker, Mathematiker, Zauberkünstler. Wo immer Sie hinschauen, ist eine enorme Tiefe, ein großer Aufruhr da, der mir sehr liegt. Zweitens empfinde ich es als sehr angenehm, in Südkalifornien zu leben, wo alles, was wichtig ist, was die Welt seit einem halben Jahrhundert prägt, entstanden ist: Free Speech Movement, Computer, die Akzeptanz von Schwulen und Lesben als Teil einer würdevoll sich verstehenden Gesellschaft, die kollektiven Träume der Welt – jetzt rede ich von Hollywood. Auch alle Dummheiten stammen von hier: die Hippie-Bewegung, die New-Age-Idiotie, Aerobic-Studios, Starlets, die in Yoga-Klassen gehen. In einer Umgebung zu leben, aus der diese ungeheuerlichen Aufbrüche kommen, ist richtig.

"Einmal Bayer, immer Bayer"

36 Aus der Ferne betrachtet: Was interessiert Sie im Moment an Deutschland?

Deutschland hat, zusammen mit Frankreich, eine gewisse Führungsrolle übernommen. Ich sage das mit der nötigen Vorsicht: Wie Deutschland versucht, das angeschlagene Schiff Europa zu halten, finde ich gut. Als die Europäische Union den Friedensnobelpreis erhalten hat, gab es ein für mich nicht nachvollziehbares Gemaule in den deutschen Medien. Dabei ist das ein ungeheures Ereignis von außerordentlicher Tragweite. Europa ist das größte praktizierte Friedensprojekt in der Weltgeschichte.

37 Einmal Deutscher, immer Deutscher?

Nein. Einmal Bayer, immer Bayer.

38 Haltet ihr Bayern in L.A. eigentlich zusammen?

Nein, es gibt hier keine Bayern außer mir. Das ist ein Unglück, dass es niemanden gibt, der meinen Dialekt sprechen könnte. Der Dialekt fehlt mir hier am meisten.

39 Welcher Satz auf Bayerisch klingt besonders schön?

Da möchte ich natürlich den Klassiker nennen: Mir san mir und schreim uns uns.

40 Welcher Satz auf Denglisch klingt schön?

Vom Komiker Otto gibt es ein paar wunderbare Direktübersetzungen vom Deutschen ins Englische. Zum Beispiel: Egg freelight. Für "Ei freilicht".

41 Wenn Sie sagen: "Entschuldigung, aber ich bin Bayer", was meinen Sie damit?

Ich sehe mich eher als Teil einer regionalen Kultur denn als Teil der übergreifenden Kultur Deutschlands.

42 Ihr bester Satz als Superbösewicht The Zec in "Jack Reacher"?

Normalerweise haben Böse ja große Kanonen. Oder sie brüllen oder haben Faustgefechte. Die Macher aber brauchten eine Art Epizentrum des Übels und der Bosheit: einen, der gefährlich aussieht, bevor er spricht und schießt. Sie hatten eine Reihe bekannter Darsteller getestet. Dann kamen Tom Cruise und der Regisseur Christopher McQuarrie auf die Idee: Wir holen uns den Herzog. Ich habe das auch richtig abgeliefert. Ich bin wirklich, bevor ich etwas sage, absolut schreckenerregend.

Die Intensität des Gesprächs bleibt hoch. Selten hat man erlebt, dass ein Mensch beim Sprechen und Geschichtenerzählen so auf Wirkung setzt: Er will verstören, aufrühren, in Erstaunen versetzen, er will die totalen Hämmer hinlegen. Gleichzeitig sind der biblische Ernst und die Humorlosigkeit seiner Ansagen natürlich auch kräftezehrend. Eigentlich gilt doch unter Menschen, dass man den eigenen gesprochenen Text durch Gags und Übertreibungen auflockert. Nein, für ihn gilt das nicht. Er muss hier die totale Wahrheit, seine Wahrheit, seine Sicht der Dinge darlegen: Wer braucht da einen Gag? Man merkt ihm an, dass die Plattheit einiger Fragen ihn anstrengt und ihm auf die Nerven geht – dann will er ganz Profi sein und sich keine Verstimmung anmerken lassen. Fragen zu seinem Handwerk, dem Schauspielern und Schauspieler-Führen.

43 Noch mal zum Tom Cruise: Warum ist das ein guter Schauspieler?

Was er macht, das macht er richtig. Das ist natürlich nur eine bestimmte Art von Filmen, in denen er auftaucht – Filme, in denen es weniger um Schauspielern geht als um eine physische Präsenz. Er macht ja alle seine Stunts selber. Ich habe Respekt vor Cruise, wie ich vor Schwarzenegger als Schauspieler Respekt habe – beide stellen Industrieprodukte her, die außergewöhnliche Wirksamkeit in der Welt haben. Ich wünschte mir, die Schauspieler, mit denen ich arbeite, hätten die Hälfte der Disziplin.

44 Ist der James Franco ein guter Schauspieler?

Ja, klar. Sie müssen sich Spring Breakers ansehen.

45 Ist der Mick Jagger auch ein guter Schauspieler?

Der war so gut! Ein absoluter Wüterich. Er ist nie wirklich entdeckt worden. An Mick Jagger ist ein ganz großer Schauspieler verloren gegangen.

46 Wie beurteilen Sie die schöpferische Kraft des Teeniestars Robert Pattinson, mit dem Sie demnächst drehen werden?

Das ist ein sehr intelligenter Mensch. Schreibt gut. Weiß genau, was er macht. Er weiß auch, dass er aus diesem nur kurzlebigen Rollenfach des Teeniestars herausmuss.

47 Kann man die Schauspielerei lernen?

Nur bis zu einem gewissen Grad. Vielleicht ist sie für das Theater eher erlernbar als fürs Kino.

48 Haben Sie als schauspielernder Regisseur die Vorbilder Alfred Hitchcock und Otto Preminger?

Daran habe ich noch nie gedacht, nein. In eigenen Filmen tauche ich übrigens nicht als Schauspieler auf, das versuche ich zu vermeiden.

49 Ihr Lieblings-Bösewicht in der Filmgeschichte?

Vielleicht der Edward G. Robinson.

50 Wie kriegt man als Schauspieler das Böse auf die Leinwand?

Ganz einfach: Ich streite mich fünf Schritte von der Kamera entfernt mit einem Produktionsmenschen über das Per Diem, das Tagegeld, das wir als Darsteller kriegen. Und dann heißt es: Die Kamera läuft schon.

51 Was können Sie als Nichtschauspieler spielen, was können Sie nicht spielen?

Sie dürfen nicht immer nur von Bösewichten reden. Wenn Sie sich Harmony Korines Julien Donkey-Boy anschauen: Der brauchte einen Vater in einer völlig dysfunktionalen Familie. Gefährlich feindselig zu den Kindern, chaotisch, ein Epizentrum im Untergang dieser Familie. Da bin ich richtig besetzt.

Er hat Kinski zu erschießen gedroht - unbewaffnet

52 Notiz für alle Herzog-Biografen: Haben Sie Ihren Hauptdarsteller Kinski bei den Dreharbeiten zu "Aguirre" nun zu erschießen gedroht oder nicht?

Antwort ist: Ja. Was Sie so lesen im Internet, stimmt trotzdem nicht. Ich habe ihm das ganz leise gesagt. Und ich war unbewaffnet.

Wunderbare Pointe: Er hat es gesagt. Aber er war unbewaffnet. Wir bleiben nun 30 Fragen lang bei einem Thema: Fazit der Herzogschen Kunst. Wie beurteilt er das, was er in 50 Jahren Filmen und Schreiben geschaffen hat?

53 Drehkreuz und Flaschenzüge?

Interessant, dass Sie das fragen. Ich bin mit beiden Werkzeugen gerade intensiv beschäftigt. Ich war jetzt, vor zweieinhalb Wochen, im Geheimarchiv der Vatikanischen Bibliothek, für ein ganz spezielles Projekt. Ich hatte festgestellt, dass der Obelisk, der auf dem Petersplatz steht, genau so aufgerichtet wurde, wie ich mein Schiff über den Berg gezogen habe – eine Methode, die ich selber entwickelt habe. Mit Drehkreuzen, Flaschenzügen, schrägen Ebenen und riesigen, gewaltigen Stahltrossen. Da ist mir Material von 1560 vorgelegt worden, das ich noch durcharbeiten möchte – eine Art von körperlicher Logik, die ich mir selber erarbeitet habe, aber die natürlich auch die Renaissance zu entwickeln verstanden hat.

54 Warum eigentlich immer wieder in den Dschungel?

Da müssten Sie auch fragen: Warum immer wieder ins Hochgebirge? Warum immer wieder in die Wüste? Die einfache Antwort: Der Dschungel ist der Ort der Fieberträume. Da fühle ich mich richtig angesiedelt. Da passen Kino, Oper, Kinski und ich hin.

55 Ist das Ihr Ernst, dass in "Fitzcarraldo" ein Dampfschiff über einen Berg gezogen wird?

Das war ein Dampfschiff, ja. Sie müssen das noch mal in meinen Aufzeichnungen Eroberung des Nutzlosen nachlesen. Der Moment, in dem ich das Schiff über den Berg habe und es auf der anderen Seite in den Parallelfluss hinuntergleitet – das war ein Moment völliger Sinnentleertheit. Und völliger Entleertheit aller Emotionen: keine Freude, keine Begeisterung, kein Aufatmen, nichts. Bis heute gibt es von dieser Sinnentleertheit ein Echo. Wenn Sie mich fragen, ob es mich gefreut hat, das Ding über den Berg zu bringen – Antwort: Nein! Aber ich habe das Schiff über einen Berg gebracht. Es ist eine zentrale Metapher in einem Film, und diese Metapher hat weltweit beim Publikum gegriffen.

56 Warum ist Ihnen der Stummfilmregisseur Friedrich Wilhelm Murnau wichtig?

Deshalb, weil die Generation der Großväter für mich wichtig war. Die Väter waren ja ein ziemlicher Totalausfall, wegen der Nazizeit und all der Entsetzlichkeiten. Mein Großvater war mir auch rein physisch wichtiger als mein eigener Vater. Und Murnau ist ganz schlicht der Beste von allen. Schauen Sie sich Nosferatu an. So stark, so visionär. Er hat einen düsteren Film gemacht, in dem sich auf eine Art schon der Schrecken der Nazizeit angekündigt. Dadurch, dass ich auch einen Nosferatu gemacht habe – sicher kein Remake, sondern einen eigenen Nosferatu – konnte ich mich in Richtung Murnau verbeugen. Er hat mir kulturell einen Boden unter den Füßen bereitet.

57 Warum sollen die jungen Leute lesen, wenn Sie selber kaum lesen?

Ich lese selber sehr viel – jedenfalls viel mehr, als ich ins Kino gehe. Ich schaue im Durchschnitt vielleicht drei Filme im Jahr. Den Schülern in der Rogue Film School predige ich jeden Tag: Lest, lest, lest, lest, lest. Wenn ihr nicht lest, werdet ihr nie einen guten Film machen. Ich habe sogar eine verpflichtende Liste von Lektüre erstellt. Sie fängt mit Vergils Georgica an. Kurzgeschichten von Hemingway. Dann der Warren Commission Report.

58 Warum ist der "Warren Commission Report" eines der spannendsten Bücher auf Erden?

Das ist der Bericht der Kommission des Präsidenten Johnson über die Ermordung des Präsidenten Kennedy. Jeder, der über das Kennedy-Attentat spricht, tut diesen Warren-Report als Regierungsakte ab – auch der Regisseur Oliver Stone, dem es nur um Legendenbildung und Verschwörungstheorien geht, hat den Warren-Report natürlich nie gelesen. Es handelt sich in erster Hinsicht um eine außerordentliche Kriminalstory. Nichts, was ich gelesen habe, hat mich je so gefesselt. Dieser Report hat eine logische Schlüssigkeit, die völlig einzigartig ist. Ein ungeheures Zivilisationsprodukt.

59 Nach wie vor der Meinung, dass Ihre Aufzeichnungen "Eroberung des Nutzlosen" besser sind als alle Ihre Filme?

Ich versuche es immer anders zu sagen: Mein Gefühl sagt mir, dass die Eroberung des Nutzlosen oder mein Buch Vom Gehen im Eis ein längeres Leben in der Zukunft haben werden als die Filme.

60 Und: Stehen Sie weiter zu Ihrem schönen Selbstlob, dass es unter den deutschsprachigen Autoren der Gegenwart kaum einer mit Ihnen aufnehmen kann?

Das ist kein Selbstlob. Das ist eine simple Feststellung: Wenn Sie sich in der Literaturlandschaft umsehen, dann entdecken Sie keinen, der solche Prosa schreibt.

61 Warum schreiben Sie nicht mehr?

Das frage ich mich auch. Filme sind vordringlicher im Moment. Die letzte Zuflucht war immer Sprache. Andere nehmen Drogen oder werden religiös.

62 Wer genau war diese Lotte Eisner?

Eine Filmhistorikerin, die viel mit Literatur zu tun hatte. Die große Mentorin des jungen deutschen Films. Sie wurde unter entsetzlichen Drohungen aus Deutschland vertrieben, floh am Tag der Machtergreifung nach Paris. Mit Henri Langlois hat sie an der Cinémathèque française gearbeitet. Von ihr gibt es die großen Monografien über Murnau und Fritz Lang und mit Die dämonische Leinwand das grundlegende Buch über den deutschen Stummfilm. Für mich war sie von großer Wichtigkeit, weil sie seit meinem ersten Film gesehen hat, dass ich jemand bin, der unterstützt werden sollte. Fritz Lang hatte ihr gesagt: "Aus Deutschland wird nie wieder ein guter Film kommen." Und sie schrieb zurück: "Fritz, das stimmt nicht. Ich schicke dir einen Film vom Herzog."

63 Wie sehen Sie das heute: Haben Sie Lotte Eisner mit Ihrem Buch "Vom Gehen im Eis" das Leben gerettet?

Natürlich nicht. Das hat sie selber bewirkt.

64 Ihre surrealste Naturerfahrung?

Ein Gewitter in der Republik Niger. Bei Nacht. Wenn ich "Gewitter" sage, dann, weil es in unserem Sprachschatz dafür keinen anderen Ausdruck gibt. Sie hätten Zeitung lesen können, so ununterbrochen war der Himmel von Blitzen erleuchtet.

"Ich sehe völlig klar, wo ich zu navigieren habe"

65 Ihre surrealste Erfahrung in einer Großstadt?

Ich hatte schweres Fieber, Denguefieber, kam gerade in Rio de Janeiro an und bin um sechs Uhr früh, bei Tagesanbruch, ausgeraubt worden. Von johlenden Jugendlichen, die in einem offenen Auto angefahren kamen und mir das Messer an die Kehle und die Pistole auf die Brust hielten. Fünf Minuten nachdem sie mir alles abgenommen hatten, kamen sie johlend zu mir zurückgefahren und warfen mir meinen Reisepass vor die Füße.

66 Haben Sie als Künstler Fantasien, die Sie mit niemandem teilen können, weil sie zu krass sind, wie, sagen wir, Kinder ohrfeigen, unten ohne auf einer Party rumstehen, mit einem Düsenjet über Los Angeles donnern?

Das gibt es nicht bei mir. Alles, was in mir rumort, hat sich auf der Leinwand, in Büchern oder Installationen niedergeschlagen.

67 Fällt es Ihnen leicht, Ihre alte Filme zu mögen?

Absolut leicht, ja.

68 Wenn Sie an Ihren Film "Aguirre, der Zorn Gottes" denken: Wie lange ist der gefühlt her, 40 oder 140 Jahre?

Als wäre es gestern gewesen. Der Film altert auch nicht. Wenn Sie den heute angucken und Ihnen jemand sagt, der ist 1971 gemacht worden, glauben Sie das nicht.

69 Können Sie jetzt bitte noch mal eine Ihrer lustigen Abfälligkeiten über die Psychoanalyse äußern?

Ich glaube, dass es sich bei der Psychoanalyse um einen der großen Irrtümer des 20. Jahrhunderts handelt. Es hat niemandem gutgetan. Es ist nicht richtig, dass wir zu tief in uns selber hineinschauen. Wir sind nicht dafür gebaut.

70 Was sagt es über den Filmemacher Herzog, dass Sie Ihre Drehbücher stets in einem schnellen Schub hinschreiben?

Ich fange ein Drehbuch eben erst zu schreiben an, wenn ich einen Film ganz vor mir sehe.

71 Großfrage: Wie kommt der Filmer zu seinem Stoff?

Keine Ahnung. Mir schwirren, während wir hier sitzen, mindestens sieben, acht Projekte durch den Kopf. Ich fokussiere aber immer nur auf eines. Ich bin da ganz methodisch: eins nach dem anderen. Wenn Geld ohne Grenzen zur Verfügung wäre, könnte ich innerhalb von zwei Jahren fünf Spielfilme drehen.

72 Richtig, dass die Arbeit des Filmemachens vor allem in die Knie und Oberschenkel geht?

Das habe ich zwar so gesagt – allerdings zielte die Frage damals auf intellektuelle Konzepte und strukturelle Maßnahmen, die ich da angeblich denkerisch vollbringe. Ich habe damals etwas entnervt entgegnet: Filme kommen nicht vom analytischen Denken, vom akademischen Ansatz. Filme kommen aus den Knien. Im Übrigen waren ein relativ hoher Prozentsatz von Filmemachern athletische Leute. Viel mehr als Musiker oder Schriftsteller.

73 Bringt’s die eigentlich, die Unterscheidung in Dokumentation und Spielfilm?

Für mich ist da die Grenzziehung nicht so streng. Weil ich mit Dokumentationen ja auch sehr erfinderisch bin und im hohen Grade stilisiere.

74 Warum ist ein guter Dokumentarfilm fiktiv?

Nicht unbedingt nur fiktiv. Mich stört an dem Postulat, dass Dokumentationen ausschließlich faktenbestimmt sein müssen. Das ist öde. Dann wäre nämlich das Telefonbuch von Manhattan das Buch aller Bücher: alles verifizierbar, alles korrekt, jede Nummer ein Anschluss. Es ist aber leider nicht das spannendste Buch.

75 Bedeutet Ihnen die Popmusik noch etwas?

Ich war nie ein großer Anhänger des Pop. Aber ich nehme natürlich wahr, was sich da abspielt.

76 Ist das ein künstlerisches Fazit von Ihnen, dass wichtige Kunstwerke sich erst einmal sperren, also gegen einen Widerstand durchgesetzt werden müssen?

Manches kann natürlich ganz leicht gelingen. Spielerisch, wie nebenbei. Der Mozart war so jemand. Gerade, bevor die Sixtinische Kapelle wegen des Konklaves zugemacht wurde, war ich da noch mal drin und dachte: Was für eine ungeheuerliche Lebensleistung! Gegen unfassbare Widerstände durchgesetzt. Das Werk von nur einem Mann.

77 War das immer die Idee, dass Sie an einem umfassenden Werk arbeiten?

Das klingt zu hochtrabend. Das hieße ja, dass man mit einer weihevollen Zukunft im Visier arbeitet. Im Übrigen, die Nachwelt ist mir auch ziemlich egal.

78 Was können Sie mit 70 besser als mit 25?

Ich bin viel schneller. Und dadurch spare ich Kosten ein. Beispiel: Bad Lieutenant mit Nicholas Cage habe ich drei Wochen nach Drehende abgeliefert. Grizzly Man war neun Tage nach Drehende fertiggestellt. Und zwar deshalb, weil ich völlig klar sehe, wo ich zu navigieren habe.

79 Sind Sie einverstanden, dass Sie als Filmemacher heute so gut sind wie noch nie?

Ich wiederhole mich nicht. Das ist wichtig.

"Ich habe mich mit genügend Philosophie gewappnet"

Hoch konzentrierter Werner Herzog. Der Interviewer ist erschöpft. Der Interviewte ist nicht erschöpft. Das vorgeblich Irre dieses Mannes ist vor allem seine irre Disziplin. So viele Geschichten, Gedanken, Thesen, die, weil es die Form der 99 Fragen so vorsieht, nicht zu Ende besprochen, sondern nur angerissen werden. Er wird nun in den Talenttest eingewiesen.

80 Ich nenne Ihnen jetzt einen Begriff. Sie schätzen bitte Ihr Talent von null Punkten, kein Talent, bis zehn Punkte, maximales Talent, ein. Badass.

Null.

81 Masochist.

Minus 35.

82 Grauhaariger Killer.

Grauhaarig: zwei. Killer: null.

83 Wahnsinniger.

Minus 800.

84 Soldat des Kinos.

Zehn.

85 Deutscher Regisseur .

Zwei. Weil ich mich eher als Bayer sehe.

86 Punk.

Da habe ich keinen Begriff davon.

87 Genie.

Die gab’s zur Zeit des Sturm und Drang. Ein Begriff, der jetzt fast zwei Jahrhunderte passé ist. Null.

88 Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.

Da haben wir einen guten. Also, keine Ambitionen. Null.

Die Ratlosigkeit, mit der die klugen Köpfe nach dem ausführlichen, dem sogenannten guten Gespräch dasitzen: Ach echt? Das war’s? Was haben wir jetzt eigentlich besprochen? Gut ist so ein Gespräch vielleicht dann gelaufen, wenn der Interviewer, wenn der Leser denkt: "Jetzt fangen wir an. Jetzt möchte ich mal wirklich etwas erfahren." Das waren 90 Minuten Interview mit dem großen deutschen Regisseur und Künstler Werner Herzog im Hotel Chateau Marmont in Los Angeles.

89 Haben Sie einen Vogel?

Ein irgendwie verrückter oder manischer Arbeiter bin ich ja nicht. Ich bin ganz methodisch vor mich hin arbeitend. Wann immer Sie mich besuchen würden – Sie würden mich nie hektisch bei der Arbeit sehen. Das bin ich nicht. In aller Ruhe. Mit schönem Schwung. Es sind zu viele Dinge hinter mir, die mich vorwärtsdrängen.

90 Welches ist das größte Rätsel auf Erden?

Da gibt es viele. Punktuell kann ich sagen: der Diskos von Phaistos. Das ist eine auf der Insel Kreta gefundene runde Tonscheibe mit einer Inschrift, die man mit Sicherheit nie entziffern können wird.

91 Woher nehmen Sie diese unendliche Ruhe?

Ich bin tatsächlich ganz ruhig. Ich glaube, ich habe mich mit genügend Philosophie gewappnet.

92 Korrekter Eindruck, dass Sie ein ziemlich undepressiver Mensch sind?

Das kann ich schwer beantworten, weil ich nicht auf mich schaue.

93 Warum haben Sie noch mal keine Angst vor dem Tod?

Weil er zu uns gehört wie das Leben auch. Der Tod beeindruckt mich nicht.

94 Wann zuletzt in der Festivalstadt Hof Fußball gespielt?

Ach, das liegt lange zurück.

95 Ihr Gruß an den deutschen Filmemacher Klaus Lemke?

Den habe ich, glaube ich, nie getroffen.

96 Ist Ihnen klar, dass in Berlin junge Männer rumlaufen, die Werner-Herzog-Schnauzbärte tragen?

Einen Schnauzbart hat in meiner Zeit jeder andere Depp auch getragen. Also, schönen Gruß an die jungen Männer. Ich kann mir schlecht vorstellen, dass das auf mich bezogen ist.

97 Wie schmecken Schuhsohlen?

Die Sohlen habe ich nie gegessen, die waren aus Gummi. Das Leder selber ist okay, das können Sie essen. Unser Verdauungssystem ist dafür eingerichtet. Sie können auch Ihren Gürtel essen.

98 Wie sieht der liebe Gott aus?

Sicherlich weißhaarig, mit Rauschebart und einer wallenden Toga. Nein. Ich scherze.

99 Können Sie einen Zaubertrick?

Mein älterer Sohn ist ein großartiger Zauberer. Ich kann ein paar Zaubertricks, aber auf einem Niveau, das nur mit Fünfjährigen funktioniert: Kartentricks, Münzen verschwinden lassen.