Alfred BrehmDer brüderliche Blick

Alfred Brehms "Thierleben", vor 150 Jahren erschienen, war einst ein Klassiker. Heute gilt das Werk als hoffnungslos überholt. Ganz zu Unrecht, findet Ulrich Greiner. von 

Bild eines Kapischen Erdferkels im Nachschlagewerk "Brehms Tierleben" aus dem Jahr 1927

Bild eines Kapischen Erdferkels in Brehms Tierleben aus dem Jahr 1927  |  Public Domain

Tiere sind auch nur Menschen. Sie können hinterhältig und gemein sein, hilfreich und liebenswürdig. Die Märchen erzählen uns vom Wolf und von den sieben Geißlein, vom Fuchs und von den Gänsen und von vielen anderen Tieren, und sie lassen keinen Zweifel daran, wer die Guten sind und wer die Bösen. Auch in den Fabeln von Äsop, Lessing oder Lafontaine erscheinen uns die Tiere wie Brüder. Nicht in jedem Fall möchte man ihnen begegnen.

Was die Tiere von uns Menschen halten, bleibt ihr Geheimnis. Erich Kästner immerhin hat es vermocht, eine Konferenz der Tiere einzuberufen, die dem Menschen in seiner Mord- und Kriegslust in den Arm fallen sollte, leider vergebens. Und Goethe führt in seinem Reineke Fuchs mit Bravour vor, dass auch die Tiere den Hexameter durchaus beherrschen. Die Literaturgeschichte machte viele Tiere zu Helden. Das hat sie vorm Schlachthof nicht bewahrt.

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Was wir Menschen von den Tieren halten, bleibt heutzutage jenen Erzählungen vorbehalten, die man Kindern zum Einschlafen vorliest. Kleine Reste des brüderlichen Blicks findet man noch in manchen Tiersendungen des Fernsehens, die vor allem in Altersheimen sehr beliebt sind. In der Wissenschaft ist der Anthropomorphismus verpönt und passé. Das hat für jeden, der an der Fleischtheke steht, seine Vorteile.

Einen Autor wie Alfred Edmund Brehm, geboren 1829 in Thüringen und 1884 dort auch gestorben, ordnete heute wohl mancher der Abteilung Kinder- und Jugendbuch zu. Als Kollegen würden ihn die Verhaltensforscher und Zoologen längst nicht mehr akzeptieren. Aber 1863, als die erste Lieferung seines (schlussendlich zehnbändigen) Illustrirten Thierlebens im Bibliographischen Institut in Hildburghausen erschien, war Brehm wegen der Präzision seiner Beschreibungen auch als Wissenschaftler berühmt – Charles Darwin, dem er sein Werk schickte, äußerte sich begeistert. Die bildreiche, plastische Sprache des späteren Hamburger Zoodirektors und Gründers des Berliner Aquariums machte ihn zum Liebling der Leser. Ebenso wie "der Brockhaus" und "der Duden" gehörte "der Brehm" als "allgemeine Kunde des Thierreichs" und zoologische Enzyklopädie zur bürgerlichen Basisbibliothek.

Alfred Brehm
Alfred Brehm

© Wikimedia Commons

Und erkennt sich nicht auch heute noch der brave Bürger in seinen Porträts wieder? "Der Igel ist ein drolliger Kauz und dabei ein guter, furchtsamer Gesell, welcher sich ehrlich und redlich, unter Mühe und Arbeit durchs Leben schlägt." Gut gesprochen! Aber es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Denn leider steht außer Zweifel, "dass der Maulwurf im Verhältnis zu seiner Größe ein wahrhaft furchtbares Raubtier ist. Dem entsprechen auch seine geistigen Eigenschaften. Er ist wild, außerordentlich wütend, blutdürstig, grausam und rachsüchtig und lebt eigentlich mit keinem einzigen Geschöpfe im Frieden." Wer wüsste davon nicht ein Lied zu singen?

Gut gelaunt und urteilsfroh wandert Alfred Brehm durch die Fauna, und wenn er sich in die heimische begibt, spricht er ganz zutraulich von "unserem Laubfrosch" oder "unserem Rotkehlchen". Für die meisten Tiere hegt er Sympathie, und wo sie ihm mangelt, bemüht er sich um Fairness. Allein die Stubenfliege verdient keine Nachsicht: "Kein Tier ist dem Menschen ohne sein Zutun und ohne ihn selbst zu bewohnen, ein so treuer, in der Regel recht lästiger, unter Umständen unausstehlicher Begleiter als die Stubenfliege. Sie versteht es ebenso gut, sich im kalten Lappland häuslich einzurichten, wie die Annehmlichkeiten der Länder unter dem heißen Erdgürtel zu würdigen. Wir alle kennen ihre schlimmen Eigenschaften, die Zudringlichkeit, Naschhaftigkeit und die Sucht, alles und jedes zu besudeln; eine Tugend wird niemand von ihr zu rühmen wissen."

Aber Brehm hat nicht allein in den Stuben die Fliege betrachtet, sondern viele Kontinente bereist. Bereits als ganz junger Mann, noch keine zwanzig, war er als Begleiter eines bekannten Ornithologen fünf Jahre in Nordafrika und dem Nahen Osten unterwegs – wo er sich zwar die Malaria holte, aber auch jene Eindrücke einer exotischen Tierwelt sammelte, die zu lesen noch heute faszinierend ist. Mit größter Bewunderung schildert er den Leoparden. Doch kann er Einwände nicht verhehlen: "Leider steht sein geistiges Wesen mit seiner Leibesschöne, wenigstens nach unseren Anforderungen, nicht im Einklang. Der Leopard ist listig, verschlagen, tückisch, boshaft, wild, raub- und mordlustig."

Leserkommentare
  1. Sehr schön! Sehr schön!! Sehr schön!!! Es gibt Stellen in Brehms "Thierleben", die man sich (vor der Computerzeit) herausschrieb und für alle Zeiten aufbewahrte. Manche Episoden aus dem "Thierleben" sind sogar richtig gruselig. So schreibt Brehm über die sonst von ihm als allerliebst eingestuften Meisen, die im Zusammenleben mit anderen Vögeln zu wahren Bestien werden können, das Folgende:

    "Im Käfige sind viele Meisen höchst unterhaltend. Sie gewöhnen sich überraschend schnell an die Gefangenschaft, werden aber selten eigentlich zahm. Mit anderen Vögeln darf man sie nicht zusammensperren; denn sie überfallen selbst die größeren mörderisch, klammern sich auf ihrem Rücken fest, tödten sie durch Schnabelhiebe, brechen ihnen die Hirnschale auf und fressen das Gehirn der erlegten Schlachtopfer mit derselben Begierde, mit welcher ein Raubvogel seine Beute verzehrt."

    Wen's da nicht gruselt, der lernt es nimmermehr. Was ist der Tyrannosaurus Rex gegen eine kleine Meise? Daran sollten sich die wissenschaftlichen Pedanten und Langweiler von heute ein Beispiel nehmen.

    5 Leserempfehlungen
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    " Daran sollten sich die wissenschaftlichen Pedanten und Langweiler von heute ein Beispiel nehmen." Zitatende

    Die heutigen Wissenschaftler sollen sich natürlich ein Beispiel nehmen am Schreibstil Brehms, keineswegs aber an der gelegentlichen "Bestialität" der Meisen. Nicht dass einer auf falsche Gedanken kommt.

    • postit
    • 21. April 2013 14:26 Uhr

    und T. Rex nicht enge Verwandte?

    Schönen Sonntag noch,
    vielleicht beim Taubenfüttern ;-)
    postit

  2. " Daran sollten sich die wissenschaftlichen Pedanten und Langweiler von heute ein Beispiel nehmen." Zitatende

    Die heutigen Wissenschaftler sollen sich natürlich ein Beispiel nehmen am Schreibstil Brehms, keineswegs aber an der gelegentlichen "Bestialität" der Meisen. Nicht dass einer auf falsche Gedanken kommt.

    • nickb
    • 20. April 2013 23:43 Uhr

    Unglaublich was durch die moderne Wissenschaft verschüttet wurde. Statistik-Hokuspokus, Fachtermini-Show, Drittmitteleinwerbung, Öffentlichkeitsarbeit, ... Publikationswut oder -not. Gensequenzierungs-Wahn. Die meisten Politiker blicken's eh nicht. Entscheiden aber über Lehrstuhlbesetzungen.
    Oh Graus. Für einen Herzblutwissenschaftler ist kein Platz in diesem System.

    Eine Leserempfehlung
    • cmim
    • 21. April 2013 11:00 Uhr

    so ausführliche Zitate zu lesen. Die Formulierungsfreude der 'alten' Forscher und Wissenschaftler ist wie ein literarisches Häppchen. Das Lesen hat Freude gemacht

    via ZEIT ONLINE plus App

    • postit
    • 21. April 2013 14:26 Uhr

    und T. Rex nicht enge Verwandte?

    Schönen Sonntag noch,
    vielleicht beim Taubenfüttern ;-)
    postit

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Schönen Sonntag noch, vielleicht beim Taubenfüttern ;-)" Zitatende

    Danke für den Ratschlag. Tauben sind mir aber sittlich nicht genügend gefestigt - siehe Brehm.

  3. "Schönen Sonntag noch, vielleicht beim Taubenfüttern ;-)" Zitatende

    Danke für den Ratschlag. Tauben sind mir aber sittlich nicht genügend gefestigt - siehe Brehm.

    Antwort auf "Sind Meise"
  4. darf man natürlich auch die kongenialen Illustrationen, die breiteren Schichten erstmals die Tiere in ihrer gewiß idealisierten, aber doch auch anschaulichen Umgebung näherbrachte. Damals bildete sich erstmals ein gewisses Grundverständnis für die lebendige Natur heraus, nicht zu vergessen!

    Und zur Vermenschlichung: Tatsächlich waren Behms Arbeiten wegweisend für die beginnenden Bilderbuchwelten für Kinder, weg von der biedermeierlichen Anschauungsliteratur. Grzimek, Disney, viele andere wären ohne diese Vorarbeiten nicht denkbar.

    Eines bleibt nur anzumerken, schon Plinius und andere römische Autoren schrieben den Tieren vermenschlichte Eigenschaften zu. Dort allerdings, wie nach der dunklen Zeit später auch im Mittelalter, blieb noch vieles vage und vor allem den gelehrten Schichten vorbehalten. Brehms Verdienst ist es, mit rastlosem Eifer, den Menschen seiner Zeit sehr breite Wissensgrundlagen vermittelt zu haben. Und vor allem eben auch mit Bildern veranschaulicht zu haben, deren Reiz noch heute unmittelbar anspricht.

    • cs1111
    • 23. April 2013 13:29 Uhr

    Wo wir schon beim Ausdruck sind - "Bild eines Kapischen Erdferkels in Brehms Tierleben aus dem Jahr 1927" - kann es kaum glauben dass dem Mann so ein Fehler unterlaufen ist. Hab gerade kein Original zur Hand, aber hätte der alte Pedant nicht geschrieben: "Bild Kapischer Erdferkel" (pl) oder "Bild des Kapischen Erdfekerls" (allg/repräs.)? Denn eins ist klar - das ist nicht das Bild EINES was-auch-immer, es sind mindestens vier davon. ZOL? Wieso finde ich diese Nachlässigkeiten fast nie in der print-Ausgabe? [...]

    Gekürzt. Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich und respektvoll. Danke, die Redaktion/jk

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  • Schlagworte Tier | Charles Darwin | Renaturierung | Märchen | Nordafrika | Erich Kästner
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