Biografie "Jacques Derrida" : Zwischen allen Lagern

Erstmals erzählt Benoît Peeters den Weg des Philosophen Jacques Derrida.
Der Philosoph Jacques Derrida ©AFP/ Joel Robine

Schmeichelhaftes und kübelweise Schmutz: Der Philosoph Jacques Derrida ist mit beidem gleichermaßen bedacht worden. Der Marx-Interpret und zeitweilige Papst der Weltrevolution, Louis Althusser, nannte ihn den "einzigen Großen unserer Gegenwart und vielleicht den letzten für lange Zeit". Die New York Times hingegen überschrieb ihren Nachruf 2004 lapidar mit den Worten: "Jacques Derrida, abstruser Theoretiker, stirbt mit 74 Jahren". Der Mann, so sah es die Zeitung, hatte schlicht einen Schatten.

Eigentlich kann diese doppelte Sicht nicht verwundern. Sie ist in Derridas Leben und Werk angelegt und wird von ihm selbst bis zum Ende ausbuchstabiert. Kurz vor seinem Tod sagt er: "Ich habe das doppelte Gefühl..., dass man einerseits... noch gar nicht begonnen hat mich zu lesen...; gleichzeitig habe ich andererseits das Gefühl, dass zwei Wochen oder einen Monat nach meinem Tod nichts mehr bleiben wird." Natürlich kann man auch diesen Satz selber im Geiste Derridas nach seiner Doppelbödigkeit abklopfen. Er verwendet mit den Begriffen "doppelt", "einerseits/andererseits" und "zugleich" drei Konstruktionen, um etwas zusammenzubinden, wofür normalerweise eine ausgereicht hätte. Andererseits ist es in der zweiten Satzhälfte gerade eine Doppelung ("zwei Wochen oder einen Monat"), die das Werk des Todes vollendet: nichts bleibt.

Stets kann einen bei der Lektüre von Derrida und seiner Dekonstruktion, dieser Doppelbewegung aus Auseinandernehmen und gleichzeitigem Zusammensetzen, ein Fluchtreflex überkommen; selbst oder gerade dann, das sollte jetzt auch nicht mehr verwundern, während man von ihm fasziniert ist. Jacques Derrida, das ist der Abenteurer der Ambivalenz, der Philosoph des Halbschattens, bei dem jedes Wort umgeben ist von einem Hof des Ungesagten. Deshalb ist es auch so schwer, etwas Vernünftiges über Derrida zu sagen: Wir sind durch ihn (in der Folge von Nietzsche) sensibilisiert dafür, dass die Vernunft selbst eine ziemlich unvernünftige Geschichte hat und ihre Vernünftigkeit nur behaupten kann, indem sie andere Zugänge zur Welt gewaltsam unterdrückt. Logozentrismus nannte Derrida das und später, weil er hinter dieser Geschichte vor allem ein männliches Begehren entdeckt, Phallogozentrismus.

Überhaupt Zentrismus: Man müsse von den Rändern her denken. Schon die Idee eines Mittelpunkts beinhalte unhinterfragtes theologisches oder metaphysisches Denken. Das will Derrida hinter sich lassen – beziehungsweise "will" es auch nicht, weil dummerweise der Wille selbst verstrickt ist in die Geschichte der Metaphysik und sie sofort wieder heraufbeschwört. Den Ausweg entdeckte Derrida schließlich in einem "Denken, das nichts sagen will", welches über das "Sagen-Wollen und das Sich-sprechen-hören-Wollen hinausgeht". Verstanden werden wolle er aber schon, rieb ihm dafür Hans-Georg Gadamer in der 1981 entfachten Debatte zwischen Hermeneutik und Dekonstruktion unter die Nase.

Nun ist Derrida unvermeidlich selbst zum Zentrum geworden – zum Mittelpunkt der Biografie Jacques Derrida. Geschrieben hat sie Benoît Peeters, und das ist ein Glücksfall: Peeters kommt aus der Pariser Intellektuellenszene, in der sich Derrida bewegt hat, ist aber selbst alles andere als ein eingefleischter Derridianer. Er hat bei Roland Barthes studiert und wurde später Texter für die gefeierte Comic-Reihe "Die geheimnisvollen Städte" sowie Biograf des Tim-und-Struppi-Schöpfers Hergé.

Weit genug weg von und nah genug dran an Derrida, lässt Peeters alle Mätzchen des Meisters beiseite. Er schreibt einfach drauflos, schnörkellos und leichthändig und doch seinem Gegenstand gänzlich angemessen. Denn Derrida, so Peeters gleich zu Beginn, sei ein Philosoph, der geradezu nach einer Biografie schreie. Derrida selbst bekannte den "verrückten Wunsch, alles aufzubewahren" – und dass für ihn die Philosophie "immer im Dienst dieser autobiografischen Absicht des Erinnerns" gestanden habe. Entsprechend zeigte er auch ein lebhaftes Interesse am Leben anderer Philosophen: "Wie", fragte er einmal, "sah das Geschlechtsleben Hegels oder Heideggers aus?"

Natürlich stand hinter diesem Interesse bei Derrida kein Reduktionismus. Auch Peeters gerät nie in die Nähe küchenpsychologischer Sottisen. Mitnichten kreist Derrida also deshalb um das Unsagbare und um das Geheimnis, weil er jahrelang eine außereheliche Affäre hatte samt Kind. Nein, das Leben Derridas erklärt keineswegs sein Werk. Aber beides, das lernt man bei Peeters, passt oft erstaunlich gut zusammen.

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Kommentare

6 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Phallogodingsda.

"Das Paradoxale an der ganzen Geschichte, was jeder der in den Achtzigern im philosohisch-liteaturwissenschaftlichen Gebiet unterwegs war, gemerkt haben dürfte: wie sehr Derrida das befeuert hat, was er dekonstruieren wollte: Logozentrismus"

Den Eindruck hatte ich auch immer. Derridas Wunderwaffe gegen den Logozentrismus: der Logozentrismus. Ein potenzierter Logozentrismus vielleicht, oder, wie man heute sagen würde, ein Logozentrismus 2.0.