WohnungsmarktBaut, Genossen, baut!

Hier wohnt die Gerechtigkeit: Warum wir dringend mehr Baugenossenschaften brauchen, um Gentrifizierung und Mietwucher zu überwinden. von 

Die zweitbeste Lösung wäre: einfach wegzuziehen. Ins wunderbare Görlitz oder an die Nordsee, nach Bremerhaven, vielleicht auch nach Halberstadt, Duisburg oder in eine der vielen anderen Städte, die mit günstigen Mieten locken. Doch die meisten Menschen wollen nicht. Wenn sie umziehen, dann nicht dorthin, wo das Leben billig ist, sondern dahin, wo es Arbeit gibt, aber schon lange keine günstigen Wohnungen mehr: nach Hamburg, München oder Frankfurt. Jeder kennt die Geschichten von den endlos Suchenden, die demütig in Endlosschlangen stehen, um ein paar lausige Räume zu besichtigen, für die sie, wenn sie mit großem Glück den Zuschlag bekommen, eine endlos hohe Miete zahlen dürfen.

Alles bietet der Kapitalismus im Überfluss, Autos, Weißbrote, Zahnpasta, doch mangelt es vielerorts an jenem Gut, das so wichtig ist wie kaum ein anderes. Es fehlt an Wohnungen, vor allem an bezahlbaren. Und deshalb hilft eben doch nur die erstbeste Lösung: Werdet Genossen! Massenhaft!

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Nein, dieses ist kein von Baugenossenschaften bestellter Werbetext. Sie brauchen keine Werbung, die meisten sind ohnehin überlaufen. Eher ist es umgekehrt: Eine Gesellschaft, die mit Immobilienblasen und Eigenheimschulden sich selbst gefährdet, die über Wohnungsnot klagt und zu erstarren droht, weil kaum mehr jemand umzieht aus Angst vor Wuchermieten, eine solche Gesellschaft braucht nichts dringender als Baugenossenschaften. Erstens aus sehr naheliegenden Gründen: weil sie die üblichen Mieten um 30, manchmal um 50 Prozent unterbieten. Zweitens, weil es so wie jetzt nicht weitergehen kann.

Warum lassen es Staat und Stadt zu, dass ganze Viertel der Spekulation anheimfallen und so lange durchgentrifiziert werden, bis sich dort nur noch die Wohlhabenden das Wohnen leisten können? Wieso stört es niemanden, dass Rentner, Minijobber und Alleinerziehende sich vor der nächsten Grundsanierung ihres Hauses fürchten, weil anschließend die Miete so hoch ist, dass ihnen nur der Auszug bleibt? Und wie schizophren muss eine Gesellschaft sein, die ständig fordert, es müsse mehr Nachwuchs her, zugleich aber Familien mit zwei, drei oder noch mehr Kindern aus der Stadt vertreibt, da nur fernab im Umland große Wohnungen einigermaßen zu bezahlen sind? Alle diese Probleme wären keine, gäbe es mehr Genossenschaften.

Teilen ist das neue Besitzen? Das gilt hier schon seit einem Jahrhundert

Ein Genosse zahlt keine Miete! Besser noch: Er zahlt auch keine Maklercourtage. Und muss sich vor keinem Vermieter fürchten und auch nicht vor den Hypothekenzinsen. Er ist ja Miteigentümer, aber ohne sich dafür groß verschulden zu müssen. Lediglich der Erwerb von Anteilen wird verlangt, pro Quadratmeter können das 100 Euro und mehr sein, hinzu kommt die monatliche Nutzungsgebühr. Dafür wohnt der Genosse sicher, niemand kann ihm kündigen. Er wohnt sehr preisstabil, denn Sonderkosten werden auf die Gemeinschaft umgelegt. Und er wohnt demokratisch, weil er als Anteilseigner an allen Entscheidungen beteiligt ist. Für eine Genossenschaft ist eine Wohnung keine Ware, sie ist Allgemeingut.

Selten war diese Idee aktueller als heute: Teilen sei das neue Besitzen, heißt es überall, und Crowdsourcing nennt sich nun die Methode, um gemeinschaftlich große Vorhaben zu verwirklichen, dank vieler kleiner Beiträge. Die gute alte Gemeinwirtschaft wird so unter dem Stichwort Commons auf ungeahnte Weise neu belebt. Man teilt sich Autos, Werkzeuge, Lebensmittel. In einer Genossenschaft teilt man sich ein Haus. Und wer einzieht, bei dem wohnt als unscheinbarer Untermieter die Gerechtigkeit.

Hier ist niemand abhängig vom Staat. Hier ist niemand dem Kapital hörig. Hier darf und kann einziehen, wer möchte: iranische Ärzte, deutsche Postboten, türkische Gemüsehändler. Mancherorts bekommen jene, die sich die Einlage nicht leisten können, von der Gemeinschaft die nötige Unterstützung. Immer verstehen sich Genossenschaften, die schon im 19. Jahrhundert in Großbritannien entstanden, als Orte für das freie Selbst: selbstbestimmt, selbstverwaltet, selbststolz. Zugleich wollen sie mehr bieten als nur Wohnungen fürs Ich. Sie verlangen nach dem Wir.

Leserkommentare
  1. ...es ist aber so, das die finanzielle Hürde für viele schon zu hoch ist.
    Wie soll man mit befristeten Arbeitsverträgen und hohen Mieten zum Geld kommen das man braucht um in Genossenschaften einzusteigen?

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    bringt es auch zu nix, das ist bekannt.

    Aber auch unseren Eltern und Großeltern ist der Hausbau oder der Eintritt in Sparvereine, Konsumvereine, Wohnungsgenossenschaften etc. pp. nie leicht gefallen. Die Zeiten waren auch nicht grundsätzlich besser und die Familen zumeist um etliche Kinder größer.
    Wie haben die das wohl geschafft?

    • hirmer
    • 22. April 2013 7:18 Uhr

    Wohnungsbaus gewarnt. Die Politiker, die es trotzdem taten, waren gewarnt.

    Man muss jederzeit damit rechnen, dass Politiker unvernünftiges tun, wenn es ihren marginalen, aber einflussreichen(!) Interessengruppen passt und wenn das zu erwartende Unglück nach ihrer Amtszeit geschieht.

    Dagegen hilft nur: Mehr Macht in die eigene Hand zu nehmen - Voilksabstimmungen - oder analog der Bürgermeisterwahlen die ABWAHLMÖGLICHKEIT (ab 1 Jahr nach der Wahl?) der Bundes- und Landesregierungen zu schaffen. Dann wird die Politik keineswegs chaotischer, sondern, im Gegenteil, die Politik wird sich nicht mehr trauen Erwartungen zu wecken, die sie nicht erfüllen WILL.

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    • etiam
    • 22. April 2013 7:19 Uhr

    Der Ausstieg des Staates aus dem eigenen Wohneigentum ist eigentlich aus Gerechtigkeitsgründen nur konsequent. Die meist günstigeren staatlichen Wohnungen bzw. der Einnahmeausfall im Vergleich zu erzielbaren Marktpreisen wird ja vom Steuerzahler finanziert. Es handelt sich aber eben nicht um Wohnraum für Bedürftige sondern für jedermann. Warum der Steuerzahler nun die willkürliche Auswahl der Bewohner staatlicher Wohnungen unterstützen soll, entzieht sich meinem Verständnis.
    Will man Wohnen für z.B. einkommensschwache Familien aus Steuermitteln fördern, gibt es sicherlich zielgerichteteres Engangement des Staates - dazu kann auch staatlicher Wohnungsbau gehören, dann aber mit Mieterselektion nach Bedürftigkeit.

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    • Alv1n
    • 22. April 2013 7:43 Uhr

    Da bin ich anderer Meinung. Auf den ersten Blick erscheint es willkürlich, wenn ein Teilhaber einer Wohnungsgenossenschaft einen steuerlichen Vorteil bekommt. Aber man sollte auch einen Blick auf das Große, Ganze haben. Wenn überall die "erzielbaren" Marktpreise durchgedrückt werden, führt das zu allen negativen Folgen, die der Artikel sehr schön dargelegt hat. Ein gewisser Prozentsatz an "alternativen" nicht gewinnorientierten Wohnungsformen kann den Markt mäßigen und ist letzendlich ein Gewinn für die Stadt/Kommune.
    Ähnliches fällt mir bei der Gesundheitsversorgung auf. Bisher gab es einen gesunden Mix an Krankenhäusern (Kommunal, Konfessionell und Privat). Wenn der Trend dahingeht, alle kommunalen Krankenhäuser zu veräußern, wird man plötzlich merken, dass die Versorgung der Bevölkerung nicht besser wird. ABer dann will es wieder keiner gewesen sein...

    kommen allen zu Gute. Wenn der Mietspiegel steigt zahlt man auch in einer nichtstaatlichen subventionierten Wohnung mehr.

    Das Problem wird dann aber sein, dass man Ghettos schafft, und dies sollte aus staedtebaulicher Sicht vermieden werden. Das ist fuer mich auch die einzige Erklaerung, warum Hochhaussiedlungen, die meist als Sozialwohnungen gebaut wurden, in DE so verrufen sind, aber in Staaten wie Korea, Japan und China hochbegehrt sind. In DE wurden das Ghettos, und niemand hat sich bekuemmert, die Dinger in Schuss zu halten. Und auch bei Genossenschaften besteht das Problem, dass der Genosse Anteile erwerben muss, wie soll das ALG II konform funktionieren? Wird die ARGE dann Genosse?

    • Alv1n
    • 22. April 2013 7:43 Uhr

    Da bin ich anderer Meinung. Auf den ersten Blick erscheint es willkürlich, wenn ein Teilhaber einer Wohnungsgenossenschaft einen steuerlichen Vorteil bekommt. Aber man sollte auch einen Blick auf das Große, Ganze haben. Wenn überall die "erzielbaren" Marktpreise durchgedrückt werden, führt das zu allen negativen Folgen, die der Artikel sehr schön dargelegt hat. Ein gewisser Prozentsatz an "alternativen" nicht gewinnorientierten Wohnungsformen kann den Markt mäßigen und ist letzendlich ein Gewinn für die Stadt/Kommune.
    Ähnliches fällt mir bei der Gesundheitsversorgung auf. Bisher gab es einen gesunden Mix an Krankenhäusern (Kommunal, Konfessionell und Privat). Wenn der Trend dahingeht, alle kommunalen Krankenhäuser zu veräußern, wird man plötzlich merken, dass die Versorgung der Bevölkerung nicht besser wird. ABer dann will es wieder keiner gewesen sein...

    6 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Staatsschelte unnötig"
  2. Was ist denn mit dem sozialen Wohnungsbau früherer Zeiten passiert?

    Fing an mit der Neuen Heimat - von einem größenwahnsinnigen CEO in die Grütze geritten.

    Fand seine Fortsetzung in den Bedenken unserer gutmeinenden Mitbürger gegen eine Fehlbelegungsabgabe

    Und fand in Hamburg sein vorerst unrühmliches Ende im Verkauf der Gagfah an eine Heuschrecke.

    OK, können wir ja wieder von vorne anfangen

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  3. Wenn man nicht dauernd jeden Altbau erhielte, in vernünftiger Höhe und ohne überspitze Bauvorschriften in Richtung Parkplätze und Abstände baute, könnten wir das auch heute noch. Die Idee, das man ein ganzes Land binnen weniger Jahre ohne Neubauten thermisch saniere, hilft auch nicht.

    Eine Leserempfehlung
  4. Ich weiß nicht warum auf Zeit Online sehr oft Artikel kommen mit dem Thema jemand soll xy machen.
    Wenn es so toll ist, wie der Autor schreibt, sollte er sich doch selbst persönlich dafür engagieren (falls er das nicht schon machen).

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    Falles es Ihnen noch nicht aufgefallen ist: Bei der Zeit handelt es sich um eine Zeitung, in der Journalisten schreiben. Diese kann man auch als Multiplikatoren verstehen, die eine gute Idee an viele Menschen vermitteln - genau so ist das hier der Fall, und ich bin dankbar dafür!

  5. der Not tut in unserer Zeit von Banken-, Euro- und sonstiger "Krisen" - die wohl bemerkt selbstverschuldet sind.

    Sie sprechen es ja an, komischer Kapitalismus, der ja mehr als genug Geld für allerlei "Investitionen" bereitstellt, aber nicht für den wichtigen Wohnraum. Und ich rede nicht einmal vom sozialen Aspekt. Ich meine, um eine funktionierende, wachsende Wirtschaft zu optimieren, braucht es zahlbaren Wohnraum, erst recht in Ballungszentren, wo das Gros des BIP entsteht.

    Zur Finanzierung: warum müssen Bürger bei Privatbanken betteln gehen, wenn diese ihren Auftrag direkt vom Staat erhalten? Wer sein Leben lang in einem Land arbeitet, für dessen Immobilienkredit kann der Staat am besten bürgen! Oder noch besser, wie ehedem in Skandinavien: staatliche Hausbanken bieten Immobilienkredite an.

    Mit dem Ergebnis, dass die Skandinavier zu 70-90% Wohneigentum erwerben konnten. Zudem leben (v.a. in Schweden) bis zu 20% eben in Genossenschaftswohnungen, streng staatlich reguliert.

    Zwar gab es und gibt es dort auch Spekulationsblasen, aber meist nach neoliberalen Bankenexzessen: wie Ende der 80er (Norwegen), Anfang der 90er (Schweden) und 2000er (Dänemark). Aber davon profitierten zumindest zum großen Teil eben auch die Bürger im Allgemeinen und nicht nur reiche "Investoren".

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