UrwaldhospitalDie Tat und nicht das Wort

100 Jahre nach der Gründung des legendären "Urwaldhospitals" im afrikanischen Lambarene: Was bleibt vom Idol Albert Schweitzer, vom Orgelspieler, Bach-Forscher, Philosophen und Theologen? Eine Bilanz von 

Ein Vorbild wollte er nicht genannt werden. Der Verleger Heinrich Beck hatte 1951, anlässlich der 10. Auflage von Albert Schweitzers Kulturphilosophie, ein Zitat Stefan Zweigs auf den Umschlag setzen lassen: "Albert Schweitzer, diesen tiefbescheidenen Mann, ehren heute die Besten der Erde als ein moralisches Vorbild." Dagegen protestierte der Autor in einem Brief an Beck: "Von keinem Menschen darf gesagt werden, dass er moralisches Vorbild ist...!" Die Sache müsse aus der Welt. "Schreiben Sie, wenn Sie wollen, die Kosten der Operation auf mein Konto."

Dieser Protest in Ehren – dennoch wurde Albert Schweitzer, der sein Ansehen durchaus selbstbewusst einzusetzen vermochte, weltweit als Vorbild verehrt. 1951 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 1953 gar den Friedensnobelpreis. Ohne große Übertreibung kann man ihn das humanitäre Idol im Europa des 20. Jahrhunderts nennen.

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Doch was macht einen Menschen derart zum Vorbild? Das künstlerische Genie, die intellektuelle Exzellenz, der philosophische Tiefsinn? Nichts davon – sondern die schlichte Tat. Bei Albert Schweitzer war dies der Entschluss, vor nunmehr hundert Jahren das "Urwaldhospital" in Lambarene aufzubauen, damals in Französisch-Äquatorialafrika (heute: Gabun) gelegen.

Man fühlt sich geradezu an Goethes Faust erinnert, der seine Übersetzermühen mit dem ersten Satz des Johannesevangeliums kurz entschlossen abbricht und schreibt: "Im Anfang war die Tat!", dabei "Wort", "Sinn" und "Kraft" als Entsprechung für den "Logos" beiseite wischend. Freilich steht am Anfang nie die Tat, sondern eben gerade die Suche nach Sinn und Verstand, nach dem rechten Weg, das Sammeln der Kräfte. Wie also kam Schweitzer zu seinem geradezu historischen Entschluss? Was sagt sein vorbereitendes Leben über die Tat – und die Tat wiederum über sein übriges Leben und Wirken? Und welches Bedürfnis lässt Menschen in anderen Menschen ein Vorbild verehren? Die ursprünglich schier grenzenlose Verehrung für ihn hält zwar noch an, ist aber inzwischen auch verblasst: Er ist mittlerweile ein Vorbild zwischen steiler Heroisierung und kritischer Historisierung geworden.

Der 1875 im elsässischen Kaysersberg geborene Schweitzer hatte sich auf etlichen Gebieten hervorgetan: Orgelvirtuose war er, Orgelbausachverständiger, promovierter und habilitierter Theologe und Pfarrer dazu, promovierter Philosoph und schließlich freischaffender Kulturphilosoph. Dies alles hätte bereits für ein kapitales Lebenswerk ausgereicht. Doch schon der junge Schweitzer glaubte, wie Nils Ole Oermann in seiner 2009 vorgelegten, lesenswert nüchternen Biografie nachzeichnet, anderen für seine relativ sorgenfreie Jugend etwas schuldig zu sein.

So berichtet Schweitzer von einer Art Erweckungserlebnis, das ihm mit 21 Jahren zuteil wurde: "An einem strahlenden Sommermorgen, als ich – es war im Jahre 1896 – in Pfingstferien zu Günsbach erwachte, überfiel mich der Gedanke, dass ich dieses Glück nicht als etwas Selbstverständliches hinnehmen dürfe, sondern etwas dafür geben müsse. Indem ich mich mit ihm auseinandersetzte, wurde ich, bevor ich aufstand, in ruhigem Überlegen, während draußen die Vögel sangen, mit mir selber dahin eins, dass ich mich bis zu meinem dreißigsten Lebensjahr für berechtigt halten würde, der Wissenschaft und der Kunst zu leben, um mich von da an einem unmittelbar menschlichen Dienen zu weihen." In die verbleibenden neun Jahre fielen das erste und zweite Theologische Examen sowie die Ordination in Straßburg, ein Orgel-Studienaufenthalt in Paris, die Promotion zum Doktor der Philosophie, die theologische Habilitation und Privatdozentur, das Direktorat am Theologischen Thomasstift zu Straßburg und die Arbeit an der Bach-Biografie.

Vom gelöbnisgeprägten 30. Lebensjahr an beginnt Schweitzer, der sich bereits der Pariser Missionsgesellschaft für den Kongo verpflichtet hatte, in Straßburg noch ein Medizinstudium, das er 1912 mit der Approbation zum Arzt und einer Dissertation abschließt und 1912/13 mit einer tropenmedizinischen Zusatzausbildung in Paris ergänzt – sodass der Abreise nach Lambarene am 21. März 1913 nichts mehr im Wege steht, sozusagen mit achtjähriger Verspätung gegenüber dem inneren Erweckungsschwur. Während des Medizinstudiums erschien noch seine Geschichte der Leben-Jesu-Forschung und die deutlich erweiterte deutsche Ausgabe seines Bach-Buches. Es folgten weitere Arbeiten wie die religionsphilosophischen Vorträge, die Kulturphilosophie und die Mystik des Apostel Paulus. Hinzu kommen dann noch die autobiografischen Berichte des "Urwalddoktors" aus der späteren Zeit.

Wie aber sind all die Werke und Leistungen, die sich dem Wunsch, "der Wissenschaft und der Kunst zu leben" verdanken, heute im Abstand und im Verhältnis zum Gesamtkunstwerk Albert Schweitzer zu würdigen?

Leserkommentare
  1. "Was bleibt vom Idol Albert Schweitzer, vom Orgelspieler, Bach-Forscher, Philosophen und Theologen?" .. lieber Vf. Robert Leicht, .. und meinen Dank für Ihren Artikel.

    Antwort: Allein nur das, was es den Leuten, sprich der/den Gesellschaft(ten) in Europa und darüber hinaus Wert ist .. nicht wahr ..

    Abendgruß
    Amanda M. Donata

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    .. verzeihen Sie .. wert ist ..

  2. .. verzeihen Sie .. wert ist ..

    Antwort auf "Was für eine Frage .."
  3. Unendlich viel ! Immerhin eine ganze Stiftung in seinem Namen. Selten gibt es Christen von solchem Format. Die Begreifen, dass Christ-Sein, wenn, - die GANZE Schöpfung zu umfassen hat:

    http://albert-schweitzer-...

    2 Leserempfehlungen
    • Varech
    • 21. April 2013 21:25 Uhr

    .... der Spott auf Spengler damals. Können siich die Heutigen hinter den Spiegel stecken.

    Das "Klavier" auf dem vorangestellten Foto halte ich für einen Schreibtisch.

  4. nur die halbe Wahrheit über Schweitzers Ehrfurcht vor dem Leben am Beispiel von Wildschwein Josephine dargestellt wird. Wer alle seine Tiergeschichten liest, wird MEHR verstehen.

    In der Verkürzung des ZO-Artikels wird auf Schweitzer der Rückschluss gezogen, dass er es mit der Ethik, die er propagiert, ja selber nicht so genau nehme. Beweis: die böse Josephine (die Schweitzer selbst übrigens nie (!!!) so genannt hätte). Allein schon das ärgert mich an der Verdummtdreistung des Artikels.

    Willkürlich beruft man sich auf diese eine Geschichte, um Schweitzers Moral zu relativieren. Das gerade diese Geschichte aber ein Ausnahmebeispiel ist (Schweitzer war bewusst Vegetarier und ernährte sich hauptsächlich von Linsensuppe), wird dabei willentlich (!!!) übersehen. Man muss schließlich das Klischee der halben Sache bedienen, um Schweitzer, der es sich mitten im Urwald wirklich nicht einfach gemacht hat, ABWERTEN.

    Für Interessierte, die auch die andere Seite der Medaille interessiert, hier nun die GANZE Geschichte von Josephine:

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  5. JOSEPHINE, DAS WILDSCHWEIN

    Bereits vor der ersten Ausreise Schweitzers aus Afrika (Herbst 1917) lebte für kurze Zeit Jospehine in Lambaréné. Im Jahr 1923 widmete Schweitzer diesem Wildschwein, das er im Alter von etwa zwei Monaten in seine Obhut genommen hatte, rückblickend folgende direkte Ansprache: »Wie soll ich deine Klugheit preisen, Josephine. Um nachts nicht von Stechmücken belästigt zu werden, nahmst du die Gewohnheit an, in den Schlafsaal der Knaben einzudringen und dich dort unter das erste beste Moskitonetz zu legen. Wie manche Buße in Tabakblättern habe ich deswegen an die bezahlen müssen, denen du dich als Schlafgenosse aufdrängtest. Und wenn die Sandflöhe in deinen Füßen so herangewachsen waren, dass du nicht mehr gehen konntest, humpeltest du ins Spital herunter, ließest dich auf den Rücken legen, erduldetest das Messer, das dir die Peiniger aus den Füßen bohrte, ertrugest das Brennen der Jodtinktur, mit der man die Wunden betupfte, und grunztest herzlichen Dank, wenn die Sache für einmal wieder vorüber war.«

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  6. Ihre Klugheit, aber auch Eigenständigkeit stellte Josephine gleich an ihrem ersten Tag in Lambaréné unter Beweis, als sie sich unter dem extra für sie errichteten und tief in die Erde versenkten Drahtgitterpferch hindurch in die selbstbestimmte Freiheit grub und sich erst am nächten Tag wieder blicken ließ. Über die Wiederbegegnung schrieb Schweitzer: »Als ich [...] vom Mittagessen vom Spital heraufkam, siehe, da wartete Josephine vor dem Hause auf mich und schaute mich an, als wollte sie sagen: ‘Den Spaß mit dem Pferch musst du aber nicht wiederholen, ich bleibe dir auch so treu.’ So geschah es.«

    Fortsetzung der Geschichte HIER:
    http://albert-schweitzer-...

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  7. Dem aufmerksamen Leser entgeht NICHTS!

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