Führerlose AutosFahr mich in die Zukunft!

Entwicklungsingenieure arbeiten an Autos, die selbst denken und lenken von Christine Böhringer

Ein mit Sensoren ausgestatteter BMW fährt selbständig auf der Autobahn (Archivbild).

Ein mit Sensoren ausgestatteter BMW fährt selbständig auf der Autobahn (Archivbild).  |  © BMW

Einmal in der Woche fährt Michael Aeberhard in die Zukunft. Er setzt sich dann ans Steuer eines silbernen BMW 5er, lotst den Wagen vom Münchner Stadtteil Moosach auf die A9 in Richtung Nürnberg, und sobald er sich auf der Autobahn eingefädelt hat, drückt Aeberhard einen Knopf am Lenkrad – und nimmt die Hände vom Steuer.

"Natürlich habe ich das nicht von Anfang an gemacht, ich musste erst Vertrauen in die Technik entwickeln", sagt Aeberhard. Doch jetzt ist er sich sicher. Der Wagen fährt souverän: Er hält korrekt Abstand, gibt dann Gas, setzt den Blinker, überholt, schert zurück auf die rechte Fahrspur, und das kilometerlang, alles ganz von allein. Aeberhard könnte jetzt eigentlich eine SMS schreiben. Oder Zeitung lesen. Oder einen Kaffee trinken. Doch er ist immer aufmerksam, schließlich ist das Auto ein Prototyp und er selbst bei der Arbeit.

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Michael Aeberhard ist 29 Jahre alt, hat Computer-Engineering studiert, seine Position heißt "Teilprojektleiter hochautomatisiertes Fahren" bei der BMW Group Forschung und Technik in München. Gemeinsam mit seinen Kollegen tüftelt er am autonomen Auto – an einem Wagen, der selbstständig fahren kann.

Die Vision vom führerlosen Fahrzeug haben Ingenieure schon lange, bereits Ende der achtziger Jahre wurden von der Europäischen Gemeinschaft umgerechnet mehrere Hundert Millionen Euro in ein entsprechendes Projekt namens "Prometheus" investiert. Doch erst seit wenigen Jahren gelingt es den Entwicklern, sich dieser Vision wirklich anzunähern: 2010 meisterte ein Forschungsfahrzeug der Technischen Universität Braunschweig automatisch eine vorgegebene Strecke im örtlichen Stadtverkehr. Im Dezember 2011 erhielt Google ein US-Patent für die Technik zum Betrieb von autonomen Fahrzeugen. Im Mai 2012 erlaubte der Bundesstaat Nevada dem Internetkonzern, die Wagen auf öffentlichen Straßen zu testen. Und alle großen Autohersteller sind derzeit dabei, Pilotsysteme zu entwickeln, die auf Knopfdruck in speziellen Situationen wie etwa auf der Autobahn oder beim Parken das Fahren übernehmen und so den Chauffeur unterstützen. "Technologisch ist das jetzt möglich", sagt Aeberhard. "Die Software ist besser, die Sensoren sind zuverlässiger, und die dafür benötigten digitalen Karten sind exakter geworden."

Das Auto muss sehen, entscheiden und handeln können

Software, Sensoren, Karten: Genau diese drei Dinge braucht es, um ein Auto "intelligent" zu machen. Man könnte auch sagen: menschlich. Denn wenn es von allein fahren soll, muss es immer genau wissen, wo es ist in der Welt. Es muss sehen, denken, entscheiden und handeln. "Das alles dem Auto beizubringen ist schwierig", sagt Michael Aeberhard. Damit das gelingt, haben die Entwicklungsingenieure den Prototyp mit vier verschiedenen Sensorarten ausgestattet: Radar, Laserscanner, Kamera und Ultraschall erfassen alles, was um das Fahrzeug herum passiert. Im Gegensatz zu den Google-Autos oder den Testfahrzeugen der Unis, die mit ihren großen Radaranlagen auf dem Dach auffallen, wurden die Sensoren dabei unauffällig in die Karosserie integriert. "Wir waren um ein seriennahes Design bemüht", sagt Aeberhard. Wäre da nicht der große Schriftzug "Connected Drive" an den Seiten, würde nur ein Erlkönig-Jäger das Test-Auto erkennen.

Das Team arbeitet seit 2011 am hochautomatisierten Fahren auf der Autobahn. Aeberhards Aufgabe war es von Anfang an, die Daten der Sensoren so miteinander zu verknüpfen, dass die Umgebung korrekt abgebildet wird und ein Hochleistungsrechner im Kofferraum daraus die passende Fahrstrategie errechnen kann. Der Ingenieur hat damals noch als Doktorand die Algorithmen dafür entwickelt. Er hat dafür gesorgt, dass die Schwächen eines Sensors durch die Stärken eines anderen ausgeglichen werden und dass der Computer eine Leitplanke als "Geisterziel" identifiziert und nicht für ein anderes Auto hält. Zuerst wurde das System im Fahrsimulator und dann auf der firmeneigenen Teststrecke ausprobiert, schließlich ging es mit einer Sondergenehmigung auf die Autobahn A9. Dort wurden die Forscher mit Situationen konfrontiert, an die sie vorher nicht gedacht hatten – Autos, die an Auffahrten auf die Autobahn einscheren wollten, wurden zum Problem oder Baustellen. "In dieser Zeit saß ich fast jeden Tag im Auto", erinnert sich Aeberhard. Er entwickelte die Software, testete, entwickelte weiter, testete wieder, so lange, bis alles stimmte und das Auto fehlerfrei immer mehr Kilometer selbstständig fuhr.

Leserkommentare
  1. Es wird nur wenige Generationen geben, die regelmäßig selbsttätig ein Individuiialkraftfahrzeug im öffentlichen Verkehr steuern durften - und ich war dabei. Ich kann dieses unfassbare Glück kaum begreifen.

    Würde man das Auto erst heute erfinden, würde es die EU niemals erlauben. Danke, dass ich jetzt leben durfte und nicht vor 100 oder in 100 Jahren. DANKE.

    3 Leserempfehlungen
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    • Burts
    • 21. April 2013 18:42 Uhr

    hätten Sie sehr wohl ein Individualfahrzeug nutzen dürfen. Pferdekutsche, Esel, Ruderboot etc.

    Lesen und verstehen; leicht zu lernen, schwer zu meistern.

  2. Und wie kommen sie zum zentralen Bahnhof und vom Zielbahnhof zu ihrem eigentlichen Ziel?
    Ich verstehe nicht warum sie quasi Grundlagenforschung/Entwicklung gleich schlecht reden müssen, nur weil das Konzept in dem derzeit getestet wird, ihrer Meinung nach keine Zukunft hat. Ein Bus den öffentlichen Nahverkehrs könnte in Zukunft ebenso automatisiert betrieben werden wie das von ihnen abgelehnte Kleinstwohnzimmer mit Mediathek und Kaffeevollautomat oder der Urlaubsflieger und das Containerschiff.

    Ich habe schon mehrere Jahre sowohl auf dem Land als auch in der Stadt gelebt und bin mir dehalb sicher, daß ein Einheitsmobilitätssystem für alle Bürger nicht funktionieren wird. Dazu sind die Vorraussetzungen viel zu verschieden.
    Zumal ich auch nachvollziehen kann, daß solang immer mehr Güterfernverkehr, der terminlich recht gut zu planen ist, unsere ganzjährigen Tropenfrüchte lieber mit dem LKW bringt als mit der Bahn, daß sich dann auch Menschen sträuben oder zumindest nicht einsehen warum sie auf Massentiertransporte umsteigen sollten.

    Lange Rede kurzer Sinn, ihre Kritik am Individualverkehr geht völlig am Thema des Artikels vorbei.
    Ich jedenfalls bin froh darüber, daß Entwicklung nicht durch Meinungen wie "das hat e keine Zukunft" aufgehalten wird. Wieviele Erfinder wurden in ihren Zeiten als Spinner abgetan....

    6 Leserempfehlungen
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    Ich stimme Taranis vollständig zu,
    in Deutschland wird gerne alles in Grund und Boden kritisiert, man denke nur an die ersten Smartphones. Ich sage nur im "19 Jahrhundert warnten Wissenschaftler vor dem „Fahrradgesicht". Sie waren davon überzeugt, dass der Fahrtwind das Gesicht verformt" Darum geht es zwar hier nicht ganz, aber ich verstehe nicht ganz wieso ernsthaft darüber nachgedacht werden, dass auf einmal alle mit dem Zug fahren. Sobald es mehr Einkommen und mehr Wohlstand gibt, entsteht immer der Wunsch des einen oder auch der Luxus, etwas anders zu machen, als die anderen. Ein Auto ist ein Luxus-Gut. Das Autos die Umwelt belasten steht auf einem anderen Blatt. Mit E-Antrieben gespeist aus erneuerbarer Energie oder mit Brennstoffzellenantrieb finde ich ein automatisches Auto sehr wünschenswert. Man bedenke die ganzen übernächtigten Autofahrer oder stressige 8 Stunden Autobahnfahrten die damit entlastet werden könnten.

  3. Das ist doch die eigentliche Bankrotterklärung für das automatisierte Fahren. Seit Jahren sage ich mir, dass jeder halbwegs bei Trost befindliche Gaul meine Standardwegstrecke auswendig wüsste und mich ohne Eingreifen zuhause abliefern würde. Seit langem träume ich davon, das Ziel einzugeben und zumindest auf der Autobahn zu sagen "Johann ..." und dann bringt mich das Auto wenigstens bis zur passenden Anschlussstelle/Abfahrt. Seit Jahren frage ich mich, wie ich als Mensch erkenne, was "Straße" ist und was nicht, ob BAB, B, L, K oder Feldweg. Wenn wir das Problem lösen, haben wir gewonnen. Der Automatix kann sich zumindest auf BAB mit seinen "Kollegen" natürlich absprechen und sicher im Windschatten fahren.

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  4. .. bin jung und fahre lieber selbst .. am liebsten 'Open Air' .. habe nichts gegen Technik .. aber wie wäre es mit der Erfindung giftlosen und billigen Treibstoffs? .. hm ..;-)

    Gruß .. an den Verfasser;-)
    Amanda M. Donata

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  5. > Dort wurden die Forscher mit Situationen konfrontiert, an die sie vorher nicht gedacht hatten ...

    Ich bin auf autonome Autos (oh, ein weisser Schimmel!) im Alltag gespannt. Zum Beispiel ist es einfach vorauszusagen, dass es bei Nebel jede Menge Auffahrunfaelle geben wird, denn ein autonomes Auto wird sich wahrscheinlich an die STVO halten (muessen) und bei starkem Nebel auch auf der Autobahn auf 50 km/h abbremsen, waehrend Menschen eher widerwillig abbremsen und deswegen wahrscheinlich recht oft auf bremsende autonome Autos auffahren werden.

    Ich glaube es war in der ZEIT, dass ich von einem Autofahrer gelesen habe, der sich pedantisch an die STVO haelt und deswegen immer wieder in Unfaelle verwickelt wird, weil niemand mit so einem Verhalten rechnet. Jedes autonome Auto wird so fahren (muessen). Das wird spannend.

  6. Denn der Individualverkehr ist aufgrund fehlender Nachhaltigkeit tot, wenn die Verbräuche nicht wesentlich nach unten gehen als auch die Herstellungsenergie nicht deutlich nach unten geht (zur Zeit geschätze 20-50% muss über den Lebenszyklus eines Pkw beim Verbrauch beaufschlagt werden, tendenziell natürlich mehr, wenn die Autos sparsamer werden).

    Erst dann darf man über Autopiloten nachdenken. Ich frage mich übrigens, ob die Hersteller so sicher sind, dass Vollautopiloten vom Gesetzgeber überhaupt freigegeben werden. Denn bei geringster Unsicherheit in diesem Bereich muss man die Hersteller wohl als Vollidioten ansehen.

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  7. Der deutsche Autofahrer will maßregeln, und das macht er durch Drängeln, Schneiden, Ausbremsen, in-die-Leitplanken-drücken und zuletzt durch Anzeigen. Mit dem beschriebenen System wäre ja der ganze Spaß weg.

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