Als Michael Heendorf beschloss, es mit der Kanzlerin aufzunehmen, setzte er sich in seinen Mercedes und fuhr durchs Land. Er trank Kaffee in Leipzig, aß Kekse in Nürnberg, rauchte Marlboros in Berlin. Er traf sich mit Fremden, besuchte sie zu Hause und bei der Arbeit. "Wie wäre es, wenn wir eine Anti-Euro-Partei gründen?", fragte er sie. Die ganze Republik infizierte er mit diesem Gedanken. Da war es November.

Fünf Monate später sitzt Heendorf im improvisierten Hauptquartier seiner Partei, einem Büro mit Raufasertapete und Laminat auf dem Fußboden, zwei Sekretärinnen, ein Faxgerät. Bad Nauheim, eine Kleinstadt in Hessen, Frankfurter Landstraße 153: Schaut Heendorf aus dem Fenster, blickt er auf eine Betonmischanlage – ein Haufen Schutt, um den Bagger und Kräne fahren. Früher wurde hier Beton für Autobahnen hergestellt. Jetzt ist es die Parteizentrale der "Alternative für Deutschland". Die Betonfirma gehört dem Schatzmeister der Partei.

Michael Heendorf trägt Puschen, wie immer bei der Arbeit. "Jesus Maria!", sagt er, schüttelt den Kopf, klickt hektisch auf die Maus seines Laptops. "Klaus? Klaus!", brüllt er. "Das Internet funktioniert wieder nicht!" Hunderte E-Mails landen jeden Tag in Heendorfs Postfach. Kein Internet zu haben ist für ihn, als nähme man einem Chirurgen das Skalpell. Klaus, ein Mitarbeiter der Betonfirma, kommt ins Zimmer, zieht das Kabel aus der Dose, wartet, steckt es zurück. Dann blinkt Heendorfs Posteingang: 501 ungelesene Mails. Eine Partei zu gründen bedeutet am Anfang vor allem, Anrufe und Mails zu beantworten.

8.000 Kilometer seit Anfang Februar

Michael Heendorf ist der Mann, der die Regie führt in dieser Partei. Man sieht ihn nicht im Fernsehen, liest keine Interviews mit ihm in den Zeitungen. Im Fernsehen sieht man Bernd Lucke, den Wirtschaftsprofessor aus Hamburg, der schon bei Anne Will und Maybrit Illner war. Oder Alexander Gauland, den früheren CDU-Mann und Buchautor (Anleitung zum Konservativsein). Sie sind die Köpfe der Alternative für Deutschland. Heendorf ist das Herz. Er ist verantwortlich dafür, dass es diese Partei überhaupt gibt. Und dass sie fast jede Stunde wächst.

Am kommenden Sonntag will sich die neue Partei in Berlin offiziell gründen. Nur: Wie organisiert man einen Parteitag, wenn es keine Delegierten gibt, die man einladen kann? Keine Ortsvereine, die Mitglieder entsenden? Keine Landesverbände, die Anträge und Abstimmungen vorbereiten? Heendorf ist viel unterwegs in diesen Tagen, 8.000 Kilometer habe er seit Anfang Februar in seinem Mercedes zurückgelegt, sagt er, seit dem ersten großen Treffen der Partei in Oberursel. Er bestimmt Landes- und Kreisbeauftragte, und er ist dabei, wenn sich neue Landesverbände gründen.

Die Alternative für Deutschland ist nicht die erste Partei, die mit Anti-Euro-Parolen wirbt. Es gab den Bund freier Bürger des früheren FDP-Politikers Manfred Brunner. Oder die Partei Pro DM, zu der Hamburgs früherer Innensenator Ronald Schill gehörte. Sie blieben irrelevant. Laut einer aktuellen Umfrage wollen zwei Drittel der Deutschen zwar den Euro behalten – aber umgekehrt heißt das eben auch, dass ein Drittel gern die D-Mark wieder hätte. Auf dieses Drittel zielen die Euro-Skeptiker. Es heißt, jeder vierte Deutsche könne sich "prinzipiell vorstellen", die neue Partei zu wählen – obwohl gar nicht sicher ist, dass sie überhaupt zur Wahl antreten kann.

Wie also wird Protest zu Politik?

In Heendorfs improvisierter Zentrale hört man das Rumpeln und Scheppern der Betonmischanlage. Der Postbote bringt eine gelbe Kiste, 64 Briefe. Die Sekretärin öffnet die Umschläge: Anmeldungen für den Parteitag, Mitgliedsanträge. Ein handgeschriebenes Gedicht ist heute dabei, die Woche davor hat jemand einen 100-Euro-Schein geschickt, ohne Absender. In einer Ecke des Raums rattert das Faxgerät: mehr Anmeldungen, mehr Mitgliedsanträge. Die Sekretärin legt Papier nach, wechselt die Druckerpatrone. Alle fünf Minuten meldet sich ein neues Mitglied an. Am Nachmittag stehen zwei Männer in der Zentrale, unterschreiben das Formular. Fast 7.500 Mitglieder hat die Partei, nach nur zwei Monaten. Gerade ist der Cousin von Dirk Niebel beigetreten.

Jeder Antrag wird von Heendorf und den Betonfirma-Sekretärinnen geprüft. Ist ein Antrag suspekt, bekommt er einen gelben Klebezettel mit handschriftlicher Notiz: "ehemaliges NPD-Mitglied", "aktiv SPD", "noch FDP?". Heendorf googelt die Namen, sucht nach Spuren im Internet. Zwei von drei neuen Mitgliedern seien davor in keiner Partei gewesen, zählt eine interne Statistik auf. Jeder zehnte Neuzugang komme von der CDU. Heendorf arbeitet ehrenamtlich, er verdient keinen Cent. Die Partei finanziert sich aus Spenden und den Mitgliedsbeiträgen: 10 Euro im Monat.

Nicht alles läuft, wie Heendorf es sich wünscht. Fast 1.500 Leute haben sich für den Bundesparteitag angemeldet, auch der arabische Nachrichtensender Al-Dschasira kommt. Aber in dem Raum, den sie gebucht haben, ist nur Platz für 1.300 Menschen. Die Gründung des Landesverbandes in Bayern fand am Ostersonntag statt; viele Mitglieder beschwerten sich. Den Parteitag in Berlin hätten sie fast auf den 20. April gelegt, Hitlers Geburtstag. Dass das nicht gut ausgesehen hätte, ist dann doch irgendwem aufgefallen.